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Reden
UND Vorträge
ULRICH VOH WILAMOWITZ-MOELLENDORFF.
BERLIN
WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG
1901.
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Meinen lieben Lehrern
CARL PETER
AUGUST KOBERSTEIN
CARL STEINHART
FRIEDRICH BUCHBINDER
WILHELM CORSSEN
in Dankbarkeit und Treue.
Was ich in diesem Bande vereinigt vor das Publikum
bringe, ist fast alles bei bestimmter sehr verschiedener
Gelegenheit vor einem weiteren Kreise vorgetragen worden ;
bis auf die letzten vier Stücke war es in einer oder der
andern Form gedruckt, aber das meiste niemals oder nicht
mehr im Handel. Ich habe zu den einzelnen Stücken das
Notwendigste vermerkt, aber da es mir durchaus fernliegt,
Dokumente meiner eignen Entwickelung geben zu wollen,
so habe ich die Texte, auch wenn sie gedruckt waren,
ohne weiteres abg'eändert, wo mir das notwendig und an-
gängig schien. Namentlich sachliche Irrtümer sind ent-
weder stillschweigend oder durch einen Zusatz berichtigt.
Dafs ich den Ausdruck der momentanen Stimmung un-
angetastet gelassen habe, glaube ich verantworten zu
können, da die Stimmung den Stil bedingt hat und sich
nicht reproduzieren läfst. Es ist natürlich fraglich, ob
eine Rede, und dies sind in Wahrheit alles Reden, ge-
druckt überhaupt wirken kann; denn wenn sie etwas als
Rede getaugt hat, mufs sie seht viel einbüfsen. Mir
schien indessen der sachliche Inhalt diese Sammlung zu
rechtfertigen. In welchem Sinne ich mich mit ihr an
einen noch weiteren Kreis wende als efnzeln mit dem
lebendigen Worte, das wird die einzige Abhandlung
einigermafsea erkennen lassen, die ich an den Anfang des
Ganzen gestellt habe.
VI
Das Buch habe ich unter den Namen derjenigen meiner
Pfortner Lehrer gestellt, zu denen ich heute noch mit dem
Gefühle derselben Unterordnung des Schülers aufschaue,
wie da sie mich lobten oder straften. Es ist etwas Herr-
liches um den Lehrerberuf, ganz besonders des Lehrers in
den obersten Klassen der Knabenschule, wenn es nur die
Schule danach ist; die papiemen Vorschriften werden
dann schon auf dem Papier bleiben. Der Universitäts-
lehrer ist dem gegenüber ganz untergeordnet; er taugt
herzlich wenig, wenn er die Kommilitonen als Schüler
ansieht: er kann im besten Falle der Thiasarch von Mit-
lernenden und Mitsuchenden sein. Aber der Lehrer^ der
die schlummernde Psyche weckt, oder der erwachenden
die ersten Flügelschläge lenkt, ist Träger der göttlichen
Kraft jenes Eros, der der Mittler ist zwischen Menschen
und Göttern. Einerlei ob diese fünf Männer uns Mathe-
matik oder Grammatik lehrten, lateinischen Stil oder
mittelhochdeutsche Verskunst; einerlei auch, ob sie mehr
oder weniger pädagogisches Talent besafsen (es liefs bei
dem oder jenem manches zu wünschen übrig) oder durch
allerhand Menschlichkeiten anstiefsen oder abstiefsen: solche
wirklichen Lehrer waren sie alle, ein jeglicher in seiner
Weise, vollkommen in ihrer Vereinigung. Ich will sie hier
nicht charakterisieren, aber bekennen will ich, dafs ich
ihnen auch für meine Wissenschaft mehr verdanke als
allen meinen akademischen Lehrern zusammengenommen,
so hervorragende Gelehrte und Universitätslehrer darunter
waren. Aber jene Pförtner Lehrer wirkten eben nicht nur,
ja nicht vorwiegend, durch den Inhalt ihrer Unterweisung,
obwohl sie gar nichts hätten wirken können, wenn sie
nicht alle wissenschaftlich tiefgebildete und fortarbeitende
Männer gewesen wären. Sie standen vor uns als in sich
gefestigte ganze Menschen, die ihren Beruf übten mit
heiligem Ernste, als ein von Gott übertragenes Amt in
Vll
freier Freudigkeit, als die Träger eines heiligen Feuers,
das sie uns in unsere Seele übertragen wollten, auf dafs
wir befähigt würden, dereinst, wozu und wohin auch immer
Gott uns beriefe, in demselben Sinne der Freiheit und der
Freudigkeit zu wirken, als ganze Menschen, wie sie. Und
so schaue ich zu ihnen als zu meinen Meistern auf; es
verschlägt mir nichts, dafs ihr leibliches Auge nicht mehr
über mir wacht und diese Blätter nicht mehr lesen kann.
Ich fühle mich doch unter ihrer Censur und widme ihnen
dieses Buch ganz mit dem aus Furcht und Hoffnung ge-
mischten Gefühle, mit dem ich einst meine Dokimastika
in ihren lieben Händen gesehen habe.
Westend, 9. September 1900, dreiunddreifsig Jahre
nach meiner Valediktion.
INHALT.
Was ist Übersetzen? i
Von des attischen Reiches Herrlichkeit.
Rede zu Kaisersgeburtstag 1877 ^7
Basileia.
Rede zum Regierungsjubiläum König Wilhelms I 1885 65
Ansprache an die Studierenden
bei dem Jubiläum der Universität Göttingen 1887 84
Paul de Lagarde.
Rede an seinem Sarge 1891 90
Philologie und Schulreform.
Prorektoratsrede Göttingen 189^ 9^
Weltperioden.
Rede zu Kaisersgeburtstag 1897 1^0
Volk, Staat, Sprache.
Rede zu Kaisersgeburtstag 1898 ^3^
Neujahr 1900.
Rede zur Feier des Jahrhundertwechsels 15*
Der Zeus von Olympia .... ^7*
Die Locke der Berenike ^93
Aus ägyptischen Gräbern ^*4
An den Quellen des Clitumnus ^S^
Register '^ll
iJ^tfU^
ij^C^
Was ist übersetzen?')
Die Übersetzung eines griechischen Gedichtes ist etwas,
was nur ein Philologe machen kann, ist aber doch nichts
philologisches. Sie ist zuerst ein Ergebnis philologischer
Arbeit, aber ein weder beabsichtigtes noch vorhergesehenes.
Der Philologe, der sich pflichtmäfsig mit aller Kraft daran-
macht, das vollkommene Verständnis eines Gedichtes zu
erreichen, wird unwillkürlich dazu getrieben, sein Verständ-
nis auszusprechen, und wenn er zu sagen versucht, was der
alte Dichter gesagt hat, so versucht er das in seiner eigenen
Sprache, er übersetzt. So habe ich es erfahren. Dieselbe
Erfahrung machen viele meiner Fachgenossen, und das
geschieht nicht blofs an Dichtern von originaler Gröfse,
sondern an vielen Schriftwerken, die wir erklären, voraus-
gesetzt, dafs diese Werke einen festen Stil haben. Wir
Philologen, die trocknen Schleicher, die am Buchstdfben
haften und grammatischen Haarspaltereien nachhängen,
haben nun einmal auch die Verkehrtheit, dafs wir mit
ganzem Herzen die Ideale lieben, denen wir dienen. Diener
sind wir freilich, aber Diener unsterblicher Geister, denen
wir den sterblichen Mund leihen : was Wunder, dafs unsere
Herren stärker sind als wir? Von solchen Versuchen bis
*) Vorwort meiner gröfseren Ausgabe des Hippolytos von Euripides, der
die deutsche Übersetzung beigegeben ist. Berlin 1891. Ich habe einiges
geändert und zugefügt.
V. Wilamowitz-M., Reden. 1
zur Vollendung einer Übersetzung, die sich sehen lassen
darf, ist freilich noch ein weiter Weg. Denn mit den In-
spirationen des Moments ist es nicht abgethan; lange be-
sonnene Verstandesarbeit mufs dazu treten, damit etwas
brauchbares herauskommt. Das ist dann nicht mehr
Philologie, nicht mehr unser Handwerk. Wir können
unsere Philologie dabei nicht entbehren, aber sie reicht
nicht allein hin.
Aber ich meine, das darf uns nicht abhalten. Nur
wenn wir Philologen sie machen, können Übersetzungen
der hellenischen Poesie, die existenzberechtigt sind, ent-
stehen. Und dafs den Deutschen die hellenische Poesie in
solchen Übersetzungen dargeboten wird, ist nur eines der
Mittel, die not thun, um dem sittlichen und geistigen Ver-
falle zu steuern, dem unser Volk immer rascher entgegen
geht; es ist vielleicht nur ein schwaches Mittel, aber wir
Philologen verfügen allein darüber: wir müssen das unsere
thun als Deutsche. Die Leute wollen von uns ja wenig
wissen; das ist ihre Sache und beruht für viele auf Gegen-
seitigkeit. Aber sie wollen auch von den Idealen nichts
wissen, denen wir doch deshalb unser Leben gewidmet
haben, weil wir an sie glauben. Das kann uns nicht gleich-
giltig sein. Keineswegs wegen unserer Ideale; die sind
ja göttlich und haben bewiesen, dafs irdische Macht ihnen
nichts anhaben kann, geschweige das wüste Geschrei des
modernen Bildungspöbels. Aber wohl ist es traurig, wenn
mai\ sieht, dafs das eigene Vaterland sich von dem Ideal
abwendet, nicht blofs dem hellenischen, sondern überhaupt
dem Ideal. Gold, Sinnengenufs, Ehren, das sind die Götter,
an die sie glauben; der Rest ist Phrase. Davon abzukehren,
keinesweges blofs ästhetisch und intellectuell, sondern sitt-
lich, ist das Hellenentum, oder vielmehr seine Seele, die
nicht mit dem Leibe des Volkes gestorben ist, noch sterben
wird, sehr wohl im stände. Dazu bedürfen wir seiner: ich
weifs nicht vieles, was das eben so gut könnte. Der echte
Goethe, und alles was mit diesem Worte gesagt ist, kann
es gewifs, und für viele besser ; aber um den zu verstehen.
ich meine nicht im Sinne der Goethephilologen, sondern so,
dafs wir seine Weisheit als eine Leuchte für imser Denken
und Handeln annehmen können, brauchen wir das Hellenen-
tum erst recht, weil es eine Voraussetzung für diese Weisheit
ist. Das was die Seele des Christentums ist, ist gewifs
auch dazu im stände, und für viele besser. Aber auch das
verträgt sich mit dem Hellenentume , sintemal dieses eine
der Wurzeln des Christentums ist. Aber so lange die
Kirchen statt des Brotes der Lehre Jesu die Steine des
Katechismus und das Holz der Kemlieder schon den
Kindern reichen, ist der Erfolg nur zu oft die Ertötung des
dem Menschen eingeborenen Strebens nach dem Ideale, das
jedes Symbol, aber keinerlei Unwahrheit erträgt. Vielleicht
wird das besser werden, wenn die Wissenschaften, die
welche dem Hellenentume dient und die welche dem
Christentume dient, erst begriffen haben, dafs sie zu ein-
ander gehören, weil die Objekte ihrer Forschungen und
die Methode ihrer Forschung dieselben sind, wahrer ge-
sprochen, weil sie demselben Herrn in derselben Weise
dienen sollen. Einigermafsen wenigstens wird es klar sein,
wie ich es meine, dafs das Hellenentum uns unentbehrlich
ist und bleiben wird. Wenn ich das glaube, wie sollte ich
nicht die Pflicht anerkennen, das Meine zu thun, um den
Weg zu diesem Ideale zu öffnen? Aber wie das anfangen?
Soll ich es anpreisen, damit hausieren gehn, soll ich *die
Wissenschaft popularisieren', wie die Naturwissenschaftler
gemeinen Schlages? Dem sei ferne. Die ernsten Männer
dieser gleichberechtigten Forschungen denken und handeln
natürlich so, wie es jeder thun mufs der weifs was Wissen-
schaft ist: Sache der Arbeit, Sache der Männer, an der
Anteil nur nehmen kann, wer selbst an der Arbeit Teil
hat. Das Ideal sollen die Menschen mit dem eigenen
Herzen aufnehmen, sie sollen daran glauben und danach
leben: dazu müssen sie es selbst sehn, selbst sich zu eigen
machen. Etwas darüber zu hören, eine flüchtige Neugier
damit befriedigen, ein paar tote Notizen im Gedächtnis
behalten, das nützt zu gar nichts. Die Philologie für die
1*
Philologen: das Hellenentum, das was darin unsterblich ist,
für jedermann, der kommen, sehen, erfassen will. Nicht
mit einem zweiten Aufgufs unserer wissenschaftlichen Arbeit
das Publikum tränken, nicht das saure Heu der allgemeinen
Bildung in den Raufen seiner geliebten Monatsschriften
vermehren, nicht bei den Journalisten unter den Strich
kriechen, um wie sie durch fertige Urteile und bequeme
Schlagworte das eigene Denken der Menschen in Fesseln
zu schlagen: aber wohl das Ideal selbst denen die es
suchen zugänglich machen, es vor sie hinstellen und allen-
falls ihnen zeigen, wie man es ansehn, worauf man achten
soll: das isfs, was wir Philologen, wie ich meine, thun
sollen. Damit geben wir unserm Volke das Beste was wir
haben : das ist gerade gut genug ; und wir geben, was nur
der hat, der das hellenische Volk, seine Sprache und seine
Art wirklich verstanden hat. Daran haben wir unser Leben
dahin gegeben, und um geringeres ist es auch nicht feil.
Wer aber einen solchen Besitz erworben hat, der soll da-
von mittheilen an jeden, der danach begehrt Noblesse
oblige. In dem Sinne bringe ich meine Übersetzungen vor
das Publikum.
Die griechische Poesie ist zu ihrer Zeit volkstümlich
gewesen, sie ist also eigentlich nicht schwer. Aber der
moderne Mensch bedarf doch umfassender und tiefgehender
Studien, um ein selbständiges Verständnis von ihr zu ge-
winnen. Denn er mufs durch Arbeit die Voraussetzungen
zurückgewinnen, welche durch Raum und Zeit dem Dichter
gegeben waren. Aufserdem ist sowohl die Sprache wie
die Verskunst der Dichter nicht ohne weiteres die ihres
Volkes, sondern das Erzeugnis einer sehr langen Stilent-
wickelung, die also nur durch geschichtliche Arbeit recht
verstanden wird. Aber von all dem abgesehen, was immer
bleiben wird, ist die Philologie noch längst nicht zu rein-
lichen und allseits gesicherten Ergebnissen über die Sprache,
die Verskunst, den Text fast aller griechischer Dichter ge-
langt. Ist doch das intensive Studium des Hellenentums
wenig mehr als hundert Jahre alt, und sind der wirklich
berufenen Bearbeiter aller Zeit sehr wenige gewesen, auch
durch die Vordringlichkeit der unberufenen Masse, die sich
in guter und schlechter Absicht an die Dichtungen heran-
macht, vielfach gehindert worden. Wenn man sich also
auch einen Zustand denken kann, in welchem die Philologie
ihr Vermittlergeschäft so weit gefördert hätte, dafs an ihrer
Hand jeder zu selbständigem und lebendigem Verständnisse
der Gedichte durchdringen könnte, so ist dieser Zustand
doch gegenwärtig noch fern, und es kann für einen Ur-
teilsfähigen keinem Zweifel unterliegen, dafs nur der Philo-
loge übersetzen kann; wobei man nicht vergesse, dafs der
Besitz einer Lehrbefähignng für die obern Klassen oder
eine Professur der Philologie nicht zum Philologen macht.
Der Professor sollte allerdings einer sein, der Lehrer braucht
es nicht mehr zu sein, als nötig ist, um das Ideal des
Hellenentums zu predigen. Der Beruf in seiner Seele, den
er aus freier Liebe durch wissenschaftliche Arbeit er-
füllt, nicht die Berufung zu einem Lehramt macht den
Philologen.
Ein grofser Gelehrter, ein Mann, der mit intuitiver
Kraft den hellenischen Geist so richtig verstand wie wenige
und zugleich ein grofses Formtalent besafs, Johann Gustav
Droysen hat den Aristophanes so übersetzt, dafs man ihm
meist mit wahrer Wonne folgt. Und doch fallen die meisten
Lieder ganz ab, weil Droysen sich mit der Metrik nicht
zu helfen wufste, und die Misverständnisse des Textes sind
weder wenig noch klein. Auch für Aischylos besafs Droysen,
wenn einer, das poetische und geschichtliche Verständnis;
aber hier ist der Text so schwer und so verdorben, dafs
die Übersetzung mislimgen ist, weil Droysen nicht die
philologische Arbeit daran gewandt hat, sich den Text
selbst zu machen. Auch bemerkt man leicht, dafs er sich
vom Schlendrian, das heifst hier, von der wörtlichen Treue
und von den Versmafsen der Urschrift um so weiter ent-
fernt, je sicherer er des Verständnisses ist, je mehr er
wagen kann, des Dichters Gedanken, Empfindungen, Stim-
mungen frei aus sich zu geben, weil er sie ganz in sich
aufgenommen hat^).
Das ist übersetzen; nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Es ist kein freies Dichten (zoietv); das dürften wir nicht, ge-
setzt wir könnten es. Aber der Geist des Dichters mufs über
uns kommen und mit unsem Worten reden. Die neuen
Verse sollen auf ihre Leser dieselbe Wirkung thun, wie
die alten zu ihrer Zeit auf ihr Volk und heute noch auf
die, welche sich die nötige Mühe philologischer Arbeit
gegeben haben. So hoch geht die Forderung. Wir wissen
wohl, wie wenig wir sie erfüllen; aber auf Erden wird über-
haupt das Mögliche nur geleistet, wenn das Unmögliche
gefordert wird, und man muls das Ziel kennen, damit man
den Weg findet
Das Publikum denkt freilich anders. Übersetzen muls
Kinderspiel sein, die Kinder thun es ja. Um die Leistungen
der Schule tiefer zu drücken, ist die Übersetzung aus dem
Griechischen an die Stelle der Übersetzung ins Griechische
im Abiturientenexamen getreten. Wer Proben dieser Leis-
tungen gesehen hat und die Erfolge der Mafsregel be-
urteilen kann, weifs, dafs von den Schülern auf dem Papier
zu viel verlangt ist, damit sie ungestraft zu wenig leisten
könnten. Manche geprüfte Lehrerin und manch unge-
prüftes eben so viel oder wenig sprachkundiges Mädchen,
die sich in ehrlichem Kampfe um das liebe Brot abmüht,
dafs es einen Stein erbarmen könnte, erhält vom Verleger
ein Spottgeld mit der Begründung 'das sind Übersetzungen:
die kann jeder liefern'. Allerdings sind sie oft danach;
aber das Publikum ist mit ihnen zufrieden. Mit Grammatik
und Lexikon mufs es gehn, denken sie, und wer die Vo-
kabeln kann und eine 2 in seinem Abgangszeugnis für die
betreffende Sprache hat, kommt auch ohne Grammatik aus.
^) Lichtenberg Vermischte Schriften I 324.. „Ist es nicht sonderbar, dafs
eine wörtliche Übersetzung fast immer eine schlechte ist? Und doch läfst
sich alles gut übersetzen. Man sieht hieraus, wie viel es sagen will, eine
Sprache ganz verstehen. Es heifst das Volk ganz kennen, das sie spricht".
Moriz Haupt begann mein Doktorexamen damit, dafs
er mich, den er persönlich gar nicht kannte, eine lange
Reihe von Versen des Lucretius lesen liefs. Dann sagte
er, als ich anfangen wollte zu übersetzen, *es ist gut. Ver-
stehen thun wir's beide, und übersetzen können wir's beide
nicht'. Er pflegte auch im CoUeg nicht zu übersetzen, es
sei denn ins Lateinische, streute aber Bemerkungen ein,
wie zu den Worten des zürnenden Achilleus über Briseis
em \i,* dyeXso^e ys Sovre^, *das übersetze mal einer, das
Particip, und das ys. Keine Sprache kann das'. Er hatte
recht im einzelnen: aber im ganzen hatte er nicht recht.
Es war ein gutes Teil seines Verständnisses, das er zurück-
behielt, weil er nicht wie unvollkommen auch immer über-
setzte. Und wenn wir den einen Ausdruck nicht wieder-
geben können (in Wahrheit können wir ein einzelnes Wort
fast nie übersetzen, weil abgesehen von technischen Wörtern
niemals zwei Wörter zweier Sprachen sich in der Bedeu-
tung decken^), so kann man doch auch im Deutschen einen
verhaltenen Vorwurf, der darum nur tiefer verwundet, zum
Ausdruck bringen, kann also den Gedanken nicht nur,
sondern auch das Ethos der Rede wiedergeben. Es gilt
auch hier, den Buchstaben verachlten und dem Geiste folgen,
nicht Wörter noch Sätze übersetzen, sondern Gedanken
und Gefühle aufnehmen und wiedergeben. Das Kleid mufs
neu werden, sein Inhalt bleiben. Jede rechte Übersetzung
ist Travestie. Noch schärfer gesprochen, es bleibt die
1) Darin liegt die Täuschung der Etymologie. Die lautliche oder wurzel-
hafte Identität zweier Wörter besagt für ihre Bedeutung zunächst gar nichts.
Wie lächerlich machen wir uns durch Latinismen und Gallicismen, wenn wir
italienisch reden; wie täuschend sind die Bedeutungen, die wir in das Hollän-
dische hineintragen. Wenn man dann alles besondere abzieht nnd den Rest
der Ursprache zuschreibt, als die gemeinsamen Wurzel aller Bedeutungen, so
bleibt etwas so blasses und abstraktes übrig, dafs man es den primitiven
Menschen am wenigsten zutrauen kann. Wir können diese Urbedeutungen
nicht entbehren, aber sie haben so wenig historische Realität wie das ganze
Urvolk. Jede Wissenschaft bedarf solcher Fictionen, keineswegs blofs die
Rechtswissenschaft, aber sie soll sie als solche anerkennen.
8
Seele, aber sie wechselt den Leib: die wahre Übersetzung
ist Metempsychose.
Es soll im Deutschen vortreffliche Übersetzungen der
Griechen geben; so sagt man. Es ist eine gedankenlos
oder böswillig nachgesprochene Unwahrheit. Wenn" das
die Feinde unserer Kultur sagen und damit begründen,
dafs man Griechisch nicht zu lernen brauchte, so ist das
begreiflich. Sie erreichen so ihr Ziel; nichts ist geeigneter
die Originale zu verekeln als die Übersetzungen. Aber
ernsthafte Männer sollten sich schämen, so der Wahrheit
ins Gesicht zu schlagen. Schleiermachem verdanken wir
es, dafs wir den wirklichen Piaton wieder verstehn: aber
ist etwa seine Übersetzung lesbar? liest sie jemand? was
hat den ehrlichen Menschen die attische Tragödie mehr
verekelt als die Hobelbank Donners? es sei denn die Art,
wie diese Übersetzungen auf der Bühne gespielt werden.
Dichter von Beruf drechseln ihre Verse nicht auf der Hobel-
bank, aber Mörike und Geibel taufen den griechischen Wein
mit ihrem Zuckerwasser, und Wilbrandt beabsichtigt viel-
leicht mehr, jedenfalls etwas andres zu liefern, als eine
Übersetzung des Oedipus und des Kyklops. Aber wir
haben ja unsem Johann Heinrich Vofs, den Schöpfer
der 'saumnachschleppenden Weiber', des 'helmumflatterten
Hektor', des 'hurtig mit Donnergepolter entrollenden Fels-
blocks'*). Es ist nicht wenig, was der Eutiner') erreicht
hat, er hat einen Stil geschaffen, mit dem der Deutsche
wohl oder übel den Begriff homerisch verbindet, obwohl
1) Wem Tennysons Epigramm gilt, weifs ich nicht, aber ich citiete
es gern:
These lame hexameters the strong-wing^ d music of Homer!
no — hut a tnost hurlesque barbarous experitnenU
JVhen was a harsher sound ever heard, ye Muses in England?
When did a frog coarser croak upon our Helicon P
Hexameters no worse than daring Germany gave uSy
barbarous experiment^ barbarous hexameters,
2) «Mit Fleifs und Tücke webt' ich mir ein eignes Ruhmgespinnste',
lassen ihn die Paralipomena zum Faust als Blocksbergscandidaten sagen.
I-
Trivialität und Bombast seine Hauptkennzeichen sind, Fehler,
in die selbst die geringen Homeriden am wenigsten ver-
fallen. Wir können diesen Stil nicht los werden, weil Her-
mann und Dorothea die vossische Ilias am Leben erhält,
obgleich der falsche homerische Rock die Wirkung des
einzigen Gedichtes so stark beeinträchtigt, dafs es nicht
sein kann, wozu es sein echt homerischer Geist befähigt,
ein Buch für hoch und niedrig, jung und alt.
Goethen kann der Vorwurf nicht erspart bleiben, dafs
er für die Irrwege und den falschen Ruhm der deutschen
Übersetzungen stark verantwortlich ist. Nicht durch seme
Praxis: wenn ihn die Schönheit einer Dichtung zur Re-
produktion veranlafste, schuf er Werke wie *ach gieb vom
weichen Pfühle', 'was ist Weifses dort am grünen Walde',
*vom Olympos zum Kissavos'. Aber wohl durch seine
Theorie *). Er verlangte von der Übersetzung nur, dafs sie
seiner in allen Sprachen sehr ungenügenden Sprachkennt-
nis so weit nachhülfe, dafs er das Original in seinem Stile
verstehen konnte. Je mehr die Übersetzung ein Zwitter-
ding war, je mehr sie an dem fremden Stile äufserlich fest-
zuhalten schien, um so besser vermochte sie das zu leisten^
wenigstens für ihn. Durch ihre Stillosigkeit hindurch sah
er den fremden Stil oder glaubte ihn zu sehen. Er wollte
die fremde Form vermittelt haben; die Seele erfafste er
selbst durch seine Intuition. Aufserdem war Goethe sehr
geneigt anzuerkennen, wo er auf ein, überlegenes Können
stiefs. Was ihm W. v. Humboldt und F. A. Wolf als Über-
setzerpflicht predigten, glaubte er, und er glaubte dann
auch an die Übersetzungen seiner Freunde. Und Wolf
verstand auch wirklich den Aristophanes anders als Vofs,
zum Teil vortrefflich zu übersetzen.
^) Die Rede auf Wieland ist sehr lesenswert. Er erkennt mit voller
Unparteilichkeit an; aber man merkt, dafs er es mit der anderen Übersetzungs-
maxime hält, die es doch bestenfalls zum umgedrehten Teppich bringt.
Wieland hat gewifs das richtige zu leisten versucht; aber er hat als der
richtige Sohn des unhistorischen Jahrhunderts ohne Arg die eigene Weise in
alles Fremde hineingetragen.
10
Man braucht sich heut zu Tage nicht darüber zu ver-
breiten, dafs die metrischen Theorien dieser bedeutenden
Männer falsch sind, Konsequenzen des verhängnisvollen
Schrittes, den Klopstock mit seinen Hexametern gethan
hatte. Unsere Sprache und Dichtung verdankt diesem
Schritte sehr viel, und es ist Pedantismus und ohnmächtiger
Nationalitätsdünkel, wenn man den Vers verbannen will, in
dem Euphrosyne und der Spaziergang gedichtet sind. Grofse
Dichter sind Könige und können einen Bastard legitimiren^).
Aber der Versuch quantitirende und accentuirende Poesie
gleichzusetzen war dennoch nur möglich, weil man die
griechische Sprache und Verskunst schlechterdings nicht
verstand. Nicht Homer, sondern die Pförtner Sitte, latei-
nische Verse zu machen, hat dem Messias das hexametrische
Kleid gegeben. In Wahrheit gehören Sprache und Vers
zusammen, und es ist ein Unding zu griechischen Versen
deutsche Sprache zu verwenden. Das mangelnde Gefühl
für das Wesen des Verses hat den Deutschen freilich den
Stolz eingegeben, Ramayana und Kalewala, Firdusi und
Dante, Pindar und Calderon in den Versmassen der Ur-
schrift wiedergeben zu können, und der Traum ist geträumt,
das Deutsche zur Vermittlersprache für die sogenannte
Weltlitteratur zu machen, das heifst, goethisch zu reden, aller
Welt Kupplerdienste zu leisten. Ob diese Rolle zum Stolze
Anlafs geben würde, stehe dahin. Thatsache aber ist, dafs
diese falschen Verse auch darin klopstockisch sind, dafs
sie mehr gelobt als gelesen werden. Allerdings besitzen
wir Schlegels Shakespeare, Gildemeisters Byron und Ariost ^),
^) Man erkenne dann aber auch an, dafs Goethe und Schiller die Gesetze
fUr den Vers geben und nicht Ovid und Kallimachos, und man hüte sich
Ovid und Kallimachos in diese Verse zu übertragen, sintemal deutsche Disticha
ein ganz anderes Ethos haben als die griechischen und selbst die lateinischen.
2) Nicht so sein Dante. Wem gegeben ist, das Ethos des Orlando zu
treffen, dem wird versagt sein, das Dantes wiederzugeben. Man kann nicht
correggiesk und giottesk zugleich malen. Aufserdem bedarf Dante der Um-
gestaltung, auch der metrischen. Im Deutschen wirken die Terzinen, da sie
ein Kunststück bleiben, ermüdend, und man ruft bald *Geduld' — wie in
11
Heyses Giusti. Das sind Meisterstücke. Aber in den
Sprachen, aus denen und in die sie übersetzt sind, lebt
derselbe Geist der modernen Kultur; die Weise des Denkens,
Empfindens und Aussprechens ist in ihnen nicht viel stärker
verschieden als zwischen Dichtem desselben Volkes. Die
Aufgabe der Übersetzung war bei Giusti und Byron fast
ganz eine formale, und ihre Reimkunst hat Gildemeister
und Heyse offenbar am meisten Freude gemacht. Schlegel,
der mit seinem Shakespeare uns einen Dichter schenkte,
der vielen viel deutscher erscheint als Goethe, hat denselben
Versuch mit derselben Meisterschaft an Calderon gemacht.
Aber Calderon steht unserer Kultur fern, viel femer als
Euripides, und hätte zum mindesten eine Umkleidung er-
fordert wie dieser. Statt dessen mühte sich Schlegel mit
der Assonanz und den 'schrecklichen hiatusreichen Halb-
trochaen' : sie haben so wenig Berechtigung wie die Hexa-
meter, und der Versuch ihrer Einbürgerung ist mifslungen.
Trotz Schlegels überlegener Kunst mag ich kein spanisches
Drama vorlesen aufser den Schreyvogelschen Bearbeitungen
der Donna Diana und von *das Leben ein Traum'. Von
einem Verse, der sich doch das Deutsche in früheren
Zeiten erobert hatte und seiner Zeit für die Bildung des
poetischen Stiles auch das seinige geleistet hat, wird es
nachgerade zugegeben, dafs er nicht nachgebildet werden
darf. Alexandiner mag man im Deutschen ruhig anwenden :
nur wenn man französische Dramen übersetzt, sind sie ver-
pönt, weil sie etwas ganz anderes sind als die französischen,
und doch dasselbe scheinen wollen.
Salaz y Gomez. Selbst die Ottave rime Ariosts klingen bei Gildemeister
viel ernsthafter als im Original, während ihre englische Copie durch die
deutsche Copie vollkommen getroffen werden kann. Der deutsche Reim
bindet viel stärker als der italienische, weil er bedeutungsvolle Silben treffen
mufs, und dann vermag der Italiener durch die Verschleifung der Vokale und
den Sprung des Wortaccentes einen Reichtum von wechselnder Modulation zu
erzielen wie der Grieche mit Auflösungen und indifferenten Silben: das fällt
im Deutschen fort, das Mafs wird ernsthaft und pafst für die Geheimnisse
mehr als für das komische Epos, es sei denn, es erhalte die parodische Farbe
wie im Don Juan.
12
Es ist sehr bezeichnend, dafs die Romanen von den
Verirrungen des Übersetzens in ausländischen Formen fast
frei sind. Sie besitzen eben eine alte Kultur und gefestigte
Stile für ihre Poesie. Als Klopstock den verhängnisvollen
Schritt that, Vergil und Horaz werden zu wollen, besafs
der Deutsche weder Kultur noch gebildete Sprache, noch
einen auch nur ungebildeten Stil. Das zu schaffen war
die Aufgabe, und die Nachahmung war das notwendige
Mittel, sie zu lösen. Sie ist gelöst. Eine Anzahl grofser
Männer schuf uns Sprache und Stil. Es war ihnen selbst
zweifelhaft, ob die Deutschen das Geschenk verdienten;
jetzt würden sie es, fürchte ich, ohne Besinnen verneinen.
Aber verdient oder nicht, Sprache und Stil sind da. Ins
Deutsche übersetzen heifst in Sprache und Stil unserer grofsen
Dichter übersetzen.
So steht es überhaupt : wer ein Gedicht übersetzen will,
mufs es zunächst verstehn. Ist diese Bedingung erfüllt, so
steht er vor der Aufgabe, etwas, das in bestimmter Sprache
vorliegt, mit der Versmafs und Stil auch gegeben sind, in
einer anderen bestimmten Sprache neu zu schaffen, mit der
wieder Versmafs und Stil gegeben sind. Nur in so weit, als
das Original etwas in seiner Sprache neues gab zu seiner
Zeit, darf das Gleiche in der Nachbildung geschehn.
Ich weifs das nicht besser zu demonstriren als an der
Sprache, die in einem langen Leben unter starken Wand-
lungen ohne doch je die Einheit zu verlieren die ver-
schiedensten aber durchaus feste Stilformen ausgebildet
hat und schon deshalb die Königin der Sprachen ist, am
Griechischen. In das Griechische läfst sich alles übersetzen,
aber ohne eine Umsetzung in einen festen Stil läfst sich in
das Griechische nichts übersetzen ^). Ein Versuch, griechische^
^) Wenn man bei gewissen lyrischen Gedichten und bei den prosaischen
Epen höheren Stiles, die wir Romane und Novellen nennen, schwanken kann,
so liegt das daran, das die entsprechenden griechischen Dichtungen verloren
sind; ich denke an Archilochos, Stesichoros, Herakleides Pontikos, Phylarchos.
Es ist für den, der die Griechen kennt, belehrender als die modernen Poetiken,
wenn man sich die Analogien überlegt. Man sieht, wie alle die Grenzen der
13
Sprache zu deutschen Versen zu verwenden, erscheint einem
Menschen, der griechisch kann, einfach bestialisch^). Wahr-
scheinlich wird jeder, der eine fremde Sprache mit origi-
naler und fester Metrik und festen Stilformen versteht, über
sie ähnlich urteilen, um so sicherer, je femer unserer Weise
die Sprache steht. Nichts ist mir bezeichnender, als dafs
Lachmann zwar den Shakespeare mit der schlimmsten
'Treue' übersetzt hat, aber bei einer Übersetzung aus der
Ilias in das Mittelhochdeutsche eine Umsetzung des Stils vor-
genommen hat, weil er da mit festen Formen auf beiden
Seiten zu rechnen hatte. Mich hat Lachmann zu einem
Versuche in umgekehrter Richtung verlockt, und ich halte
für erlaubt und nützlich, von beiden Proben zu geben.
Gattungen, selbst die von Prosa und Poesie, in der Luft stehn. Der Gang
nach dem Eisenhammer wird ein Epyllion in alexandrinischem Stile : das mufs
aber die Hochzeit des Mönchs auch werden. Die Braut von Korinth zu
übersetzen, müfste man Rhadina und Eriphanis lesen können. [Die würden
nichts helfen; es waren einfache Volkslieder.] Pater Brey wird ein Mimos,
Minna von Barnhelm mufs sich in Trimeter kleiden, während für den Nathan
der sokratische Dialog besser pafst. Wahrhaft erschreckend ist, auf wie viel
sog. Poesie die Rhetorik ihre Hand legt. Heines Nordseebilder und Gellerts
Kirchenlieder, den ganzen Scheffel und den ganzen Scherenberg holt die
zweite Sophistik, die Aristides und Lukian, die Philostratos und Longos.
Und belehrend ist doch auch, dafs die stilisierte Stillosigkeit, die menippische
Satire, ein weites Reich erhält: Jean Paul z. B. verfällt ihr rettungslos. —
Mittlerweile hat die Entdeckung des Bakchylides uns gute und schlechte
griechische Gedichte beschert, die unseren Balladen ganz entsprechen und dazu
wirkliche Tanzlieder sind; sie führen den unangemessenen Namen Dithyramben.
Vgl. mein Schriftchen über Bakchylides S. 29.
1) Es steht ja wohl im Commersbuch ßaadivg noi' ijv iy Sovkrji 7r*(rroc
^tfr (ig ttidovy d-vr^axovaa rm >} xovQtj daix (xnio/ucc XQvaov, Ich bedaure,
dafs Lessing auch im Scherz so etwas hat vertragen können wie nccQ&iuov
daxTvUrgoy tanv dg ndyia xaXov (XII 467 Lachm.). 1871 gab es das
Kutschkelied in ich weifs nicht wie viel Sprachen *im Versmafse der Ur-
schrift'.
14
T7)v 5' auT' 'Avn^vcop ireTuvujJLsvog dmov TjuSa*
CO Y^vai, jj jjidXa toüto ^STtog vTjjjiepTe^ e^tnzec,*
205 •^Stj Yotp xal Seöpo Ttor -^ufl-e 5io$ *05uaae\>$
aeö svex' dYY-^^''}^ ^^ dpYjtcptXcot MeveXacou
Tou^ 5' eya) e^etvtaaa xal ev luyaLpoiai cptXifjo-a,
djjLcpoTspcDv 5e cpu-^v sSdTjv xal }jn^5ea Tnuxvd.
dXA' 0T£ St) Tpcoeaaiv sv dYpojJisvownv ejjietx^sv»
210 ordvTCDV jjiev MeveXao^ xjTzipeyey eupea^ cop^u^,
djjiqpcD 5' s^ojJievcD, YspapcoTspog i^^v 'OSuaasu^.
T^ TOI jJiev MeveXaos eiriTpoxdSTjv dYopsuev,
Ttaöpa iJiev dXXd jJidXa Xt^sco^, sm ou TtoXujjLufl-o^
215 01)5' dqpajJLapTO/STD^g, 73 xal yiyei uorepog -^ev.
dXX' oxe St) TtoXujJLYjTt^ dvat^eiev 'OSujaeu^,
OTd(Txev, uTtal 5e ^iSeaxe xaxd X'^'OVOG ojJLjJLaxa 7U)^§a$,
(TX'^Trrpov 5' out' oirlam oiixe irpoTtpTjve^ svwjjia,
dXX' dorejJLcpss £X^<tx£v, diSpei ^cdtI ^ez-oixcD^.
220 cpalT;^ x£ ^dxoTov t£ ziV ejjLjjievai dcppovd x' aurco^-
dXX' 0T£ St) ^oira TS jJLSYdXifjv ex arfjQ'tog eiri
xal Atzsol yicpaZt<7<ji -^e^-ocxora x^^H-^P^^^^^^?
oux dv eTTSiT^ *05uo^[ y' eptaaeiev ßpoxö^ dXXog.
ou TOTS y' ^^^ *05uo^o$ dYaaadjJLS'ö-' elSo^ tSovTe^. ^)
1) Die Unächtheit des späten Verses hätte Lachmann nicht verkennen
sollen. Er hat ihn umgedeutet. Die Übersetzung ist veröffentlicht von
W. Wilmanns zur Erinnerung an die Philologenversammlung in Trier 1879.
Derselbe hatte sie mir schon früher gezeigt, als ich das Glück hatte, sein
College zu sein und für die Beurteilung der geschichtlichen und stilistischen
Probleme, welche Epos und Lyrik stellen, wertvolle Anregung von ihm zu
empfangen.
15
Antenor der wise da gein der fröwen sprach:
frowe daz ist du warheit, des liwer munt im jach.
wan man eteswenne den degen hinne vant.
do was er und Menelas umb üch ze boteschefte gesant.
Ich schuf in herberge und gab in gut gemach,
da ich ir beider rate und ir geläze ersach.
daz mohte ich spehen rehte an den künen man,
so ich si zer samenunge sach der Trojaere gan.
Swenne si uf stunden, der herre Menelas
mit sinen ahseln breiten ein teil hoher was.
swenne aber si beide sazen, die edelen helde balt,
so was der degen Ulixes verre herlicher gestalt.
So si den rat erhüben und worhten spähü wort,
da sprach der herre Menelas endeliche fort
ein kleine und vil süze, die tumpheit er floch
und unnützii klaffe, swie er was jare junger doch.
Alse Ulixe der wise kom zer rede sider,
er stünt al für sich sehende, die blicke warf er nider,
den stap er niender wegete für noch hinder sich,
er hielt in do vil ebene eime tumben vil gelich.
Swenne aber uz siner brüste du stimme lute erdoz,
du rede sam ein winterschur uz sinem munde floz.
do ne wäre da nieman lebender der im mit listen strite.
do sahen wir nicht für wunder des herren Ulixis site.
16
1447 Der vogt von dem Rlne cleidete sine man,
sehzec imde tüsent, als ich vemomen hin,
und niun tüsent knehte, g-en der höhzit.
die si da heime liezen die beweinten ez sit.
1448 D6 truoc man daz gereite ze Wormez über den hof.
dö sprach da von Spire ein alter bischof
zuo der schoenen Uoten *imser vriimde wellent vam
gen der höhzite: got mueze sie da bewam.'
1449 Dö sprach zuo zir kinden diu edele Uote
*ir soltet hie beliben, helde giiote,
mir ist getroumet hinte von engestKcher not,
wie allez daz gefugele in disme lande waere tot/
1450 'Swer sich an troume wendet', sprach dö Hagene,
der enweiz der rehten maere niht ze sagene,
wenne es im zen feren volleclichen stfe.
ich wil daz min herre ze hove nach urloube g^.
1451 Wir suln vil gerne riten in Etzelen lant:
da mac wol dienen künige guoter helde hant,
da wir da schouwen müezen Criemhilte höhzit'.
Hagne riet die reise, idoch gerouw ez in sit.
1452 Er hetez widerraten, wan daz G^möt
mit ungefouge im also misseböt:
er mant in Sifrides vroun Criemhilte man.
er sprach 'da von wil Hagene die grözen hovereise län.'
17
"EoTTSTe vöv jJLOi Moudai 'OXujiTtta 56}iaT' Ixouaat,
Tzoddoia^ T^pcoeaat ^dva§ Ti^vou iropev orcXa.
)(^£tXtot TJpcoe^ jiev eaav, em 5' e^i^KOvra,
cwea x^^^Se^ 5s jJLeveirroXsjJicDv fl-epaTtovrcov,
TOtJtv eb^ TPi^voto ^dva^ mpt ^ei\LOLTOL xaXd
auv ^01 aTsXXojJievowtv sTt' elXaTttvTjv jjieTa Xmvac;.
Tohc, Se XtTtov /-otHOi S^pov acp' exXauaav öSoto.
Sjjime^ 5' eur' auX-^g 5ia BcopjitSo^ ex^epov OTiXa,
i^v Tt^ cxTtö STtetpTj^ apYjTTjp yi^pat xucpo^,
0$ tot' ib 9pov£CDv irpooeqpoveev 'ÖTtSa naXi^v.
"jiiXXouj' •)^iJLeT£poi 9tXoi siXaTitvTjvSe veeaS-at*
atfl-e -O-eö^ Ttpoqppcov auTcbv Tofl-i x^^P^^ uiiepjxoL"
T^ Se qptXoug 7tdi5a$ irpooiqpYj ireTwujjLevTj 'Qti^*
"dvepe^ r^pCQsc,, jxsvst' evfl-dSe, xai yotp ajJLStvov.
Torov oveipov cycov e^tSov 5/-eiv6v ts xaxov ts
auTovuxt' itdvTs^ yocp oaoi xaTot y^v ireiroTTjvTa;
T^jjLSTepTjv opvtfte^ £7d x^-ovl vexpol sxeivTo/'
T7)v 5e jxsy' 6x^o"a$ jjieTsqpTj TpcovT^iog 'Ayvcov •
"5$ .x' sTi:' ovetpaat, Tüet-ÖTjTat, Atzoc, outcots xelvo^
xpi^YUOv oüSev ej'tnz\ aper^g ots xaipö^ eTteonfj.
71 jjidX' syc) xeXoiJLai ßTjvai jJieTa SatTa -^dvaxTa,
T^piel^ 5' ÄTTtXeco wjjiev x^o^o^ Ttpocppovt fl-ujJiÄ/.
TToXXdxt, yotp Ttapoc Xcoai ^dva^ eiriSeuaeTai dvSpmv
eaftXmv xai x^^P^^^ xpaTspwv. fl-yjTjaojJievot, yo^p
epXOjJLeS-', AlvojJidx''} toi)^ ^asTat djjiiJLiv dycDvag."
9*^ [jisv sTülOTtepxcöv jjLSTd 5' öorepov soreve ßouX*^^*
xat xev epTjTuaaoxs cpiXou^, ü jjlt) AoptjjLOx-ö-Ob
dxpiTa xepTOjJLscov 'Äyvcov' i^vtTraTte jjLufl-cDt,
jjLv^as TS NtxoTsXeu^, Tzoaioc, cptXou AlvojxaxsfTjG
"Touvexa St; vöv jJisXXet edv jjLSYdXifjv ö5öv *Ayvcdv."
V. Wilamowitz-M., Reden.
18
es ist bezeichnend, dafs beide Übersetzungen länger ge-
worden sind als das Original; das ist unvermeidlich, wenn
man nicht hier vom Stil, dort vom Gedanken etwas opfern
wiir).
Ich gebe auch eine Probe eines lyrischen Gedichtes,
obwohl ich mich da an etwas Unübersetzbares gemacht habe,
'über allen Wipfeln'. Duft und Farbe kann der Wiesen-
straufs nicht bewahren; aber Goethe hat uns selbst gesagt,
dafs ihm ein solches Experiment recht ist. Er hat das Ge-
dicht lediglich aus der eigenen Seele und aus der Natur,
die ihn umgab, geschöpft, wahrhaftig nicht aus einem
bekannten Bruchstück des Alkman (das freilich schon da-
durch vor der Philisterkritik, nur conventioneile Phrase zu
geben, geschützt sein sollte, dafs man es mit Goethe ver-
gleichen kann). Der moderne Dünkel bestreitet, dafs die
Hellenen dieses Naturgefühl, das Goethen das Lied eingab.
^) Die deutschen Übersetzungen des vorigen Jahrhunderts sind, soweit
die Verfasser Philologen waren, deshalb veraltet, weil die Sprache überhaupt
noch keinen Stil hatte. Unter ihnen befindet sich aber eine Leistung, die dem
Philologen recht viel zu denken giebt, die Übersetzungen Reiskes. Er hat das
thukydideische q^iXoxaXovfjiiv yo(i (jhj tVTfkeiag xal qiXoOotpovfjitv avtv (jiaXa-
fy.ag so übersetzt: "Bei einem geringen Aufwände entgehen wir doch dem
Ansehen einer kleinstädtischen Kargheit und Rohheit; vielmehr haben wir uns,
unserer Gewohnheit zu Rate zu halten ohngeachtet, dennoch den Ruhm eines
nicht filzig noch kleinstädtisch, sondern auf einem artigen Fufse zu leben
gewohnten Volkes erhalten* •. In dem Stil ist alles. Es ist sehr leicht darüber
zu lachen, und dafs Reiske für das Künstlerische gar kein Organ hätte, würde
man versucht zu behaupten, wenn er nicht im Griechischen sehr wohl empfände,
wo durch die Schuld der Überlieferung ein Stilfehler steckt. Aber der
Philologe soll sich doch klar machen, dafs ein Reiske nur so viel Worte
macht, weil er das gern ausschöpfen möchte, was er in den griechischen
Worten findet. Für ihn sind das keine Vocabeln, für ihn lebt die Sprache.
Das soll sie auch für uns. Die falsche Methode der 'Treue', der *Versmafse
der Urschrift' würde niemand mehr verurteilt haben als er, weil er griechisch
konnte, also wufste, das diese Treue die Tochter der Ignoranz ist. In der
Vorrede zu seinem deutschen Demosthenes hat Reiske seine Prinzipien dar-
gelegt; der Verständige kann viel daraus lernen. Dies zur Rechtfertigung
dafür, dafs die Übersetzungen breiter werden und, wo das nicht möglich ist,
das Original nicht erschöpfen. Auf die prosaischen Übersetzungen habe ich
sonst hier nicht eingehen wollen.
19
gekannt hätten: das ist's, was mich gereizt hat, zu zeigen,
dafs und wie man es griechisch ausdrücken kann. Es
stehen sogar zwei Stilformen zur Verfügung. Im dritten
Jahrhundert sprach man solche Empfindungen im Epi-
gramme aus.
Ilpwtoveg eöSouatv, xal evl Spual vT^vepio^ al^p,
TUTTjvcöv 5' SV X6)Qi.7jt. uav xareSapfte Yevog*
TexXaftt OT) cptXe ^pie* jx-st' oi) mkh xal ae pLeTetatv
i^pepia xotpiT^acDV ötcvo^ ö irauffaviot^.
Aber das dritte Jahrhundert und sein Stil hat alle Reize,
nur nicht den der Goethischen Einfachheit. Wer die be-
wahren will, mufs sich schon an Sappho halten, mufs dann
eine äolische Strophe bilden, und äolisch dichten
xopu^alg piev OLTZcdaoLic,
xarecTT^e aiyi'
eid 5' dxpejiÄveaat
6pveö)v 5e *p6o$ xax' u-
Xav eöSsf av 5e ßaiov opi-
pievvov, öScöTa, xal av xotpidoTfjt.
Ein anderes kleines Gedichtchen stehe hier in lateini-
scher und griechischer Übersetzung^):
Dringe tief zu Berges Grüften,
Wolken folge hoch zu Lüften,
Muse ruft zu Bach und Thale
tausend, abertausend Male.
So oft ein frisches Kelchlein blüht,
es fordert neue Lieder,
und wenn die Zeit verrauschend flieht,
Jahrszeiten kommen wieder.
*) Dafs ich das hier einfüge, geschieht, weil ich es gemacht habe, und
gemacht habe ich es , weil es mein lieber Lehrer Wilhelm Corssen uns
Primanern aufgegeben hatte: wir sollten uns ein passendes horazisches Mafs
dazu suchen. Was ich damals lieferte, konnte ich jetzt nicht brauchen; aber
ich weifs es sehr gut, dafs ich weder meine deutschen noch meine griechischen
Verse machen würde, wenn ich nicht an den lateinischen das Handwerk
gelernt hätte.
2*
20
Lateinisch hindert uns nichts, eine horazische Odenform
zu wählen: das ist ja doch ebenso Buchlyrik wie die Goethes.
Da kommen die Vierzeiler unschwer heraus:
Ad tma terrae tu penetres licet,
petasve nimborum aemulus aethera,
Camena te ad fontes et umbras
müle modis revocabit usque.
Quicumque parvum flos caput extulit,
novo sacrart carmine postulat;
annique duvi labuntur, horae
quadriiugam repetunt choream.
Ich glaube, das giebt kaum weniger als das Original;
es stecken aber nicht nur die griechischen Lehnwörter,
aether, horae, chorea darin: die ganze Vorstellungsform
ist in Wahrheit so griechisch wie das Versmafs. Es
kann auch nicht anders sein, denn die ganze römische
Lyrik ist ja griechische Imitation, nicht allein in den
Versen. Das deutsche Gedicht ist abgesehen von der
Muse ohne alle fremde Gelehrsamkeit. Aber ganz natür-
lich scheint mir das dichterische Motiv erst im Griechi-
schen heraus zu kommen. Da stellt wieder sich das Epi-
gramm ein; die Anrede einer bestimmten Person mufs wie
in dem Liede an die Stelle der Goethischen Selbstanrede
treten; es ist ziemlich einerlei, was man wählt. Ein Eigen-
name gefallt mir jetzt besser als coralp^ was ich zuerst ge-
setzt hatte; und so mag der theokritische Nikias auch hier
stehn, den Goethe ein andermal selbst gewählt hat. Und
dann mufs der Schmuck reichlich gegeben werden, schon
um den Raum zu füllen. Was herauskommt scheint mir
zwar mehr Ansprüche zu machen als das improvisierte
Original, aber auch sie zu erfüllen:
7]v t' dp-fr^t^ vecpseatv 6pL65po[xo$ TjepocpotTat^,
NtVwta, rjv t* opecov vspTax' Ig avrpa Sutj^,
piupiaxtc; 0"' dcJ;oppöv ic, eöpoa pet-öpa Y.a\i(juzi
jioüaa Y.cCi sg ywOjJLOCovT' aXaea piupidxig.
21
oTncore y^^P xaXuxeco'tv dvTjßT^ffat vsov dvO-o^,
auTtxa irotKjT^v xatvöv tizpri^e jieXog.
aicbv Y^tp cpopdoTjv ts peet xal dvöcrrtpio^ eppet,
copat 5' devdous xuxXoaoßouat x^P®^*
Treten wir nun der concreten Aufgabe näher, für die
griechische Poesie Formen und Stil in unserer Sprache zu
bestimmen, so mufs ich eins für zur Zeit unübersetzbar er-
klären, das alte Epos. Das hat Vofs zu verantworten.
Für nichts dagegen stehn die Chancen günstiger als für
die attische Tragödie. Das verdanken wir Goethe: er
liefert in Helena und Pandora Formen und Stil. Denn dafs
über deren lyrischen Stücken ein etwas fremdartiger
Schimmer liegt, ist genau so mit den attischen Liedern
der Fall, die weder im Versmafs noch in der Sprache rein
attisch sind. In den Chören mufste allerdings noch etwas
weiter ausgebaut werden, wozu Goethe nur Ansätze ge-
liefert hat, da er meist in die ihm gewohnten Formen ein-
lenkte und auch den Reim zuzog, den ich im Aristophanes
von Droysen mit Recht verwandt glaube, in der Tragödie
nach vielen Versuchen ganz verworfen habe, weil es uns
nicht mehr möglich ist, so kunstvolle . und umfangreiche
Gebilde zu machen wie im Mittelalter: ich hatte damit be-
gonnen, mir bei Walther Strophen zu suchen. Für lyrische
Kleinigkeiten wird der Reim passen, im Epigramme häufig
unentbehrlich sein, und volkstümlichen und lustigen Klang
wird er wohl allein verleihen. Aber ein gereimter Pindar
müfste entsetzlich sein, und entsetzlich sind mir die ge-
reimten Chorlieder, die ich kenne, ziemlich alle '). Dagegen
in den freien Rhythmen, die Goethe in den schönsten Ge-
dichten schon vor der italienischen Reise angewandt hat,
und für die es auch sonst Vorbilder genug giebt, ist ein
geschmeidiges Material vorhanden, das sich jedem neuen
Vorwurfe anpassen läfst. Nur mufs die Responsion hinzu-
1) Erich Schmidts Reimstudien, von denen ein äufserst belehrendes erstes
Stück in den Sitzungsberichten der Berliner Akademie 1900 veröffentlicht ist,
zeigen, wie mich dünkt, dafs der Reim in der hohen Poesie zur Zeit für den
Deutschen überhaupt unbrauchbar ist: er ist eben ausgeleiert.
22
treten, da sie ja nicht blofs in den Versfüfsen, sondern in
den Gedanken, ihrem Aufbau und Ausdruck vorhanden ist.
Es gebricht mir hier an Raum, darzulegen, dafs das alles
in Wahrheit rhythmische Prosa ist, was wir machen, wie
sich auch der junge Goethe sehr oft nicht klar war, ob er
Prosa oder Verse schrieb. Erst die Wiederkehr derselben
Glieder setzt in Wahrheit Verse ab. Auch dies läfst sich
erst ganz deutlich machen, wenn man die griechische
Kunstprosa in Theorie und Praxis hinzunimmt; hoffentlich
komme ich noch einmal dazu das zu erläutern. Mich dünkt
jetzt fast, dafs wir selbst für erzählende Gedichte geschmei-
dige und ausdruckvolle Formen haben können, wenn wir
unsere alte Freiheit in der Behandlung der Senkungen
wieder aufnehmen, Reim, Assonanz und Alliteration aber
nur wie die Griechen als Schmuck, nicht als Bindemittel
verwenden. Das brauche ich kaum zu sagen, dafs es ver-
kehrt wäre, für ein bestimmtes antikes Mafs eine bestimmte
Wiedergabe zu setzen: man steht in jedem einzelnen Falle
vor einer ganz neuen Aufgabe. Nur wenn der antike
Dichter in demselben Werke eine und dieselbe Gattung in
gleicher Weise wiederholt anwendet, mufs auch die Nach-
bildung wiederholen; in einem andern mag sie sich anders
entscheiden. So habe ich im Hippolytos des Euripides eine
Scene in Anapaesten, zwichen Phaedra und der Amme, in
sehr freien, nur die Hebungen, nicht die Silben zählenden
Versen wiedergegeben; in der Orestie durchgehends das
Mafs gewählt, das Goethe am Schlüsse der Pandora ver-
wendet. Es stammt bekanntlich aus den serbischen Volks-
liedern : morlackische Trochaeen sind es^ keine spanischen.
Von Wert ist an ihnen besonders, dafs man die Katalexe
nachbilden kann, und ich bereue meine Wahl nicht.
Im Dialog hat Goethe den Trimeter nachgebildet,
und dies unserm tragischen Verse so nahestehende Mafs
hat grofse Vorzüge, wenn es richtig behandet wird, d. h.
nicht nach den Regeln des griechischen Trimeters, die es
nicht angehn, sondern entsprechend unserer Sprache, so dafs
durch einen volltönenden Versschlufs der Unterschied vom
23
Blankverse betont wird, und nicht die letzte Hebung auf
der drittletzten Silbe zu liegen scheint, wie in den verst
sdruccioli der Italiener mit ihrem leichten, hüpfenden Gange.
Die Wucht des vollen männlichen Schlusses giebt unserm
Trimeter den Charakter von Kraft und Erhabenheit, und
um diesen Eindruck zu erzielen, haben Schiller und Goethe
den ansteigenden Zwölfsilbler (das ist er in Wahrheit) ver-
wandt. Aber nur für diesen einen bestimmten Ton (oder
seine Parodie) ist er geeignet, zumal er uns als eine Abart
des allgemeinen dramatischen Dialogverses erscheinen mufs.
Er entspricht also vollkommen dem Charakter der aischy-
leischen Poesie, aber ich würde es für eine Zerstörung des
eigentümlich euripideischen Tones halten, wollte man seinen
Dialog in demselben Mafse wiedergeben. Denn dadurch
gerade hat Euripides die menschliche Tragödie geschaffen,
dafs er den Ton des Verses so weit herunterstimmte, dafs
er einen wirklichen Dialog wiedergeben konnte. Dieser
Dialog erhebt sich über die Prosa nur so weit, wie es die
ernsthafte Poesie immer thun mufs. Er entspricht also in
jeder Sprache dem allgemein dramatischen Verse. Deshalb
konnte ich gamicht umhin, für Aischylos den Trimeter,
für Euripides den Blankvers zu wählen. Ich weifs, dafs
gerade dieser Schritt misbilligt wird; deshalb gebe ich
auch hier eine Gegenprobe. Die Trimeter der Pandora
würden in euripideischen Versen gar nicht denkbar sein:
man möge sich überzeugen, wie sie griechisch etwa klingen.
Wer in diesen Trimetem den Stilgegensatz zu Sophokles
und Euripides fühlen kann, mufs zugeben, dafs meine Über-
legung richtig ist; womit über die Qualität meiner Dichtung
nichts gesagt ist noch gesagt sein soll. Denn die Wahl
von Mafs und Stil kann von dem Verstände geleistet werden,
wenn er über die nötigen Vorkenntnisse verfügt: zum
Dichten verleiht nur die Muse die Fähigkeit').
^) Daher war es nicht zu viel verlangt, wenn Gottfried Hermann die
Befähigung zu der kritischen Behandlung eines griechischen Dichters an den
Nachweis binden wollte, selbst in denselben Formen griechisch dichten zu
können. Und so dürfte man jedem das Übersetzen aus einer Sprache ver-
wehren, der nicht in sie stilgerecht zu übersetzen versteht.
24
EPIMETHEUS.
Wie süfs, o Traumwelt, schöne, lösest du dich ab.
Entsetzlich stürzt Erwachendem sich Jammer zu.
Weiblich Geschrei? sie flüchtet, näher, nahe schon.
EPIMELEIA.
Ai ai weh weh mir weh weh weh ai ai mir weh.
EPiMETH. Epimeleias Töne, hart am Gartenrand.
EPiMEL. Weh, Mord und Tod! weh Mörder! ai ai Hülfe mir!
PHILEROS.
Vergebens. Gleich erfafs' ich dein geflochtnes Haar.
EPIMEL. Im Nacken, weh, den Hauch des Mörders fühl' ich schon.
PHIL. Verruchte, fuhr im Nacken gleich das scharfe Beil.
EPIMETH. Her. Schuldig, Tochter, oder schuldlos, rett' ich dich.
EPIMEL. O Vater du! ist doch ein Vater stets ein Gott.
EPIMETH. Und wer verwegen stürmt aus dem Bezirk dich her?
PHIL. Beschütze nicht des frechsten Weibs verworfnes Haupt.
EPIMETH. Sie schütz' ich, Mörder, gegen dich und jeglichen.
PHIL. Ich treffe sie auch unter dieses Mantels Nacht.
EPIMEL. Verloren, Vater, bin ich. O Gewalt, Gewalt.
PHIL. Irrt auch die Schärfe, irrend aber trifft sie doch.
EPIMEL. Ai ai weh weh mir.
EPIMETH. weh uns weh weh weh Gewalt.
PHIL. Geritzt nur? weitre Seelenpforten öffn' ich gleich.
EPIMEL. O Jammer, Jammer!
EPIMETH. weh uns, Hilfe, weh uns, weh.
PROMETHEUS.
Welch Mordgeschrei? im friedlichen Bezirke tönt's.
EPIMETH. Zu Hilfe, Bruder, Armgewalt'ger, eile her.
EPIMEL. Beflügle deine Schritte, Rettender, heran.
PHIL. Vollende Faust, und Rettung schmählich hinke nach.
PROM. Zurück Unseiger, töricht Rasender zurück.
Phileros, bist du's? Unbänd'ger, diesmal halt* ich dich.
PHIL. Lafs Vater los, ich ehre deine Gegenwart.
PROM. Abwesenheit des Vaters ehrt ein guter Sohn.
25
EüiMHeErs
(0$ rßi(üc, jx.' d7cec7Tpdcpr^T^ ovetpaTa.
xal jx-^v uuap piot Setvöv epiutTnrei xaxov
di^Xet' duT^ cpuYdSo^* ecrrt 5' ou izpoato.
BIIIMEAEIA
alai 16 }X0L
EniMH©. '^U(T£v 'EmpieXeta TotaS' ecp' epxeatv.
EniMEA. (peu cpcö
diroxTSvet jx.e, cpeö cpovcov, dpi^^axe.
OIAEPÖS
jidmjv ecpeu^a^* xptoßuXou 5e5pd§ojx.at.
EÜBilEA. XTSivovTO^, otjiot, 7wei)}x.a ^tYydvet 5ep7j$.
OIA. (0 jx.t(70$, "^Stj ueXsxu^ el SepTj^ tu)(^ol
EniMH0. eamad (j\ et*' TjpiapTeg enre pii^, tsxvov.
EIIIMEA. Id) irdTsp piot. 'O-eog del uatalv uan^p.
EIIIMH0. Tts 5"^' ußptcrryj^ Seöpo O"' e^ejiTjv' opwv;
OIA. pi*^ T^^ dvat8oO$ amt^e pitOTfjTÖv xdpa.
EÜIMHO. (7ö)i^ö) cpoveO vtv, aoö ts xal udvTcov aTra.
OIA. eya) 5s xaxxTsEvo) ye, xdv TrsT^cov oxotcol
EIIIMEA. dutoXopiTjv, c5 udxep, ducoXoiiTjv ßiat.
OIA. TjpiapTev e^x^S* xatpl(o$ S' dpiapTdvet.
EniMTA. aiai usTÖ^r^Ypiat.
EmMHe. Seivd Selv' ußplapiefta.
OIA. oöuö) upog T^Ttap; eüpuv« ^^X^^ *upav.
EIIIMEA. otjiot, }idX' orjJLOt.
EniMHe. Seupo o"^ ßoTj^ot.
nPOMHeErs
Ttg £§ doTjXcov TepiJLOvcov ßodt cpovov;
EniMH0. coSeXcp' dpTj^ov, OTzexiaov (o xpaTtcrroy^eip.
EIIIMEA. TcoSa iruepoxrov, encep exacoacov Ttdpei.
OIA. dXX' ucTspeiTco — irpdo-ae y^etp — acoTTjpta.
IIPOM. SUOTT^V' aTOOTTJ*', OOT^ et, XU(7(7C0V pidTTJV.
OtXepa)^; (TU ot^t' et; pidp^ov dXXd vüv a' eyto.
OIA. dcpe^ pi' dcpe^* Ttapovxa o*' atSoüpiat udrep.
nPOM. duouatav 7:at$ ea^Xo^ atSetrat TzoLZpoq.
26
Endlich eine Probe davon, wie sich jene morlackischen
Trochaeen in griechischen Anapaesten machen:
Fahre wohl du Menschenvater, merke.
Was zu wünschen ist, ihr unten fühlt es.
Was zu geben sei, die wissens droben.
Grofs beginnet ihr Titanen. Aber leiten
zu dem ewig Guten, ewig Schonen
ist der Götter Werk: die lafst gewähren.
a\> 5s ycdpe^ irdcTsp mv toijXoyovcdv,
xauTa 5t5ax'3'e^.
upidg piev 0(7ö)v eirt^ujx.'^aat
fl-ejit^ eorl xaXmv eStSa^sv epö)^
Toug xaTot yatav. Tt 5s Yjpyj 5ouvat
Ttva t' sotI TüT/zly Xcotova flvnjTol^,
}idxap&^ xaT' "OXupiuov laacL
[jLSYaXTjYoptat 5' epißatve*' 65ov
TtTavo^evst^- tö 5' 657jY^(7ai
Tzpbc, TÖ Stxator t6 ts xdXXiorov
TsXos eorl *s(bv
ol^ yj^r^ (7s deXovTa ut^sa^at.
I
Versammelt sind wir hier, unseres allergnädigsten
Kaisers, Königs und Herrn achtzigsten Geburtstag in Ehr-
furcht und Treue zu begehen. Unsere Universität, die,
■wie unser gesamtes preufsisches und deutsches Vaterland,
Unter seinem milden aber, Gott sei Dank, starken Scepter
sichtlich gesegnet worden, empfindet nicht minder lebhaft
denn irgend ein Berufskreis die Dankbarkeit und die innige
Freude, dafs es ihr vergönnt ist diesen Tag zu schauen;
allein sie weifs sich in Übereinstimmung mit dem erhabenen
Sinne ihres glorreichen Schirmherrn , wenn sie eine pane-
gyrische Feier des festlichen Tages verschmäht. Die Ge-
fühle, von denen heute jedes preufsische Herz höher schwillt,
bedürfen keiner Erweckung, ertragen keine Steigerung.
So heifst die Universität einen aus ihrer Mitte reden, von
welchem Gegenstande er will; nur mufs er wirklich etwas
zu sagen haben. Und auch die stille Förderung wissen-
) Gehalten im Natnen der UniversilSt Greifswald Eur Feier des Geburls-
5r. Majestäl des Kaisers und Königs, ii. Man 1877; abgedruckt in er-
m Philol. Untersuch. I 1. Hier sind die Anmerkungen fortge-
lassen, hier und da einiges auch sachlich berichtigt, im Texte und in neuen
Anmerkungen. Dafs die Rede panegyrisch gehalten ist, habe ich schon bei
dem ersten Drucke selbst gesagt: aber ins Licht setzen heifst nicht falsch be-
leuchten, und das attische Reich, das ich zuerst, nicht aus eigenem Einfalle
BOndem den Zeugnissen die Ehre gebend, wieder sogenannt habe, wird seinen
Namen und damit seinen Rang in der Geschichte behaupten.
28
schaftlicher Arbeit, auch der Verkehr mit den Geistern
lange verschollener Zeiten, geschieht er nur im rechten
Sinne, ist in des Königs Sinne gethan; auch die geschicht-
liche Erschliefsung vergangenen Volkstums, geschieht sie
nur vorurteilslos und wahrhaftig, so ist sie in des Königs
Sinne gethan; suum cuique ist der Wahlspruch seines
Hauses.
Den Blick vorurteilsloser Wahrhaftigkeit will ich auf
ein Volk lenken, dem man höchsten Preis auf künstlerischem
Gebiete bereitwillig zollt: von dessen politischen Leistungen
man kaum ohne Verachtung redet; auf eine Zeit, die man
gewohnt ist, sehr mit Unrecht, in gesellschaftlicher und
geistiger Beziehung fast als ein verlorenes Paradies zu
malen: von deren staatlichen Gebilden man höchstens die
abschreckendsten Bilder und übelsten Schlagworte zu borgen
pflegt; auf das Reich, welches die Athener bald nach den
Perserkriegen auf beiden Seiten der Propontis und des
Archipels gegründet und zwei Menschenalter lang beherrscht
haben, auf den einzigen Versuch des Altertumes die Eini-
gung eines Volkes durch einen Bundesstaat zu erzielen,
den Staat des Aristeides, Kimon, Perikles, Kleon. Man
braucht nur diese Namen zu nennen, so steigen in jedem
Gedächtnis Gestalten auf, deren typischen Wert man nicht
unterschätzen soll, aber allerdings ohne jede individuelle
Wahrheit. Aristeides, der unverbesserliche Tugendspiegel;
unbeirrt durch die Mifsgunst der undankbaren Masse, un-
beirrt durch die Lockungen der Bestechung und der Privat-
rücksichten, unbeirrt durch die Schlagwörter konservativ
und liberal wandelt er den Pfad des Gewissens. Kimon,
der leutselige Junker, von gewinnenden Formen und kava-
liermäfsiger Moral, im Felde der tüchtige Soldat, zu Hause
der gnädige Herr, durchaus loyal, aber ein wenig beschränkt.
Perikles, das Ideal konstitutioneller Romantik, der mit lauter
sittlichen Mitteln im Freistaate unumschränkt regiert, die
höchsten politischen Ziele auf dem Wege gütlicher Über-
redung erreicht, der nie gelächelt hat, weil die Wucht der
Verantwortung auf seiner grofsen Seele lastete ; in besagter
29
grofser Seele aber doch noch Raum fand für *ein freund-
lich Mittel, die sinnenden Runzeln von der Stirne weg-
zubaden'. Schliefslich Kleon, der radikale Bösewicht, mit
rotem Haar und kreischender Stimme, mit hohler Hand und
eherner Stirn. Das sind die fratzenhaft aufgeputzten
Marionetten, die seit fünfundzwanzig Jahrhunderten auf der
Bühne der Geschichte die Haupt- und Staatsaktion, Athe-
nische Hegemonie, tragieren *mit trefflichen pragmatischen
Maximen, wie sie den Puppen wohl im Munde ziemen*.
Also hat Athen dafür gebüfst, dafs der grofse Name
noch Jahrhunderte lang dem kleinen Leibe blieb, als der
Geist schon längst verflogen war, und dafs die einzig grofse
Vergangenheit der Tummelplatz seichter Moralisten und
pedantischer Rhetoren ward. Vielleicht noch verderblicher
war es, dafs auch verständigeren Nachfahren die verkommene
Republik, welche dem Philippos leichte Beute ward, sich
im Lichte einer gewaltigen Beredsamkeit als wesenhaft
gleich mit dem alten grofsen Athen des fünften Jahrhunderts
darstellte. Allein die Geschichte darf nicht büfsen lassen die
Väter für die Sünden der Kinder. Es ist nicht wahr, dafs
das Volk, das den Meder schlug und dem Aischylos lauschte,
Urteils- und willenlos dem edlen wie dem feilen Demagogen
gefolgt sei. Es ist nicht wahr, dafs die Geschichte Athens
die Geschichte seiner Führer sei, wie das zuerst der geist-
volle aber gallenbittere Theopompos aufgebracht hat^),
nicht blofs das römische, auch das athenische Stadtbuch
berichtete namenlos die Thaten der Gemeinde. Und die
Verfassung Athens ist nicht unwert des Volkes, das der
Welt die Philosophie geschenkt hat. Der Grundgedanke
seines Staates steht felsenfest in jedes Atheners Seele,
dafs sein Staat der alleinige ^Rechtsstaat' ist: dies Wort
ist in Athen geprägt. Das Volk, d. h. die Summe der un-
bescholtenen Bürger, um deswillen der Staat da ist, soweit
1) Dafs diese Darstellung in Wahrheit älter ist und in die Zeit gehört,
wo die Demokratie sich selbst zersetzte, habe ich mittlerweile gezeigt, Ari-
stoteles und Athen, I 17g.
30
sein Zweck ein irdischer ist^), regiert sich selbst. Sein
Wille wird erkannt durch Stimmenmehrheit: man drückt
das ganz grafs aus und gebraucht die 'Majorität der Athener'
(to irX'^äos To 'AdTjvaicov) völlig gleichbedeutend mit dem
*Volk der Athener' (6 S-^pios 6 'A.) und dem 'Staate der
Athener' (i^ Tzokic, ri 'A.). Sämtliche Beamten und Behörden,
voran der Rat, der Ausschufs des Volks, welchen Solon
zu einer Art Oberhaus bestimmt hatte, ^ der aber diesen
seinen Charakter nur zum teil bewahren konnte, handeln
nicht kraft einer neben dem Volkswillen hergehenden
magistratischen Machtbefugnis, sie sind nur die Organe
des Volkswillens, und wie sie während der Amtsführung
unter Kontrolle des Auftraggebers stehen, so wartet ihrer
eine detaillirte Prüfung und Rechnungsabnahme am Ende
des Amtsjahres. Sie sowohl wie die Ratgeber des Volkes
leben unter dem scharfen Schwerte der Verantwortlichkeit :
unverantwortlich und unfehlbar thront der Herr seiner selbst
und seines Staates, der Demos von Athen. Gewifs ist es
leicht die Paralogismen nicht blofs politischer Theorie, noch
viel mehr politischer Praxis hierin aufzudecken: die Souve-
ränetät und Infallibilität des 70;'^^$ war ein schwer Vergehen
wider den gesunden Menschenverstand — und schwer hat auch
Athen dafür gebüfst — allein Mangel an Folgerichtigkeit
des Denkens ist dem athenischen Volke nicht vorzuwerfen:
die politische Theorie des Aristoteles, die Lehrmeisterin
Macchiavellis und seiner Nachfolger, ist weit mehr als ihr
selbst bewufst ist, von dem Rechte abhängig, das, wenn
nicht theoretisch formuliert, so doch praktisch in der
athenischen Staatsordnung lebendig war. Auf dem Gebiete
der römischen Forschung hat man es, allerdings unter leb-
1) Denn der antike Staat ist immer zugleich Kirche; genauer gesagt, man
sollte sich das häfsliche xvcjiaxtj abgewöhnen. Die 'Kirche' hat sich genau so
fxxkrjaifc genannt wie die souveräne Volksgemeinde; sie hat sich damit selbst
als Staat konstituiert und daher den Staat der Welt, des xoOfÄogt entweder
negiert oder doch ignoriert. Diese Gemeinde ist Gottes; jede antike Gemeinde
hat auch ihre Götter, die so unlösbar zu ihr gehören, wie der Boden ihres
Landes, mit denen und durch die sie lebt: aber die Götter sind der Gemeinde.
31
haftem Beistande der Rechtswissenschaft, deren wir Attiker
schmerzlich entbehren, endlich erreicht, dafs Wesen und
Entwickelung der politischen Institution gesondert von der
pragmatischen Geschichtserzählung erfafst und dargestellt
wird. Nur auf diesem Wege ist die Erschliefsung der
romischen Geschichte möglich gewesen, der stolzesteTriumph,
den die Altertumswissenschaft unserer Tage gesehen hat.
Bescheidenere Kreise sind auf diesem Gebiete gewifs der
griechischen Philologie gezogen : aber komm enmufs, kommen
wird der Tag, wo attisches Staatsrecht und attische Ge-
schichte die gestaltlosen Schatten der griechischen Alter-
tümer und der griechischen Geschichte verscheuchen.
Das athenische Reich (denn also, tq dpxT) tq 'Afl-r^vatwv,
das ist genau imperium Atheniense, hat sich der Bundes-
staat, den wir betrachten, genannt) hat sich nicht nach
einem' bestimmten Plane noch durch Kämpfe, als deren
Ziel seine Errichtung auch nur von Einzelnen ins Auge ge-
fafst wäre, entwickelt; es ist vielmehr ein plötzlich durch
das Zusammenwirken der verschiedensten Umstände zu-
nächst nur für einen beschränkten Zweck zusammentretender
Bund von Staaten, der dann, indem sich zwar notwendige,
allein zunächst unvorhergesehene Konsequenzen vollziehen,
den Weg zur Herrlichkeit, dann zum Untergange zurück-
legt. Es ist g'eboten, die Entstehungsgeschichte kurz zu
erzählen. Als Xerxes gegen Griechenland zog, bestand
dort eine Art bundesstaatlicher Einheit. Denn der Erfolg
der spartiatischen Politik des sechsten Jahrhunderts war
die Einigung des Peloponneses zu einem Staatenbunde unter
Spartas Vorortschaft gewesen; der einzige bedeutendere
Kanton, der sich fern zu halten vermocht hatte, Argos,
war grade damals so entkräftet, dafs er nicht in Betracht
kam. Der Bundesstaat war ein noch sehr ungefüges Ge-
bilde ; er beruhte darauf, dafs in den einzelnen Städten und
Gauen, die sich die Mitgliedschaft durch Separatvertrag
mit Sparta gesichert hatten, das zumeist dorische Adels-
regiment von Bundeswegen am Ruder erhalten ward. Im
Kriegsfalle waren die Städte Sparta einfach zur Heeres-
32
folge verpflichtet; im Frieden that der Vorort eigentlich
nichts für das gemeine Wohl, höchstens war ein immerhin
kümmerlicher Landfriede und ein noch viel kümmerlicherer
Handelsverkehr der Erfolg. Wirtschaftlich blieb das Land
in den rohesten Verhältnissen; geistige Kultur, soweit sie
überhaupt existiert hatte, verkam^). Auch militärisch lag
die Kraft nur in dem lakedaimonischen Heere; dafür war
dies aber auch die einzige respektable und weit über Ver-
dienst respektierte Landmacht. Immerhin war dieser pelo-
ponnesische Bund, der sich gern einen hellenischen nannte,
der einzige feste Kern, an welchen sich die Staaten des
Nordens anschliefsen konnten. Die Religion, namentlich
die des Zeus von Olympia, spielte um so mehr mit, als die
Staatengemeinschaft, welche sich um den in noch viel
weiteren Kreisen verehrten ApoUon von Delphoi gruppirte,
und an welcher Sparta ebenso wie Theben und Athen
Teil hatte, in der Stunde der Gefahr keinen Halt bieten
konnte: denn der delphische Gott stand nicht ohne Grund
im Gerüche der Barbarenfreundlichkeit. Athen nun hatte
sich, um seine Freiheit zu behaupten, entschliefsen müssen,
dem Hellenenbunde, wie er sich seitdem durchgehends
nennt, beizutreten, und hat mit bewundernswerter Selbst-
verleugnung die Schlachten für Hellas als Vasall Spartas
gewonnen. Freilich, es war nicht gewillt, die unvergleich-
liche Gelegenheit zu einer Einigung des gesamten Vater-
landes, so weit es der Gefahr gegenüber sich zusammen-
gefunden hatte, verstreichen zu lassen : wesentlich weil Athen
dem Bunde maritime Macht zuführte, waren auch etliche
Inseln eingetreten ; neben dem Vorort hatte der Bundestag
eine erhöhte Bedeutung erhalten. Diesen Zustand wenigstens
1) Diese Schätzung ist zu niedrig. Die Gesellschaft, die in diesen Staaten
herrschte, lebte ein anderes Leben und strebte anderen Zielen zu; sie sind
unserer Art fremd, während wir die lonier und Athener um dasselbe ringen
sehen, was auch uns herrlich und heilig ist. Aber auch die Peloponnesier hatten
das Recht, sich ihr Leben zu zimmern , wie sie es wollten, und es ist Pflicht
auch ihnen geschichtliches Verständnis abzugewinnen, wo denn die Sympathie
nicht ausbleibt. 1879 verstand ich den Pindar noch nicht.
33
versuchte es zu einem dauernden zu machen, und noch auf
dem Schlachtfeld von Plataiai überreichte der Vertreter
Athens dem versammelten Bundestage einen Verfassungs-
entwurf, welcher eine allgemeinhellenische Vertretung, die
sich jährlich auf dem neutralen Boden Plataiais vereinigen
sollte, femer ein stehendes Bundesheer und eine stehende
Bundesflotte forderte. Gleichzeitig ward der Bund endgiltig
auf alle Staaten ausgedehnt, die als solche irgend wie an den
Freiheitskämpfen teil genommen hatten, und indem er sich
mit dem delphischen Amphiktionenbunde identificierte (durch
die rechtliche Fiktion, dafs beide panhellenisch sein wollten,
also zusammenfielen), machte er sich daran die perserfreund-
lichen Staaten zu unterwerfen; man plante alles Ernstes
z. B. Boeotien für den delphischen Gott gleichsam als durch
Felonie erledigtes Lehen einzuziehen. So träumten die
besten Männer in den schönen Herbstmonaten 479 von der
Einigung ihres Volkes. Allein Sparta bewies sich feig und
ehrlos. Die Doppelschlacht von Mykale, die die Athener,
wie immer trotz ihren spartiatischen Feldherren^), gewannen,
verdoppelte das Bundesgebiet mit einem Schlage, denn die
an Seemacht nur hinter Athen zurückstehenden Inselstaaten
Lesbos, Chios, Samos traten thatsächlich in den Bund, und
die ionischen Küstenstädte standen bittend vor seinen
Thoren. Da hatte der König Spartas Leotychidas die Stirn,
den asiatischen loniern, den Männern von Miletos und
Ephesos, das Ansinnen zu stellen, den Göttern ihrer Heimat,
die ihnen eben das Barbarenjoch vom Nacken genommen,
Valet zu sagen und sich in partibus infidelium, in dem noch
zu erobernden Boeotien und Thessalien, anzusiedeln. Was
konnte Athen anders thun als nun auf eigne Hand den
Schutz Asiens zu garantiren? war der Peloponnes, den kein
feindlicher Fufs betreten, zur Hilfe nicht gesonnen : das Volk,
das mit Weib und Kind auf Salamis obdachlos kampierte
') So stellt es unsere Überlieferung freilich dar; aber sicherlich ist der
Bericht des Herodotos nicht ganz zuverlässig. Die Schlacht von Plataiai würde
sonst nicht dauernd als besonderer Ruhm Spartas und des Pausanias haben
gelten können.
V. Wilamowitz-M., Reden. 3
34
oder die Stätte seiner Gotteshäuser unter Schutt und Asche
aufsuchte, das hatte den Glauben an die Götter seiner Väter,
den Glauben an die Ehre seines Namens nicht verloren.
Und als im nächsten Jahre der spartiatische König hoch-
verräterische Verbindimgen mit dem Landesfeinde anspann,
löste sich durch ionische, nicht durch attische Initiative
das Band, das die grofsen Inseln noch an den Hellenen-
bund fesselte. Zum Glück stand an der Spitze des athe-
nischen Heeres in Aristeides ein Mann des allgemeinen Ver-
trauens, und so entstand ein Bund unter Athens Führung,
aber noch um ein altionisches Haupt geschaart, den ApoUon
von Delos. An der Spitze stand wie im Hellenenbunde ein
Rat von Delegierten der einzelnen Staaten; auch war die
Staatenvereinigiing zunächst nur für einen bestimmten Zweck
geschlossen, die Befreiung der noch von den Persem unter-
worfenen Hellenen. Da aber die befreiten Gemeinden natur-
gemäfs dem Bunde beitraten, so war durch das Programm,
um dessentwillen die folgenden Perserkriege gefuhrt wurden,
unmittelbar auch die Ausgestaltung des Bundes gegeben.
Sparta verliefs das Feld panhellenischer Politik, fast ohne
Widerrede, gänzlich ohne eine Lücke zu lassen. Und als
es sich nun in inneren Wirren "zu verzehren schien, dazu
den Fehler beging Athen, das an dem alten Bundes Ver-
hältnis fest hielt, vor den Kopf zu stofsen, da löste sich
auch das letzte Band, das die Hellenen als Nation zusammen-
hielt. Sofort versuchten die Athener die Einigung Griechen-
lands, nun gegen Sparta und unter ihrer Vorstandschaft,
durchzusetzen; einen Augenblick konnte es scheinen, als
sei die Erringung dieses höchsten Preises nur die Frage
weniger Jahre. Dies erwies sich freilich als eine Täuschung;
denn Athen war aufser Stande die stammfremden Land-
schaften Boeotien, Phokis, Lokris, Megara, Achaia u. s. w.
zu behaupten. Perikles, dessen Besonnenheit in diesem kri-
tischen Augenblicke sich am glänzendsten bewährt hat,
begriff das und schlofs den Frieden von 445, der zwar den
Verzicht auf die Landmacht aussprach, dem Reiche aber,
welchem diese Provinzen nie einverleibt gewesen waren.
35
nicht nur keinerlei Einbufse, sondern die bündige Aner-
kennung von Seiten der Peloponnesier eintrug. Dem Reiche;
denn an Stelle des lockeren Staatenbundes, der 478 zu-
sammengetreten war, stand nun ein wohlorganisierter Bundes-
staat. Sobald nur die lästige Fessel der spartiatischen
Führerschaft gefallen war, hatten die tüchtigen Feldherren
Athens in rascher Folge erst die Küste Thrakiens erobert,
bald aber den Hauptschlag gegen Asien geführt, welcher die
Reichsgrenze bis zur äufsersten Hellenenstadt Kilikiens trug.
Die weiteren Unternehmungen, bis tief nach Ägypten hin-
ein, verhinderten zwar die Überwindung der Peloponnesier,
hatten aber wenigstens den Erfolg, dafs etwa gleichzeitig
mit dem Peloponnes auch Persien das Reich anerkannte.
Noch während Athen mit Sparta stritt, hatte denn auch
die innere Konsolidierung stattgefunden. Der Akt, in
welchem sie sich vollzog, wird modernem Gefühle fremd
oder äufserlich erscheinen. Es war nicht etwa der Erlafs
einer Reichsverfassung; ein solches Instrument hat es nie
gegeben, der Bund beruhte nach wie vor auf den Spezial-
konventionen zwischen dem Vorort und den einzelnen Mit-
gliedern, und im einzelnen blieb demgemäfs sein Recht ein
stetig wechselndes. Auch ward nicht etwa durch die Ein-
setzung oder Machterweiterung einer Reichsbehörde der
Schritt zur thatsächlichen Einigung gethan; im Gegenteil,
der Bundesrat hat von jetzt ab nur den Schein einer Existenz.
Für oberflächlichen Blick mufs es ein ziemlich gleich giltiger
Beschlufs sein, dafs der Reichskriegsschatz nunmehr in
Athen verwaltet werden sollte, und der platte Pragmatismus
der Historiker schon des vierten Jahrhunderts hat auch
wirklich keinen Wert darauf gelegt. Wer aber das religiöse
Moment im Empfindungsleben jener frommen Zeit nicht
verkennt, dem wird es der sprechendste Ausdruck des
veränderten Rechtsverhältnisses erscheinen, dafs der Schatz
des Bundes von dem Apollon von Delos auf die Athena
von Athenai überging. Von den materiellen Vorteilen, die
dem Schatze Athenas und damit mittelbar Athen zufielen,
ganz abgesehen, so ist doch das auf das vernehmlichste
3*
36
durch die Schatzverlegung ausgesprochen, dafs die Inter-
essen des Reiches und des Vorortes identisch sind. Allen
Staatenbünden des Altertums ist sonst das ängstliche
Streben eigen, den religiösen Mittelpunkt dem Macht-
centrum möglichst fern, aufserhalb des Bereiches der
mächtigeren Bundesglieder zu legen: hier ist das Gegen-
teil geschehen. Es kann nichts bezeichnenderes dafür
geben, dafs eben das athenische Reich etwas anderes ist
als alle jene Bünde. Während man nur Athen zu nennen
braucht, dafs einem die Ohren klingen von dem Geschrei
über die Vergewaltigung der Bündner, so ist in Wahrheit
dieser folgenreichste Schritt ohne Zuthun Athens, auf den
Antrag eines der auf ihre Selbständigkeit eifersüchtigsten
Staaten, beschlossen. Allerdings änderte sich für die drei
Staaten, welche aus dem Hellenenbunde sich ihre Reservat-
rechte bewahrt hatten, Lesbos Chios Samos, nichts wesent-
liches. Ihre innere Selbständigkeit blieb intakt, ihre mili-
tärischen Verpflichtungen beschränkten sich im Kriegsfall
auf Heeresfolge unter Kommando des Vororts zu Wasser
und zu Lande, im Frieden auf die Gestellung weniger
Schiffe zur stehenden Flotte; ferner mufsten sie das Hoheits-
recht der diplomatischen Vertretung im Auslande und den
Beschlufs über Krieg und Frieden dem Vorort abtreten,
an dessen Schiedsspruch sie auch im Falle von Streitig-
keiten mit Bundesgliedern gebunden waren. Dies letzte
ward Samos gegenüber erst durch Bundesexekution er-
zwungen, wobei eine Revision der Stadtverfassung aus-
reichend befunden ward und auch thatsächlich die Inter-
essen der autonomen und nicht tributpflichtigen Insel mit
den attischen unlösbar verband. Lesbos schändete seine
glorreiche Vergangenheit durch den Verrat in der Stunde
der Gefahr; es verfiel verdientermafsen der Annexion an
Athen. Chios blieb treu. Wie für die eigne Heimat, so
flehte der athenische Priester den Segen der Götter auch
für diese Stadt herab: das ist die Dankbarkeit des Demos
von Athen. Erst als die sicilische Katastrophe eintrat und
der hochverräterische Staatsmann, der früher die Verbin-
37
düngen grade mit lonien besonders gepflegt hatte, die
Fahne des Abfalls aufzog, ging auch Chios über. Es war
das Signal zum Zusammensturz des Reiches. Und es ist
wohl bedeutsam, dafs die Heimat des Dichters der Odyssee
den Mann hervorbrachte, der rückhaltlos dem attischen
Wesen mit seinen neuen Dichtungsformen, Dithyrambos
imd Tragödie, sich hingab, Ion, den ersten lonier, der
attische Verse gemacht hat, und dafs des edlen Mannes
Sohn, weil er den Athenern die Treue hielt, sein Haupt
auf den Block des lakonischen Henkers legte.
Neben diesen drei bevorrechteten Gemeinden steht die
gTofse Masse von, weit über 200, Staaten, die 'Städte', wie
sie technisch in Athen genannt werden. Ihr Recht ist
von buntester Mannigfaltigkeit, allein ein gleichlautender
Kern ist in allen Verträgen. Eine athenische aber durch
freie Vereinbarung des Bundes eingesetzte Schätzungs-
kommission, an deren Spitze Aristeides stand, hat schon 478
den Tribut, und zwar theoretisch im Maximalsatze, festge-
stellt, zu dessen Zahlung die Städte sich verpflichteten.
Entsprechende Sätze waren mit jedem neu eintretenden
Bundesgliede vereinbart worden. Es hatte sich aber mittler-
weile so geschoben, dafs ziemlich alle Städte gegen Be-
freiung von Kriegsdienst zu Wasser und zu Lande die Ab-
gaben auch in friedlichen Zeiten zählten. Athen garantierte
ihnen dagegen ihr Gebiet so wie die Freiheit der See für
ihre Handelsmarine; wo keine Unbotmäfsigkeit die Be-
dingungen schärfte, haben sie auch ihre kommunale Selb-
ständigkeit behalten. Nun ist es ja richtig, dafs zur Herbei-
führung dieser Reform des Reiches auch aufser dem Zwange
der Verhältnisse Athen einen Druck ausgeübt hat, dafs
es Kämpfe gekostet hat und die Bündner in Verhältnisse
gerieten, die sie sich 478 nicht hatten träumen lassen.
Aber der Zwang war heilsam, und vor allem, auch er war
durch die Verhältnisse geboten. Gewifs stand die Alternative
so, wie sie der Historiker einem patriotisch -athenischen
Staatsmann in den Mund legt, entweder ein vielleicht un-
billiger Zwang oder Verzicht auf die Herrschaft, um dann
38
ohne Gefahr der "Biedermannsmoral" sich hinzugeben').
Gewifs ist aber auch, dafs Athen den Boden formalen
Rechtes nie verlassen hat; dafs es eine gesetzliche Herr-
schaft führte und das Geschrei über die Mifshandlung der
Bündner fast nur von solchen erhoben wird, welche von
den Rechtsverhältnissen derselben geringe Kenntnis be-
sitzen.
Athen hatte die Garantie des Besitzstandes seiner
Bündner übernommen. Unmöglich konnte es die Land-
grenzen decken ohne die festen Plätze zu besetzen, die
häufig mit den ^Städten* zusammenfielen. Wo aber einmal
eine fremde Garnison liegt, da wird der Platzkommandant
gar bald neben und vor dem Bürgermeister zur Geltung
kommen. Athen hat die Rechte der Garnisonen und ihrer
Offiziere mit den Städten vereinbart; es konnte aber nicht
fehlen, dafs dies äufserst wirksame Organ der Centralgewalt
bei dem Bündner das Gedächtnis an die halbverlorene
Freiheit täglich neu hervorrief, wenn sich auch die attischen
Offiziere von der wüsten Willkür lakonischer Harmosten
im wesentlichen frei hielten. Die militärische Organisation
hatte mindestens seit 445 zur Einteilung des Bundesgebietes
in fünf, später vier *Kreise' geführt. So etwas wie Statt-
halter oder Kreisoberste hat es freilich nicht gegeben;
wohl aber ist es sehr wahrscheinlich, dafs es in jedem
Kreise eine Flottenstation gab, welche schleunige Hilfe an
jeden bedrohten Punkt bringen und ebenso den Vorort
über alle Ereignisse auf dem laufenden halten konnte.
Zudem kreuzten allsommerlich im Archipel grofse fliegende
Geschwader, welche regelmäfsig mehrere der höchsten
Exekutivbeamten Athens, der Feldherren, an Bord hatten.
Daneben hatte die Civilverwaltung in Gesandten und In-
spektoren ihre nur der Form nach aufserordentlichen Be-
amten, und schon die Klagen der Bündner allein beweisen,
dafs die Reichsaufsicht sich überall fühlbar machte. So
^) Thuk. III 40 TiaQa t6 efxng roc xcil TovaSs ^vjutfonrog (^n xoXdCiaOai
rj TiavfG&cci TTJg cco)r7ig xal Ix tov axcv^urov avögayaSi^taS^ai .
39
war denn auch der Erfolg^ eine weder vorher noch nachher
erreichte Sicherheit, und ein Friedenszustand zwischen den
Städten, wie ihn erst später die Ode des Verfalles und die
römischen Beile gebracht haben. Besonders segensreich
wirkte in dieser Hinsicht die von den Nachbarstaaten zu-
gestandene Deklaration der See als Reichsgebiet, so dafs
sie fremde Kriegsschiffe gar nicht, fremde Kauffahrer nur
laut den von reichswegen abgeschlossenen Handelsver-
trägen befahren durften. Und die Handelspolitik des Reiches
war zentralisiert, und demgemäfs stätig und umsichtig, die
Seepolizei vorzüglich: so nahmen Handel und Industrie
einen Aufschwung, der selbst den Zusammenbruch des
Reiches überdauert hat. Die wichtigste Richtung des Ver-
kehrs ging nach Norden. Hier gelang es, noch voll-
ständiger, als es ehedem Miletos gelungen war, den Ver-
kehr mit dem Schwarzen Meere für das Reich gleichsam
zu monopolisieren^). So weit dort Griechenstädte lagen,
erhielten sie den wirksamsten Schutz, wenn sie auch dem
Reiche nur vereinzelt und nur nominell beitraten. Neue
Kolonien gründete man auf der Nordseite nicht, stellte sich
vielmehr freundschaftlich zu den einheimischen Dynasten,
wie denn die Fürsten des bosporanischen Reiches bald so
weit sind, ihren Kindern hellenische Namen zu geben und
sie zur Ausbildung nach Athen zu schicken. Dafür ex-
portierte das Reich seine Industrieprodukte in das Bar-
barenland und bezog dagegen die wichtigsten Rohprodukte,
aufser Sklaven vornehmlich Getreide. Die übervölkerten
*Städte', meist ohne Hinterland oder, wie Attika und die
meisten Inseln, mit solchem, das den Lebensbedarf nicht
ausreichend produzieren konnte, machten die Emährungs-
frage besonders dringend. Eine Mifsemte in den nördlichen
*) Nach den Mitteilungen, den gedruckten und mündlichen, die mir über
die Entdeckungen der letzten Jahre zugekommen sind, scheint während der
Blüte des Reiches Athens Handel noch hinter dem der asiatischen Städte
zurückgestanden zu haben: das ist dann nur ein Beweis, wie gut jenen das
Reich bekommen ist; denn im vierten Jahrhundert herrscht der athenische
Import.
40
Gegenden zwang das Reich sofort die Matrikularbeiträge
mehreren Städten vorläufig zu stunden. Der Weizen, von
dem die Griechen lebten, war, wie heute, vornehmlich süd-
russischer, da die, übrigens nur aus diesen kommerziellen
Rücksichten verständlichen, Versuche in Aegypten festen
Fufs zu fassen trotz den gröfsten Opfern fehl schlugen und
auch Kypros im Frieden mit Persien aufgegeben werden
mufste^). So besetzte denn das Reich Hellespont und
Bosporus, richtete eine Behörde ein, welche die Verteilung
des Getreides unter die einzelnen Städte kontrollierte, na-
türlich auch die Städte durch verschiedene Handelsver-
günstigung die Macht und Gunst des Vororts spüren lassen
konnte. Im Peiraieus befand sich eine weitere Behörde,
welche, selbst vom Rate überwacht, die Spekulanten in
Schranken hielt und dafür sorgte, dafs die Verfrachtung
von Getreide nach andern Häfen erst nach vollkommener
Verproviantierung Attikas stattfand. So war, sollte man
meinen, selbst die Möglichkeit gegeben den Peloponnes aus-
zuhungern. Man hat auch ähnliches versucht, erst Megara
gegenüber, dann gar die Blokade gegen ganz Makedonien
verfügt: allein gewirkt hat es nicht. Offenbar fühlte sich
das Gewissen des einzelnen Byzantiers oder Atheners trotz
alles Hasses gegen die Peloponnesier nicht im geringsten
dadurch beschwert von dem einzelnen zu profitieren.
Wie der Handel nach dem schwarzen Meere, so fiel
dem Reich, sobald der persische Sultan nicht gereizt ward,
naturgemäfs der gesamte Transithandel mit dem Orient zu.
^) Es dürfte noch im sechsten Jahrhundert überwiegend ägyptisches und
kyprisches Getreide nach Athen gekommen sein, wenigstens in den Zeiten, wo
Athen nicht am Hellespont einen Stützpunkt hatte; das ägyptische kommt
immer wieder auf den Markt, sobald die Persermacht dort erschüttert ist; das
kyprische ebenso gegen Ende des peloponnesischen Krieges, als die Durchfahrt
durch den Bosporus gehindert ist. Der Handel mit Kypros und Ägypten ist
im sechsten Jahrhundert und schon früher, als Solon dorthin fuhr, sehr be-
deutend gewesen, wie die kyprischen Funde der letzten Jahrzehnte gelehrt
haben; aber dort hört der Import mit der Niederwerfung der Aufstände um
500 auf. In Athen sind Ägypter zu allen Zeiten als Händler ansässig; auch
Neger kannte man gut.
41
Nichts Weiseres hat Athen gethan, als, nachdem einmal
das Erreichbare, die Befreiung der Küsten, erreicht war*),
die nationalen Phrasen von der Freiheit, soweit hellenische
Zunge klingt, aufzugeben und sich mit Asien in ein erträgliches
Verhältnis zu setzen. Dort war man, wenigstens so lange
der vorsichtige Artaxerxes, der den Ausgleich eingegangen
war, regierte, sehr erkenntlich dafür und respektierte, wo
nicht das Reich, so Athen; freilich mit dem stillen Vor-
behalte dereinst mit Spartas Hilfe, deren man sicher war,
Abrechnung zu halten, und ohne die ionischen Städte im
Verzeichnis der dem König der Könige tributpflichtigen
Nationen zu löschen. Die athenischen Gesandtschaften in
Susa nahmen fast den Charakter einer ständigen Vertretung
an, und wie man am Hofe des Grofskönigs schon zu
Dareios L Zeiten griechisch las und schrieb und ohne
griechische Leibärzte und Tumkünstler nicht auskam, so
war in Athen die Kenntnis persischer und aramäischer
Sprache- nichts aufsergewöhnliches.
Eine wirkliche Konkurrenz fand der attische Handel
(denn von den "Städten" ist hier kaum etwas zu merken)
nur im Westen; oder vielmehr hier scheint es schon geo-
graphisch unmöglich, dafs Athen mit Korinth und seinen
Pflanzstädten, vorab Syrakus und Kerkyra, konkurrieren
sollte. Und doch lehren die italischen Gräber, dafs diese
Konkurrenz schon im sechsten Jahrhundert siegreich durch-
geführt war, wesentlich weil Athen unvergleichlich bessere
Ware lieferte^). Grade Etrurien ward besonders wichtig.
1) Das war sie indessen nur im groben, und damit hätte man sich nicht
beruhigen dürfen. In den Winkeln der tiefeingeschnittenen Meerbusen z. B.
von Adramyttion und Smyrna, ist die Macht des Reiches nie effektiv geworden,
und selbst Anaia, Samos gegenüber, konnte ein Stützpunkt für einen Aufstand
werden. Das war im Anfange versäumt worden; seit dem Frieden mit Persien
hat man sich gescheut, irgend welche Macht auf dem Festlande von Asien zu
entfalten, auch keine Kolonie dort gegründet. Wer die Dinge übersieht und
zu schätzen versteht, kann nicht zweifeln, dafs ein dahingehender, vermutlich
'geheimer* Artikel zu den Bedingungen des Ausgleiches gehört hat.
2) Es ist aber mittlerweile von W. Heibig gezeigt worden, dafs Sicilien
und vornehmlich Syrakus den Zwischenhandel nach der Westküste Italiens voll-
42
nicht blofs, weil die ungefährlichen Dickköpfe viel Geld
hatten und leicht eine gewifse Politur annahmen, sie waren
auch im Besitze der vorzüglichsten Eisengruben (und
Griechenland leidet Mangel an diesem Metalle), und in Be-
reitung und Verarbeitung der Bronze, die im antiken Haus-
halt so wichtig war wie jetzt das Eisen, wenigstens für
geringe Sorten den Hellenen überlegen: so sorgte man
dafür, dafs das tyrrhenische Erz auf dem attischen Bazar
nicht ausging und hielt Bundesgenossenschaft mit diesen
wie mit anderen Barbaren. Denn auch das ist ein Ruhmes-
titel Athens, dafs es die Hellenisierung des Westens auf
friedlichem Wege in Angriff genommen hat. Dem hat die
Gründung einer panhellenischen Kolonie an der Stelle des
alten Sybaris dienen sollen. Sie hat Athen keine sichere
Stütze liefern können, weil sich der Gegensatz der helleni-
schen Stämme auf keinem anderen Gebiete so scharf hervor-
hebt. Zu Athen standen naturgemäfs die ionischen Töchter-
städte Euboias; aber die unvergleichlich höhere g-eistige
Stellung, welche die Vaterstädte des Stesichoros und Ibykos,
des Theagenes und Gorgias unter den verfallenen achae-
ischen und den nach dem Sturze der Tyrannen jedem
hohem Streben entsagenden dorischen Ansiedelungen ein-
nahmen, konnte die materiellen Machtverhältnisse nicht
ändern. Die ionischen Orte Siciliens waren kaum noch zu
rechnen. Die Halbbarbaren, die um Egesta safsen und bei
Athen gleichfalls Unterstützung fanden, konnten vollends
nur einen trüglichen Schimmer von Macht um sich ver-
breiten, dessen Verschwinden verhängnisvoll werden sollte.
Den vorgeschobenen Posten des Hellenentums, die blühen-
den Städte um den Neapler Golf vor den andringenden
Oskem zu retten, machte Athen nicht erst einen Versuch.
Grade während der Machthöhe des Reiches bildet sich die
kommen in Händen hielt. Wenn wir also Athen schon von den fünfziger
Jahren ab immer dringender bestrebt sehen, auf der Nordseite Siciliens und an
der Westseite Italiens Fufs zu fassen, so wird das aus den HandelsrUcksichten
immer verständlicher; auch die verhängnifsvolle Expedition gegen Syrakus ver-
steht man besser.
43
s. g. kampanische Nation. Aber hat auch Athen das
Schwert nicht gezogen Kyme zu retten : das Werk Kymes,
die Hellenisierung ItaUens, hat es fortgesetzt, und der grofse
Samnitenstamm, das kunstsinnigste Glied der italischen
Völkerfamilie, kam ihm mit Empfänglichkeit entgegen.
Nicht anders auf der Ostküste Italiens, wo die mefsapische
Bevölkerung Apuliens nicht nur in kommerziellen, sondern
sogar in politischen Verkehr mit Athen trat, und die
Pioniere der hellenischen Kultur, die Händler mit athenischer
Topferware, schon in Bologna und Adria Posto fafsten.
Wollte Athen den Westen in seine Machtsphäre ziehen,
so galt es allerdings sich der Etappenstrafse zu versichern.
Das Bündnis mit Kerkyra leistete das, führte aber sofort
zum Kriege, da Korinths Handel nun Gefahr lief völlig er-
drückt zu werden. Es ist keine Frage, dafs die Unterwerfung
Siciliens in der notwendigen Richtungslinie der athenischen
Politik lag, und keineswegs waren es Luftschlösser, wenn
die Athener von der Herrschaft des Westens als etwas
Erreichbarem und Erstrebenswertem redeten.
Freilich war dies erst dereinst möglich, wenn das Ge-
witter, das Perikles vom Peloponnes aufziehen sah, über-
standen war. Darauf hiefs es sich militärisch rüsten. Und
doch waren die militärischen Opfer, welche die Bürger-
schaft Athens vertragsmäfsig allein übernommen hatte und
ohne Murren erfüllte, selbst im Frieden, von allen Erobe-
rungsplänen abgesehen, blofs zur Aufrechthaltung der
von den Nachbarmächten garantierten Stellung, uner-
schwinglich.
Der attische Staat ruhte ja, wie der antike Bürger-
staat überhaupt, auf dem Prinzip der allgemeinen Wehr-
pflicht, und zwar zog Athen nicht blofs die bürgerliche,
sondern überhaupt die freie Einwohnerschaft heran. Doch
ist es erlaubt von den nichtbürgerlichen Elementen abzu-
sehen. Die aktive Dienstzeit waren zwei Jahre; sie sollte
den Bürger militärisch ausbilden, allein da dieser Dienst
in gesonderten Rekrutenkompagnien, nur im Inlande, und
in einer Art von Gensdarmerie- und Garnisonwachtdienst
u
9
geleistet ward, so konnte der Mann nicht die erforderliche
militärische Tüchtigkeit erhalten^). Ein berufsmäfsiges
Offizierkorps konnte sich auch nicht bilden, da die Obersten-
stellen jährlich neu vergeben wurden und zwar durch Volks-
wahl. Dies verliert allerdings in der Praxis viel von seiner
Ungeheuerlichkeit, weil die Wiederwahl gestattet und ge-
wöhnlich war und die Subalternoffiziere von den Obersten
•ernannt wurden, auch die fortgesetzte kriegerische Thätigkeit
einen Korpsgeist von selbst erzeugte. Aber es bleibt gleichwohl
ein nicht wegzuwischender Flecken auf dem Ehrenschilde
nicht sowohl Athens als der Staatskunst der perikleischen
Zeit, dafs die Sieger von Marathon und Plataiai sich un-
umwunden eingestanden, einem offenen Zusammenstofse mit
der adligen Schlachtreihe der Spartiaten nicht gewachsen zu
sein. War die zweijährige Dienstzeit um, so konnte an
eine vollständige Entlassung der Reserven gleichwohl nicht
gedacht werden; waren doch wenigstens die ausgedehnten
Garnisonen im Reiche und die Seesoldaten der Flotte zu
stellen. Allerdings suchte der Staat möglichst abzuhelfen,
indem er immer stärkere Korps von Schützen zu Pferde
und zu Fufs aus Staatssklaven formierte. Aber solch Aus-
kunftsmittel birgt seine Unzulänglichkeit in sich, und zudem
war bei den Grenzverhältnissen des Reiches doch so gut
wie immer ein Bürgeraufgebot hier oder da an die Grenze
zu werfen. Wie hoch man im Kriegsfalle griff, zeigt viel-
leicht am besten ein Beispiel. Sokrates, des Sophroniskos
Sohn, Wehrmann im lo. Regiment, ist gleich beim Aus-
bruche des peloponnesischen Krieges nach Thrakien ab-
gegangen, obwohl er schon 38 Jahr alt war, und hat dort
zwei Jahre, selbst im Winter, vor dem Feinde gestanden,
während der peloponnesische Bund z. B. nur Sommerfeld-
züge forderte, und wenige Jahre darauf, als er 45 Jahr alt
ist, finden wir ihn wieder aufser Landes. Ganz abgesehen
*) Es ist mir jetzt zweifelhaft, in wie weit diese Ordnungen späterer Zeit
im fünften Jahrhundert bestanden haben; aber dafs eine Rekrutenausbildung
stattfand, ist an sich notwendig und auch hinreichend bezeugt.
45
von Zeiten der Not, wo jeder, der nur Waffen tragen konnte,
täglich mindestens zum Appel antreten mufste, und siebzig-
jährige Greise noch zu Schiffe stiegen.
Vollkommen stehende Truppe war die Kavallerie, aus-
gehoben aus den Leuten, welche sich den in Attika besonders
teuren Luxus der Pferdezucht gestatten konnten; die Rei-
terei hat durchaus den Charakter eines exklusiven Korps
von adeligen oder sich als adelig aufspielenden jungen
Leuten. Nach unsern Begriffen waren ihre Leistungen er-
bärmlich, für Griechenland aber ganz erstaunlich, und wenn
der Athener auch den einzelnen Junker mifstrauisch ansah,
so war ihm doch die Reiterei als ganzes der höchste Stolz
seines Landes. Des ist Zeugnis das ewig unerreichte
Wunderwerk attischer Bildnerei: keine schönere Augen-
weide konnte Pheidias der Göttin bieten als eine Kavalle-
rieparade.
Auf der niederen Bevölkerung, so weit sie sich nicht
selbst equipieren konnte, was man vom Infanteristen ver-
langte, lastete der Dienst zur See, auf der stehenden Flotte.
Die Bürgerschaft stellte hier Deckoffiziere, Seesoldaten,
Matrosen, die Ruderer nicht durchaus, denn von diesen
brauchte man im Frieden mindestens 12000. Also wurden
Staatssklaven dafür gekauft oder Ausländer geworben.
Nur auf den beiden Gardeschiffen ruderten durchaus Athener:
Männer von unübertroffener Hingebung und Leistungs-
fähigkeit.
Ungefehr wenigstens wird man sich hiernach eine Vor-
stellung von den militärischen Anforderungen machen können,
die der Staat an seine Bürger stellte. Rechnet man hinzu,
dafs die durchgeführteste Selbstverwaltung, das geflissent-
lich erstrebte Fehlen jedes fachmännischen Beamtentums,
die räumliche Zersplitterung des Gebietes den jährlichen
Bedarf an Beamten und Verwaltungspersonal unverhältnis-
mäfsig steigern mufste, so wird man zu dem enormen An-
sätze geführt, dafs der Staat etwa 15 bis 20 Prozent seiner
Bürger alljährlich zum Staatsdienste heranzog, ungerechnet
die Beteiligung an Volksversammlung und Geschwomen-
46
gericht *). Solche Leistung ist nur auf ein kleines möglich.
Mochte auch der Staat die Truppen und die Ratsherren und
Richter ausreichend besolden, die Versorgung der Witwen
und Waisen jier gefallenen Bürger, die Ausstattung ihrer
Töchter, die Erziehung und Equipierung ihrer Söhne auf
sich nehmen, mochte die Schädigung des Privatwohlstandes
durch die Leichtigkeit des Erwerbes, die Wohlfeilheit der
nötigsten Lebensbedürfnisse, die Anspruchslosigkeit des
Volkes noch so sehr sich verringern, mochte der militärische
Geist der adeligen Offiziersfamilien, die Seeliebe des ge-
ringen Mannes mit Freuden "Mannesehre und Landesruhm
gegen das Leben eintauschen'* (wie es auf einem Grabstein
in dem offiziellen Ehrengedichte lautet) und im frommen
Herzen den Glauben tragen, dafs die Aufnahme in den
Staatsfriedhof vor dem Töpferthore zugleich die Pforten
eines seligen Heroentumes öffne: eben die unergründliche
Gemütstiefe, mit der die Athener ihr Totenfest zu einem
Ehrentage des Volkes gemacht haben, an dessen hoch-
herziger Trauer und kunstfroher Gottesfurcht auch der
Spätgeborene noch Anteil nimmt, zeigt, was man da begrub,
zeigt, dafs die Blutsteuer an sich zu hoch war, dafs diese
Menschenleben zu kostbar waren. Nimmerdar hat sich ein
civilisiertes Volk heldenhafter geschlagen als das athenische.
Mit mehr als dreifsigtausend wehrhaften Bürgern zogen
sie ins Feld. Nach einem siebenundzwanzigjährigen Kriege
waren ihrer kaum dreitausend, bankerott war der Staat,
waren die einzelnen, waren die Schätze der Götter: da
kapitulierten sie, nicht vor dem Feinde, sondern vor dem
Hunger und dem Verrat. Und doch war das Resultat un-
vermeidlich. Ein Reich ist nur zu behaupten, wenn alle
^) Mittlerweile ist die Verfassung der Athener von Aristoteles ans Licht
getreten, in der allerdings aus einer antidemokratischen Quelle des ausgehenden
fünften Jahrhunderts angegeben wird, dafs unter normalen Verhältnissen über
aoooo Athener besoldete Ämter einnahmen. Darin sind die Soldaten im Dienst,
also auch alle Garnisontruppen und Wachtmannschaften einbegriffen, auch die
6000 Richter: dafür ist es aber auch ein Drittel der erwachsenen bürgerlichen
Bevölkerung, die wir nun erst in ihrer richtigen Höhe haben einschätzen können.
47
seine Bürger energisch dazu herangezogen werden, es mit
dem Schwerte zu verteidigen.
Diese Pflicht hatten die Bündner mit ihren Tributen
abgekauft. Auf den Tributen aber ruhte wesentlich die
finanzielle Macht des Reiches, die Seite, welche zuerst in
die Augen fallt, und welche auch die athenischen Staats-
männer zumeist ins Auge gefafst haben. Denn auch in der
Überschätzung des Geldes ist Athen der erste moderne
Staat. Aber nicht leicht ist dieser Irrtum je so verzeihlich
gewesen wie hier, wo sich im Schatzhause der Göttin
Summen ansammelten, von denen Griechenland bisher keine
Ahnung gehabt hatte, wo man dem neuen Bilde der Göttin
selber ein Gewand anlegen konnte, dessen Metallwert drei
Millionen Mark überstieg und für die Erbauung des Ein-
gangsthores zu ihrem heiligen Bezirke, nur weil der Krieg
dazwischen trat, sich mit neuntehalb Millionen begnügte,
ungerechnet das Baumaterial, das der athenische Staat
aus seinen Steinbrüchen schenkte. Solche Summen können
nxm freilich nur zum kleineren Teile aus den Tributen her-
geleitet werden, denn diese brachten im Jahre ungefähr
2i Millionen Mark und vermochten kaum die militärischen
Ausgaben in Friedenszeiten zu decken. Brauchte doch
die stehende Flotte allein für Löhnung und Verpflegung
2 Millionen. Die abgegriffene Beschuldigung, dafs Athen
von den Bündnern Steuern über Bedarf erhoben habe, wird
so leicht Lügen gestraft. Im Gegenteil, wenigstens die
bemittelten athenischen Bürger haben auch finanziell un-
vergleichlich höhere Opfer gebracht, und statt dafs Athen,
wie die Beschuldigung lautet, Reichsgelder für seine Be-
dürfnisse verwandt haben soll, ist vielmehr rechnungsmäfsig
zu erweisen, dafs z. B. zu den Bauten für die Reichsgöttin
beträchtliche Posten auf das athenische Budget über-
nommen worden sind. Es ist allerdings zur Zeit unthun-
lich, eine feste Scheidung zwischen attischem und Reichs-
budget zu machen, da wir z. B. noch nicht einmal wissen,
in welche Kasse solche Posten wie der hellespontische
Sundzoll abgeführt wurden, oder von wem das eroberte
48
Land, so weit es nicht parcelliert ward, verpachtet ward.
Doch ist das deshalb nicht von allzu hohem Belang, weil
unzweifelhaft ist, dafs die Überschüsse der Verwaltung
Athens wie des Reiches in denselben Schatz auf der Burg
zusammenliefen, und dieser Schatz ist von Anfang an das
wesentliche Objekt der Finanzpolitik. Heute mag mancher
sich entsetzen, dafs man darauf stolz war, eine möglichst
hohe Summe Edelmetalls unproduktiv anzuhäufen: man
wollte erreichen und erreichte, dafs Athen den Geldmarkt,
das heifst damals wesentlich Metallmarkt, beherrschte, und
dafs die leicht kontrollierbare Verwaltung durchaus unan-
tastbar war. Und man sieht so recht, wie das Prestige,
noch mehr der politische als der finanzielle Kredit Athens
wesentlich darauf beruht, dafs eine ungeheure Summe zur
freien oder fast freien Disposition des Volkes bereit liegt,
wenn man sich klar macht, was es, zumal in einer antiken
Demokratie, bedeutet, dafs das Volk lieber bei seinen Göttern
eine Anleihe macht als tief in seinen Schatz greift und
lieber eine allgemeine direkte Kriegssteuer zahlt als den
Reservefonds auch nur zinsbar anlegt. Derselbe Sinn be-
thätigte sich in der Behandlung der heiligen Schätze. Seit
Athena Reichsgöttin geworden war, nahm ihr Besitz, nicht
nur durch private Schenkungen, obwohl auch hier die
Frömmigkeit nicht, kargte, ungemein zu; denn von den
Tributen fiel ihr ein Sechzigstel zu, von jeder Art Kriegs-
beute aber der Zehnte, auch vom eroberten Lande, und
so durchzogen ihre Besitzungen das ganze Reich. Diese
hervorragende Geldmacht, welche damals gewifs den
reichsten Tempeln, dem Zeus von Olympia und dem
Apollon von Delphoi gewachsen war, stand nun von Alters
her unter staatlicher Verwaltung '). Und auch hier befolgte
man die Sitte, lieber aus den laufenden Einnahmen des
^) Ich hatte gesagt: in den Perserkriegen, weil der älteste Beleg aus dieser
Zeit war: jetzt haben wir eine Bronzeinschrift der Schatzmeister aus Solons
Zeit und Angaben des Aristoteles, die noch höher hinaufführen. So stark ist
fast nach allen Seiten unsere Kenntnis durch neue Zeugnisse erweitert und ge-
festigt worden.
49
Staates und wo sonst Geld aufzutreiben war, die die Göttin
zunächst angehenden Baukosten anzuweisen als den eigenen
Schatz der Pallas zu erschöpfen. Kurz vor dem Ausbruch
des peloponnesischen Krieges hat man gar noch einen
neuen Schatz *der anderen Götter' geschaffen, um die zer-
streuten unsichem und in den Händen von Religionsge-
nossenschaften befindlichen Tempelschätze erstens unter
Staatskontrolle, dann unter einheitliche Verwaltung und
drittens in Voraussicht der peloponnesischen Invasion an
einen sichern Ort zu bringen. Für die Macht Athens über
den Metallmarkt kann die Währung ein Beispiel sein. Die
attische Drachme war seit Solon die von Euboia; in der
Abwendung von dem Münzfufse von Korinth und Aigina
hatte sich der künftige Gegensatz zwischen Athen und dem
Peloponnes angekündigt. Diese nunmehr attische Währung
gewinnt unter dem Drucke des attischen Handels immer
mehr an Terrain, grade auch in dem wirtschaftlich und
politisch noch unabhängigen Westen, Kurs aber hat das
attische Geld in der ganzen Welt. Der Staat setzte seine
Ehre darein, die Münzen ohne Prägschatz und oft übervoll-
wichtig auszugeben ; Scheidemünze kannte man so gut wie
gamicht, und Scheingeld, wie es in Karthago und Byzantion
bestand, verachtete man. Wer freilich kunstvollendete Stempel
erwartet, wie in Sicilien, findet sich arg getäuscht; unberührt
von Pheidias Kunst bleibt der archaische, bald archaisierende
Typus des sechsten Jahrhunderts. Athen hatte eben für
die Barbarenländer, mit denen es handelte, eine Rücksicht
zu nehmen, welche Florenz und Venedig aus gleichen
Grründen ganz ebenso genommen haben. Nun führte die
Gründung des Reiches Athen eine unübersehbare Masse
von Silber verschiedenen Gehaltes und Gepräges zu, das
man nach dem Gewichte nahm. Der Staat selbst gab
natürlich nur attisches Geld aus, und es leuchtet ein, dafs
durch fortwährende Umprägung eine ganz unverhältnis-
mäfsige Masse attischer Münze in Umlauf kam, die denn
auch weit über die Grenzen der civilisirten Welt kursierte,
zumal es an einem Hinweis nicht fehlt, dafs der Vorort
V. Wilamowitz-M., Reden. 4
50
auch auf Einheit in Mafs Gewicht und Münze bei den
Städten hinarbeitete'), und es ist artig zu hören, wie die
würdigen Staatsmänner Spartas, der sittenstrengen Stadt,
die überhaupt die Wertmetalle als Teufelswerk verbannt,
ihre Bestechungen in den laureotischen Eulen einstreichen.
Gold kennt das griechische Festland überhaupt nur als
Waare, die im sechsten Jahrhundert eine gar nicht zu
schätzende Rarität in griechischen Händen war. Athen
selbst blieb der Silberwährung auch da treu, wo ihm Ge-
legenheit geboten war die sehr ergiebigen Goldgruben
der thrakischen Küste in Besitz zu nehmen; es empfing
zwar ohne Frage vielerlei kleinasiatische Goldmünzen, zum
Teil von Reichsstädten selber, doch beschränkte es sich
darauf, beträchtliche Massen in den Tempelschätzen nieder-
zulegen, nicht geprägt, nicht in Barren, sondern künstlerisch
verarbeitet.
Die Verwaltung der Finanzen war vermutlich schon
in Delos rein athenisch gewesen, dennoch hat Athen auch
später seinen Bündnern formell Rechenschaft abgelegt, und
die Form ist überaus bezeichnend. Im Frühling, wenn das
grofse, von den Peisistratiden gestiftete, von dem freien
Volke aber erst recht empor gebrachte Fest des Dionysos
begangen ward, an dem die geistige Suprematie Athens
sich in den tragischen komischen und dithyrambischen
Spielen am glänzendsten vor Augen stellte, hatten die Ge-
sandten der Bündner zur Entrichtung der Tribute in Athen
zu erscheinen. Sie waren natürlich die Gäste der Stadt,
speisten an ihrer Tafel und erhielten im Festraum des
Dionysos unter den kirchlichen Würdenträgern und den
Beamten des Volkes ihren Platz. Und was sie schauten,
der Verein aller Künste der goldenen Zeit, war wahrlich
geeignet, nicht blofs einen Olophyxier oder Brykuntier zu
blenden: auch der Milesier und Rhodier hatte so etwas
nimmer geschaut. In dem Festzuge, als dem heiligsten
') Ich konnte diese Vermutung nur mit einer schwachen Stütze versehen
und wurde verlacht; jetzt kenne ich eine noch unveröffentlichte Urkunde von
einer der Inseln, die den Beweis voll erbringt.
51
Akte der Feier, wo die Festgaben der athenischen Kolonien
in langer Reihe dahergetragen wurden, erschienen auch
auf dem Tanzplatze Massen von Gold und Silber, sorgfaltig
talentweise abgezählt: die Überschüsse, welche hinaufge-
tragen werden sollten in das Schatzhaus der Athena.
Gewifs kehrten die Bündner heim mit dem vollen Be-
wufstsein von der Macht und Gröfse Athens. Allein es ist auf
der andern Seite doch auch nur menschlich, dafs sie die
Tribute, die scheinbar solche Überschüsse abwarfen, ungern
zahlten, zumal sie ihnen als eine direkte Steuer, die gegen
das antike Gefühl geht, erscheinen mufsten, wenn auch die
Einzelstaaten das Geld auf anderem Wege aufbrachten.
So lange nun die bei der Gründung des Reiches verein-
barten Sätze nicht überschritten wurden, hatten sie kein
Recht zu murren; viele von ihnen hatten zudem gelegent-
lich niedergeworfener Unbotmäfsigkeit sich verpflichten
müssen, die Höhe ihrer Tribute der jedesmaligen Verein-
barung mit Athen zu überlassen; dennoch empfand man es,
und zum Teil gewifs mit Recht, als eine Verletzung
der Fundamentalkonventionen, als Athen die Theorie auf-
stellte, dafs sein souveränes Volk die Höhe der Matrikular-
umlagen festzustellen berechtigt sei; wem das nicht behage,
der könne den Rechtsweg beschreiten, d. h. seine Sache
vor einem athenischen Gerichtshofe durchfechten. Darin
lag keinerlei böser Wille und keine unerhörte Vergewalti-
gung: wenn hier etwas unerhört ist, so ist es die Gewährung
eines Rechtsschutzes, von dem wir noch an Beispielen dar-
thim können, dafs er kein fiktiver war. Man hat es auch
einmal mit einem anderen Besteuerungswege versucht, in-
dem man an die Stelle der Matrikularumlagen einen all-
gemeinen Eingangszoll auf alle Waren setzte; davon, dafs
dies die gehofften höheren Erträge abgeworfen hätte, ist
freilich nichts zu spüren. Das Geld mufste unter allen Um-
ständen geschafft werden; Steuerkraft war in den Städten
und nur in ihnen vorhanden. Da wird moderne Spekulation
rasch mit dem Mittel bei der Hand sein, man hätte den
Bündnem als Äquivalent für stärkere Lasten höhere politische
4*
52
Rechte bieten sollen. Aber ein solcher Gedanke fallt voll-
ständig aus dem Kreise antiken Bürgerbewufstseins und
antiker Religion heraus'), die Entwickelung des Reiches
ging unaufhaltsam nach einem anderen Ziele. Wie aus dem
buntscheckigen Verein von gleichberechtigten Städten die
attische Herrschaft geworden war, so glichen siqh zwar
von Tag zu Tag die Unterschiede zwischen den verschie-
denen Städten mehr und mehr aus, aber nur um so breiter
ward die Kluft, welche die Unterthanen von dem Vororte,
von Athen, trennte.
Freilich darf man sich unter Athen nicht die Stadt oder
die kleine Landschaft denken, an der der Name haftet.
Eine thatkräftige Kolonialpolitik, ein umsichtiges Streben
der herrschenden Bevölkerung jenen bäuerlichen Charakter
zu bewahren, der uns in den aristophanischen Lustspiel-
helden so anheimelt, die militärische Notwendigkeit sich der
strategisch wichtigsten Punkte unbedingt zu versichern,
endlich auch die Exekutionen, welchen einzelne Bundes-
mitglieder verfielen, hatten zusammengewirkt, \xm eine An-
zahl der wichtigsten Inseln und weite Strecken des thra-
kischen Küstenlandes, darunter die jetzige Halbinsel von
Gallipoli, d. h. den Schlüssel zur Propontis, in unmittelbaren
Besitz von Athen zu bringen. Aufserdem traf Athen mit
einer Anzahl von Städten eine dahin gehende Übereinkunft,
dafs sie einen Teil ihrer Tribute durch die einmalige Ab-
tretung von Land ablosten, welches wenigstens formell gleich
einem Kapitale gesetzt ward, dessen Zinsen der erlassene
Jahrestribut repräsentierte. Athen behandelte dann das so
erworbene Land wie erobertes, d. h. es zerschlug es in
Landloose, die an ärmere Bürger verteilt wurden, so weit
') Mittlerweile ist durch die Entdeckung einer neuen Urkunde bekannt
geworden, dafs in der äufsersten Not, 404, nach der Schlacht bei Aigospotamoi
Athen wirklich das volle Bürgerrecht an Samos verliehen hat, weil die dort
eingesetzte Demokratie ihm allein treu blieb, bis über die Kapitulation Athens
hinaus. Der Gedanke ist also den Athenern selbst gekommen; aber die Be-
stimmungen der Urkunde zeigen am besten, dafs sie sich nicht hätten durch-
führen lassen ohne die Grundlagen des antiken Staates umzustürzen.
53
es nicht im Domanialbesitz blieb oder Kirchengut ward, in
welchen beiden Fällen es verpachtet ward, zunächst gewifs
wieder an Athener. So durchzog sich das Reich mit einer
grofsen Anzahl teils von Landstrichen, die direkt attisch
waren, so gut wie die Insel Salamis, teils mit attischen Ge-
meinden, die mitten unter Bündnem eingesprengt waren:
natürlich die Ecksteine der attischen Macht. Der Staats-
verwaltung erwuchsen hierbei neue und, wenn das Reich
Bestand gehabt hätte, vielleicht die folgenreichsten Aufgaben.
Geringe Ansiedelungen konnte man wohl einfach durch die
Kartellverträge (au}i.ßoXai) mit den benachbarten Städten
gesichert halten, ohne sie als besondere Gemeinden zu
organisieren. Da blieb jeder Teilnehmer ruhig in seinem
alten Gemeindeverbande und in seinem alten Reservever-
hältnis, behielt sein Bürgerrecht in vollem Mafse, wenn er
auch zur Zeit nicht in die Lage kam, davon Gebrauch zu
machen, wie er denn auch zu den Leistungen nicht in vollem
Mafse herangezogen werden konnte: das waren Athener
im Auslande, so zu sagen. Nahm die neue Gemeinde die
Organisation eines neuen Staates an, so waren die Formen
der Kolonie längst gegeben: dann schieden die Ansiedler
aus dem attischen Bürger verbände überhaupt, oder wenigstens
vorläufig, aus, und nur Bande der Religion und der Pietät
fesselten sie noch. Aber zur Aufgabe des attischen Bürger-
rechts war ein Athener in den Zeiten der Macht schwer
geneigt ; es sind auch nur ganz unbedeutende attische Ko-
lonien entsendet. Man hat also einen Mittelweg einge-
schlagen ; das einzelne ist leider noch so gut wie ganz un-
bekannt, allein so viel ist unzweifelhaft, dafs es in der That
Gemeinden gegeben hat, welche einerseits athenische Bürger
enthielten, andererseits ihre eigene selbständige Organisa-
tion hatten. Die Gemeindeordnung Athens gewährte eben
durch die Elastizität ihrer Formen die Möglichkeit wirklich
fruchtbare Annexionen zu machen. Denn durch diese Dörfer
und Städte schlug wirkliches Athenerthum Wurzel, das an
manchem Orte selbst Feuer und Schwert der Reaktion
nicht hat ausrotten können, während Sparta in jahrhun-
54
dertelangem Besitze aus Messenien nichts als eine Wüste
gemacht hat, deren Zugehörigkeit zu dem Nachbarlande
nie aufhörte, eine Unnatürlichkeit zu sein. Aber freilich,
Athen bedurfte zu einer solchen Kolonialpolitik immer wieder
der eigenen Bürger, und wo sollte die an Kopfzahl be-
schränkte Vollbürgerschaft den Überschufs von Kräften
hernehmen?
Wie nun aber Athener, abgesehen von diesen Nieder-
lassungen, teils als Pächter von Staats- und Kirchenäckern,
teils als Reichsbeamte, teils als Private in Handelsgeschäften
durch alle Städte wohnten, so safsen andererseits auf Ge-
bieten, die unter attischer Hoheit standen, und vor allem in
Athen Leute aus allen verschiedenen Städten ; und es ist auch
nicht zu bezweifeln, dafs das Reich von vornherein seinen
Bürgern Freizügigkeit gebracht hat. Athen, , schon durch
Peisistratos unter die ersten Industrie- und Handelsplätze
erhoben, setzte von je eine Ehre darein, diesen freien Frem-
den, den Schutzverwandten, alle möglichen Freiheiten und
Bevorrechtungen zu gewähren, selbst den Dienst in der
Bürgerinfanterie, nur natürlich keinerlei politische Rechte.
Und auch für das nur zeitweise in Athen verkehrende Volk
von Schiffern und Grofshändlem waren die ausgedehntesten
Bevorzugungen selbst im Rechte und im Prozefsgange vor-
gesehen. Damit war der Reichspolitik mächtig vorge-
arbeitet. Mit den völlig selbständigen Staaten ward die
gegenseitige Garantie der Rechtssicherheit und des Schutzes
an Gut und Leben durch Kartellverträge erzielt, deren zu-
erst auch gewifs zwischen Athen und den meisten seiner
Bündner bestanden. Allein als sich das Reich konsolidierte,
wandelten sich auch hier die Verhältnisse in derselben uni-
tarischen Richtung. Athen setzte durch, dafs in den ab-
hängigen Gemeinden nicht nur seine eigenen Bürger so-
wohl im Steuerverhältnis wie im Gerichtsstand Athens
blieben, sondern sogar, dafs alle die, welche in Athen sich
das Schutzverwandtenrecht erworben hatten, wenn sie auch
in Chalkis oder Naxos wohnten, in diesen Beziehungen nach
Athen zu gehören fortfuhren. Es läfst sich denken, dafs
55
eine grofse Menge namentlich von Handeltreibenden und
Industriellen hiervon Gebrauch machten, und gern die ge-
ringe Kopfsteuer in Athen bezahlten und was sonst an
wenig drückenden Lasten auf den Schutz verwandten lagen,
um im ganzen Reiche nach Belieben den Aufenthalt
wechseln zu können und vor den Behörden und Gerichten
der kleinen, oft verrotteten, Gemeinden gesichert zu sein.
Der athenische Schutzverwandte im Auslande genofs in der
That also fast die Bevorrechtungen eines athenischen
Bürgers: nur die politischen Rechte gingen ihm ab, sonst
mochte dies als eine Art von Bundesbürgerrecht erscheinen.
Wie sehr die Macht Athens und die Würde des ächten
Atheners wuchs, ist nicht nötig, auszuführen. Um wie viel
höher aber mufste der Stolz des athenischen Richters da-
durch steigen, dafs der freie und hochansehnliche Byzantier
Habderite, Milesier, Rhodier vor seinem Tribunale zu er-
scheinen hatte. Denn dazu war es gekommen, dafs alle
abhängigen Gemeinden in allen Kapitalsachen die Gerichts-
hoheit an Athen abgetreten hatten. Wir wissen von den
Motiven und von den Umständen dieser bedeutenden Ein-
richtung nichts und von den Modalitäten des Verfahrens
wenig, sei es durch Schuld der Überlieferung, sei es durch
unsere, der juristisch nicht gebildeten Philologen. Allein
abzuweisen ist die Insinuation, dafs die Athener beabsich-
tigt hätten sich nur der politischen Prozesse zu bemäch-
tigen, mit andern Worten das Recht geeint hätten, damit
sie es leichter beugen könnten. Anzuerkennen ist vielmehr,
dafs das athenische Volk, seit 150 Jahren im Besitze eines
kodificierten Civilrechtes, den Weg zu einer allgemein-
griechischen Rechtseinheit beschritten hat, und hier war der
Pfad erst zu einer griechischen Rechtswissenschaft gewiesen,
deren Anfange man wohl erkennen kann. Erst der Sturz
des Reiches hat 4as Recht in die Phrasenfabrik des Rhetors
und den Hörsaal des Philosophen verbannt; wo es denn
freilich verkommen mufste. Aber nicht verloren war im
Gedächtnisse der Menschen, dafs das attische Blutgericht
auf dem Areshügel einst dem besten Teile des hellenischen
56
Volkes der gemeinsame heilige gerechte Gerichtshof gewesen
war. Die Legende und die Poesie wetteiferten den Richt-
platz mit ihrem Zauberglanze zu vergolden, und noch den
Heidenapostel hat die Sage nur auf diesen Platz führen
können, auf dafs er die neue Lehre den Völkern an ihrer
geheiligtesten Stätte verkünde. Ganz besonders diese Ge-
richtshoheit hat Athen zur Kapitale von Hellas gemacht,
und es waren nicht leere Spiele der Eitelkeit, welche den
attischen Bürgern den Stolz einflöfsten, allen andern Sterb-
lichen gegenüber als ein adlig, als ein zum Herrschen
geborenes Geschlecht zu erscheinen; und es waren nicht
die Seifenblasen einer kindischen Herrschsucht, wenn sie
nach der Krone über die gesamte gesittete Welt griffen.
Allerdings ging im Volke der Seherspruch, dafs der Sohn
des Erechtheus ewiglich als ein Adler in den Wolken
schweben sollte. Aber das war nicht so gemeint, dafe sie
die Herrschenden werden sollten, damit ihnen Mammon zu
müfsigem Ergetzen die Polster zurechtlege. "Der Ölbaum
lasset nicht seine Fettigkeit, die Götter und Menschen an
ihm preisen, dafs er hingehe und schwebe über den Bäumen/*
Der Athener ist ja kein Makedone und kein Römer; er
gedachte nicht das mühselige Geschäft zu denken und
zu dichten, und die bildenden Künste und die technischen
Wissenschaften seinen Unterthanen zu überlassen. Dieselben
zwei Generationen, welche sich mit den genialsten politischen
Gedanken trugen, legten den Grund zu aller höheren mensch-
lichen Gesittung, wiesen zuerst dem philosophischen Denken
seinen würdigsten Gegenstand, den Menschen, erhoben die
Geschichtsschreibung, oder besser die Prosa überhaupt,
zu einer Kunst, die Natur- und Heilkunde zu einer Wissen-
schaft'); in der Poesie aber und den bildenden Künsten
^) Hier liegt eine sehr starke Überschätzung der ^thener vor, denen ich
ohne weiteres zugerechnet hatte, was Hippokrates und Demokritos und die
Menge Forscher, die sich unter diesen Namen verbergen, erarbeitet haben.
Freilich stammten sie aus Reichsstädten, und der Aufschwung, den das Reich
allem Hellenischen bringt, ist auch ihnen zu statten gekommen. Aber Athens
Verdienst um die Wissenschaft ist im fünften Jahrhundert bescheiden, und was
57
entstanden in unübersehbarem Reichtume Werke, denen
nur wenige glückliche Epochen der Geschichte Vergleich-
bares zur Seite zu stellen haben. All das nur durch das
attische Reich, meist durch Athen. Und doch hatte dieses,
da es bei Marathon siegte, auf allen geistigen Gebieten
nur zu lernen von der überlegenen ionischen Kultur; manches
sogar von den Peloponnesiem. Aber wie bald war es so
weit, dafs die "dämonische Stadt" die Besten der lonier in
ihre Kreise zog, und selbst den Thebaner zu widerwilliger
Anerkennung zwang; es war das Verhängnis des Pindaros,
dafs er im Herzen mit dem Höchsten und Besten, was die
"veilchenbekränzte Burg von Hellas" vollbrachte, sympa-
thisieren mufste und doch immer in den Reihen ihrer Tod-
feinde seine Stätte hatte.
Denn das Höchste und Beste, was Athen seinem Volke
schenkte, war das, was allezeit das Höchste und Beste ist.
Seine Grötter und seine Helden, seinen Glauben und seine
Ehre hat es dem Hellenenvolke wieder lebendig ge-
macht.
Da es auf die Bühne tritt, ist das peloponnesische
Dorertum völlig verrottet ; wo von je wenig. war, ist nichts,
ist eitel Plumpheit, Stumpfheit, Dumpfheit. Selbst der Zeus
von Olympia und der ApoUon von Amyklai laufen Gefahr,
zu gemeinen Götzen herabzusinken. Bei den asiatischen
loniem ist Glaube und Sitte durch die politische Zerfahren-
heit und die Fremdherrschaft entwurzelt. Geistreiche Fri-
volität und ein unstätes Haschen nach den Gaben des
Momentes droht den hochbegabten Stamm hinabzuziehen
in den wüsten Abgrund asiatischer Barbarei, der schon so
viele Völker verschlungen hat. Die keusche Religion Homers
ist durch die Berührung mit dem semitischen Götzendienst
die Naturwissenschaften angeht, hat es die reiche Erbschaft der lonier des
Ostens und Westens niemals voll verwertet. Ja man mufs sagen, dafs der Sieg
der athenischen Philosophie recht viele ionische Keime hat verkümmern lassen.
Piaton durfte den Demokritos nicht ignorieren, Demokritos aber hat mit Athen
schlechthin nichts zu schaffen.
58
geschändet, und der Rationalismus eifrig am Werk mit dem
kindischen Märchentande aufzuräumen. Selbst dem köst-
lichsten Erbe besserer Zeiten, dem ionischen Epos, droht
der Untergang, denn die blasierten höheren Stände finden
es abgeschmackt und langweilig; da macht ein karischer
Prinz mit albernen Parodien Glück ^), die niedere Bevöl-
kerung aber lauscht jedem kolophonischen Bänkelsänger
so gerne als wäre es Demodokos. Dem Volke, das der
Bettelpoesie des Hipponax Beifall ruft, kann der weiseste
lonier nur den Rat geben, sich mit Kind und Kegel auf-
zuhängen, und der energischste lonier, der einzige, der sich
mit einigem Erfolge dem attischen Reiche entgegenstellt,
verficht als Schriftsteller die in blasse Negation umge-
schlagene Lehre von der Ewigkeit des Seins. Wohl lebt
noch ein unverdorbenes und tüchtiges Geschlecht auf mancher
Insel, in manchem Bergthal und vornehmlich in der Dia-
spora, eingesprengt zwischen weite wilde Barbarenreiche:
aber nirgend sonst hat es einen Halt; es mufs zum Dorer-
tum oder zum lonertum gravitieren; das eine liegt schon in
persischen Banden, das andere hat nicht die materielle
Macht zum Widerstände, weil es nicht die moralische Macht
im Busen trägt.
Da tritt Athen rettend dazwischen. Aufblicken können
wieder die hellenischen Augen zu einer Burg, von der
ihnen Hilfe, von der ihnen Freiheit kommt. Und auf thun
sich die Herzen den Göttern, die die Stadt der Pallas so
sichtlich beschirmet und gesegnet haben. Des himmlischen
Vaters einige Tochter hat es bewiesen, dafs sich die Stadt
nach ihr nennen darf, die allein auf dem Festlande ionisch
geblieben ist. Aus der Asche, die der Landesfeind auf
dem Hügel des Erechtheus hinterlassen hat, schiefst der
heilige Ölbaum in neuem kräftigem Triebe auf: es ersteht
^) Damit ist eine schlechte Fabel des späteren Altertums weitergegeben.
Der Froschmäusekrieg, auf dem sie zielt, ist eine allerdings elende Parodie, die,
wenigstens wie wir sie lesen, nichts enthält, was bis in die Zeit hinaufreichte,
in die der karische Prinz Pigres gesetzt wird.
59
die götterliebendste Stadt, die das Herdfeuer der helle-
nischen Religion fürderhin ein volles Jahrtausend gewahrt
hat. Es ersteht das Reich, das den lonernamen aus tiefer
Schande wieder zu Ehren bringt. Wieder ziehen ionische
Jungfrauen Lorbeerzweige tragend z\im delischen ApoUon,
wie einst, da der blinde Sänger von Chios ihnen sein An-
gedenken empfahl. Während des ApoUon Priester zu
Delphoi wie zu Branchidai ihres Gottes Ehre um persisches
Gold verkaufen, stirbt der athenische Seher in einer Reihe
mit den Kameraden den schönen Soldatentod: während in
Argos und Olympia die Religion zum prächtigen Teppich
wird, hinter dem sich die gemeine Diplomatenlist verbirgt,
weigert sich dem Ansinnen des allmächtigen Staates die
Priesterin der attischen Demeter und spricht das erhabene
Wort: dafs Segnen und nicht Fluchen ihr Beruf sei. Unter
den Schlägen des attischen Meiseis erstehen den Himm-
lischen Bilder, zu denen die tiefe Innerlichkeit des helle-
nischen Herzens wieder beten kann. Denn freilich, auch
die Götter hat die grofse Zeit neu gemacht. Der Zeus des
Pheidias ist nicht mehr der Tyrann, der seinen Vater in
Ketten schlug und dem Prometheus den Keil durch den
Busen trieb, sondern der gnädige Himmelskönig, der die
Titanen längst freigelassen hat, der gütige Vater im Himmel,
an den zu denken auch die Menschenbrust von der Sorge
eitlen Ängsten löst. In den Dichtern Athens sind dem
Volke neue würdige Lehrer erstanden, und in dem Drama,
der höchsten Kunstform menschlicher Poesie, die ohne
Athen nicht wäre, hat sich das Mittel gefunden, die alten
heiligen Geschichten wieder neu und wieder heilig zu machen,
zugleich das Mittel, den wechselnden Vorstellungen und
den wechselnden Ideen den Zugang zum Volksbewufstsein
und die Vermittelung der altvertrauten Namen und Ge-
stalten offen zu halten. Da erbrauset wieder in vollen Tönen
der schon verklingende Schall der Heldensage. Der Tra-
giker und der Maler tritt das Erbe Homers an. Die alten
Geschichten von Ilios Fall, vom Sturz der Giganten, von
Herakles Fahrten erzählt auf den Marmorwänden des Tem-
60
pels der schöpferische Meister, auf dem zerbrechlichen Ton-
geschirr der bescheidene Handwerker: beide mit der Wahr-
heit und dem Ausdruck des echten Gefühles, wie uns der
Trecentist von der Jungfrau Maria und vom heiligen Franz
erzählt. Auch die neuen Geschichten erzählen sie, vom
Heldenknaben Theseus, der hinabtaucht in die purpurne
Flut, in seines Vaters Reich, und den Kranz Amphitrites
emporholt, den Kranz der Seeherrschaft, der nun die Schläfe
seiner Stadt ziert; vom Heldenjüngling Theseus, der den
korinthischen Frevler an die Fichte des Isthmos bindet und
den megarischen Unhold die skironische Klippe hinab-
stürzt, der das dorische Megara seinem Volke erwirbt, das
jetzt auf den Kranichbergen die Korinther abwehrt; von
dem Heerkönig Theseus, der hinübergezogen ist in die
asische Flur, deren pfeilfrohe Reiter jetzt dem attischen
Speere erlegen sind, und die Braut sich geholt hat aus
dem reisigen Amazonen volke; von dem VolksfreundeTheseus,
der, da er zum Sterben kam, die Macht und die Ehre des
Königtumes in die Hände des Volkes gegeben hat, das
jetzt dies teure Erbe, seine Freiheit und seine Verfassung
wider Perser und Peloponnesier verteidigt.
Also ist unter dem frischen Athenervolke noch mäch-
tig gewesen der sagenbildende Trieb, der bei den Dorem
schon fast völlig verdorrt war und bei den loniern nur
noch die Schöfslinge der Fabel und der Novelle hervor-
brachte. Es ist der unbewufste Drang, alles was momentan
das Herz bewegt, in die Zeit des nationalen Heldentumes
zu projizieren^ die kindliche Frömmigkeit, die auch von dem,
was dem eigenen Arme und dem eigenen Gedanken gelingt,
den *Göttern und den lieben Vorfahren' die Ehre giebt.
Auch ihre politischen Hoffnungen und ihre politischen
Wünsche haben sie in solche Form gekleidet, und nur ein
armseliger Rationalismus wird darob die Nase rümpfen
oder Ausgeburten profaner Fiktion und unlauterer Begehr-
lichkeit darin sehen; eher gebührt sich wenigstens einige
Verwunderung, dafs das mythische Spiegelbild des attischen
Reiches noch heute für objektive Wahrheit angesehen
61
wird '). Es ist ja nur recht, • so glaubten die Dikaiopolis
und Strepsiades, es ist nur recht, dafs wir über die Bünd-
ner gebieten. Es ist auch nicht der dumpfe Gehorsam des
Schwächeren, den wir von ihnen verlangen, sondern die
Pietät und die Kindestreue, die die Städte unserem Athen
schulden. Unserer Königstochter und unseres ApoUon Sohn
ist Ion, von dem wir alle stammen; von unserem Herde
haben die Siedlerschaaren das heilige Feuer entzündet, das
in ihren Stadthäusern brennt. So weit ionische Städte
die Gestade des Aigeusmeeres kränzen, sind es unsere
Tochterstädte. Gern wollen wir, die wir sie befreit, auch
furderhin die Schlachten für sie schlagen und die langen
Tage in der sonnigen Gerichtshalle und auf der steinigen
Pnyx sitzen: aber herrschen müssen wir über sie. Das
ist unser ererbtes, unser angestammtes Recht; wenn sie
der Mutterstadt aber nicht gehorchen, so schmettere Dike
die Undankbaren zu Boden.
So weit das Reich zu einer leibhaftigen Thatsache ge-
worden war, so weit hat sich auch diese Vorstellung befestigt
und behauptet sich noch. Die Hoffnung ging weiter. Als
die athenische Volksversammlung das Recht die Matri-
kularbeiträge auszuschreiben für sich in Anspruch nahm,
hat sie auch bestimmt, dafs alle eingeschätzten Städte eine
Festdeputation zu den Panathenäen entsenden sollten, die
im Festzuge mit den Kolonien zu marschieren hätte. Und
wenig Jahre später verkündet Athena auf der attischen
Bühne, dafs Doros und Achaios nur die jüngeren, und zwar
vom sterblichen Vater gezeugten Brüder des Ion seien. So
bereitete sich die erhoffte Herrschaft über ganz Hellas vor.
So sprachen es die Athener aus, dafs sie etwas besseres
seien als alle anderen Hellenen, und als solche von den
') Mittlerweile haben wir erfahren, dafs schon Solon Athen die älteste
Stadt loniens genannt hat; aber darin liegt nicht der Anspruch, dafs alle asiati-
schen Städte athenische Kolonien wären. In Wahrheit hat Athen derartige
Beziehungen nur zu Milet gehabt (selbst von Priene ist es unwahrscheinlich),
und die gemeinsamen Phylen sind meiner Ansicht nach in Athen un ursprünglich.
62
Gottern zum Herrschen bestimmt. Und sie griffen nach
dieser Krone. Mag auch der peloponnesische Krieg von
Sparta und zwar unter nichtigen Vorwänden mit schlechtem
Gewissen begonnen sein: das leugnen die Athener selber
nicht, dafs sie alle Kräfte zusammennahmen und Jahre lang
auf den Entscheidungskampf rüsteten. Und die moralische
Verantwortung für den Kampf, in dem die ganze herrliche
Nation sich völlig verzehrte, Macht und Ehre, Glaube und
Sitte, Wohlstand und Freiheit zu Grunde ging, diese Ver-
antwortung mufs Athen tragen. Es kann sie tragen. Wenn
wir anerkennen, dafs die nationale Einheit ein Gut ist, an
das die Nation ihre Existenz setzen soll, so mufste Athen
um der Hellenen willen den Lebenskampf mit den Dorern
wagen: und wenn es recht ist und dem Beherrschten wie
dem Herrscher zum Heile, dafs der Bessere, der Höhere,
der zum Herrschen Befähigtere auch herrsche: so konnte
die nationale Einheit nur die Herrschaft Athens, in dieser
oder jener Form, bedeuten. Es war kein gemeiner Ehr-
geiz, noch ein planloses und unbedachtes Streben ins Blaue,
als Athen mit allen Kräften und beispiellosem Opfermute
diesen Kampf aufnahm und führte : es war zwar kein heiliger
Krieg, aber wohl ein Krieg für die höchsten Güter der
gesamten Nation. Wer sie versteht, wird die Athener be-
wundern, mehr noch im Unglück vielleicht, denn im Glücke:
Athen wufste was es that. '*Das höchste Sinnen gab dem
reinsten Mut Gewicht, wollte Herrlichstes gewinnen — aber
es gelang ihm nicht".
Wir hadern nicht mit der Geschichte. Unabwendlich
und nicht unverdient kam das Verhängnis. Aber die be-
siegte Sache war es doch, die den Göttern gefiel: auch wir,
spätgeborene Sterbliche, können nicht ohne Wehmut den
Fall dieses einzigen Volkes betrachten, das die Natur auch
zum ersten politischen bilden wollte — aber sie vergriff
sich im Ton und nahm ihn zu fein.
Ich fürchte mich nicht vor dem Anschein, dafs ich
etwa in dieser Skizze, die sich gewifs noch vielfach von
der Wahrheit entfernt, aber schwerlich so weit wie von den
63
landläufigen Darstellungen dieses Gegenstandes, die Ähn-
lichkeiten gewisser Beziehungen und Rechtsformen des
antiken Staates mit dem modernen ungebührlich hervor-
gehoben hätte. Allerdings ist in manchem die Sinnesart,
welche zuerst im athenischen Volke ausgebildet worden ist,
dieselbe, die auch uns beseelt. Auch wir fordern von jedem
Vollbürger, dafs er die schwerste Pflicht auf sich nehme,
sich selbst an der Verwaltung seines Staates zu beteiligen,
und verleihen ihm dafür das schönste Recht, sein Vater-
land mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Aller-
dings mühen auch wir uns noch mit den ewigen Problemen,
welche zuerst der athenische Geist erfafst und in seiner
Art zu losen versucht hat, die Gegensätze der Freiheit und
des Gesetzes, die Rechte des Individuimis und die der über-
geordneten Gemeinschaft auszugleichen. Auch wir sind ein
freies Volk und glauben, dafs die Einheit der Nation um
keinen Preis zu teuer erkauft ist. Und doch wird alle
Ähnlichkeit innerlich aufgehoben durch einen entscheidenden
Unterschied. Das beste hat euch doch gefehlt, ihr edlen Bürger
von Athen. Eure Weisen reden uns von einer höchsten
Liebe, welche, losgelöst vom Körperlichen, nur noch Insti-
tutionen, Gesetzen, Ideen gelte. Wir sind gewifs von här-
terem Stoff geformt, das spröde aber dauerbare Geschlecht
des Nordens: aber wir vermeinen, dafs die Liebe höher
stehe, wo die vollste Hingabe an die Institution und die
Idee sich unlösbar verbindet mit der eminent persönlichen
Hingabe wieder an die Person; imd wir wissen jedenfalls,
wie warm diese Liebe ein treues Menschenherz macht.
Unseren Kindern, da sie kaum gelernt haben, die Hände
zu falten vor dem lieben Gott, weisen wir ein Bild, lehren
sie die edlen Züge kennen und sprechen, *das ist unser
guter König*. Unsere Jünglinge, wenn sie wehrhaft werden,
blicken mit stolzer Freude auf das schmucke Kriegsgewand
und sprechen: *ich geh' in des Königs Kleid'. Und wenn
sich die Nation zu gemeinschaftlicher politischer Feier zu-
sammenfindet, dann ist der Ehrentag kein festo dello statuto,
kein jour de la Bastille und keine Panathenäen; dann beugen
64
wir uns in Ehrfurcht und Treue vor ihm, der uns leibhaft
hat schauen lassen, was unserer Väter Träumen und Sehnen
war, vor ihm, dem allezeit Mehrer des Reiches an Freiheit,
Wohlfahrt und Gesittung, vor des Kaisers und Königs
Majestät.
Heil rufen wir auch heute dem deutschen Kaiser,
unserem Königfe!
Basileia.
Rede zur Feier des 25-jährigen Regierungs- Jubiläums seiner Majestät
des Kaisers und Königs am 3. Januar 1886 gehalten im Namen der
Universität Göttingen.
Ein neues Jahr haben die Glocken eingeläutet. Die
erste Pflicht, die es uns auferlegt, ist eine Pflicht der reinsten
Dankbarkeit, der innigsten Freude. Ein Vierteljahrhundert
ist heute vollendet, seit unser königlicher Herr den preufsi-
schen Thron bestiegen hat. Wohl ziemt es sich, dafs in
allen Kirchen Dankgebete zu Gott emporsteigen, der diesen
Herrn seinem Volke gesetzet und erhalten und gesegnet
hat, ihn, der in schlichter Frömmigkeit und demütigem
Gottvertrauen dem Höchsten wie dem Geringsten seines
Volkes ein leuchtendes Vorbild ist. Wohl ziemt es sich,
dafs auf jedem Waffenplatze Preufsens Krieger mit klin-
gendem Spiele, mit dröhnendem Marsche, mit brausendem
Hurrah ihrem Könige und Kriegsherrn die soldatische
Huldigung darbringen, der das Kriegerkleid 78 Jahre lang
getragen, in trüber und in heller Zeit, im Staube des Exer-
zierplatzes und im Dampfe der Schlacht, allezeit und aller-
orten in Ehren: dem schlachtendenkenden Heerführer und
dem jüngsten Musketier gleichermafsen das unerreichbare
Vorbild militärischer Tugenden. Auch unserer Universität
ziemt es, ihrem Könige zu huldigen in ihrer Weise.
Zwar ist die erste Aufgabe der Universität, Wissen-
schaft zu lehren, und die Wissenschaft ist so wenig national
V. Wilamowitz- M., Reden. 5
wie die Religion. Die Wahrheit sucht sie, und die i
eines Volkes noch eines Staates, so wenig wie das Gute
oder das Schöne oder irgend etwas, das göttlicher, ewiger
Natur ist. Die Wissenschaft bedarf vor allem Freiheit,
Deren geniefst sie längst. Auch materielle Förderung kann
ihr nur mittelbar zu teil werden. Die Einwirkung, welche
die Wissenschaft dadurch erfahrt, dafs sie mit dem ganzen
Kulturleben der Nation in steter Wechselwirkung lebt, ist
allerdings ungeheuer. Aber diese Einwirkung ist dem
Wollen des einzelnen Menschen und des einzelnen Staates
entrückt, ja die Gegenwart vermag dieselbe nur unvoll-
kommen zu schätzen. So wenig wie ein wirkliches Gedicht
oder ein wirkliches Gemälde läfst sich ein wissenschaftlicher
Gedanke durch Menschen willen oder staatliche Vorsorge
erzeugen. Die Dankbarkeit also, mit der wir rühmen, dafs
unser König die Freiheit der Wissenschaft schirme, was
bei einem Fürsten auf Friedrichs Throne selbstverständlich
ist, und dafs er jedem ihrer Teile jede mögliche Förderung
angedeihen lasse, in dem hohen Sinne seines unvergefslichen
Vaters, mit den Mitteln der Macht und des Reichtums,
welche erst seine segensreiche Herrschaft dem deutschen
Volke errungen hat: diese Dankbarkeit, so tief wir sie
empfinden mögen, ist es doch nicht, welche der Universität
in erster Linie zur Feier dieses Tages den Anstofs giebt.
Aber die Universität hat nicht allein die Wissenschaft
zu pflegen. Lehrer sind wir. Ein kostbarer Teil der
Jugendblüte des Volkes ist uns wahrend der bildsamen Jahre
der ersten Lemfreiheit anvertraut. Auf die Freiheit ihrer
Bürger ist die deutsche Hochschule gegründet, zur Freiheit
will sie dieselben erziehen. Aber sie kann und darf die
Verantwortung für diese jungen Seelen so wenig ablehnen
wie es das Heer thut, dem die unerläfsliche Ergänzung der
Erziehung zusteht, die auf den Gehorsam gegründet durch
Gehorchen zum Beherrschen befähigen wül, erst seiner
selbst, dann der anderen. Und so ist es allerdings die ge-
ziemende Pflicht der Universität, mit lautem Worte dieser
Königstag zu feiern.
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Sie, unsere jungen Kommilitonen, sind zumeist schon
unter dem Regimente unseres königlichen Herrn geboren,
und an die Segnungen, welche dasselbe erst geschaffen hat,
sind sie alle als an etwas Selbstverständliches und Alltäg-
liches gewöhnt. Ja sie sind selbstverständlich, wie dafs die
Saat reift und die Traube schwillt, alltäglich, wie dafs die
Sonne wärmt und der Quell erquickt. Aber waren sie es
vor 25 Jahren? Waren sie überhaupt? So richten Sie denn
Auge und Herz empor zu dem Könige, unter dessen schir-
mender Hand diese Segnungen von Freiheit, Wohlfahrt
und Gesittung uns selbstverständlich imd alltäglich geworden
sind wie die Gaben der ewigen Natur, zu dem Könige,
der seinem Volke das höchste Kleinod, die Einheit und die
Ehre der Nation erst erstritten hat.
Und doch ist jede solche Erwägung, weshalb und in
welchem Sinne wir diesen Tag begehen, im Grunde schal
und flach und falsch. Sei uns die Wissenschaft noch so
hoch und heilig, halten wir sie noch so rein von allem
Menschlichen: Menschen sind wir, wir sind Preufsen, unser
König feiert einen Ehrentag: da feiern wir mit wie wir
können. Wie sollten wir anders? Wes das Herze voll ist,
des gehet der Mund über.
Mit Stolz sehen seine Preufsen, dafs. Dank ihrem Könige,
die Welt, und unsere Feinde nicht zum mindesten, haben
lernen müssen, welche überwältigende Macht der Majestät
des Königtumes innewohnt.
Der gewaltige schottische Prophet, der die treibenden
Kräfte unseres Volkstums so tief erfafste und deshalb ein
Prophet Friedrichs und Goethes ward, hat die Königsmacht
höher gepriesen als irgend jemand in unseren Tagen. Aber
ihm ist ein König nur der Heros, der mit elementarer Ge-
walt die Welt aus ihren Fugen wirft und sie zwingt in
neuen Bahnen zu wandeln, die er ihr anweist. Carlyles
Geschichtsbetrachtung trägt, wie übrigens die eines jeden
selbständigen Denkers, die Züge seines eigenen Geistes.
Er war selbst eine vulkanische Natur, suchte in der Ge-
schichte die Katastrophen, unter den Menschen die Heroen.
5*
68
Die stetige Entwickelung liefs er nicht zu ihrem Rechte
kommen, die Institutionen verachtete er. Das waren nur
Kleider nach seiner grotesken Schneiderterminologie. Da-
mit aber hatte er seinen Goethe nicht ganz verstanden, der
da lehrt „die gelinde Macht ist grofs", und er hatte den
preufsischen Staat nicht ganz verstanden, dessen Wurzel
die beständige Macht des Königtumes ist, die sich nach
Zeiten und Personen verschieden bethätigt, aber deshalb
Zeiten und Personen überdauert.
Schon die Jahreszahl 86 richtet unsern Blick auf den
König, den Carlyle den letzten genannt hat, wie denn
allerdings Friedrich in Carlyles Sinne der letzte König ist.
Man erzählt, dafs König Friedrich vor hundert Jahren das
Wort gesprochen habe, er sei es müde, über Sklaven zu
herrschen. Trotz der bitteren Ungerechtigkeit gegen seine
Preufsen liegt doch auch eine bittere Wahrheit darin, und
niemand kann ohne Wehmut auf die letzten einsamen Jahre
des gröfsten aller Preufsen schauen. Wir Deutschen, die
wir heute ein Jahrhundert nach ihm leben, sind ein freies
Volk, stolz auf unsere Freiheit, die unser Kaiser in seiner
ersten Proklamation an erster Stelle zu schützen versprochen
hat, und wohl dürfen wir unsern Kaiser glücklich preisen,
dem es beschieden ist „auf freiem Grund mit freiem Volk
zu stehen", und der es, Gott sei gedankt dafür, nimmer
müde wird, sein freies Volk zu beherrschen. Die Formen
haben gewechselt: die Majestät des Königtumes strahlt heute
nicht minder hell denn in König Friedrichs Tagen.
Die Majestät! Ein Fremdwort müssen wir brauchen,
um eine Idee zu bezeichnen, die über deutsche Herzen so
mächtig ist, und nicht einmal ein schönes Wort, bezeichnet
es doch nur etwas Relatives, etwa das schlechthin Über-
legene. Wie viel wahrer und natürlicher würden wir reden,
hätten wir unser deutsches Königtum in diesem Sinne ver-
wandt oder ein ähnliches Wort gebildet. Und so würden
wir gethan haben, hätte sich unsre öffentliche Formelsprache
aus der griechischen statt der lateinischen entwickelt. Haben
doch einige byzantinische Kaiser die lateinische Majestät
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geradezu ßajiXela, das ist Königtum, genannt, und sie, die
den Anspruch auf die Weltherrschaft nicht minder von Rom
überkommen hatten als die römischen Kaiser deutscher
Nation, tragen den Königsnamen ßajtXeug ausschliefslich;
für fremde Könige hat man das lateinische Lehnwort rex
aufgenommen. Es ist eben zwar in Rom der Königsname
geächtet und in der Volksvorstellung zum Tyrannen ge-
worden: den Hellenen ist er allezeit etwas Hohes und Hei-
liges geblieben, von allen Bezeichnungen für den Träger
staatlicher Macht allein ein Träger der Majestät; wie denn
wohl Zeus, wie der Vater so der König aller Menschen ist,
Jupiter nur, wenn er die Maske des Zeus trägt ^). Dafs
die Hellenen bei der hohen Schätzung der Königswürde
beharrten, hat seinen Grund in der Pietät, mit welcher sie
an ihrer Heldensage hingen, in der sich geschichtliche Er-
innerungen mit religiösen und ethischen Konceptionen der
Volksphantasie durchdrangen. In der Sage lebten die gott-
1) In den Tagen, da die attische Demokratie auf der Mittagshöhe ihrer
Macht und ihres berechtigten Selbstgefühles stand, wufsten die attischen Lust-
spieldichter von der schönen Jungfrau Basileia zu fabeln, die bei Vater Zeus
die Verschliefserin von Donnerkeil und Ambrosia ist. Sie läfst sich der Stifter
von Wolkenkukuksheim als Braut ausliefern: hat er das höchste Strafmittel
und die höchste Belohnung, Unsterblichkeit, zu seiner Verfügung, so sind frei-
lich die Olympier auf das Altenteil gesetzt. Der spielende Dichter giebt nun
zwar der Majestät nicht den Namen Königtum (/SaoriZf/a) , wie ihn ihr Wesen
fordert, sondern sagt Königin {ßaaiXfta), wozu er das Wort nur anders zu be-
tonen brauchte, weil so die Personification weit bequemer sich machen liefs,
vielleicht auch, weil eine alte Landesfürstin diesen Namen BaaiXri geführt
haben sollte» Spätere Zeiten, die an allegorische Dichtung mehr gewöhnt
waren, haben auch diesen kleinen Unterschied fallen lassen. — Mittlerweile
hat sich durch einen neuen Fund herausgestellt, dafs die Baatlrj keine alte
Landesfürstin sondern die Königin des Totenreiches gewesen ist, die Gattin
des Herrn drunten, den man wohl auch den Rosseschirrer benannte, ähnlich
auch sie {Z^v^innog , Zev^Cnnrj); wenn diese universalen Gewalten in der
engeren Bedeutung als Landesheroen gefafst werden, heifst der Gatte Neleus,
der »Erbarmungslose* : das ist zugleich Neleus, der Vater Nestors, der Ahn
des pylisch- athenischen Adels. Den Komikern waren diese Beziehungen ent-
• schwunden, eigentlich sogar dem ganzen Altertum. Schon Homer ahnt nicht,
was er damit sagt, dafs Nestor mit vrikr\i,ot, Xtittoi fährt: sie sind von der Zucht
des xXuxoTKokog,
gesetzten Könige, und selbst die attische Demokratie hat |
sich als den Vertreter ihrer Ideen in der Sagenwell einen '
König, Theseus, erkoren; aber nur in der Sage lebten sie
noch. Wo das Königtum im Besitze der angestammten
Familie sich erhalten hatte, in Sparta, besafs es wenig mehr I
als die omamentale Bedeutung, welche ihm die konstitu- I
tionelle Theorie in ihrer äufsersten Schroffheit auch zuge-
steht. Wohl waren in den Jahrhunderten 8—6 v. Chr. viele
Monarchen aufgekommen, aber die Alleinherrscher, welchen
die Revolution den Thron gab, schreckten vor dem Königs-
namen zurück. Selbst Gelon und Hieron von Syrakus ]
scheinen ihn offiziell nicht geführt zu haben, sicherlich f
Dionysios I. nicht, der sonst wenig Rucksichten zu nehmei
gewohnt war. Aber der Königsname wäre ein Hohn ge- |
wesen, so lange die Unterthanen der gesetzlichen Freiheit 1
entbehrten, welche der Hellene, welche ein Volk auf dem
Stande der Kultur, wie es seit Solons Zeiten in Hellas fast ]
durchweg war, nun einmal unter jeder Staatsform bedarf,
finden kann und finden mufs, Gewaltherrschaft, Gesetz- I
losigkeit, das ist es was der Hellene nicht erträgt; frei muls I
der Gedanke und seine Aufserung sein (so weit nicht die
Religion Schranken fordert), frei die Bewegung, namentlich
auch die wirtschaftliche Bewegung des Individuums ; in den
Gemeinden, auf denen sich der Staat auferbaut, raufs Selbst-
verwaltung, in der Rechtsprechung mufs das geschriebene i
Gesetz herrschen. Beamtenwillkür, bureaukratische Be-
vormundung, Klassenherrschaft, das ist ihnen zuwider. Aber j
dals sich diese politische Freiheit mit dem Königtum nicht
vertrüge, das ist so wenig eine hellenische Anschauung,
dafs sie vielmehr deshalb den ihnen bekannten hellenischen '
Monarchien den Königsnamen versagten, weil in denselben
in der That diesen Anforderungen nicht genügt ward. Das
Königtum, dessen Namen erstrebt zu haben dem gröfsten
Römer das Leben gekostet hat, ist dem Athener etwas |
Heiliges: dafür ist die Selbstverwaltung der griechischei
Gemeinde zwar nicht dem Italiker aber wohl dem Römer |
etwas Fremdartiges. Das Hellenische stellt sich hier wie ",
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so oft dem Germanischen zur Seite, zu Römern und Romanen
in Gegensatz.
Das mag befremdlich klingen, ja es mufs es. Denn
das Verständnis des Hellenentums in politischer Hinsicht
hat ebensowenig wie das Verständnis der hellenischen Ge-
schichte mit dem für hellenische Kunst und Poesie Schritt
gehalten. Diese wurden seit Winckelmanns und Lessings
Tagen in ihrer originalen Gestalt erschlossen; sie werden
infolge der Einwirkung, die sie auf unsere eigene Literatur
und Kunst ausgeübt haben, auch jetzt noch ziemlich sicher
und richtig aufgefafst. Das staatliche Leben der Griechen,
besser der Athener, um die es sich wesentlich handelt, sah
man noch vor 80 Jahren ganz im Nebel der Phrase des
späteren Altertums. Wohl suchte man auch hier das
griechische Ideal, aber man fand es im Plutarch, d. h. in
einer keinesweges historische, sondern moralisch erbauliche
Zwecke verfolgenden biographischen Darstellung. Plutarch
war der Born, aus dem man im Salon der Mme. Roland
Begeisterung trank, aus dem Plutarch holte sich Karl Moor
den Ekel wider das tintenklexende Saekulum, und dafs man
nicht meine, nur der Radikalismus habe es so gehalten:
Plutarch war bis in seine letzten Tage Goethes Liebling,
und seine Lektüre empfahl der Freiherr v. Stein dem Prinzen
Louis Ferdinand zur Sammlung seines Geistes. Von den
Existenzbedingungen des attischen Staates wufste man so
wenig wie von den Zielen seines Strebens. Den Umschwung
herbeigeführt zu haben ist das Verdienst Aug. Boeckhs,
dessen hundertjährigen Geburtstag die Philologie vor wenig
Wochen gefeiert hat^). Er ging daran die Staatshaushaltung
1) Besser hätte ich gesagt, hätte feiern sollen ; man hat sehr wenig Notiz
davon genommen, wie denn natürlich die Menschen, wenn sie die 60 und 50
und 25 der Lebenden feiern, für die 100 der Toten weniger Interesse zeigen.
Es wird überhaupt Boeckhs wissenschaftliche Gröfse unverantwortlich wenig
gewürdigt. Wer ihm einmal ein Stück nachgearbeitet hat, kann sich gar nicht
genug thun in der Bewunderung von solcher Solidität der Arbeit: mir ist nichts
Vergleichbares begegnet. Und dabei ist doch auch bei ihm das Gröfste, was er
als Ziel bezeichnet, nicht bis wohin er selbst uns geführt hat.
72
der Athener darzustellen, und um dies zu thun, war er ge-
nötigt sehr viel mehr zu untersuchen, z. B. Bevölkerungs-
dichtigkeit, Wert des Geldes und der notwendigen Lebens-
bedürfnisse, Organisation der Verwaltungsbehörden — Fragen
an die man zuvor kaum gedacht hatte. Ein langes Leben
hat er diese Forschungen gepflegt, unterstützt von wenigen
Mitarbeitern, aber in überraschender Weise durch das An-
wachsen des Materiales, welches die befreite attische Erde
herzugeben begann, als die Zeit gekommen war, es zu ver-
wenden. Erst so ward die Möglichkeit gegeben, griechische
Geschichte in anderer Weise zu schreiben, als durch Nach-
erzählen antiker Erzählungen unter Anlegung des Mafs-
stabes nach irgend einem modernen politischen Credo. Ge-
löst aber ist diese Aufgabe keinesweges, kaum begriffen.
Jedes Jahr bringt jetzt ein bis zwei Bücher, die sich
griechische Geschichte nennen: in keinem ist das Wesent-
liche derselben begriffen. Was ist dieses Wesentliche? Dafs
die Athener nach den Siegen über Asien, die sie erfochten,
zielbewufst und opfermutig danach gestrebt haben, ihrer
Nation die Einheit zu erkämpfen; dafs das Reich, welches
sie gründeten, die einzige politische Schöpfung der Griechen
ist, welche auch des heutigen Staatsmannes Teilnahme ver-
dient. Für die Einheit und Ehre der Nation sind sie in
den peloponnesischen Krieg gezogen — und sind unter-
legen. Mit dem Sturze des attischen Reiches ist es um
den nationalen Staat geschehen, geschehen für immer. Das
ist die grofse Tragödie der attischen Geschichte.
Gewifs ist es kein Zufall, dafe Boeckh in Berlin und
eben in den Jahren, wo Preufsen sich aus dem Fridericia-
nischen Staate in den gegenwärtigen umformte, nach der
Staatshaushaltung Athens zu fragen begann, und eben so
wenig ist zu bezweifeln, dafs die Einheitsbewegungen Italiens
und Deutschlands, welche vor unseren Augen zum Ziele
gelangten, diese unsere Augen geschärft haben, so dafs der
Punkt gefunden werden konnte, von dem aus betrachtet
die scheinbar divergierenden Linien der hellenischen Kultur-
entwickelung sich nach einem Ziele richten. Vielmehr ist
73
hier die Befruchtung des wissenschaftlichen Gedankens
durch die nationalen Bestrebungen und Erfolge der Gegen-
wart handgreiflich. Auch diese wissenschaftliche Arbeit
auf einem Gebiete, das von dem heutigen Tage Jahrtausende
trennen, ist unter dem glücklichen Zeichen des preufsischen
Königtumes gediehen, und deshalb nicht unwürdig an dieser
Stelle berührt zu werden. Für die Beurteilung der Zeit
nach dem Sturze des attischen Reiches hat vollends ein
preufsischer König den richtigen Augenpunkt zuerst an-
gegeben. Friedrich der Grofse schrieb an den Rand seines
Handexemplares von Montesquieus Consid6rations ces rois
de Macedoine itaient ce qu'est un rot de Prusse et un rot de
Sardatgne de nos jours. In der That, die Geschichte des
vierten Jahrhunderts ist nicht mehr hellenische sondern
philippische Geschichte. Der weitaus geistvollste zeitge-
nössische Geschichtsschreiber sah diese Wahrheit auch ein;
aber sie drang im Altertum nicht durch, denn die Wahr-
heit ist bitter und die Phrase ist süfs^).
Athen ist seit 404 statt der Vorort eines Reiches ein
vereinzelter schwacher schlecht verwalteter Mittelstaat. Es
hat keinen Staatsmann von organisatorischem Talente mehr
hervorgebracht, und wäre ein solcher erstanden, schwerlich
hätte er mehr vermocht als der eben so grofse wie edle Epa-
minondas, der statt auch nur sein Theben zu festigen die Zer-
trümmerung aller bestehenden Staaten gefördert hat. Die
Politik des Philippos trug mit leichter Mühe den Sieg da-
von. Sie war weder tyrannisch noch antihellenisch, und
doch erweckt der letzte Widerstand Athens nicht blofs um
der hinreifsenden Gewalt der demosthenischen Rede willen
unsere überwiegende Teilnahme. Die Parallele, die der
grofse König zog, werden wir heute, so hoch wir den ge-
schichtlichen Seherblick bewundern, nur mit einer wesent-
^) Leider ist die Phrase des Theopompos hierin überschätzt. Er hafste
Athen als samischer Parteimann; wenn es seiner HeimatspoHtik genützt hätte,
würde er die Phrase, die er bei Isokrates gelernt hatte, ohne Scrupel in der
entgegengesetzten Richtung angewendet haben. Ich hatte mich von der
Rhetorik blenden lassen.
liehen Einschränkung gelten lassen. Die Preufsen waren
Deutsche, die Pietnontesen Italiener: die Makedonen zwar'
den Hellenen nah verwandt und in ihrer äufseren Kultur
hellenisiert, aber ihr politisches und soziales Leben ruhte
auf so durchaus verschiedener Grundlage, dafs Makedonien
nie mit Theben und Athen zu einem Staate hat verwachsen
können. Deshalb ist der Widerstand des demosthenischen
Athens wahrhaft tragisch , weil er vergeblich sein
weil er wider das ewige unerbitterhche Recht der Geschichte
ficht; aber er ficht doch auch für ein gutes Recht, für die
Ehre des Vaterlandes.
In diesem Kampfe, wo niemand klarer als Demosthenes
das Übergewicht der nationalen Monarchie des Philippos
durchschaute, liefs freiüch der patriotische Redner den
Gegensatz der Staatsformen oft in scharfen Antithesen
scheinen. Das darf indes durchaus nicht als Ausdruck
öffentlichen Meinung gelten. Die Stimmführer der Nation
standen keineswegs mehr auf der Rednerbühne der Volks-
versammlung. Im fünften Jahrhundert fragen wir immer
zuerst bei der Poesie an, im vierten bei der Sokratik und
ihrer minderwertigen Halbschwester, der Journalistik des
Isokrates.
Dieser wenig erfi-euhche aber sehr einflufsreiche Mai
hatte noch die Herrlichkeit des Reiches mit Augen ge-
sehen, hatte redlich mitgeholfen, als man 380 versuchte,
dasselbe zu erneuen. Dieser Rausch war bald verflogen,
und als neunzigjähriger wird Isokrates der entschiedenste
Anhänger Philipps. Mitten im demosthenischen Athen liefs
er eine Flugschrift ausgehen, welche die Politik Philipps,
nicht wie sie war, sondern wie sie den Athenern scheinen
sollte, ausführlich darlegte. Wahrlich, wenn der weltkluge
Schriftsteller, der stets nur eine Saite anschlug, die im
Publikum laut nachklingen mufste, solchen Schritt that,
so sieht man, welche Übertreibung und welche Selbst-
täuschung es war, wenn Demosthenes bei allen Gegnern
nur philippisches Geld und vaterlandslose Bösartigkeit sehen
wollte. Isokrates hatte freilich einige Jahrzehnte vorher
I
75
auch für einen kyprischen Kleinfürsten ein Manifest an seine
getreuen Unterthanen ausgearbeitet, das eben so gut in
den Tagen von Italiens Knechtschaft zu Gunsten des Herzogs
von Modena verfafst sein könnte').
Minder einflufsreich, noch ärmer an eigenen Gedanken,
aber menschlich weit erfreulicher ist die Schriftstellerei
Xenophons, und sie ist in hohem Grade charakteristisch
für die Zeit nach dem Sturze des Reiches und vor dem
Aufkommen Philipps. Athen war gestürzt durch eine
Koalition Sparta3 und Persiens. Was Wimder, dafs man
an dem eigenen Staat irre ward und für die fremden
Institutionen Partei nahm. Die Oligarchie freilich erstickte
in Athen selbst in ihrem eignen Blute imd ihrer eignen
Schande. Spartas Herrschaft brach überraschend schnell
durch ihre Willkür zusammen, und bald lehrte Epaminondas
auch einen so gläubigen Verehrer wie Xenophon die innere
Hohlheit des lykurgischen Staates einsehen. Aber Persiens
Grofskönig erhob sich aus der Gefahr von Kunaxa zu neuer
Kraft; der Hof des Artaxerxes konnte den g^echischen
Freistaaten bald den Frieden diktieren, den die konventionelle
Historie den des Antalkidas, die gleichzeitigen ehrlichen Ur-
kunden den Königsfrieden nennen. Und so kam es, dafs
der brave Offizier, der die lo ooo dem Artaxerxes und allen
asiatischen Myriaden zum Trotz heil an die hellenische See
geführt hatte, als Schriftsteller der eifrige Verfechter einer
Monarchie wurde, für die er die Farben von Asien borgte.
Er schrieb den politisch-militärischen Roman von Kyros,
welcher in scheinbar historischer Form seine Ideen ent-
wickelt. Er wollte die Monarchie schildern, den Staat
1) Diese Charakteristik wird dem Streben des Isokrates nicht gerecht,
der als rechter Journalist immer Tagespolitik getrieben hat, und to heguüe
the time, look like the time, wie Lady Macbeth sagt, gehört da zum
Handwerk. Sein Handwerk aber hat Isokrates verstanden, wie nur einer, und
seine Wirkung ist mächtig, so weit der Einflufs der antiken Rhetorik reicht.
Dabei ist er ein guter athenischer Patriot immer geblieben. Dafs er Wissen-
schaft für Unsinn hielt, weil sie tiber seinen Captus ging, ist bei dem Schüler
des Gorgias verzeihlich, und dafs er es eingestand, erfreulicher, als das
Gebahren vieler Späteren und Gegenwärtigen, die ebenso denken oder handeln.
76
wie er sein soll. Dafs das jetzige Persien so nicht war,
wufste niemand besser als der Verfasser der Anabasis. Den
Widerspruch zu verdecken ging über seine schriftstellerische
Kraft, und er blickt nun an allen Ecken und Enden hervor.
Deshalb hat das wunderliche Buch wenig gewirkt. Aber
es ist um so bezeichnender, als Leute von Xenophons
Schlage, weil sie eigener Ideen entbehren, gute Reflektoren
weitverbreiteter Stimmungen sind.
Während die hellenischen Staaten sich den Königs-
frieden diktieren liefsen, gebot in Syrakus der Tyrann
Dionysios als Retter des Hellenentums vor Karthagos
Heeren. Auch dieser Gegensatz wirkte stark nach Hellas
hinüber. Isokrates hat einen Augenblick gedacht, ob Diony-
sios nicht für Hellas das leisten könnte, was Philippos ihm
später leisten sollte. Und Xenophon hielt dem Dionysios einen
Regentenspiegel vor, indem er mit durchsichtiger Fiktion
statt seiner seinen Vorgänger Hieron einführte '). Er zeichnete
hier den Tyrannen, der durch Willkürherrschaft nicht nur
seiner Unterthanen, sondern auch das eigne Glück ver-
scherzt, dort den König, der beide sichert. Es ist ein arm-
seliges Machwerk, das Dionysios leichter Hand bei Seite
geworfen haben wird, er, dem der grofse Piaton zwar im-
ponierte aber so unbequem ward, dafs er sich seiner nach
Tyrannenart entledigte. Aber auch der grofse Piaton hat
das politische Heil der Nation nur in einem Könige in
Carlyles Art gesehen. Freilich sah er zu tief, um nicht die
wahre Regeneration in den Seelen der Menschen zu suchen:
und dazu hat er ihnen ja die Wege gewiesen.
1) Die Hypothese, der ich damals folgte, dafs Xenophons Hieron auf
Dionysios berechnet sei, habe ich mittlerweile als falsch erkannt. Nicht das
mindeste Sicilische ist in dem Schriftchen; auch nicht das mindeste Aktuelle.
Die blasse Erfindung des Dialoges soll nur den ganz allgemeinen Inhalt schmack-
haft machen, der darauf hinausläuft, dafs ein absoluter Herrscher, für Hellas also
ein Tyrann, auch persönlich am besten fährt, wenn er die Sorge für das Ge-
meinwohl sich zur Richtschnur nimmt. Dafür, dafs Xenophon, der sich von
kynischen Lehren am leichtesten imponieren liefs, den aufgeklärten Despotismus
für die beste Staatsform hielt, ist der Dialog allerdings gut. Xenophon ist
nicht ohne Grund im ig. Jahrhundert besonders beliebt gewesen.
77
Von dem Manne und aus der Schule endlich, die hier
vornehmlich zu nennen wären, von Antisthenes und den
Kynikem, ist direkt nichts erhalten. Der Kynismus, der
sich vielfach in einen atomistischen Individualismus verlor,
hat der absoluten Monarchie der Diadochenstaaten so stark
vorgearbeitet, wie keine andere Schule. Mit Fug gruppiert
die Sage Diogenes den Hund, den Vaterland-, heimat-, fa-
milenlosen Bettelphilosophen mit dem Weltherrscher Alexan-
der. Die Erbin des Kynismus, die Stoa, gegründet und
vertreten zuerst fast ausschliefslich durch semitische Orien-
talen, ist vollends die nächste Verbindung mit dem make-
donischen Staate eingegangen. Antisthenes selber hat ohne
Zweifel schon die Frage der Monarchie erörtert, er hat so-
gar einen Kyros geschrieben, dessen Beziehungen zu Xeno-
phon noch nicht ermittelt sind. Er hat Herakles zu einem
idealen Kyniker umgestaltet, ein Typus, der dann viele
Jahrhunderte gegolten hat. So geht vielleicht auf ihn,
jedenfalls auf kynische oder altstoische Dichtung ein Bild
der Majestät des Königtums zurück, das ich heute hier
vorzuführen wage. Erhalten ist es uns durch den trefflichen
Dion von Prusa, in einer Rede zu Ehren des Traianus, einer
Königsrede : und auch deshalb führe ich es gerne vor. Es
ist eine Umbildung der Parabel von Herakles am Scheide-
wege, die Berufung des Herakles zu seiner Lebensaufgabe,
die da ist, ein wahrer König zu werden. Hermes holt den
jungen Zeussohn ab, entführt ihn in das Hochgebirge, wo
zwischen Felsenstürzen und Giefsbächen eine einsame Klippe
emporragt, hoch über der Sphäre, in der die Wolken ziehen
im reinen Äther. Da safs auf glänzendem Throne ein statt-
lich schönes Weib, ähnlich den Herabildern, in weifsem Ge-
wände, ein Scepter in der Hand, von Metall, reiner und
glänzender denn Gold und Silber. Freundlich blickte sie,
aber streng, so dafs dem Guten das Herz von Zutrauen
schwillt, der Schlechte das Auge niederschlagen mufs.
Sicher und ruhig war ihre Haltung. Eine Fülle von Früchten,
Heerdenvieh, Silber, Gold und Waffen lag zu ihren Füfsen;
sie aber schaute nicht auf Waffen und Schätze, sondern
78
weidete ihre Augen an den schwellenden Früchten undj
dem Gedeihen der Heerden. Und Herakles überkam einM
Gefühl von Ehrfurcht, dafs er errötete, wie ein guter Sohii,^
wenn er zu einer edlen Mutter aufblickt. Und schüchtern'
fragte er den Hermes, wer das wäre. „Das Ist Basileia,
die Tochter des Königs Zeus. Und die dort neben ihr
steht, die kraftvolle prächtige Jungfrau mit mildem aber
entschiedenem Blicke, das ist die Gerechtigkeit, die schönste i
von Basileias Gefährtinnen, die ihr allezeit zur Rechten"^
sitzt; und ihre nahverbundene ähnliche Genossin, das ist j
die Ordnung; die aber zur Linken, voll Anmut, in reichemj
Putze mit sorglosem Lächeln , das ist der Friede. Der ge~ I
waltige Mann endlich, mit grauem Haar und erhabenem!
Ausdruck, der neben dem Scepter Basileias steht, der ist'l
das Gesetz'), ihr Berater und Beisitzer, ohne den die Göt-I
tinen nichts beginnen in Handlungen noch in Gedanken". |
Da durchzuckte Herakles freudige Zuversicht, und nachdem i
er das Gegenstück, die Tyrannis, gesehen hat, die nochJ
ausführlicher geschildert wird, entscheidet er sich natürliclt
für Basileia.
Wir sind für Allegorien wenig empfanglich, und siel
pflegen in fremder Sprache besonders stark zu verblassen.l
Dennoch wird genügend belegt sein, wie würdig ein HellenoJ
vom Königtume reden konnte, und auch dafs wir diese«
Basileia auf deutsch schlechthin nur mit Majestät wieder-]
geben könnten. Dafs aber zu dem Throne Basileias nichtl
eine huldigende Menschenschaar sich drängt, dem Verfasser
offenbar der Gedanke an jede persönliche Empfindung, an
die Hingabe des Volkes an die Person des Königs gänzlich
1) Xufios, ö cF' ttVTü; xbI loyo; opS-di i!frl.ixat 75, darin TCiräth sldV^^H
die Herkunft. — Heule niöchle ich nicht mehr sagen, als dafs dies« ^^
Ausdruck und so der Ge dank enge halt der Rede mit dem kyuiscli- stoischen,
allerdings allstdisclien Maleriale wirtscbaflef ; direkte Entlehnung läfst sich
nicht wahrscheinlich machen, am wenigsten von Antisthenes, deu ich damals
iwar nicht so hoch, wie Mode war, aber immer noch lu hoch schätzte. Ich
weifs nun, dafs die meisten platonischen Stellen, die man auf ihn bezieht,
schon um der Zeit willen ihn gar nichts angehn.
U
79
fem gelegen hat, das wollen wir ihm nicht verübeln, der
diese Empfindung weder selbst hegen noch an anderen er-
blicken konnte. Was uns aber das Herze schwellt, ist ja ein
eminent persönliches Gefühl, und es gilt nicht der abstrakten
Institution sondern der Person. Und so stark auch die
Scheu ist, das Empfinden zu persönlich zu äufeem, imd so
stark es die Ehrfurcht zu zügeln gebietet: es würde des
persönlichen Festes unwürdig sein, ganz davon zu schweigen,
was unser König seinem Volke geworden ist.
Schauen wir doch um 25 Jahre zurück. Damals hatte
Preufsen in der inneren Ausgestaltung seiner Verwaltung
und Staatshaushaltung unendlich viel nachzuholen; unleug-
bar stand es in mancher Beziehung hinter seinen deutschen
Nachbarstaaten zurück. Seine europäische Stellung mufste
es sich erst zurücknehmen ; noch der italienischen Einheits-
bewegimg stand es ohne Entschiedenheit gegenüber. Die
Ziele aber, welche in Deutschland zu erkämpfen Preufsens
Ehrenschuld war, schienen femer denn je. Wer hätte
ahnen können, dafs es dem 64 jährigen Manne, der sich nun
die Königskrone aufs Haupt setzte, beschieden sein sollte,
nicht nur alle jene Schulden einzulösen und binnen zehn
Jahren die deutsche Kaiserkrone aus den Händen der
deutschen Fürsten imter dem Jubel des deutschen Volkes
zu empfangen, sondern auch diese neue Krone so -lange
und so glorreich zu tragen, dafs das Gedächtnis an den
preufsischen König Wilhelm verblassen wird, das Bild des
deutschen Kaisers, das Heldenbild, das wir zu schauen be-
gnadigt sind, fortleben wird, so lange der deutsche Name
§ich erhält. Nicht heute erst, schon bei seiner Thronbe-
steigung stand der König da als der Zeuge einer Zeit,
die dem immer rascher lebenden Geschlechte noch femer
schien als sie war. Hatte ihn doch als Kind die Gräfin
Voss auf den Knieen geschaukelt, die bei König Friedrichs
Gemahlin Hofdame gewesen war. War er doch in das Heer
getreten, als Staat und Heer fast zerschmettert lag, hatte
als junger Krieger sich den ersten Lorbeer zur Seite eines
russischen Regimentes bei Bar sur Aube gepflückt, so dafs
80 ■
ihn heute nicht nur die preufsische sondern auch die russi- 1
sehe Armee als ältesten Ordensritter ehrt Im Staatsrat hatte 1
er gesessen, als Hardenbergs grofsartige Gesetzgebung zu J
dem Steuerwesen und der inneren Organisation des Staates I
den Grund legte. Auf seiner Brautfahrt hatten ihn Goethes 1
Segenswünsche begrüfst. FAn reifer Mann war er gewesen, 1
als die französische Julirevolution und der polnische Auf- j
stand mit entsetzlicher Deutlichkeit offenbarten , welche |
Gefahren Deutschland auf seinen beiden offenen Seiten be~ j
drohen. Auch der bevorzugteste Sterbliche wird für sein I
ganzes Leben durch die Eindrücke bestimmt, unter welchen |
er zum Manne reift. Zwischen dieser Epoche und der Thron- J
besteigung König Wilhelms lag ein Menschenalter, und I
während dessen war die Welt durch die Entfesselung der J
wirtschaftlichen Kräfte, die tausend Triumphe der Technik, i
und ebenso durch die Entfesselung von Revolution und |
Reaktion bis in die Tiefe umgestaltet. Wir wissen heute, I
dafs die unendlich schwere Aufgabe gelungen ist nicht ob- ^
gleich, sondern weil sie in Hände gelegt ward, welche an
dem Werk der Regeneration Preufsens mitgewirkt hatten;
was sich als öffentliche Meinung gab, hattte die Bedeutung
jener stillen aber gedeihlichen Arbeitszeit fast vergessen. ,
Die Regierung König Wilhelms nahm mit ruhiger Sicher-
heit sofort die Hardenbergische Gesetzgebung auf und führte |
sie im echten deutschen Sinne des Freiherm von Stein 1
weiter. So gelang in Bälde die Ausgleichung der Grund- 1
Steuer in Preufsen. zehn Jahre später die Kreisordnung und 1
die weiteren Gesetze zur Organisation der Landes Verwaltung,
zur Ausgestaltung eines Staates, der in der selbstthätigen J
Mitarbeit des Bürgers die stetige Selb st Verjüngung besitzen J
soll. Noch sind längst nicht alle Schritte gethan, die ersten!
aber so glücklich, dafs der Kämpfe kaum gedacht wird, 1
die sie gekostet haben; nicht viele wissen, wie sehr t
Gelingen dem persönlichen Eingreifen des Monarchen zu I
danken ist. Aber das wissen wir alle, wie er auf Scham-,
hörst und Boyen zurückgriff, wie er das preufsische Heer I
wieder wehrhaft, die allgemeine Dienstpflicht, namentlich '
81
auch die der gebildeten Stände, erst recht zur Wahrheit
machte. Damals verstanden ihn auch seine Preufsen nicht:
heute versuchen fast alle Staaten des Kontinents seine
Organisation nachzuahmen. Wohl waren die Zeiten des
Mifsverständnisses bitter für König und Volk; aber sie
sind zu einer heilsamen Lehre geworden, und die Bitternis
schwand bald, als Krieg und Sieg erkennen lehrte, dafs
Volk und Heer zusammenfallen, als der König erstritt, was
sein Volk ersehnte. Alles Grofse ist nur um schwere Opfer
feil. Noch einmal, zum letzten Male, so hoffen wir zu Gott,
traten Deutsche wider Deutsche zur blutigen Entscheidung:
aber nur wenige Jahre der Halbheit — Jahre doch so
fruchtbar für die innere Ausgestaltung der Lebensformen
unserer Gesellschaft wie wenige — da focht ganz Deutsch-
land in einer Linie, und derselbe hochherzige Fürst, der
1870 sein Heer, das vier Jahre zuvor wider Preufsen im
Feld gelegen hatte, mit dem Rufe „es lebe der König" zu
den Waffen rief, durfte im Schlosse zu Versailles als erster
den Ruf erheben „es lebe der Kaiser".
Als am 16. Juni 187 1 der deutsche Kaiser gegenüber
der Berliner Universität neben dem Standbilde des Mar-
schalls Vorwärts hielt, hoch zu Rosse, stundenlang in der
glühenden Sonne, deren Strahlen seinen Helm vergoldeten,
zur Seite den Sohn und Thronerben, der als erster Prinz
seines Geschlechtes sich den Marschallstab verdient, als
dann in langen Reihen die Trophäen der zerschmetterten
feindlichen Heere vorbeigetragen wurden, und in dichten Zügen
die siegreichen Krieger vorbei defilierten, in zerschlissenen
Kleidern aber mit festem Marsche (der Schweifs rann von
ihrer Stirn, und wer über die Ermüdung nicht die Gröfse
des Momentes vergafs, dem ward auch die Wimper feucht,
wenn er den Blick des scharfen Soldatenauges, seines
treuen Königsauges über sich hingleiten spürte): damals
als der ganze Jubel eines Volkes, das den Höhepunkt seiner
Geschichte erreicht hatte, sich in dem überwältigenden Ge-
fühle der Huldigung für seinen König zusammenfafste: da
stand der Kaiser auf dem Gipfel des Triumphes, den
V. Wilamowitz-M. , Reden. Q
82
irdisches Glück erreichen kann. Konnte es Höheres geben?
Für Menscheneitelkeit und Ruhmsucht nicht. Als Diagoras
von Rhodos zum dritten Male in Olympia gesiegt, da rief
ihm unter dem Beifall der Menge die eigene Gattin zu
„nun stirb Diagoras, denn in den Himmel steigen kannst
du doch nicht". Ein gottloses Wort, das kein Athener
sprechen konnte und auch kein Christ sprechen kann. Wir
Deutschen dürfen es als eine besondere Gnade Gottes preisen,
dafs er uns unsem Kaiser und König erhalten hat, damit
die ersten schweren inneren Kämpfe, die einem so jungen
Staatswesen notwendig auferlegt sein müssen, sich aus-
kämpfen, während die ehrwürdige Gestalt seines ersten
Kaisers auch den schroffsten Gegensätzen eine Stätte beut,
wo sie sich in einem gemeinsamen Hochgefühle zusammen-
finden können, damit eben diese ehrwürdige Gestalt und
die reine und reife Weisheit seines WoUens und Handelns
die auswärtigen Mächte von der Friedfertigkeit und Selbst-
bescheidung des zu scheinbar so bedrohlicher Macht er-
wachsenen Reiches zu überzeugen vermochte. Es fehlt
freilich nichts an einem dunkelen Schatten. So kränkend
wir die Schmach empfinden, auch des Tages mufs gedacht
sein, wo von diesem heiligen Kaiserhaupte das Blut rann,
das eines ehrlosen Buben feige Tücke vergossen, nicht
eines verführten urteilslosen ungebildeten, sondern eines
studierten und graduierten. Vor der Vollendung des Gräfs-
lichen hat uns die Vorsehung bewahrt: den Abgrund hat
sie uns gewiesen, neben dem wir wandeln. Gefahren rings-
um für unser junges Reich, für unsere alte Kultur. Und
die gröfste Gefahr ist, dafs wir selbst aus Bequemlichkeit
und Willensschwäche uns über die Gröfse der Gefahr hin-
wegtäuschen. Eine furchtbare Mahnung war jener Tag
der Trauer: dieselbe Mahnung sollen wir auch aus dem
Jubel des heutigen Tages vernehmen.
Es ist der Tag des Königs. Wir alle, vor allen aber
Sie, unsere jungen Kommilitonen, wollen im Angedenken
an diesen Tag die Erkenntnis festhalten, dafs es die
Majestät des Königtumes ist, welche Preufsen grofs gemacht
83
und Deutschland ein majestätisches Kaisertum geschaffen
hat, dafs in diesem Königtume das Heil unserer gesamten
Kultur liegt. Schauen Sie auf die Tafel dort, die die Namen
Ihrer Kommilitonen trägt, die im Felde den Tod fiir ihren
König fanden. Tausende sind so gestorben, und die Hundert-
tausende, welche die Kugeln verschonten, empfinden, dafs
sie ihrem König ebenso gut einen Tod schuldeten. In der
frischen gesunden Luft des Krieges, wo der Mann das
Leben gewinnt, weil er es einsetzt, da wird es leicht seine
Pflicht zu thun, da verwirren sich die Gefühle nicht. Aber
auch in der Dumpfheit der gewöhnlichen Tagesarbeit, in
der Schwüle der politischen Kämpfe, wo einem jeden heut
oder morgen die Not kommt, die eigne vielleicht bessere
Einsicht, das eigene dringende Interesse in Konflikt mit der
Entscheidung des Staates zu sehen, auch da wollen wir
nicht vergessen, dafs wir unserm König ein Leben schuldig
sind: und nichts soll uns die Liebe, die persönliche treue
Preufsenliebe zu unserm Könige vergällen. Dann mag der
Tag der Gefahr hereinbrechen: mag der einzelne zu Grunde
gehen, das Ganze wird überwinden.
Für heute aber fort mit den Schatten, aufwärts die Her-
zen, aufwärts den Blick zu dem ehrwürdigen Haupte unseres
kaiserlichen Herrn. Noch leuchtet dieses Auge majestätisch
und mild, spricht dieser Mund schlichte Worte, die von
Herzen kommen, zu Herzen gehen, hält diese Hand fest
das Panier seines Reiches. Wir aber rufen Heil dem Kriegs-
herrn, dessen Stirne der unverwelkliche Lorbeer krönt, drei-
mal Heil dem Friedensfürsten, dessen Thron stehet in den
Herzen seines Volkes: dem Vater des Vaterlandes.
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Ansprache an die Studierenden.
Gehalten zur J«'eier des 1 50 jährigen Jubiläums der Universität Göttingen am
9. August 1887 vor der Aula.
Kommilitonen !
In blendendem Festschmucke, mit wehenden Fahnen,
in endlosen Reihen sind Sie herbeigezogen am Ehrentage
unserer Universität sich selbst darzustellen, ihren schönsten
Schmuck, ihren lebendigen Körper, dem im ewigen Wechsel
ewige Jugend verliehen ist. Huldigen wollen Sie unserer
gemeinsamen Mutter, unserer Georgia Augusta, huldigen
Sr. Königlichen Hoheit unserem durchlauchtigsten Rector
magnificentissimus, den unser allergnädigster Kaiser König
und Herr in väterlicher Huld und Gnade uns zu setzen ge-
ruht hat. Wenn ich in dieser feierlichen Stunde wenige
Worte an Sie zu richten habe, so ist meine Aufgabe die
ernsten Empfindungen zum Ausdruck zu bringen, die uns
alle bewegen, bewegen sollen.
Wir begehen ein Erinnerungsfest; rückwärts wendet
sich zunächst unser Blick und Dankbarkeit ist unser erstes
Gefühl. Dort schaut in ehernem Bilde einer der Fürsten
auf uns herab, die in vergangenen Tagen es nicht ver-
schmäht haben, unserer Hochschule vorzustehen, und ein
jeder in seiner Weise ihr Bestes gewollt und gewirkt haben.
Ihnen allen gilt unser Dank, vorab dem erleuchteten Fürsten,
dessen Namen wir mit Stolz führen: und wie für sie alle
85
in unserm Herzen nur die ehrfurchtsvolle Pietät wohnt,
so vertrauen wir, dafs sie alle heute freundlichen Auges
auf das Blühen und Gedeihen ihrer Schöpfung hemieder-
schauen.
Ja sie blühet und gedeihet, und zumal wenn wir die
letzten fünfzig Jahre überblicken, werden wir mit Bewun-
derung inne, welche Lebenskraft die Georgia Augusta be-
wiesen hat. Und doch könnte es scheinen, als hätten wir
wenig Grund uns zu berühmen. Kommilitonen! Wahr-
haftigkeit ist die erste Pflicht des wissenschaftlichen Ar-
beiters, und wir wollen das Wort eines der gröfeten Göttinger
nicht zu Schanden machen, dafs die Phrase hier keine Stätte
habe. Gestehen wir es uns ein: die Stellung, die vor hun-
dert Jahren Göttingen im geistigen Leben der Nation ein-
nahm, die hat es nicht mehr und wird es niemals wieder
erhalten. Sollen wir darüber klagen? Das sei ferne. Denn
der Grund ist ja nicht der, dafs das wissenschaftliche Leben
Göttingens gesunken wäre : es hat sich nur dieselbe geistige
Kraft und Regsamkeit viele andere Stätten in unserem
lieben Vaterlande erobert; nicht wir sind ärmer, Deutsch-
land ist reicher geworden, und sein Reichtum beft-uchtet
und belebt auch unsere Universität. Ein edler Wettstreit
und ein neidloser Austausch der Kräfte ist für jedes mensch-
liche Wirken unendlich segensreicher als ein bequemer
Vorrang.
Aber noch mehr. Nicht blofs die Universität Göttingen,
die Universitäten überhaupt haben heute nicht mehr die
einzig bevorrechtete Stellung in der Schätzung der Nation
wie noch vor fünfzig Jahren, und sie werden sie niemals
wieder erhalten. Sollen wir darüber klagen ? Das sei ferne.
Denn es ist ja nicht die Hingabe an die wissenschaftlichen
Ideale schwächer, die Macht der Wissenschaft an sich ge-
ringer geworden: es haben sich nur dem menschlichen
Ringen und Streben unübersehbare andere Bahnen geöff-
net, und die Universität zuletzt wird so engherzig und kurz-
sichtig sein, irgend einer anderen Richtung der Arbeit
einen gleichberechtigten Idealismus abzusprechen, so sie
86
nur auch die höchsten Güter der Nation zum Ziele hat,
Freiheit und Ehre, Wohlfahrt und Gesittung. Nein nicht
wir sind krank geworden: Deutschland ist gesundet, und
die Entfesselung des politischen Lebens wird der Wissen-
schaft nicht zu nahe thun. Es war ein übeles Gleichnis,
dafs dem Vogel der Minerva der Flug nur in der Dämme-
rung gelänge: nicht das lichtscheue Käuzchen ist unser
Symbol, sondern der Adler des Zeus, der dem blendenden
Sonnenlichte entgegenfliegt. Im Kampfe, da stählen sich
unsere Kräfte: der Kampf ist der Vater der Dinge.
Aber freilich, wer im Kampfe stehet, der schaue auf
zu der Fahne unter der er ficht; und Kämpfe stehen uns
bevor ganz anderer Art als der Wettlauf um ideale Güter :
erbitterte blutige Kämpfe für die idealen Güter werden uns
beschieden sein. Ich rede nicht davon, dafs trotz aller
Friedfertigkeit des Volkes, trotz aller Weisheit seiner Lenker
heute oder morgen ein auswärtiger Feind uns zur Ver-
teidigung des Vaterlandes zwingen kann. Denn daran ist
ja kein Zweifel: hier schwillt keine Brust vom Jubel des
Festes, in der das Herz nicht noch höher schlagen wird,
wenn uns der König zu den Waffen ruft ; hier blüht keine
Jünglingskraft und Schönheit, die nicht, wenn es sein mufs,
freudig ihr Herzblut hingeben wird für die Ehre des Vater-
landes. Dafür sind wir Deutsche. Allein wer Augen hat
zu sehen, der sieht auch, dafs ganz andere mächtige näch-
tige Gewalten die Grundlagen nicht nur unseres Staates,
sondern unserer ganzen Gesellschaft und Gesittung zu unter-
wühlen nur zu geschäftig sind. Ihnen gilt es die Stirn zu
bieten, und wem stünde der Vortritt in diesem Kampfe
mehr zu als uns, deren Lenden gegürtet sind mit dem
Schwerte des Geistes. Werden wir siegreich sein? Wir
werden es, wenn jeder von uns seine Schuldigkeit thut.
Und wir dürfen gutes Zutrauen haben; denn vor loo Jahren
waren die Universitäten keine Stätte des Patriotismus, vor
50 Jahren waren sie es, aber die lauterste Absicht und die
selbstloseste Hingabe verzehrten sich im Widerstreite des
HoflFens und des Meinens. Und heute — auf einem Grunde
87
stehen wir alle, und eine Fahne weht zu unsern Häuptern; es
gilt nur die Treue zu halten, und dazu stärke uns auch dieser
weihevolle Tag. Treu zu Kaiser und Reich, damit ist alles
gesagt: denn das ist damit nicht geleistet, dafs man die
Treue mit den Lippen bekenne : durchdringen mufs sie uns
bis in die innerste Fiber des Wesens, und ohne Murren
müssen wir ihr, wo es Not thut, Eigensinn i^nd Eigennutz
und Eigenwillen zum Opfer bringen. Kommilitonen! Bald
werden Sie in alle Gaue Deutschlands zerstieben, hinaus-
treten in die verschiedensten Kreise des Wirkens und Be-
rufes: nehmen Sie alle als Richtschnur des Handelns das
eine kurze Wort mit hinaus, das Sie auch bei dem kleinsten
Schritte des Lebens geleite „mit Gott für Kaiser und Reich"
— wenn wir die Treue halten, dann werden wir über-
winden.
Das war eine Mahnung, die jedem Deutschen gilt, dem
höchsten und geringsten gleichermafsen. Aber ich habe
auch eine Mahnung für unsere engere Heimat, unsere Uni-
versität. Universitätsjubiläen sind jetzt an der Tages-
ordnung: werden sie es auch im zwanzigsten Jahrhundert
sein? oder haben diejenigen Recht, welche die Art und
Weise für überlebt halten, die an den deutschen Universi-
täten und sonst bei keinem Volke gilt, die Jugend durch
die Teilnahme an wissenschaftlicher Arbeit für die prak-
tischen Berufe in Staat und Kirche auszubilden? Mehr als
mancher denkt, kann den Befürchtungen Recht zu geben
scheinen. Nicht dafs im akademischen Leben und der
akademischen Lehre mancherlei zu bessern ist, mancher
wilde Trieb, manch dürres Reis beseitigt werden mufs; das
geht nicht auf den Kern. Aber allerdings, wenn die Uni-
versität sich auflösen sollte in eine Anzahl Fachschulen,
wenn die akademische Lehre ein Unterricht werden sollte,
bestimmt, eine Summe von Kenntnissen zu übermitteln,
welche jeweilig für bestimmte Berufe als notwendig er-
achtet, würden, wenn Lehrer oder Hörer auf den Einfall
kämen hier oder dort zu fragen, wozu nützt das, wozu kann
man das brauchen — dann ist es vorbei, dann hat die
88
Universität keine Seele mehr. Denn ihre Seele ist allein
die Wissenschaft. Wem diese nur einmal einen Strahl ihrer
göttlichen Wärme in das Herz gesandt hat, den hat sie
sich gewonnen für Lebenszeit; wer eine solche innerliche
Erfahrung nicht gemacht hat, der ist nur eine taube Blüte
am Baume der Universität gewesen. Ach es ist ja so
wenig, meine Herren Kommilitonen, was wir Lehrer Ihnen
bieten können. Es ist ja nicht mehr, als dafs wir einem
jeglichen behülflich sind bei der Selbstbefreiung durch
eigene Kraft zu eigenem Denken und Sinnen. Wir können
nur Lernen lehren, und das weit besser, indem Sie Teil
nehmen an unserem Lernen denn an unserer Lehre. Ge-
meinsame Arbeit für die Wissenschaft, das ist die beschei-
dene und doch so hohe Aufgabe der Universität. Sie zu
erfüllen ist nicht möglich ohne dafs sich Lehrer und Schüler
eng an einander schliefsen. Und deshalb habe ich Ver-
trauen zu der Zukunft der Universitäten: denn daran kann
kein Zweifel sein, dafs das Verhältnis zwischen akademischen
Lehrern und Hörern von Generation zu Generation ein
immer näheres geworden ist. Das lassen sie uns festhalten
und ausbilden. Seien wir dessen eingedenk, dafs der Stifter
^er ersten Akademie, als er den Grund zu aller wissen-
schaftlichen Arbeit legte, diesen Grund in der Liebe ge-
funden hat, der Liebe zur Sache, zur Idee, aber auch
in der gegenseitigen Liebe der gleichstrebenden älteren
und jüngeren, in ihrem Zusammenschlüsse zu gemeinsamer
geistiger Arbeit. Lassen Sie uns zusammenstehen in Arbeit
und in Liebe, dann hat es keine Not mit der Zukunft der
Universitäten.
Und so bleibe denn diese unsere Georgia Augusta
eine Stätte der Gottesfurcht und der Königstreue, eine
Stätte der Jugendlust und des Mannesmutes, eine Stätte
kühnster und bescheidenster, kühlbedachter und heifsbe-
geisterter wissenschaftlicher Arbeit.
Und nun zum Schlüsse. Es giebt nur Einen, dem alle
unsere Herzen mit derselben Begeisterung zujubeln können,
einen Namen, den einem jeden unwillkürlich die Liebe auf
89
die Lippen führt. Ja, Kommilitonen, eins haben wir vor-
aus vor denen, die vor loo, vor 50 Jahren das Fest unserer
Hochschule begangen haben, vor allen späteren Generationen,
die es noch so glücklich und glänzend begehen werden:
wir haben unsern Kaiser. Wer hätte nicht in all dem
Festesrausche und Glänze dies als unser Köstliches in in-
niger Dankbarkeit empfunden, dafs Gott uns unseren Kaiser
bis in ein mosaisches Alter erhalten hat, auf dafs wir diesen
Tag noch unter seinem glorreichen Scepter begehen konnten.
Was bewegt uns das Herz tiefer als die einfache Empfindung:
wir haben ihn, wir können ihm noch danken.
Wohlan denn, entblöfsen wir unsere Häupter, erheben
wir unsere Stimmen und vereinigen sie nach alter Germanen-
weise in dem dreifachen Heilsrufe: Unser allergnädigster
Kaiser König und Herr, er lebe hoch.
Am Sarge von Paul de Lagarde).
Rede gehalten im Auftrage der Universität Göftingeii am 15. Deicmber ig
von dem zeitigen Prorektor.
Die Verwandten, Freunde und Kollegen des Mannes, J
dem wir heute am ersten Weihnachtsfeiertag'e das letzte i
Geleit geben, wissen es, dafs er selbst die christliche und ]
kirchliche Leichenfeier auf die heiligen Worte beschränkt ]
hat, die über dem offenen Grabe gesprochen werden sollen.
Sie werden seinen Beschlufs billigen, aber ebenso auch den
unsern, die wir den Sarg unseres Kollegen nicht in stummer
dumpfer Trauer umstehen mochten, sondern Verlangen
trugen nach einem lebendigen lösenden Worte. Dafs ich |
hier spreche, im Namen unserer Universität, hat in dem zu-
ß,lligen Umstände seinen Grund, dals ich gerade an der ■
Spitze unserer Körperschaft stehe; was ich aber sage,
kann ich nur aus meinem subjektiven Empfinden und meinem
persönlichen Urteil nehmen: vor der Majestät des Todes
') P. de Lagarde starb an den Folgen einer Operation am ai. Desi
1891 1 für Jedermann aufser ihm und seiner Gattin ganz überraschend,
alten dicken Oberpedellen, der mir, dem Proreclor, spät Abends die Nachricht
brachte, stockte die Stimme und traten die Thtänen in die Augen; mir auch.
Es waren Weihnachtsferien, also das feierliche Geleit durch die Studentenschaft,
das sonst einen Göttinger Universitätslehrer lu Grabe bringt, war nicht tu be-
schafTen. Lagarde war aus der Landeskirche ausgetreten; also war die amtliche
Beteiligung eines Geistlichen ausgeschlossen, und doch halte der Tote ein
christliches Begräbnis nicht nur gewünscht, sondern auch einen Anspruch
darauf. Bei seiner führenden Kampfstellung lagen antisemitische oder philo-
semitische Störungen nicht auf^eihalb der Mtiglichkeit. Die leitende Behürde
91
und der höheren des Lebens haben alle irdischen Rück-
sichten zu schweigen.
Uns erschüttert zunächst die Tragik dieses Todes-
falles, dafs^ der Mann, der uns andere alle an Arbeitskraft
und Arbeitslust so weit hinter sich liefs, die Arme hat
sinken lassen müssen, die doch eigentlich die Garben seines
Lebenswerkes zu binden erst anfangen sollten.
Uns erhebt dagegen der Todesmut, der einer tötlichen
Krankheit gewifs, sehr ungewifs der Rettung durch ärzt-
der Universität Göttingen, der Verwaltungsausschufs , hat sich der schwierigen
Aufgabe gewachsen gezeigt, allerdings nur deshalb, weil alle und jeder unter
dem erschütternden Eindrucke des Todes dem Manne, der so viel über Hafs
geklagt hatte, gern alles zu Liebe that. Die Stadt Göttingen stellte die Kirch-
hofscapelle für die Leichenfeier zur Verfügung, die, was sonst nie geschieht,
von der Universität in die Hand genommen ward; einer der Kollegen, der
dazu die Ordination besafs, verlas an dem Grabe die rituellen Gebete der re-
formierten Kirche, nachdem der Prorector die Rede in der Capelle gehalten
hatte. Die Kollegen aller Fakultäten und trotz dem Feiertage der Familien
freude ein nicht kleines Gefolge von wirklich Leidtragenden war zugegen.
Kein Mifston störte die Feier. Niemand ahnte damals, dafs Lagarde in seinem
Testamente die Königliche Gesellschaft der Wissenschaften zum Erben einge-
setzt und so für bestimmte wissenschaftliche Zwecke, die ihm am Herzen lagen,
gesorgt hatte; es sind andere, als die ich in meiner Rede bezeichnete, weil sie
das Centrum seiner Arbeiten gebildet hatten. Die Gesellschaft der Wissen-
schaften, indem sie die Erbschaft annahm, und noch mehr die Königl. Staats-
regierung, indem sie die Genehmigung dazu erteilte, haben beide nicht ohne
Selbstverleugnung dem Willen des Mannes sich gebeugt, der das Höchste, aber
eigenwillig, wollte. Möge so, was in einmütiger Liebe gesäet ist, seiner Zeit
die erhofften Früchte tragen. Über die Stiftung berichten offiziell die Nach-
richten der Königl. Gesellschaft. Wem es erreichbar ist, der suche zu lesen
Paul de Lagarde, Erinnerungen aus seinem Leben von Anna de Lagarde: da
kommt die Stimme zu Worte, die am tiefsten zu Herzen dringt, weil sie auch
zu schweigen weifs. Ohne die stille Macht der drei christlichen Tugenden, die
von der ehrwürdigen Witwe Lagardes ausströmt, wäre nichts von allem mög-
lich gewesen. Das geziemt mir auszusprechen, weil ich es am besten weifs.
Es war kein Mifston, aber er soll weiterklingen, dafs die K. Ober-Rech-
nungskammer trotz allen Aufklärungen der Beteiligten und ihrer Vorgesetzten
entschieden hat, die Universität hätte keine Musikanten annehmen dürfen, um
auf dem Friedhof einen Choral blasen zu lassen. Die Mitglieder des Ver-
waltungsausschusses, die den verschwenderischen Beschlufs gefafst hätten, wären
gehalten, den Lohn der Musikanten der Staatskasse zu ersetzen. Ich habe es
auf mich genommen, den Bettel zu bezahlen ; aber ich erzähle auch diese Geschichte.
92.
liehe Hilfe, zwar sein Haus sorgsam bestellt hat, wie vor
jeder Reise, aber den Werkeltagsweg der täglichen Arbeit
fürbafs gegangen ist, als sollte heute und morgen und über-
morgen ihm zur selben Thätigkeit dieselbe Sonne leuchten.
Kein Freund hat geahnt was bevorstand; der Schatten des
Todes hat es nicht vermocht seine Seele zu trüben. Das
ist das stille Heldentum der Arbeit, das schwerer ist, als
mit lautem Hurrah gegen die feindliche Schanze zu stürmen,
ein Heldentum, das nur noch übertrofFen wird durch das
stillere der Liebe, die alles dies nicht für sich, sondern für
den Geliebten leistet und leidet: das ist so still und so
heilig, dafs der sterbliche Mund sich scheut auch nur von
fern daran zu rühren, auf dafs er es nicht entweihe.
Es ist ein einsamer Mann gewesen, der nun eingehet
in das Reich des ewigen Schweigens ; vielen seiner Kollegen
ist er ganz fremd geblieben, ganz wenigen nur nahe ge-
treten und geblieben. An einen engen Kreis wendet sich
die Wissenschaft oder die Wissenschaften, die er vertrat;
hier steht wohl Keiner, der alle die Sprachen buchstabieren
kann, in denen er Texte gedruckt hat. Und doch ist sein
Name in weiteren Kreisen bekannt, als es der eines Ge-
lehrten zu sein pflegt; er hat den Samen leitender Gedanken
und Gefühle ausgestreut, der in tausend Herzen aufgegangen
ist. Auch Wind hat er gesäet, und Sturm geemtet; schwer-
lich wird selbst an seinem Grabe die Leidenschaft schweigen,
in Hafs und Liebe, Verherrlichung und Verlästerung.
Antonius sagt an der Bahre Cäsars
was Menschen übles thun, das überlebt sie,
das Gute wird mit ihnen oft begraben:
so sei es auch mit Cäsar.
Es ist nicht wahr, was der Volksverführer spricht, er selbst
glaubt es nicht, und der Fortgang der Handlung wider-
legt es. Denn das Böse kann nicht dauern, weil es nur
etwas Negatives ist: Leben hat allein das Gute, denn das
Gute ist Gottes. Was Menschen gutes thun, das überlebt
sie: so wird es auch mit Paul de Lagarde sein. Aber wer
darf sich unterwinden zu sagen, was in dem Wirken eines
93
bedeutenden Zeitgenossen gut ist? Erst die Nachwelt kann
das thun, und sie erkennt es eben daran, dafs es dauert.
Aber wohl begreifen wir auch einen Zeitgenossen in
seinem Wesen, wenn wir sein Werden verstehen können:
Paul de Lagarde ist zu dem geworden was er war, was er
ist und bleiben wird, durch die Bildung des Geistes und
des Herzens, durch die wissenschaftlichen und gesellschaft-
lichen, politischen und kirchlichen Eindrücke, die er in dem
Berlin König Friedrich Wilhelms IV. als Jüngling empfangen
hat, durch die schweren Jahre 1848 — 52, die ihn zum Manne
gereift haben.
Nur an dem Gelehrten will ich das etwas näher aus-
fahren. Es mag sein, dafs seine Neigung für den Orient
durch Friedrich Rückert geweckt oder doch gestärkt ist.
Ein starker Zug nationalgesinnter Romantik ist mit Sicher-
heit auf Jakob Grimm zurückzuführen. Aber die ent-
schiedene philologische Richtung, das Streben nach ob-
jektivster Urkundlichkeit, das geflissentlich zur Schau ge-
tragen ward, neben dem aber immer wieder die stärkste
Subjektivität hervorbrach, insbesondere das Unternehmen,
die philologische Methode der Textkritik für die Urkunden
des Christentumes in Dienst zu stellen: das stammt von
Karl Lachmann. Hatte Lachmann unternommen, den Text
des Neuen Testamentes festzustellen, eine Aufgabe, die bis
heute nicht genügend gelöst ist und schwerlich von einem
Einzelnen gelöst werden kann, so hat sich Lagarde an die
ungleich gröfsere gewagt, dasselbe für das Alte Testament zu
thun. Ich übersehe die Dinge so weit um sagen zu können,
dafs es eine schwerere und deshalb schönere Aufgabe der
Textkritik überhaupt nicht giebt. Wer sie vor 50 Jahren
angriff, mufste sich sagen, dafs er sein Leben daran setzte.
Diesen Wagemut hat er gehabt, und hat ihn auch nicht
verloren, als er längst begriffen hatte, dafs er selbst das
Ziel auch nicht von fern schauen würde. Gestehen wir
es uns nur ein: all sein Syrisch und Koptisch, Armenisch
und Spanisch ist doch nur so nebenher abgefallen. Der Philo-
loge pflückt eben die Blumen an seinem Wege, weil er sie
94
findet, nicht weil er sie sucht: er sucht das Ziel, darauf
strebt er hin, einerlei, ob er ihm näher oder ferner am
Wege zusammenbreche. Aber Lachmann und die Philo-
logen seiner Zeit waren allerdings noch des frohen Glaubens,
dafs der einzelne in ungeheurer Anstrengung das Unmög-
liche zwingen könnte. Sie waren wohl gröfsere und glück-
lichere Gelehrte als wir Nachfahren; aber das Ziel hoffen
wir sicherer zu erreichen, indem wir uns bescheiden, indem
an die Stelle der übermenschlichen Einzelleistung die or-
ganisierte Arbeitsgenossenschaft tritt. So mufs es auch
mit der grofsen Aufgabe geschehen, die jetzt verwaist ist;
und ich spreche es mit Bedacht, nicht ohne das Gefühl
eigener Verpflichtung, aus: uns, der wissenschaftlichen Ge-
meinschaft, der er angehörte, deren Ruhm es war, dafs der
Mann der gigantischen Pläne auf dem Stuhle der Michaelis
und Ewald safs, uns zunächst ist das Vermächtnis zugefallen,
einzustehn für die Fortführung des Lebenswerkes unseres
Kollegen, nur um so mehr, wenn er vielleicht dies Zutrauen
zu uns nicht gehabt hat.
Aber der Entschlafene war nicht nur Gelehrter, ja es
ist damit der Kern seines Wesens gar nicht getroffen.
Wesentlich derselbe würde er zu anderen Zeiten haben
leben und wirken können und der Philologie und jeder
Gelehrsamkeit völlig entraten. Als Prophet hat er seine
Stimme erhoben über Staat und Kirche, Jugendbildung und
Gottesdienst, Gesellschaft und Gesittung. Es hat ihn auch
nicht irr gemacht, wenn sie die Stimme eines Rufers in
der Wüste blieb ; denn er fühlte sich als Prophet. Er hatte
ein Recht dazu, denn er war eine prophetische Natur. Wir
dürfen den Namen der grofsartigen Gestalten Israels wohl
verallgemeinern und auf alle die Menschen erstrecken, deren
Seele eine solche Gewalt und Eigenart hat, dafs sie mit
einem Blicke das All, Weltliches und Aufserweltliches, um-
spannen, tiefer und schärfer eindringend als alle anderen,
aber von einem einzigen Augenpunkte; sie glauben an die
objektive Wahrheit des Bildes, das sie sehen, ordnen und
werten danach die Dinge ; sie erblicken das Heil der Welt
95
darin, dafs sie sehen und schätzen lerne wie sie, und suchen
sie dazu zu bekehren. Solche Propheten sind, um einige
der gröfsten, und zwar gegensätzliche, zu nennen, Hera-
kleitos und Parmenides, Augustin und Giordano Bruno,
Jean Jaques Rousseau und Thomas Carlyle. Es sind sub-
jektiv gewaltige Naturen; darum wecken sie alle noch heute
starke Sympathien und Antipathien. Bei allen bleibt, je
näher man zusieht, um so stärker „ein Erdenrest, zu tragen
peinlich". Bei allen ist der Augenpunkt, aus dem sie das
All betrachten, in Wahrheit religiös, und was sie wirken,
wirken sie durch den vollen Einsatz ihres subjektiven Glaubens.
Wie sich die Menge zu denen stellt, die töricht genug ihr
volles Herz nicht wahren, wissen wir alle; aber auch der
Verstand der Verständigen hat die prophetischen Naturen
nie ganz begriffen, schon weil sie religiös sind; und — seien
wir nur ehrlich, der moralische Mafsstab, der fiir uns andere
gilt, ist für die Propheten ganz ebenso wie für die politisch
grofsen Männer inkommensurabel. Sie sind selten glück-
lich, was die Menschen so nennen; „der Blick der Schwer-
mut ist ein fürchterlicher Vorzug". Sie schauen die Schäden
und Leiden schärfer; deshalb rufen sie zur Umkehr und
Einkehr: aber dafür schauen sie hindurch durch die
Nebel und Dünste des irdischen in das Reich der Sonne
und der ewigen Wahrheit. In diesem Anschauen liegt viel-
leicht ein unendlich höheres Glück. Vielleicht; mir ver-
sagen die eigenen Worte, darum führe ich ein Sonett von
Giordano Bruno an, das ich nicht kennen würde, hätte nicht
der Entschlafene die italienischen Schriften dieses Propheten
neu gedruckt. Ich weifs, es wird ihm lieb sein, wenn ich
Bruno hier sprechen lasse, obwohl er ihn nicht geliebt hat,
wie auch ich ihn nicht liebe. Mehrdeutig ist es auch; dafür
ist's Prophetenwort, und eben darum bediene ich mich seiner.
Ursache, Urgrund, ewigliches Eins,
aus welchem Leben, Sein, Bewegung stammet,
und alles was in Himmel, HÖH* und Erden
nach Höhe, Breite, Tiefe sich erstreckt:
Gefühl, Verstand, Vernunft enthüllen mir's:
96
was mefsbar, zählbar, wahrnehmbar du wirkest
erschöpft nicht Stoff und Zahl und Kraft; du reichest
weit über jedes Unten, Mitten, Oben.
Und blindes Irm, der Zeit, des Glückes Tücke,
Neid, Hafs und Eifersucht und Herzensbosheit
und frevler Scharfsinn und ein mafslos Streben:
sie sollen mir den Äther nicht verfinstern,
mir keinen Schleier vor die Augen werfen:
dich will ich ewig schaun, du schönste Sonne ^).
So wollen wir ihn denn hinaustragen an diesem Mitt-
wintertag auf den Gottesacker, den Gottes Sonne scheidend
überstrahlt, und finde er eine sanfte Ruhestatt am Feste
des zunehmenden Lichtes, am Feste des Euangelions, das
für ihn stets die frohe Botschaft war. Es wird keine Ent-
weihung sein, wenn wir als Scheidegrufs ihm über den
Sarg rufen „Preis Gotte in den Himmelshöhen, und auf
Erden Friede unter den Menschen seines Wohlgefallens"'^).
^) Causa principio et uno sempiterno,
onde Vesser la vita il moto pende,
e a lungo a largo e profondo st stende
quanto si dice in ciel terr^ et inferno,
5 con senso con ragion con niente scerno
cH atto misura et conto non comprende,
quel vigor mole et numero^ che tende
oltr' ogrC inferior mezzo et sitperno.
cieco error i tetnpo avaro^ ria fortuna^
lo sord^ invidia^ vil rahhia^ iniquo zelo,
crudo cor, empio ingegno^ strano ardire
non hastaranno a farmi Varia bruna,
non mi porranrC avanti gVocchi il veloy
non faran mai^ cK il mio bei sol non mire.
G. Bruno de la causa, principio et uno, Schlufssonett der Vorrede, I 209 Lag.
Zum Verständnis mufs man den vierten Dialog vergleichen, atto V. 6 und
vigor V. 7 sind Mqyna und ^vvaiAn;, Actualität und Potenz.
2j Aola Iv vxfjiaroig d-twi xaX Inl yrjg iiQrivrj iv avS-QtünoiQ tv^oxfag
Lucas 2, 14 nach der echten Lesart.
^^ft^
Philologie und Schulreform.
Prorektoratsrede, gehalten zur akademischen Preisverteilung am i. Juni 1892.
Wenn ein Philologe in diesem Jahre an dieser Stelle
zu reden berufen ist, so begegnet er der Erwartung, dafs
er sich über die Revolution äufsere, die jüngst den Lehr-
plan der höheren Knabenschulen betroffen hat. Vollzogen
ist die Revolution schliefslich einfach durch eine Ministerial-
verfügung; denn die Exekutive ist bei uns zu so ein-
schneidenden^ Mafsregeln berechtigt und berufen: aber sie
hat sich dazu doch erst entschlossen unter einem starken
Drucke der s. g. öffentlichen Meinung, und man wird nicht
bestreiten können, dafs diese, so weit ihre Stimmen auch
sonst auseinandergehen, darin ihre Hauptforderung erfüllt
sieht, dafs das Latein aus seiner beherrschenden Stellung
verdrängt, das Griechische noch weiter beschränkt ist. Da
liegt es nahe, dafs jemand, der diese Sprachen an der Univer-
sität lehrt und über die wissenschaftliche Lehrbefähigung
der Schulamtskandidaten für diese Fächer entscheidet, sich
zu den Neuerungen äufsere. Um so näher liegt das, weil
bei der Vorbereitung dieser Revolution zwar — ich will gar
nicht sagen, wer alles um seine Meinung und Mitwirkung
ersucht ist, aber kein Philologe von Beruf. Dies Mifstrauen
gegen uns ist schon von älterem Datum, und die öffentliche
Meinung ist auch mit ihm ganz einverstanden. Wir stehen
nun einmal in dem Verdachte, dafs wir die Scheuklappen
unserer Fachbildung abzulegen unfähig seien, eingefleischte
v.Wilamowitz-M. , Reden. 7
98
Pedanten, grau und veraltet wie das Altertum, in dem wir
leben. An dieser Stelle brauche ich mich am wenigsten
um die öffentliche Meinung zu kümmern; aber ich verzichte
darauf, über die Jugendbildung vom allgemeinen Stand-
punkte aus, der allein berechtigt ist, reden zu wollen: es
erscheint mir angemessen, nun einmal von dem auszugehen,
was Dank unserem fachmäfsigen Sachverständnisse wir
Philologen wissen müssen, wir allein beurteilen können.
Welche Kenntnisse im Griechischen und Lateinischen -
bringen die Studenten noch von der Schule mit? Sie
bringen das Reifezeugnis mit; offiziell sind ihnen also die
Kenntnisse verbrieft, welche reglementarisch für die Reife
gefordert sind. Aber sie besitzen diese Kenntnisse in
Wirklichkeit durchaus nicht mehr. Die Fähigkeit des Ver-
ständnisses beider Sprachen ist seit Jahren stetig herunter-
gegangen. Der Primaner, der angeblich den Tacitus und
Sophokles mit Verständnis gelesen hat, tritt unmittelbar in
unser Proseminar herüber und überzeugt sich bald, dafs
der ganze Zuschnitt der Übungen von der Voraussetzung
ausgeht, dafs er jeden noch so leichten Schriftsteller, der
gerade behandelt wird, zunächst nicht versteht. Eben mit
Rücksicht auf die thatsächlich vorhandenen Vorkenntnisse
habe ich den Übungen allmählich diesen Zuschnitt gegeben,
und erst seit ich dahin gekommen bin, keinem Ankömmling
keine Unwissenheit irgend zu verübeln, sondern ruhig die
Endungen des Plusquamperfektums, die Bedingungssätze
und die Cäsuren des Hexameters zu erklären, machen mir
die Stunden wieder Freude, und die thätige Teilnahme der
Studierenden ist seitdem unzweifelhaft gewachsen. Meine
Erfahrungen erstrecken sich über 1 7 Jahre, über viele Per-
sonen, die von vielen Schulen der verschiedensten Gegenden
stammen. Ich zweifle nicht, dafs meine Kollegen dasselbe
bezeugen können; am wenigsten aber fürchte ich Wider-
spruch von Seiten derer, die es an sich selbst erfahren
haben, und die es manche Stunde harter Arbeit gekostet
hat, das fehlende nachzuholen. Wir machen nicht viel
Redensarten mit einander, aber es wäre undankbar, wenn
99
ich heute hier meinen lieben Schülern nicht meinen Dank
aussprechen wollte für all die herzliche Freude, die sie mir
bereitet haben durch ihre hingebende Liebe zur Arbeit
und zur Wissenschaft. Dafs sie zunächst den Glauben ver-
lieren mufsten, sie wüssten etwas Ordentliches, war ja nicht
ihre Schuld, auch nicht die ihrer Lehrer oder Schulen,
überhaupt keines einzelnen Menschen Schuld. Die Ver-
hältnisse sind eben stärker als die Menschen. Wenn sich
die Forderungen, die auf dem geduldigen Papiere stehn,
wirklich nicht mehr erfüllen lassen, dann mufs man sich
wohl oder übel mit einer Fiktion behelfen. Gewifs giebt
es noch besonders bevorzugte Schulen, besonders begabte
Lehrer und Schüler: aber im allgemeinen werden bereits
jetzt die Ziele; des Unterrichtes im Lateinischen und
Griechischen nur noch durch eine Fiktion erreicht. Die
Lehrpläne von 1892 haben die Forderungen nicht wesent-
lich herabgesetzt: es sollen noch immer ziemlich dieselben
Schriftsteller gelesen werden. Was zu deren Verständnis
nötig ist, das ist einmal nötig: keine Macht der Welt kann
etwas davon abdingen. Folglich wird auch keine Macht
der Welt das mit stark verkürzter Arbeitszeit beschaffen,
was jetzt schon nicht beschafft wird.
Die Hoffnung auf neue Methoden soll doch wohl nicht
über das Elementare hinaus gelten. Die Sprachkenntnis,
die ein Portier in einem Schweizer Hotel braucht, kann
man eintrichtern, und da mag eine neue Methode ein paar
Lektionen sparen; aber um die lebendige Rede eines Piaton
oder Montesquieu oder Goethe zu verstehn, mufs man sich
ihrer Sprache geistig bemächtigt haben, und in die Seele
reicht kein Nürnberger Trichter.
Vollends die Vereinfachung des Lernstoffes, was soll
das heifsen? Wenn ein neues Exerzierreglement den Griff
*Gewehr auf nicht mehr für nötig hält, um dem Re-
kruten Zucht, Haltung und Aufmerksamkeit anzuerziehen,
deren er bedarf, um Soldat zu werden, gut: dann wird der
Griff abgeschafft, er existiert nicht mehr, die Rekruten
präsentieren von 'Gewehr über', und werden darum nicht
7*
100
minder stramme Soldaten werden. Ohne Zweifel hat der
Lehrplan die Macht, so und so viele Thatsachen der
Grammatik aus dem Unterrichte zu verbannen: aber die
Thatsachen kann er nicht abschaffen. Es wäre gewifs für
unsere Jungen viel bequemer, wenn Homer nicht so ent-
setzlich reich an gleichberechtigten Wortformen wäre; aber
so lange man Homer lesen will, hilft es nichts, die Jungen
müssen sie lernen.
Schwimmen lernt man im Wasser, reiten auf dent.
Pferde, eine Sprache durch sprechen. Sprechen aber lernt
man in jeder gebildeten Rede, seit es eine Schrift giebt, mit
der Feder, nicht mit dem Munde. Nur indem man die Ge-
danken aus dem vertrauten heimischen Kleide herausnimmt
und in das der fremden Sprache kleidet, lernt man in dieser
denken. Das aber mufs man können, wenn man verstehn
will, was ein anderer in dieser Sprache gedacht und ge-
sprochen hat. Wer das umgekehrt machen will, der zäumt
das Pferd von hinten auf und wird höchstens reiten lernen,
wie der Abt von St. Gallen es sollte.
Ohne Bilder gesprochen, aber ohne Illusionen, ruhig^'
und ehrlich. Die Ziele, die sich der Unterricht auf der
Schule noch immer steckt, werden nicht erreicht und können
beim besten Willen unter den jetzigen Verhältnissen nicht
erreicht werden. Es ist ein wichtiges Moment in dem An-
sturm gegen die beiden Sprachen gewesen, dafs sehr viele
Männer sich bewufst waren, die Schule hätte ihnen für
die grofse Mühe, die die Sprachen ihnen verursachten,
keinen entsprechenden Lohn gebracht. Wenn man nicht
bestreiten kann, dafs diese Empfindungen vielfach berech-,
tigt waren: wie viel stärker müssen sie werden, nachdem
die Schule gezwungen ist, noch viel weniger zu leisten.
Eine Weile mag man sich und andere ja damit täuschen,
dafs man die Früchte durch pädagogische Hexereien billiger
beschaffen werde; aber in dem Augenblicke, wo die'Wahr-
heit an den Tag kommt, dafs es nur unreife Fruchte sein
können, oder vielmehr Früchte, die faulen, ehe
bricht, wird sich ein noch viel stärkerer Sturm
I
I
e man sie ^H
I erheben, '^M
101
und die unerbittliche Konsequenz wird und mufs dann
eine ehrliche Entscheidung erzwingen. Was kann uns jener
Tag anderes bringen als Abschaffung des Griechischen und
Beschränkung des Lateinischen auf einen elementaren
Sprachunterricht ?
Mir schwebt der Wunsch auf der Lippe: möge dieser
Tag bald kommen. Aber wenn ich ihn aussprechen will,
so hemmt die Erinnerung an meine eigene Schule, an meine
eigenen lieben Lehrer meine Zunge, gleich als wollte ich
der weihevollen Stunden vergessen, in denen sie die Liebe
zum Ideale in dem Herzen des Knaben weckten, als wollte
ich ihnen die Treue brechen. Und auch der manchen
Edelen denke ich, die jetzt noch selbstverleugnend den
schweren Kampf für das Ideal, das mir heilig ist wie ihnen,
als Lehrer an der verwüsteten Schule kämpfen. In der
That, es wäre ein lästerlicher Wunsch, wenn die Verzweif-
lung ihn mir eingäbe, wenn ich es für unvermeidlich hielte,
dafs unser Volk den Bruch mit der Geschichte und der
Kultur endgiltig vollzöge. Es ist aber vielmehr der fröh-
liche Glaube an die Sonne meines Ideals, der mich vor der
Nacht nicht bangen läfst: *von Osten, hoffe nur, sie kehrt
zurück.' Daneben aber kann imd will ich mich nicht der
Wahrheit und der Wirklichkeit verschliefsen, dafs das Leben
ewig neu ist, und das Lebende allezeit recht hat: neuem
Leben gebühren neue Formen: *Wie es auch sei, das Leben,
es ist gut.'
Da hätte ich doch beinahe schon vergessen, dafs ich
die philologischen Scheuklappen trage. Nur als Philologe
will ich reden, und da sag' ich: mögen andere Disciplinen
und Berufe schreien, dafs sie nicht bestehen können, wenn
nicht dies und das auf der Schule gelernt würde: um der
Philologie willen, um unsertwillen, die wir sie lehren, oder
gar um der Wissenschaft willen, mögen die beiden Sprachen,
denen Europa seine Kultur verdankt, ruhig aus dem obli-
gatoriscjien Jugendunterrichte verschwinden. Wie Deutsch-
lands Zukunft dabei fahren wird, das frag' ich nicht: die
Philologie kann es ruhig wagen.
102
Es werden dann freilich schwierige organisatorische
Umgestaltungen nötig werden; aber das wird sich finden,
sobald man der Wahrheit ins Auge sehn mufs, über die
man sich schon jetzt nur hinwegtäuscht. Lateinische Ma-
trikeln und Diplome wird es dann nicht mehr geben können:
aber verstehen denn jetzt noch alle Studenten ihre Matrikel?
Jetzt, wo ein Junge, dem seine Mittel den Eintritt in die
Obersekunda eines Gymnasiums nicht gestatten, statt dessen
bequem als Student immatrikuliert werden kann. Jetzt, wo
bereits viele als Doktoren der Philosophie ein Gelöbnis
unterschreiben, das sie nicht entfernt verstehn. Es wird
vielleicht nicht ganz leicht sein, einen gewissen feierlich
ornamentalen Stil zu erfinden; aber das sind schliefslich
Bagatellen, und wohl nur ihre Bedeutungslosigkeit hat die
Trümmer einer vergangenen Zeit, da es noch eine allge-
meine Gelehrtensprache gab, bis jetzt bestehn lassen. Um
diese ist es doch einmal geschehn; und ich klage ihr nicht
nach, im Gegenteil: dafs lediglich der Betrieb einer Spezial-
gelehrsamkeit jeden Gelehrten jedes Volkes zwingt, vier
bis fünf lebende Kultursprachen zu lernen, befördert die
gegenseitige Anerkennung der nationalen Kulturen und ist
ein viel wirksameres Mittel gegen den häfslichen nationalen
Dünkel als es die Zunftsprache sein könnte.
Weit ernsthafter wird die Schwierigkeit, dafs wichtige,
und gerade für das praktische Leben wichtige Berufe bei
ihrer wissenschaftlichen Vorbildung der beiden alten
Sprachen, in Wahrheit eines tieferen Einblickes in die
antike Kultur, nicht entbehren können. Ich will nur zwei
Beispiele geben. So lange die Juristen noch zum Studium
des römischen Rechtes verpflichtet sind, müssen sie Latein
lernen: dafür mufs dann Vorsorge getroffen werden. Aber
schwerlich bestreitet jemand, dafs gerade der wissenschaft-
liche Betrieb des römischen Rechtes an der Universität
schon jetzt schwer krank ist. Wenn ein Referendar Magni-
ficenz mit einem Schlufs-s schreibt, so dürfte ihm sein latei-
nisches Sprachgefühl die Lektüre Ulpians schwerlich ge-
statten. Die Institutionen des Gaius sind ein hübsches
103
Buch, aus dem der frische Geist eines lebendigen Rechtes
dem Leser entgegenweht. Aber wie soll jemand den
Hauch dieses Geistes verspüren, der von der Gesellschaft,
die sich dieses Recht erzeugt hat und nach ihm lebt, ihrer
Struktur und ihren Bedürfnissen, keine Ahnung hat? Diese
Vorbedingung fehlt dem angehenden Juristen schon jetzt:
ich kann's ihm nicht verdenken, wenn ihm der Gaius ein
totes Buch bleibt.
Die protestantische Theologie würde sich selbst auf-
geben, wenn sie auf das Studium des heiligen Orginales
verzichtete. Niemand kann die grofsartigen Leistungen,
die sie gerade jetzt auf altchristlichem Gebiete hervor-
bringt, mehr bewundern als ich: aber ich habe mir sagen
lassen, und glaube es selbst zu bemerken, dafs die wirk-
liche Kenntnis des neuen Testamentes, von Philo und Jose-
phus ganz zu schweigen, bei der Menge der Theologie-
studierenden sehr viel zu wünschen übrig läfst. Die Theo-
logie kann höchstens dabei gewinnen, wenn sie sich ein-
gesteht, dafs das nötige Griechisch, die eindringende Kennt-
nis von griechischer Geschichte und Philosophie, ohne die
das Christentum und die alte Kirche nicht verstanden
werden können, auf der Schule weder gelehrt wird noch
gelehrt werden kann.
Und wir Philologen? Hängt unser Leben und unsere
Existenzberechtigung etwa an der Ausbildung der Lehrer?
Uns kann es nur recht sein, wenn es mit dieser Mifsdeutung
endlich ein Ende hat. Es sind uns jüngst von sehr ge-
schätzter Seite recht unhöfliche Zurechtweisungen über die
Art zu teil geworden, wie wir angeblich unseren Unter-
richt erteilten, die wir höflich aber entschieden zurück-
weisen müssen. Wer überhaupt weifs, was Wissenschaft
ist, kann sich mit niemandem auf eine Debatte einlassen,
der wissenschaftlichen Unterricht mit der Abrichtung für
irgend einen Beruf verwechselt. Uns hat der Staat ange-
stellt Philologie zu lehren: wie wir das thun, darüberlegen
wir vor keinem irdischen Tribunale Rechenschaft ab. Der
Staat bindet die Zulassung zu bestimmten Berufen an ein
104
Universitätsstudium, für das er die Minimalfrist fixiert,
aufserdem an den Nachweis bestimmter Kenntnisse, deren
Höhe er normiert und die er durch eine besondere Be-
hörde prüfen läfst. Das ist weise und billig angeordnet,
und die Forderungen des Staates vertragen sich durchaus
mit denen der Wissenschaft. Doch jedes Examen ist nicht
mehr als ein notwendiges Übel, und die selige goldene
Zeit sollte der schwarze Schatten der Examensfurcht
nimmer trüben. Deshalb ist allerdings zu fordern, dafs
wer die nötige Zeit, für den Philologen jetzt schon that-
sächlich 4 — 5 Jahre, seiner Wissenschaft redlich und fröh-
lich gedient hat, das staatliche Examen bequem und sicher
besteht. Obwohl der Staat meines Erachtens keineswegs
zu viel, aber zu vielerlei verlangt, ist das bei uns in Göt-
tingen auch die Regel.
Und wenn wir nun keine Schulamtskandidaten mehr
unter unseren Zuhörern haben sollten — ja, Schulamts-
kandidaten kennen wir auch jetzt nicht darunter: wir kennen
nur Studierende der Philologie; wenn es deren künftig
weniger sein werden, zunächst wenigstens, wäre das ein
Unglück für uns? eine Stellung wie sie die Kollegen ein-
nehmen, die die semitischen Sprachen oder das Indische
lehren? Sie ertragen es auch, dafs sie die elementare
Grammatik lehren müssen, wie wir es dann thun müfsten.
Ob die Schule an der Philologie hängt, ist die Frage, die
ich nicht erörtere: dafs die Philologie nicht an der Schule
hängt, steht doch wohl aufser Frage.
Die Philologie, was ist sie? Es ist nicht schön, dafs
man's nach F. A. Wolf noch sagen mufs; aber es ist nötig.
Ich verzichte darauf, eine Definition logisch zu präparieren,
wie ich mich auch des alten Namens bediene, so verkehrt
oder vielmehr leer er ist: wir wollen die Wissenschaft
durch ihr Objekt bestimmen. Mit Homer beginnt eine
kontinuierliche und ihrer Kontinuität sich stets bewufste
Kulturentwicklung, die immer weitere Gebiete umspannt,
erst ganz Hellas, dann durch Alexander den Orient, dann
durch Rom das gesamte Mittelmeergebiet. Mit dem Zer-
105
fall des römischen Reiches hört die Einheitlichkeit und die
Kontinuität dieser Kultur auf. Die Barbaren emancipieren
sich; das Christentum, obwohl aus jener Kultur erwachsen,
verleugnet sie. Weil diese Kultur eine Einheit ist, trotz
all den Wandlungen des Lebens und des Geistes, kann eine
jede ihrer Erscheinungen in ihrem individuellen Leben voll-
kommen nur vom Ganzen her verstanden werden, und trägt
jede kleinste Erscheinung ihren Zug bei zu dem Verständ-
nisse des Ganzen, aus dem sie ward, in dem sie fortwirkt
Weil das Objekt eines ist, ist die Philologie eine Einheit.
Die Partikel av und die Entelechie des Aristoteles, die hei-
ligen Grotten Apollons und der Götze Besas, das Lied der
Sappho und die Predigt der heiligen Thekla, die Metrik
Pindars und der Mefstisch von Pompeji, die Fratzen der
Dipylonvasen und die Thermen Caracallas, die Amtsbefug-
nisse der Schultheifsen von Abdera und die Thaten des
göttlichen Augustus, die Kegelschnitte des ApoUonios und
die Astrologie des Petosiris: alles, alles gehört zur Philo-
logie, denn es gehört zu dem Objekte, das sie verstehen
will, auch nicht eines kann sie missen.
In dieses ungeheure Wissensgebiet so einzuführen, dafs
sich der junge Philologe nach dem Abschlüsse seiner
Studienzeit selbst zurecht finden könne, ist die Aufgabe
unseres Unterrichtes. Wir sollen ihm zeigen, was zu lernen
ist, worauf es ankommt, und wie man's macht. Das A
imd O ist und bleibt die lebendige Herrschaft über die
Sprache. Nur kann man diese Kunst am wenigsten lehren,
wird auch selbst durch den sichersten Prüfstein, die Gram-
matik, alle Tage nachdrücklich daran erinnert, wie kläglich
das eigne Können immer bleibt. Aber es reicht hin, wenn
der Student die beiden Wahrheiten voll erkennt, erstens,
dafs ohne Sprachkenntnis jede Philologie oder Historie
oder Archäologie eine nicht einmal klingende Schelle sein
mufs, und zweitens, dafs jedes Philologen Sptachkenntnis
nur durch unausgesetzte Übung einigermafsen leistungs-
fähig gemacht werden kann. Das nächste ist, das rechte
und gerechte, das ist das geschichtliche Verständnis zu
106
zeigen und zu lehren. Das kann nur an einem konkreten
Objekte geschehn; es kommt nicht viel darauf an, welches
dieses ist; wenn wir auch natürlich am liebsten eins wählen
werden, dessen Verständnis einen absoluten Genufs und eine
an sich bedeutende Belehrung verschafft. Es kann ein
Schriftwerk sein, eine sprachliche Erscheinung, ein Gemälde,
eine Individualität, sei es Gott oder Mensch oder Volks-
stamm oder Kulturkreis, ein Satz eines bestimmten Rechtes
oder eines philosophischen Systemes, kurz jede in sich ab-
geschlossene Einzelerscheinung; nur mufs sich die Aufgabe
lösen lassen, dieses Einzelne an seiner Stelle in der grofsen
Kulturentwickelung voll zu begreifen, wie es ward, was es
wollte, was es wirkte. Dafs die schriftstellerischen Kunst-
werke mit Vorliebe hierzu gewählt werden, wir durch das
eigne Beispiel ihrer Erläuterung und durch die Stellung
entsprechender Aufgaben an unsere Schüler vorwiegend
wirken, ist vielleicht selbst durch die praktischen Rück-
sichten nicht ganz gerechtfertigt, und der archäologische
Unterricht ist schon deshalb für die philologische Ausbildung
unentbehrlich. Das dritte ist, eine Übersicht über die Ge-
samtentwickelung der Kultur jener anderthalb Jahrtausende
zu. geben, über ihre treibenden Kräfte, die Ziele, denen sie
bewufst oder unbewufst zustrebte, die Phasen der Ent-
wickelung, die Wandlungen des Lebens und des Geistes,
die verschiedenen Sphären, in denen Geist und Leben des
Volkes sich offenbart haben. Dabei ergiebt sich von selbst
eine Orientierung über die Quellen und über die Mittel,
durch die wir zu ihnen gelangen. Diese allgemeinen Über-
blicke sind unerläfslich, und der Docent soll sich die Mühe
nicht verdriefsen lassen, obwohl er immer von dem Be-
wufstsein bedrückt sein wird, höchst unzulängliches zu bieten,
nicht selten auch unzulänglich verstanden zu werden. Für
den Studenten ist diese allgemeine Einführung ungleich
wichtiger als die Anleitung zur eigenen Arbeit, die für den
Lehrer freilich das reizvollste ist, aber doch erst in letzter
Linie in Betracht gezogen werden darf. Es würde den
schärfsten Tadel verdienen, wenn irgendwo der Anreiz zur
107
Produktion auf Kosten der individuellen Durchbildung ge-
pflegt, wohl gar der Student zum wissenschaftlichen Hand-
langer verwandt werden sollte, da doch seine Seele genau
dasselbe Recht auf individuelles Leben und auf Freiheit
hat wie die des Lehrers. Ich glaube aber nicht, dafs zur
Zeit noch irgendwo in Deutschland ein solcher Mifsbrauch
besteht. Der Student kann freilich neben der rezeptiven
Thätigkeit, die ins Weite geht, die Versuche der Produk-
tion nicht entbehren, schon weil er ja lernen mufs, wie die
Wahrheit gefunden wird, um über anderer Produktion ur-
teilen zu können. Unsere Seminararbeiten und Doktor-
dissertationen sind mit nichten der Zweck der Studien, sie
sind vielmehr das bewährte Mittel zu dem wahren Zwecke,
der wissenschaftlichen Durchbildung. Die Dissertation ist
im alten und echten Sinne das Meisterstück, mit dem der
Lehrling vor der Welt sein Recht beweist, frei und selb-
ständig sein Handwerk zu üben. Nur so betrachtet hat sie
ihre Berechtigung. Dafs sie nicht unerläfslich ist, liegt auf
der Hand, während die Geistesübung, die unsere Seminar-
arbeiten fördern, nicht entbehrt werden kann. Die Gefahr,
dafs die Konzentration auf ein notwendig enges Gebiet ein
beschränktes Spezialistentum erzeuge, ist vorhanden; aber
sie ist nicht schlimmer als die Gefahr für den Lehrer, in
seinen Vorlesungen ein gleiches zu thun. Das erfährt man
ja auf dem Katheder, dafs man die tiefste Wirkung erzielt,
wenn man die frischen Früchte eigener neuer Produktion
darbietet, also notwendig etwas sehr Spezielles, oft Gering-
fügiges, und noch viel öfter sehr Unvollkommenes. Darauf
wollen wir nimmermehr verzichten : aber wir verwirken dife
innere Berechtigung zu lehren, wenn wir darüber den Blick
ins weite vergessen, oder gar versäumen, den Blick unserer
Schüler ins weite zu lenken, immer und immer wieder die
Forderung der einen unteilbaren Wissenschaft zu erheben, {
eine Forderung, die darum nicht minder gerecht und uner- i
bittlich ist, dafs wir sie selbst im Grunde nicht besser er-
füllen als der jüngste Student.
Von der Unzulänglichkeit der Fassungs- und Lem-
1
108
kraft des einzelnen Menschen gegenüber der ungeheuren
Gröfse des Objektes auch nur zu reden scheut man sich
fast; denn was gehn die Philologen die Philologie an?
Soll sich das Ewige nach dem Sterblichen richten? Gerade
in dem Mifsverhältnis des eigenen Wissens zu unserer
Wissenschaft liegt ein grolser Segen für unser sittliches
I Leben: und in Wahrheit ist ja jede tüchtige Leistung, auch
I die wissenschaftliche, viel mehr ein Werk des Charakters
j denn des Talentes. Wenn der Philologe von seiner klein-
lichen Werkeltagsarbeit das Auge aufschlägt zu der Majestät
der Wissenschaft, dann wird ihm zu Mute wie in der hei-
Ugen Stille sternheller Nacht. Die Empfindung der Herr-
lichkeit und der Unendlichkeit und der Einheit des AU-
ganzen zieht durch seine Seele. Demütig mufs er sich
sagen 'du armselig Menschenkind, was bist du? was kannst
du?' Aber wenn tönend dann der junge Tag geboren wird,
rufit der ihm zu: 'Steh auf, du Menschenkind, steh auf und
I wirke, was dein Tag von dir verlangt, wozu Gott in deine
Seele die lebendige Schaffenskraft gelegt hat: erwirb dir
durch Arbeit einen Anteil am Ewigen und Unendlichen.'
Beides, den Hochgenufs des demütigen Anschauens und
den Stolz der hingebenden Arbeit soll jeder Philologe, auch
I jeder Student der Philologie erfahren, erleben. Erreichen
wird er's nur durch eigne Kraft, und keine Fakultät und
keine Behörde, nur das eigne Herz kann ihm das Zeug-
nis ausstellen: du bist ein Philologe, Aber die Wege ihm
zu weisen, die Hand zu reichen, auf dafs er sich selbst
helfe: dazu sind wir da, seine Lehrer, die Genossen seiner
Arbeit. Dies unser Lehramt, dies unser gemeinsames
Lernen wird uns keine Schulreform und keine Universitäts-
reform zerstören noch verleiden.
Meine verehrten Herrn Kollegen werden den Preis
meiner Wissenschaft nicht ohne den stillen Protest angehört
haben, dafs ich der Philologie zuschreibe, was doch der
Wissenschaft im Ganzen erst gebühre, in jener idealen Ein-
heit, die der Name Philosophie allein richtig bezeichnet,
seiner Herkunft nach, und so wie er noch jetzt die philo-
I
109
sophische Fakultät ziert. Bereitwillig gebe ich das zu; um
so lieber, da ich die Ehre habe, einer philosophischen
Fakultät anzugehören, in welcher die Einheit imd die Ein-
tracht aller philosophischen Einzelwissenschaften eine an-
erkannte Herrschaft übt. Gewifs, das was grofs und erhaben
ist in dem was jeder von uns treibt, ist das was uns allen
gemeinsam ist, die rein wissenschaftliche philosophische
Arbeit; aber dafs das Bewufstsein der Einheit unter den
Philologen mächtiger, in der verwirrenden Mannigfaltigkeit
der Einzelarbeiten der centripetale Zug stärker ist als sonst
irgendwo, das behaupte ich, weil es eine Thatsche ist, eine
offenkundige, und wie mich dünkt, eine merkwürdige. Offen-
kundig ist sie, denn obgleich in der philosophischen Fakul-
tät eine Anzahl Vertreter der philologischen Disciplinen
sitzen, einige unterschieden durch einen besonderen Lehr-
auftrag, aber auch die übrigen in Lehre und eigner Arbeit
nicht minder auf einen kleinen besonderen Teil beschränkt,
so erkennen wir uns doch alle als gleichberechtigte Ver-
treter derselben Wissenschaft an, und wenn z. B. zwei von
uns nebeneinander prüfen, so thun sie das im Bewufstsein,
dafs sie beide in beidem sachverständig sind, und weil sie
es sind, ist, soweit meine personliche Erfahrung reicht, eine
Meinungsverschiedenheit in keinem Falle hervorgetreten.
Das liegt nicht an unseren Personen, sondern an unserer
Wissenschaft. Und merkwürdig ist es wahrhaftig, dafs für
die Philologie schlechthin unerträglich ist, was die Natur-
wissenschaft nicht blos verträgt, sondern zu verlangen
scheint, in der sich gegenwärtig immer noch neue Disci-
plinen abgliedern, deren Vertreter sehr bald ein gesondertes
Sachverständnis beanspruchen und anerkannt erhalten. Nicht
bei diesem Gegensatze verweile ich ; aber ein Blick auf die
uns benachbarten Teile der Geisteswissenschaft darf gewagt
werden.
Der Orientalist, mit dem wir in enger Fühlung leben,
mufs sehr viele Sprachen kennen, und er betrachtet es als
selbstverständlich, dafs aufser deren Grammatik und Schrift-
werken auch alle andern Lebensäufserungen der Kultur
110
jener Völker, ihre Religionen und ihre Geschichte in seinem
Arbeitsbereiche liegen; ob die Denkmäler auf Stein oder
Ziegel oder Papier überliefert sind, macht vollends keinen
Unterschied. Er ist genau in dem Sinne für seine Sphäre
Philologe oder Historiker oder Archäologe, wie man's nennen
will, wie wir für die unsere. Die einzelne Person vermag auch
dort nur einzelner verhältnismäfsig kleiner Teile sich so weit
zu bemächtigen, dafs sie zu produktiver Arbeit fortschritte,
und so findet auch dort die Arbeitsteilung thatsächlich statt.
Es fallt nur weniger ins Auge, weil selten eine gröfsere
Zahl von Orientalisten neben einander wirken.
Das Studium des Indischen hat vor etwa loo Jahren
begonnen mit der wunderbaren Sprache und wenigen Haupt-
schriften; jetzt sehen wir es vollkommen ausgewachsen zu
einer Philologie, genau so allumfassend, also auch genau
so grofsartig wie die unsere.
Das Studium der Zeiten, die auf den Sturz des römischen
Reiches folgen, ist dadurch erschwert, dafs die Einheit und
das Bewufstsein der Zusammengehörigkeit der Kultur dem
älteren Mittelalter gebricht, und später zwar eine Kultur
erwächst, die in der wesentlichsten Grundlage' eine Einheit
hat, aber gebildet wird durch das Zusammenwirken vieler
gleichberechtigter nationaler Kulturen, eben deshalb unend-
lich reicher denn die Antike, aber kaum noch wie jene
als eine Einheit zu erfassen: es ist die Kultur in der wir
leben. Nur wo sich wieder ein in sich wirklich abge-
schlossenes Kulturgebiet abzweigen läfst, tritt auch der Be-
griff der Philologie in seiner Ganzheit mächtig hervor. Das
gilt von dem byzantinischen Griechentume, das Europa
wesentlich aus Unkenntnis zu verachten pflegt. Jüngst hat
nun ein energischer deutscher Gelehrter den schönen Wage-
mut der That gehabt und für dieses Gebiet die Selbständig-
keit und die Gleichberechtigung gefordert. Sein wird der
Ruhm sein, die byzantinische Philologie gegründet zu haben,
denn er hat sie sofort in dem echten Sinne gefafst, so dafs
neben der Sprache die Geschichte, neben der Poesie die
bildende Kunst, und Recht und Sitte und Religion auftritt.
111
Auch darin hat er sich als wahrer Philologe erwiesen, dafs
er alle Nationen gleichermafsen zur Mitarbeit berufen hat.
In allen anderen Gebieten der jüngeren Kultur Europas
ist es herkömmlich, dafs die Erforschung von Sprache und
Litteratur, die sich dann Philologie nennt, sich von der Ge-
schichte scheidet. Und dann scheiden sich die Sprachen,
und dann will die Kunstgeschichte für sich stehn, und so
geht es weiter. Es wird das ja wohl notwendig sein, denn
es ist. Ich will von einzelnen bedenklichen Erscheinungen
nicht reden, die man geneigt sein könnte auf diese Schei-
dung zurückzuführen : lieber weise ich auf den gigantischen
Torso von MüUenhoffs Deutscher Altertumskunde hin. Dieser
grofse Mann hat seine Philologie als ganzes erfafst, wie
Boeckh sie uns zu fassen g'elehrt hat, und er hat sich an
ein Werk gewagt, wie Boeckh in den Blütenträumen seiner
Jugend einen 'Hellen' zu schreiben sich vorsetzte. MüUen-
hoffs Werk ist nicht vollendet, und keiner wird es zu
vollenden suchen, so wenig wie Boeckh seinen Hellen ge-
schrieben hat, oder irgend jemand das Vollbild des Hellenen-
tums liefern wird. Aber eine ideale Forderung der Wissen-
schaft bleibt dieses Vollbild; in der Seele sollen wir es alle
tragen, und diese Forderung gilt für das Studium jeder in
sich abgeschlossenen Kulturwelt. Weil die Wissenschaft
sich selbst die Ziele setzt, mag sie auch die Wege weisen.
Ich rechte nicht mit der Scheidung von Philologie und Ge-
schichte für die modernen Zeiten; es mag der rechte Weg
sein, wenn nur das Ziel bleibt, das notwendig eines ist und
nicht niedriger gesteckt werden darf. Unmöglich können
wir um der Analogie der modernen Sprachen willen bei
uns den Emancipationsgelüsten einzelner Disciplinen, oder
besser vereinzelter Historiker, Grammatiker, Archäologen
nachgeben, die alle an der Wertlosigkeit ihrer Früchte bald
erkannt worden sind, oder es in bälde werden: ich glaube
vielmehr, die gleichberechtigten aber jüngeren Wissen-
schaften würden sich nichts vergeben, wenn sie von den
Erfahrungen der ältesten Schwester etwas mehr Notiz
nehmen wollten.
112
Es war eigentlich meine Absicht g"ewesen, heute an
einer Anzahl bezeichnender Beispiele zu zeigen, dafs diese
modernen Philologien, das Wort in unserem Sinne gebraucht,
meine Wissenschaft und ihr Objekt, das Hellenentum, zu
ihrem eignen Schaden häufig ignorieren; etwa die modernste
Theorie der Lyrik mit der geschichtlichen Darlegung des
Werdens des griechischen Liedes und Chorgesanges ad ab-
surdum zu führen; oder im Gegensatze zu modernen De-
batten über politische, Litteratur- und Kulturgeschichte vor-
zufuhren, wie diese Fragen theoretisch und praktisch von
Leuten behandelt worden sind, deren Namen doch noch.
einigen Klang haben, Herodotos und Aristoteles, Dikaiarchos
und Poseidonios. Wenn die beiden letzten minder klingen,
so sind doch erst sie Forscher im modernen Sinne. Aris-
toteles ist das noch nicht gewesen; ich erinnere mich wohl,
wie sehr es mich einst befremdete, als ich jemanden, dem
ich die Berechtigung nicht absprechen konnte, dies für die
Naturwissenschaft dem Aristoteles abstreiten hörte: jetzt
habe ich es auf dem geschichtlichen Gebiete selbst be-'
stätigt gefunden.
Auch das hatte mich stark gereizt, auf Fragen und
Einwürfe zu antworten, die mir von naturwissenschaftlichen
Kollegen gelegentlich gemacht sind, wofür ich immer be-
sonders empfänglich bin. Wie ist es möglich, dafs das
hehocentrische System entdeckt ist und vergessen wird?
Wie konnte unter den echt naturwissenschaftlichem Denken
abholden Hellenen ein Archimedes erstehn? Ist nicht die
antike Kultur zu Grunde gegangen, weil man nicht einmal
das wenige, was man von Naturwissenschaft besafs, prak-
tisch anzuwenden wufste? Die Leute hatten ja nicht einmal
Uhren. Das wäre einer Antwort wohl wert gewesen, auch
an dieser Stelle. Vieles ist blofs ein Vorurteil; das Gehäuse
der Normaluhr von Athen steht noch auf dem Markte, der
Turm der Winde. Und wenn jetzt der Automat Naschwerk
oder derlei Tand für einen eingeworfenen Groschen spendet,
so lieferte er damals in genau derselben Weise das Weih-
wasser an der Tempelthür. Das Volk, das den Wandel
I
113
der Erde um die Sonne entdeckt hat und in dem Archi-
medes keine vereinzelte Erscheinung ist, war wirklich der
Naturwissenschaft nicht abhold: die Zeiten und Personen
und Werke, in denen diese Geisteswirkung dominiert, sind
nur sehr schwer zu erforschen und sehr wenig erforscht;
dafs das besser werde, dazu müssen uns Philologen, weil
wir begreiflicherweise das sachliche Verständnis nicht be-
sitzen, unsere naturwissenschaftlichen Kollegen helfen. Dafs
aber die Naturwissenschaft das Hellenentum nicht vor der
Barbarei bewahrt hat, ist allerdings sehr bemerkenswert:
sie kann das eben nicht besser als die Poesie oder Skulptur
oder Grammatik. Der Untergang aller Wissenschaften ist
bei den Hellenen eine Folge des Unterganges der politischen
Freiheit, und dieser ist eine Folge der gesellschaftlichen
und sittlichen Zersetzung des Volkes. Das lehrt die
hellenische Geschichte; eine ernste Lehre, deren Be-
gründung wohl auch für unsere Zeit und diesen Platz ge-
taugt hätte.
Aber alle diese reizvolleren Gegenstände habe ich
fahren lassen und erwähne sie nur im Vorbeigehen, weil
alle auf dieselbe Thatsache deuten, deren Hervorhebung
mich zu meinem Ausgangspunkte zurückführt. Selbst die
ernsten Männer in Deutschland wissen vom Altertume über-
aus wenig und wollen noch weniger von ihm wissen. Sie
identifizieren es so ziemlich mit dem was die Schule ihnen
davon geboten hat. Ein wenig ist daran die Schule wirk-
lich schuld. Wie oft hört man den eben so anmafslichen
wie grellen Unsinn, dafs die Schule in den Geist des Alter-
tums einführe. Als ob das Altertum einen einzigen Geist
gehabt hätte, die Schulschriftsteller alle denselben hätten
(Homer etwa und Ovid, oder auch Piaton und Demosthenes),
und gar die nicht für die Knaben ausgewählten auch den-
selben; wo dann freilich der Materialismus Demokrits, die
kritische Skepsis des Karneades und sämtliche exakte
Wissenschaften als unantik erscheinen müssen. Wahrhaftig,
wenn das Altertum nicht mehr und nicht anderen Geist ge-
habt hätte, als ein Knabe fassen kann und darf, so soll man
V. Wilamowitz-M. , Reden. ö
114
Männer mit ihm verschonen. Ein zweites ist was die Schule
ohne Verschuldung wirkt, dasselbe was jetzt leider unsere
grofsen Dichter auch erfahren. Weil sie so viel zur Schul-
lektüre verwandt werden, meint man leicht, man kenne sie
damit genug und hält sie bald für blofse Schülerlektüre.
Es leuchtet ein, dafs diese Vorurteile beseitigt werden, so-
bald die alten Bücher aus der Schule verschwinden. Wenn
sie den Knaben entzogen werden, werden die Männer sie
vielleicht lieber aufsuchen; oder besser die Erwachsenen:
denn ich bin zwar so unmodern, meine Wissenschaft für
mein Geschlecht zu reservieren, aber das Hellenentum, nicht
als Naschwerk, sondern als Nahrung der Seele, zur Erhebung
und Erbauung, gönne ich unsem Frauen und Töchtern auch;
sie sind nicht unempfänglich dafür: man mufs es ihnen
nur nahe bringen. Unser, der Philologen, Vermittleramt
wird schwerer, aber auch notwendiger und lohnender
werden.
Das Hellenentum ist auf den Schild erhoben, das
Griechische zu einer bedeutenden Rolle im Knabenunter-
richte berufen erst infolge der Geistesrichtung, die im
vorigen Jahrhundert das Rokoko überwand und stürzte.
Die grofsen Lehrmeister unseres Volkes haben es als ästhe-
tisch künstlerisches Ideal aufgerichtet, dem sich auch Staat
und Leben und Sittlichkeit unterordnen sollten. Es ist nicht
zu leugnen, dafs die Imitation des Hellenentumes in der
bildenden Kunst des Klassizismus uns jetzt meistens wider-
steht. Aber ein ästhetisch künstlerisches Ideal genügt uns
wirklich überhaupt nicht mehr; wir fordern, wir haben ein
reicheres Volksleben. Daher die Abneigung gegen die
Antike. Wenn sie in jenen Idealen erschöpft wäre, so
würde ich die Abneigung nicht nur begreifen, sondern teilen.
Aber so wenig Polygnot gemalt hat wie Flaxman oder
die Gebrüder Riepenhausen, so wenig hat den Hellenen
eben der Reichtum des Lebens gefehlt, den wir Modernen
fordern. Das mufs der Philologe selbst sehen lernen und
es dann den andern zeigen. Die Augen mufs er offen halten
und nach allen Seiten umschauen, keiner Anregung darf
115
er sich verschliefsen und soll wissen, dafs er von allen
etwas lernen kann. Dann wird er auch in dem Objekt
seiner Wissenschaft tiefer und weiter sehn, und davon den
anderen mitteilen können. Die anderen sind gar nicht so
böse. Sie wollen das alte tote Zeug nur wegwerfen, weil
es tot sei: wenn es das ist, so haben sie ja recht. Beweisen
wir ihnen, dafs es lebt, sorgen wir dafür, dafs sie seine
lebendige Kraft an sich selbst verspüren : dann werden sie
es schon respektieren. Das ist es, was ich sagen wollte;
dem Kleinmut und der Verzagtheit der Philologen wollte
ich entgegentreten. Unserer Wissenschaft als Wissenschaft
will niemand etwas zu leide thun, am wenigsten der Staat,
der sie vielmehr fördert, so gut er kann. Sie wird auch
dadurch nicht schwer geschädigt werden, wenn wir unsere
Lehre einer veränderten Knabenbildung anpassen müssen.
Der Glaube an die Macht und den Wert der Antike ist
allerdings bedroht, und wir, die wir ihn hochhalten, sehen
darin eine schwere Gefahr für die geistige und sittliche
Gesundheit unseres Volkes, oder vielmehr der gesamten
menschlichen Kultur: denn die ist trotz allem Nationalitäten-
hader eine, und darum geht der Kampf der Barbarei und
des Banausentumes gegen das Ideal auch über die ganze
Erde. In diesem Kampfe stehen wir: wohlan denn, so
wollen wir uhsern Mann stehen. Denn wenn die Kultur,
an die wir glauben, untergeht, so ist*s unsere Schuld : keine
Ausrede kann sie von unserem Gewissen abwälzen. Mag
es gegenwärtig in Deutschland trüb für uns aussehn, das
ist doch nur Schein, denn unsere Wissenschaft — ich täusche
mich nicht — ist stärker und gesünder denn vor einem
Menschenalter, und in andern Ländern ist der Stern des
Hellenentumes, der früher tief gesunken war, mächtig im
Steigen. Haben sich doch in Frankreich und England, den
alten Hochburgen der Kultur, von denen wir Deutsche
immer noch lernen können, schon die Freunde der guten
Sache zu mächtigen Gesellschaften zusammengeschlgssen ;
Italien und Hellas können ihres eignen Adels nimmermehr
vergessen; stellt doch das kleine aber in seiner Eigenart
8* "
116
starke Dänemark eine Kerntruppe von Meistern und
Schülern; eine frische Jugend rührt sich in Schweden und
Finnland; und, wenn sie nicht in nationaler Tracht gehn
müfsten, würden die russischen Mitarbeiter längst den ver-
dienten Platz in der vordersten Reihe einnehmen; ja es
gehen die philologischen Schützenschwärme schon von dem
gesicherten Osten westwärts vordringend über das unend-
liche Gebiet des Sternenbanners vor. Nein, wenn wir
nur unserm Ideale Treue halten, so können wir dem kom-
menden zwanzigsten Jahrhundert festen Auges entgegen-
blicken. Was es auch den Völkern bringe: die Sonne
Homers wird leuchten über die weite Welt, Licht und
Leben spendend den Menschenseelen, herrlich wie am
ersten Tag.
Die eigentliche Aufgabe der heutigen Feier ist die
Verkündigxmg der Urteile der Fakultäten über die einge-
reichten Preisschriften und die Bekanntmachung der neuen
Preisaufgaben. Der erhabene Stifter der Preise, dessen
Gedächtnistag wir dadurch pietätvoll begehen, hat mit dieser
Institution, die jetzt an allen Universitäten in Gebrauch ist,
den Anfang gemacht und verdient deshalb doppelten
Dank. Es mufs aber die Frage aufgeworfen werden, ob
die Form und die Bedingungen der Konkurrenz noch
den Bedürfnissen der Gegenwart entsprechen. Denn die
Beteiligung ist schon seit längerer Zeit leider keine starke
mehr.
Verkündigung der Urteile der Fakultäten über die ein-
gelieferten Preisarbeiten und der neuen Aufgaben.
Die Universität schaut heute auf ein Jahr zurück, das
zwar im ganzen ein ruhiges war, insbesondere durch das
fast völlig tadellose Verhalten der Studentenschaft, der ich
mit Freuden den Dank der Universität aussprechen kann,
das aber in ihrem Lehrkörper sowohl durch den Tod wie
durch andere Ursachen so bedeutende Veränderungen her-
117
vorgerufen hat, dafs es nicht angeht, ihrer aller einzeln zu
gedenken. Nur an die Wintersonnenwende will ich er-
innern, w^o wir einen Kollegen ^) in die harte Erde betteten,
den rasch und grausam der Tod weggerissen hatte aus
einem Leben voll Arbeit, voll Streit. Die Universität hat
die Schwere dieses Verlustes empfunden, und auch die ver-
söhnende Kraft des Todes. Dem Toten hat viel an der
Erhaltung seines Namens gelegen, aber auch unsere Uni-
versität und die Wissenschaft hat er heifs geliebt. Möge
ihm sein Wunsch erfüllt werden, dafs das Gedächtnis seines
Namens erhalten werde, wie er es verordnet, uns aber der
unsere, für den wir gethan haben, was wir vermochten:
dafs ungestörter Friede dieses Grab umschwebe. Und nun
denken Sie ein Halbjahr zurück, an den sonnenhellen
blühendprächtigen Mittsommertag, da wir den ältesten und
berühmtesten Göttinger') hinübertrugen auf den Gottesacker
von der friedlichen Gartenbank, auf der er den welken Leib
ohne Scheideschmerz verlassend hinübergeschlummert war
in das Reich des ewigen Lichtes: eines sonnigen Lebens
sonniger Abschlufs. Aber auch dieses Leben hatte seinen
Kampfestag gesehen, einen schöneren selbst und beneidens-
werteren als diesen schönen Scheidetag: den Tag, da er
den Mut hatte seinen Eid nicht zu brechen, den sein Staat,
auch seine Universität preisgaben. Der sittliche Mut von
sieben Professoren hat doch gesiegt über Staatsraison und
Weltklugheit, über Fürstenwillkür und Beamtengefügigkeit,
Gelehrtenhofifart und die Dumpfheit der Masse. Den Werken
des grofsen Physikers wird die Pietät seiner Nachfolger
und Kollegen ein Ehrendenkmal stiften: die Gewissensthat
des mutigen Mannes sollen wir uns alle tief ins Herz
schreiben. Bewahre Gott unser Vaterland und jeden von
uns vor einem solchen Konflikte; aber wenn er kommen
sollte: möge er nicht blofs sieben, nicht blofs Göttinger,
nicht blofs Professoren finden, die ohne Furcht und ohne
1) P. de Lagarde.
2) Wilhelm Weber.
118
Eitelkeit, einzig dem nimmer trügenden Rufe eines lauteren
Herzens folgend, für Recht und Wahrheit handeln und
leiden.
Die Georgia Augusta steht in cadente domo; so sagen
die Leute und schreiben die Zeitungen, und die Statistik
der Studentensummen scheint es zu bestätigen. Auch in
diesem Sommer ist die Zahl bei uns um ein paar Köpfe
heruntergegangen. Es würde viel leichter gewesen sein,
diese Thatsache nur in der definitiven Feststellung hervor-
treten zu lassen, die niemand liest, als die Wahrheit schon
jetzt festzustellen: unser Personalbestand führt nicht nur
keine toten Seelen, die definitive Feststellung wird vielleicht
eher ein Plus ergeben. Wir suchen und sagen die Wahr-
heit, mag sie uns erwünscht sein oder nicht. Erwünscht
ist im höchsten Grade, dafs der Studenten in Deutschland
weniger werden ; dafs sie an Zahl in Göttingen mehr zurück-
gehen als anderswo, ist für uns zum mindesten unerwünscht.
Aber in cadente domo stehen wir deshalb noch lange nicht,
und ich glaube, das Ergebnis würde für uns ein wesentlich
anderes sein, wenn man die Summe der effektiv geleisteten
Arbeit wägen, wenn man die durch die Universität zum
wissenschaftlichen Leben erweckten Seelen zählen könnte.
Endlich fühle ich mich hier dazu gedrängt, unserem Staate
und unserem vorgesetzten hohen Ministerium den ganz be-
sonders warmen Dank auszusprechen, dafs man das Ver-
trauen in die Georgia Augusta nicht verliert: unzählbar sind
die Beweise der sachlichen und der persönlichen Förderung,
die uns geworden sind, unseren Wünschen ist die wohl-
wollendste Berücksichtigung niemals versagt, fast möchte
ich sagen, öfter als wir selbst zu hoffen wagten, Erfüllung
geworden. Nur die eine Bitte für unser schönstes Kleinod,
unsere Bibliothek, mufs wieder und wieder erschallen. Wir
haben den sicheren Beweis, dafs der hohe Geist der Stifter
dieser Hochschule auch den preufsischen Staat beseelt: die
Georgia Augusta soll und wird eine Stätte der Wissen-
schaftlichkeit, der ernsten und der freien Wissenschaft
bleiben.
119
In Dankbarkeit und Treue kränzen wir heute das Bild
unseres Stifters und Paten, gedenken wir unseres erhabenen
Rector magnificentissimus, und erheben wir laut und freudig
unsere Stimme, huldigend und grüfsend unseren aller-
gnädigsten Kaiser, König und Herrn.
Wilhelm II. Kaiser von Deutschland, König von
Preufsen lebe hoch!
Weltperioden.
Rede zur Feier des Geburtstages Seiner Majestät des Kaisers und Königs,
gehalten am 27. Januar 1897 im Namen der Universität Göttingen.
Dankbar und freudig können wir heute das Jahresfest
unseres Volkes, den Geburtstag unseres Kaisers und Königs
begehen. Wie Gottes Gnade über dem Heile unseres
kaiserlichen Herrn gewacht hat, ihm und den teuren Häup-
tern seines Hauses allen Leben und Gesundheit bewahrend,
so hat unser Volk nicht nur das kostbarste der materiellen
Güter, den Frieden, weiter genossen und sich eines steigen-
den Wohlstandes erfreut, sondern es mag sich am festlichen
Tage ruhig berühmen, dafs seine Ehre in dem Kreise der
Völker ungeschmälert und ungetrübt erhalten worden ist,
und dafs mit der Vollendung des Deutschen bürgerlichen
Gesetzbuches ein neues Band um die Staaten und Stämme
geschlungen ist, die am heutigen Tage in der gemeinsamen
Huldigung vor ihrem Kaiser zugleich den Ehrentag ihrer
Gemeinschaft feiern, des Reiches, dem sie Gedeihen und
Ehre danken.
In wenig Wochen werden wir den hundertjährigen Ge-
burtstag unseres ersten Kaisers festlich begehen, viele von
uns in wehmütiger Erinnerung an das ehrwürdige Greisen-
haupt, zu dem sie lange Jahre aufgeschaut haben, nicht
nur als zu dem Träger der irdischen Majestät, sondern mehr
noch dem Haupte des getreuesten Knechtes, dem die
Krone des Lebens gewifs war. Aber es mag unserm
121
Volke wohl frommen, ein Jahrhundert zurückzublicken auf
das Jahr, das dem preufsischen Kronprinzen Friedrich
Wilhelm nicht nur den zweiten Sohn schenkte, sondern ihn
auch zum Herrscher des preufsischen Staates berief, eines
Staates, der kaum deutsch genannt zu werden verdiente,
der vielmehr erst zertrümmert werden mufste, damit jenes
Preufsen entstünde, dessen Volk sich durch eignen Opfer-
mut die Anwartschaft auf die Führung Deutschlands er-
werben sollte.
1797, das ist das Jahr des Friedens von Campoformio.
1797, das ist das Jahr des Musenalmanaches, in dem Goethe
und Schiller die für jedermann geniefsbarste Frucht ihrer
Freundschaft, die Balladen, gespendet haben. Vor hundert
Jahren verfiel Süddeutschland dem Machtbereiche Frank-
reichs, das seine Grenzen bis an den Rhein erstrecken
durfte, und Norddeutschland erfreute sich schlaff und kurz-
sichtig der Neutralität, die ihm der Baseler Frieden gebracht
hatte. Die Schmach dieses Friedens soll einem jeden
preufsischen Manne empfindlicher sein als die Niederlage
von Jena, ihre verdiente Strafe. Und doch, welch einen
Segen haben jene zehn Friedensjahre gebracht. Sie haben
Schiller zu seinem letzten reichsten Schaffen Raum ge-
geben, durch die Freundschaft mit dieser Heldenseele Goethe
zu sich und seiner Pflicht zurückgeführt, und viele unserer
edelsten Männer haben in dieser Mufse stiller Sammlung
die Kräfte gewonnen, der Menschheit die Ziele der Kultur
und der Wissenschaft höher zu stecken.
Das Leben und Gedeihen eines Volkes ist eben zu
kompliziert, als dafs es von einem Augenpunkte aus ganz
richtig gesehen werden könnte, eine allseitige Betrachtung
aber geht über die Kräfte des einzelnen Menschen, und es
ist zum mindesten eine längere Zeit erforderlich, bis die
Wissenschaft durch die Arbeit vieler zu einem menschlich
geredet richtigen Urteile gelangen kann. Denn darüber
soll auch die Geschichtswissenschaft in ihrem Stolze sich
nicht täuschen, dafs ihr Wahrspruch von absoluter Ge-
rechtigkeit immer noch entfernt bleibt. Wenn die Welt-
122
geschichte das Weltgericht sein soll, so ist sie zu schwer
für ein Menschenkind, so kann nur der der Welthistoriker
sein, der zugleich der Dichter dieser Tragödie ist. Wenn wir
uns also heute dessen freuen, dafs die Selbstverblendung
der undeutschen Politik von 1797 unmöglich geworden ist,
wenn wir mit Bangen bemerken, dafs die Ideale höchster
Menschenbildung, die vor hundert Jahren deutsche Männer
der Welt aufrichteten, minder durch internationale Barbarei
als durch bornierten nationalen Fanatismus aller Orten be-
droht werden, so sollen wir uns bescheiden und uns einge-
stehen, dafs es uns nicht zusteht, die Bilance zu ziehen, ob
1797 oder 1897 die Rechnung unseres Volkes günstiger
stünde. Erfüllen wir das Tagewerk, das uns auferlegt ist,
ohne Kleinmut und ohne Uberhebung; vergleichen und
urteilen möge die Nachwelt, so weit Sterblichen ein Urteil
zusteht. Vielleicht erscheinen ihr dereinst die Gegensätze,
die jetzt unser Auge fesseln, so unwesentlich gegenüber
dem Gemeinsamen, dafs sie die Zeit Goethes und die Zeit
Bismarcks in eins zusammenfafst. Denn was ist ein Jahr-
hundert mehr als eine Welle auf dem Meere der Ewigkeit;
und Wellenberg und Wellenthal sind gleichwertig vor dem,
dessen Hauch die Lebensfluten der Äonen bewegt.
Steigt denn aber nicht die Entwickelung der Welt und
ihrer Kultur in einer kontinuierlichen Bahn, sei's geradlinig,
sei's in der Spirale, künftiger Vollkommenheit und Glück-
seligkeit entgegen? Schiller hat den Glauben an die künftige
goldene Zeit als ein Wort desWahnes gegeifselt; aber es wird
auch heute von vielen betrogenen Betrügern geschäftig ver-
breitet, von der urteilslosen Masse begierig aufgenommen.
Denn die Halbbildung bläht sich allezeit in Selbstzufrieden-
heit, schaut auf der Väter Zeiten nur um sich daran zu
weiden, wie herrlich weit sie's selbst gebracht hätte, und
feiert nicht der Dankbarkeit sondern dem Eigendünkel die
Erinnerungsfeste. Aber auch viele Einsichtigere lassen sich
durch den ungeheuren Fortschritt der materiellen Kultur
und durch billige naturwissenschaftliche Schlagworte zu
einer leichtherzigen Verachtung der gesamten Vergangen-
123
heit und zu einer materialistischen Auffassung der Welt-
entwickelung verführen, die eben so unphilosophisch wie
ungeschichtlich ist.
Es bedarf gar keiner Spekulation: die Welt hat die
Erfahrung gemacht, dafs es nicht immer aufwärts geht, dafs
auch, was als unverlierbarer Gewinn der Menschenarbeit
geborgen scheint, verloren gehen kann. Die Kultur kann
sterben, denn sie ist mindestens einmal gestorben. Der
Schakal heult in Ephesos, wo Heraklit und Paulus gepredigt
hatten; in den Marmorhallen von hundert kleinasiatischen
Städten wuchern die Domen und kauern nur vereinzelt ver-
kümmerte Barbaren; Wüstensand wirbelt über dem Götter-
garten Kyrenes. Doch wozu Bilder aus der Feme? Wer
einmal mit Nachdenken über das Forum Roms gewandert
ist, mufs inne geworden sein, dafs der Glaube an den ewigen
kontinuierlichen Fortschritt ein Wahn ist.
Sehr viel tiefsinniger ist die Anschauung, die wir schon
in unserer Jahrzählung ausdrücken. Es geht an, wenigstens
wenn man nur an den Occident denkt, eine aufsteigende
Linie der Kultur seit Christi Geburt zu konstruieren, so dafs
durch einen einmaligen Akt, auf den alles frühere vorbe-
reitete, eine der Vollendung zustrebende Weltperiode er-
öffnet wäre. Allein ganz abgesehen davon, dafs die Welt
zu weit geworden ist, als dafs sie an einem Bilde ihrer Ge-
schichte Genüge finden könnte, wie es am grofsartigsten,
doch schon ohne innerliche Befriedigung, die Gemälde der
Capella Sistina schildern, steht dieser Glaube gerade mit
dem der ältesten Christengemeinde in Widerspruch. Ihre
Begeisterung glaubte sich zwar von dem Hauche eines
neuanbrechenden Tages umwittert, allein das sollte zugleich
der jüngste Tag sein, in dem diese Welt verginge. Als
Paulus die Gemeinde von Thessalonike gestiftet hatte,
waren die Neubekehrten um jeden Bruder in Bekümmernis,
der dahinstarb ohne den Tag der Vollendung erlebt zu haben,
und Paulus tröstete sie so, dafs er selbst mindestens die Hoff-
nung durchblicken liefs, diesen Tag mit irdischen Augen
zu schauen. Die Zukunftsbilder, welche das Urchristentum
124
aus seiner Empfindung heraus projizierte, hatten freilich
keine objektive Wahrheit; aber die Empfindung, die ihnen
Kraft zu neuem Leben gab, kann nimmermehr ein Wahn
gewesen sein. Diese Empfindung war, dafs die Welt, in
der sie lebten, dem Untergange verfallen war. Weil sie
so empfanden, war ihnen die Botschaft eine Erlösung, die
dem einzelnen trotz dem Tode der Welt die gewisse Zu-
versicht des Lebens brachte.
Nicht weniger als jene armen Krämer und Handwerker
empfanden auf den Höhen des Lebens Kaiser Augustus
und die Staatsmänner seines Rates und die Dichter und
Weisen seines Hofes, dafs der entsetzliche hundertjährige
Bürgerkrieg die ganze Kultur an den Rand des Abgrundes
geführt hatte. Allein sie glaubten die Gefahr durch den
Frieden des geeinigten und geordneten Weltreiches, durch
die Rückkehr zu der Zucht und Frömmigkeit der Väter
und zu den hellenischen Idealen beschwören zu können.
Grofsartig ist was sie erreicht haben. Wenn materieller
Wohlstand für die Gesundheit und das Glück der Welt ge-
nügte, wenn der Mensch von Brot allein lebte, so wäre die
römische Kaiserzeit ein Gipfel der Kultur. Ohne Frage
hat zur Zeit des Kaisers Pius die Majorität der Bewohner
des römischen Reiches so empfunden, und ihre Empfindung
ist nicht minder echt als die der Christen. Ihr Ausdruck
ist der Kaiserkultus, die lebendige Religion jener Zeiten,
der nicht nur die vornehmste Stelle in dem öffentlichen
Gottesdienste erhalten hatte, sondern fast alle alten Kulte
durchdrang. Der Inhalt dieser Religion ist der Glaube an
die Kraft und Herrlichkeit des Weltreiches, an die Voll-
kommenheit und Ewigkeit der Weltkultur : eben der Wahn-
glaube nicht nur an den ewigen Fortschritt, sondern an die
erreichte goldene Zeit. Dafs es ein Wahn wäre, sahen frei-
lich nicht nur die Christen, die Vaterland und Staat, Wissen-
schaft und Kunst lästerten, weil sie sie nicht begriffen.
Gerade die Männer, welche für die höchsten Güter aus dem
Erbe der Väter noch wahres Verständnis besafsen, hören
wir klagen, dafs es keinen wahrhaft schönen Mann, kein
125
originales Talent mehr gäbe. Müde und greisenhaft fühlt
sich trotz allem die Welt. Und wahrlich, wie sollte sie
anders, da doch niemand höheren Zielen zustrebt, kein
neuer Gedanke gedacht wird, ja sogar die Möglichkeit seiner
Erzeugung für ausgeschlossen gilt, da so ziemlich die ein-
zige Wissenschaft, an der positiv fortgebaut wird, die Astro-
logie ist, die Philosophie, einerlei welche Religion ihre Ver-
treter bekennen, zwar Engel und Teufel beschwört, aber
den Menschen und die Natur vergessen hat, da selbst das
Heldentum (und Kaiser Marcus ist ein Held gewesen, wie
wenige gelebt haben) nur eine passive Tugend übt, die
ihre Kraft aus der Resignation schöpft.
Um 300 kam der Tod, nicht gewaltsam, nicht plötzlich,
nur mit den Krämpfen und Zuckungen des natürlichen
Sterbens. Die Generation, die dieses Ende erlebte, wurde
seiner kaum gewahr; sie begrub die alten Ideale nicht wie
die Leiche des Erblassers, sie warf sie von sich wie ein
verschlissenes Kleid. Wohl mochte sich die siegreiche
neue Religion eines frischen Lebens freuen, an dem wenig-
stens im Oriente das vierte Jahrhundert reich genug ist;
aber es war ein neues Leben, und wie köstliches war nun
ab und tot. Ein jeder weifs, dafs es nun keinen freien
Staat und keinen freien Mann und keinen freien Gedanken
mehr giebt. Der Absolutismus, der auf einem Stande von
Berufsbeamten und einem der Nation entfremdeten Heere
ruht, tritt gleichzeitig mit der analog organisierten Kirche
die Herrschaft an. Mit der Einheit des Reiches ist die
Einheit der Kultur preisgegeben; damit fällt der Occident,
der bisher immer von Osten befruchtet war, zunächst in
Barbarei zurück, und als er nach tausend und mehr Jahren
sich eine Kjultur selbst errungen hat, gelingt es ihm doch
nicht, bis heute nicht, die Kluft zu füllen, die ihn von dem
mittlerweile barbarisierten Oriente scheidet. Minder augen-
fällig als diese äufseren Gegensätze und in Wahrheit doch
noch viel bezeichnender ist eine andere Veränderung, die
trotz der zäh festgehaltenen Schrift die Trägerin aller
Kultur, die Sprache, von Grund umgestaltet. Die Beto-
126
nung wechselt, indem die Tonstärke statt der Tonhöhe
eintritt und so die alte Unterscheidung von Länge und
Kürze schwindet. Damit fallen die alten Kunstformen in
Poesie und Prosa, ja auch die Musik mufs sich einen neuen
Grund suchen. Wohl hat die Elastizität des hellenischen
Geistes vermocht, ebenso wie sie die neue Kirchenlehre
ausgestaltete, auch die accentuierende Prosa und Poesie,
den Reim und den Kirchengesang zu erschaffen und uns
Occidentalen noch zu übermitteln: aber das ist alles neu.
Wenn die alten Götter tot waren, die Verse Homers und
die Lieder Anakreons und die Rhythmen des Demosthenes
nicht mehr klangen, so war*s mit der alten Kultur zu
Ende. Wer wollte das leugnen, so rätselhaft uns auch die
Wandelung der Volksseele erscheinen, mag, die alle diese
Veränderungen allein hervorrufen konnte. Die Thatsachen
sind da: nur wer sie aus Trägheit oder Vorurteil ignoriert,
kann bestreiten, dafs die Weltgeschichte um 300 an einem
der Wendepunkte des grofsen Weltenjahres gestanden hat,
dafs sich ein Ring an der Kette der Ewigkeit schlofs, und
wo äufserlich Continuität zu sein scheint, in Wahrheit nur
ein neuer Ring sich mit dem vorigen berührt.
Der Inhalt der um 300 abgeschlossenen Periode ist
das s. g. klassische Altertum, die Geschichte der Kultur-
sphäre, welche der hellenische Geist zu durchdringen und
zu beherrschen vermocht hat. Diese Geschichte beginnt
anderthalb Jahrtausende früher, wo wir durch den Nebel
trüber Überlieferungen wieder einen Wendepunkt der
Weltgeschichte erkennen. Eine ungeheure Völkerbewe-
gung macht den Anfang. Sie überflutet alle Länder um das
ägeische und ionische Meer und läfst sich bis an die beiden
Flufsthäler des Niles und des Euphrats verfolgen, die in
der oder den früheren Weltperioden die Centra der Kultur
gewesen waren. Vor dem Anstürme der frischen Völker
bricht eine vermorschte Civilisation zusammen, an der auch
jene Vorfahren der Hellenen teil hatten, deren Burgen und
Gräber nun wieder zu uns reden. Dadurch kennen wir die
materiell reicheren älteren Zustände besser als die home-
127
rischen Dichter, die aus immer mehr verblassender Er-
innerung von den Stürmen der "Völkerwanderung erzählen,
gerade wie das germanische Epos von Gothen und Hunnen
und dabei von Verona und Ravenna handelt, das alt-
französische von den Wirren der Merovingerzeit, die aus
der Mischung von Franken, Römern und romanisierten
Kelten die neue Nationalität ebenso hervorgehen sah, wie
die Hellenen aus der älteren Bevölkerung, die zum guten
Teile nicht einmal arisch gewesen war, und den keineswegs
durchaus urgriechischen Einwanderern erwachsen sind. Jahr-
hunderte hat es dann gedauert, bis diese neue Nation zu
dem Bewufstsein ihrer Eigenart gelangte und sich eine
Gesellschaftsordnung und Staatsverfassung, Religion und
Sitte schuf, die spezifisch hellenisch heifsen durften. Es
sind diese Jahrhunderte, die auf fast allen Gebieten über-
raschende Analogien zu dem Mittelalter der christlichen
Periode bieten.
Auf sie folgt die in Wahrheit unvergleichbare Blüte-
zeit, da sowohl die Freiheit und Ehre des nationalen Staates
wie die Freiheit des Menschen in seinem Fühlen und
Denken, Glauben und Handeln erfafst und behauptet wird,
da die Wissenschaft offenbart wird, nicht als eine fertige
Wahrheit, sondern als das unendliche Streben zur Wahr-
heit. Erst die Vereinigung so vieler der höchsten Güter
macht jene Zeit unvergleichbar; aber vereinigt erscheinen
sie nur dem Blicke aus der Ferne, genaueres Zusehen
zwingt zu Distinktionen. Die ionischen Männer, die zuerst
den Blick zum Himmel aufschlugen, nicht um Geister zu
bannen oder die Zukunft zu lesen, sondern um die Gesetze
der Himmelserscheinungen zu lernen, und denen so die
Ordnung und Harmonie der Natur, die Einheit des ge-
samten Lebens aufging, diese Begründer der Naturwissen-
schaft hatten kein Vaterland, und schwerlich hätten sie
sonst die Welt als Ganzes anzuschauen vermocht. Die
Weisheitslehrer, die die geistige Umwälzung bewirkten,
aus der die Wissenschaft vom Menschen hervorgegangen
ist, sprachen das kühne Wort, dafs der Mensch das Mafs
128
aller Dinge ist, da für jedes Individuum die ganze Aufsen-
welt nur durch seine subjektive Wahrnehmung und Em-
pfindung Realität besitzt; sie brachen die Ketten jedes
Herkommens, jeder Convention und forderten für Religion,
Recht und Sitte eine neue der Vernunft genügende Be-
gründung: nimmer hätten sie das gewagt, wenn sie nicht
Weltbürger gewesen wären, und für die bestehenden
Staaten haben sie nur zerstörend gewirkt. Wer könnte es
dem politischen Historiker verdenken, wenn er die Vater-
landslosigkeit dieser lonier brandmarkt? Im Gegenteil,
das Verständnis der hellenischen Geschichte hängt daran,
dafs die Berechtigung des lebendigen Staates und des
positiven Rechtes, die Berechtigung der athenischen De-
mokratie anerkannt wird, trotzdem dafs ihr Reich nur von
kurzer Dauer gewesen ist, und selbst wenn es Bestand
gehabt hätte, für den hellenischen Gedanken ein zu enges
Gefäfs gewesen wäre. Hat sich doch der gröfste Athener
der Demokratie und seinem Vaterlande abwenden müssen,
damit er als Urgrund der Natur und des Lebens eine sitt-
liche Macht, und als Heil der Menschenseele die sehn-
süchtig dem ewig Guten zustrebende Liebe schaute und
offenbarte.
Eben um dieser Gegensätze willen ist die Zeit von
Thaies bis Piaton, von Solon bis Perikles allzureich, als
dafs sich ihr selbst die Renaissance gleich setzen liefse,
in der Welt und Mensch von neuem entdeckt wurden.
Gleichwohl hat namentlich die Kunstgeschichte diese Pa-
rallele mit Recht gezogen. " Dieselbe hat auch zuerst die
Wandelungen des Stiles, die wir conventioneil mit den
Namen Barocco, Rococo, Classicismus bezeichnen, in den
Jahrhunderten des Hellenismus wiedergefunden; die Ge-
schichte der Sitten wird das höfische und das städtische
Leben derselben Zeit am deutlichsten durch die Analogie
von Versailles und Venedig, Dresden und Holland erläutern ;
die Geschichte der Philosophie sieht Stoa Epikur und
Skepsis in Holland, Frankreich und England wieder mächtig
werden, und dem politischen Historiker drängt sich die
129
• •
Ähnlichkeit in dem Antagonismus und der Gleichgewichts -
Politik vieler neben einander stehender Staaten hier und
dort oft ganz frappant auf.
Im zweiten Jahrhundert v. Chr. beginnt der Flutstrom
des hellenischen Lebens zu ebben. Die Wissenschaft
kommt mählich zum Stillstande, die von der Natur zuerst,
dann die vom Menschen. Das Leben hat keine Ideale und
verlernt fast sie suchen. Der geistige Elan der Volksseele
erlahmt, weil der sittliche Elan geschwunden ist. So ver-
fallt die Welt der Herrschaft der Römer, als verdienter
Preis für die Kraft des nationalen Willens, durch die sie
Italien wider Hannibal behauptet und so den Westen für
die hellenische Kultur gerettet haben. Willig geben sie
sich der Macht des hellenischen Geistes hin, wenn auch
aufser Stande an den Werken dieses Geistes thätig Hand
anzulegen. Allein unmittelbar auf die Vollendung ihrer
Weltherrschaft folgt die hundertjährige Revolution, der An-
fang des Endes. Dem gegenüber hatte schon die Weite
der modernen Welt dafür gesorgt, dafs die Allmacht eines
Volkes unmöglich war. Wohl ist nach der Zeit des Rokoko
eine Revolution hereingebrochen, durch die die Schichtung
der Gesellschaft und die Ordnung des Staates umgestürzt
worden sind: aber sie hat vermocht Staat und Gesellschaft
zu verjüngen. Wohl hat sich die Gefahr einer Weltmonarchie
erhoben: aber die Völker haben sie durch die Kraft ihres
nationalen Willens niedergeschlagen. Wohl war die Meta-
physik so abgelebt, dafs die Skepsis das Feld zu behaupten
drohte : aber Kant räumte die Trümmer weg und legte dem
Denken einen neuen festen Grund. Und ein Dichter erstand,
wie noch keiner gewesen war, und der geistige Elan der
Menschheit erzeugte eine Naturwissenschaft und eine Ge-
schichtswissenschaft, von denen selbst Alexandreia keine
Ahnung gehabt hatte. Die historische Parallele scheint
abzureifsen.
Kaum jemals sind die Ideale des echten Hellenentumes
höher geschätzt worden als vor hundert Jahren, da man
zuerst wieder Homer und Piaton wirklich zu verstehen be-
V. Wilamowitr-M., Reden. 9
130
gann. Wiederum wie zu Kaiser Augustus Zeiten glaubten
die feinsten und edelsten Geister in der Rückkehr zu diesen
Idealen und zwar in direkter Nachahmung das Heil der
Kultur zu sehen. Heute haben wir nicht nur erfahren, dafs
dieser Klassizismus keinen Bestand gehabt hat, wir sollen
auch eben aus der geschichtlichen Parallele lernen, dafs er
es nicht durfte, wenn nicht die Kultur einer gleichen Ver-
ödung durch leere Formenspielerei verfallen sollte, wie in
der römischen Kaiserzeit. Jene Antike, die ein absolut ver-
bindliches Vorbild für Kunst und Leben sein sollte, war
für beides eine ernste Gefahr, schon darum weil sie ein
Wahnbild war. Ein Jahrhundert geschichtlicher Forschung
hat sie beseitigt, mögen auch Ununterrichtete für und wider
sie, d. h. in Wahrheit für und wider den Klassizismus, zu
streiten fortfahren. So lange man noch gar keine geschicht-
liche Perspektive kannte, mochten freilich Homer und
Aristoteles und Horaz auf einer Fläche erscheinen: jetzt
sind alle jene Theoreme, was *die Alten' gethan oder nicht
gethan haben sollen, ohne weiteres erledigt. Sie haben
zähnefletschende Scheusale als Furien gebildet zu be-
stimmter Zeit, zu anderer nicht mehr; sie haben Toten-
gerippe tanzen lassen und dann wieder den Tod als schönen
Jüngling dargestellt; sie haben sich in Malerei und Dich-
tung an Lessings Grenzen so viel und so wenig gekehrt
wie die Modernen. Schillers Unterscheidung von naiver
und sentimentalischer Dichtung läfst sich nur mit der Modi-
fikation halten, dafs derselbe Gegensatz sich auch durch
die griechische Poesie ziehe. Klassisch ist das Gesunde,
romantisch das Kranke, sagt Goethe. Er wird Recht haben ;
nur hat dann auch das klassische Altertum überwiegend
romantisch Krankes hervorgebracht. Ja selbst die Mifs-
geburten der 'Moderne' würden ohne Zweifel in Hellas
ihres Gleichen finden, wenn die Zeit nicht gar so wenig
für die Konservierung von Eintagsfliegen sorgte. Es ist
nicht anders, und es konnte nicht anders sein: die Ge-
schichtswissenschaft mufste den Glauben an ein solches ab-
straktes Ideal zerstören, sintemal eine goldene Zeit so wenig
131
hinter uns wie vor uns liegt. Was an seine Stelle getreten
ist, mag minder erhaben sein, obgleich auch das schwer-
lich, denn wir sehen nun in anderthalb Jahrtausenden eine
Kultur den ganzen Kreislauf der Entwickelung durchmachen,
wir sehen einen Ring an der Kette der Ewigkeit sich
runden und schliefsen. Und ganz abgesehen von den Her-
vorbringungen dieser Kultur, schon dafs sie abgeschlossen
hinter uns liegt, so dafs wir die Ursachen und Phänomene
ihres Wachsens und Vergehens ganz verfolgen können,
hat für die historische Methode überhaupt paradigmatische
Bedeutung.
Die moderne Historie streitet zur Zeit nicht ohne Leiden-
schaftlichkeit über ihr Objekt und ihre Ziele. Vielleicht
giebt ihr der hundertjährige Geburtstag Otfried Müllers,
den dieses Jahr auch bringen wird, die Veranlassung sich
zu überlegen, in welcher Weite bereits der Geschichts-
schreiber der hellenischen Stämme seinen Gegenstand ge-
fafst hat. Es kann für Hellas gar nicht in Frage gezogen
werden, dafs nur das ganze Leben des Volkes der Gegen-
stand seiner Geschichte ist; Staat und Religion, Sitte und
Recht, Kunst und Wissenschaft verschlingen sich der Art,
dafs die Unzulänglichkeit einer jeden Scheidung am Tage
liegt. Die einseitig politische Historie und ihre rhetorische
Stilisierung ist zwar auch eine hellenische Erfindung; aber
die klassizistische Nachahmung des Thukydides und Poly-
bios ist für die alte Geschichte üerwunden. Damit dürften
wir doch methodisch über Rankes Historiographie hinaus
gelangen. Es ist der höchsten Bewunderung wert, wie
dieser umfassende Geist es vermocht hat die ganze Ent-
wickelung der christlichen Periode zu durchdringen, und
schwerlich wird es ihm ein anderer nachthun; es war sub-
jektiv vollauf berechtigt, wenn er als Greis der Gesamt-
darstellung dieser Geschichte, die er begann, eine Skizze
der älteren Zeiten voranschickte, und seiner zwei Menschen-
alter früher erworbenen Anschauung mochte es anstehjsn,
das eine Weltgeschichte zu nennen. Aber es wäre ein
schwerer Irrtum, und sowohl die Trägheit wie das nationale
9*
132
Banausentum würden üblen Gebrauch davon machen, wenn
man der Ehrfurcht vor einem grofsen Namen zu Liebe den
Tempel der Geschichte erst mit der Bildung der romanischen
und germanischen Nationen beginnen und die frühere Zeit
nur als Vorhalle gelten lassen wollte. Das Verständnis
unserer gesamten Kultur würde dadurch geradezu ent-
wurzelt. Freilich liegt dieser Irrtum nahe, so lange der
Glaube an den kontinuierlichen Fortschritt der Kultur gilt ;
er ist sofort beseitigt, sobald wir anerkennen, dafs sich ihr
Leben in Perioden abspielt. Denn da sich die Wissen-
schaften immer nach ihrem Objekte abgliedern, wird dann
nur die gemeinsame Methode die Einheit für die Geschichte
der verschiedenen Kulturperioden bilden, ganz wie es zwar
eine einzige philologische Methode giebt, aber genau so
viel verschiedene Philologien wie selbständige Litteraturen
— wenn es denn überhaupt angeht, Philologie und Ge-
schichte begrifflich zu sondern. Diejenige Betrachtung da-
gegen, die das Gesamtleben der Menschheit überschaut,
wird füglich der Philosophie zufallen, deren Amt es ist die
allgemeinen Gesetze oder Ideen, das bleibende Sein im
Strudel des Werdens, aufzuzeigen. So ist ja auch der
Glaube an den kontinuierlichen Fortschritt der Kultur in
Wahrheit nicht minder ein Erzeugnis philosophischer Ab-
straktion als der an die Weltperioden, zu deren Erläuterung
ich das nicht ganz genügende Bild von den Ringen einer
Kette nur deshalb suchen mufste, weil es uns nicht mehr
gegenwärtig ist, dafs eigentlich die Rückkehr zum Aus-
gangspunkte mit bezeichnet wird, wenn wir den Hellenen
das Wort Periode nachbrauchen. Auch bei diesen hat es
natürlich dieselben widersprechenden Ansichten über den
Gang der Weltkultur gegeben wie unter uns, nur dafs die
Rechnung mit der Zukunft und dem zukünftigen Glücke
sehr zurücktritt, dagegen die Vorstellung von einem wirk-
lich grofsen Jahre, einer wirklichen Rückkehr sämtlicher
kosmischer Bewegungen zu demselben Punkte gemäfs den
damaligen naturwissenschaftlichen Hypothesen gerade den
umfassendsten Philosophien geläufig ist. Verdenken wollen
133
wir es dem Thukydides gewifs nicht, wenn ihn die ganze
Vergangenheit gering und ärmlich dünkt gegenüber seiner
Gegenwart, denn zu dem berechtigten Hochgefühle der so-
phistischen Aufklärung gehört auch diese Pietätlosigkeit.
Verdenken wollen wir ihm auch die nationale Engherzig-
keit nicht, der die Welt mit Hellas zusammenfallt, obwohl
das ein Rückschritt gegen Herodotos war. Aber wenn
wir diesen Standpunkt auch verstehen und verzeihen: be-
wundern dürfen wir ihn nicht, geschweige denn uns selbst
auf ihn stellen.
Dagegen Piaton, der zwar die Geschichtswissenschaft
mifsachtet, aber die Philosophie der Geschichte begründet
hat, ist gerade durch die Jugend und Enge der eignen
Kultur zu der tiefsinnigen Anerkennung getrieben worden,
dafs vor ihr andere Perioden liegen müfsten, in denen die
Kultur ihren Kreis durchlaufen hätte. Sein Blick, der
immer auf das Wesen der Dinge gerichtet war, bemerkte
in dem Wechsel der Formen von Staat und Gesellschaft,
die ihm eine noch so unzulängliche historische Erfahrung
bot, eine gewisse Regelmäfsigkeit der Abfolge und erkannte
die Ursache dieser Veränderungen in den Wandelungen
der Seele des Volkes, das sich Staat und Gesellschaft bildet,
während wiederum die Seele durch die Formen des Lebens
das sie umgiebt mannigfach beeinflufst wird: so schildert
er denn diese Wandlungen typisch in poetischen Bildern,
in prophetischen Ahnungen — die Erfahrungen von zwei
Jahrtausenden können die Bewunderung seines Tiefsinns
nur steigern; aber die Ahnungen in wissenschaftliche Er-
kenntnis umzusetzen vermag auch heute noch niemand. Das
mag dereinst einem ebenbürtigen philosophischen Geiste
möglich sein, dem die Geschichtswissenschaft vieler Gene-
rationen das Material zubereitet haben wird, oder besser
die Wissenschaft überhaupt, denn die Naturwissenschaft
ist nicht minder philosophisch, und er wird ihrer nicht
minder bedürfen.
Ein solcher Ausblick und solche Hoffnung werden
mit nichten dadurch verboten, dafs wir die Kultur auch
134
Rückschritte machen sehen, dafs vieles vielmals von neuem
erfunden und erstritten werden mufs, dafs viele Jahrhunderte
die vererbten Schätze früherer Perioden tot liegen lassen,
wie es der hellenischen Wissenschaft begegnet ist Denn
wirklich zu Grunde gehn kann nur das materielle: der
geistige Ertrag der Menschenarbeit mag eine Weile für
alle eine latente Kraft sein, wie er es immer für die meisten
ist, darum bleibt er doch unverlierbar und unsterblich, weil
er geistig ist. Generationen mögen dahin gehn ohne ihn
zu mehren, er nimmt darum nicht ab, und so mufs er von
Aeonen zu Aeonen gemessen wachsen. Welchem Ziele
entgegen? Wir wissen es nicht; Gott weifs es.
Also schauen wir von der Warte der Wissenschaft auf
die Vergangenheit, von der es ein Wissen giebt, in die Zu-
kunft, für die nur das Hoffen bleibt, aus der Gegenwart,
da es zu handeln gilt. Aus der Vergangenheit mögen wir
die Hoffnung schöpfen, dafs vor hundert Jahren die Welt-
geschichte wieder einmal einen Wendepunkt überschritten
hat, und dafs die schweren Leiden unserer Gesellschaft einer
neuen Weltperiode das Leben geben sollen. Für das Han-
deln aber gelten dieselben ewigen Gesetze heute wie immer-
dar. Der Einsatz der ganzen Kraft, die Hingabe der eignen
Person an das Allgemeine im Dienst des Guten wird von
einem jeden gefordert. Heute wie immerdar erscheint die
unmittelbare Hingabe des eignen Lebens als des Mannes
würdigste That, und der Tod des Tapfern für das Vater-
land als das herrlichste Menschenlos. So sei denn heute
hier als das Schönste, was das verwichene Jahr unserm
Kaiser und unserm Volke gebracht hat, das Heldentum
unserer Brüder gepriesen, die fem im Ostmeere im Brausen
des Orkans, im Tosen der See, im Rachen des Todes mit
den Klängen des deutschen Liedes der fernen Heimat Valet
gesagt haben, und von dem lieben Sonnenlichte geschieden
sind mit dem Rufe der Treue: es lebe der Kaiser. Wir
wissen es und dürfen es ohne Überhebung aussprechen,
dafs Hunderttausende, die ihrem Kaiser und Könige Treue
geschworen haben zu Wasser und zu Lande, im Angesichte
135
des Todes diesen Mannesmut beweisen würden. Aber auch
für des Lebens Alltagsarbeit gilt dieselbe Pflicht der Treue.
Mögen wir dessen eingedenk bleiben, wenn wir nun denselben
Zuruf der Huldigung ertönen lassen. Es ist ein Segens-
wunsch zugleich für unser ganzes Volk, seine Einheit und
seine Ehre, ein Segenswunsch für das Gedeihen eines jeden
Hauses und Hauptes, ein Segenswunsch für das Gedeihen
des Friedens und der Gesittung der Menschheit, wenn wir
rufen: es lebe Seine Majestät, unser allergnädigster Kaiser
König und Herr, Wilhelm II.
Volk, Staat, Sprache';
! lUT Feier des Geburtstages Si
gehalten im Namen der Univc
: des Kai.
im t7. Jan
• Die erste und vornehmste Empfindung, in der wir heute \
wie alljährlich den Geburtstage Seiner Majestät des Kai
und Königs begehen, ist ganz persönlich: sie gilt der Person
des Herrschers, dessen Familienfeste der Preufse mit als
die eigenen zu feiern gewohnt ist, und auch unsere Uni-
versität vereinigt ihre Glieder und ladet ihre Gönner zu-
nächst aus diesem Gefühle heraus, das sich vor allen äufsem |
will, weil es Allen gemeinsam ist. Und wohl dürfen i
heute unsem kaiserlichen Herrn zu dem Jahre, das er be- 1
schlössen hat, beglückwünschen. Wie Gottes Gnade über J
Leben und Gesundheit aller Glieder seines Hauses gewacht 1
hat, so hat Seine Majestät sich rastlos und unerraüdet derl
Erfüllung seines königlichen Berufes hingeben können, mit I
allzeit frischer Elastizität die Vollkraft des Willens für 1
das einsetzend, worin er das Heil des Vaterlandes erbhckte. |
Und in kraftvollem Wirken liegt das beste Menschenglück. J
Möge Gott dem Willen unseres erhabenen Herrn, der stets |
auf die Gröfse unseres Staates und Volkes gerichtet ist, auch j
l) Der HaupKeil dicf
Jahres iggg abgedruckt.
137
fernerhin die Kraft erhalten, die Ziele weisen, die Wege
bereiten.
Aber unser Volk beweist auch darin seinen echt mo-
narchischen Sinn, dafs sein einziger nationaler Festtag der
Tag seines Fürsten ist Die Feier eines Siegestages, und
wäre es der von Leipzig, dessen Gedächtnis für kein anderes
Volk eine Kränkung in sich schliefst, würde die Gedanken
in eine zu enge Sphäre bannen, als dafs sie eine jährliche
Erneuerung ertrüge. Wohl aber ziemt sich auch für die
grofse Familie eines Volkes einmal im Jahre sich zu be-
sinnen, was sie an Gut und Übel, an Erfolgen und
Rückschlägen erlebt hat, rückschauend auf die durch-
messene Lebensstrecke, bald stolz, bald beschämt, stets
mit Dankbarkeit, vorwärtsschauend in die nächste und
ferne Zukunft, manchmal wohl voll Bangen, niemals ohne
Hoffnung.
Wir als deutsche Männer und Bürger des deutschen
Reiches werden, wenn wir, wie sich gebührt, das Ganze
und nicht eine einzelne Partei oder Gesellschaftsschicht ins
Auge fassen, an dem heutigen Jahrestage nicht ohne Ge-
nugthuung auf das Erreichte und mit der Zuversicht ge-
sunder nationaler Kraft auf das Kommende blicken dürfen.
Die deutsche Arbeit ist nicht müde geworden, und der
alte Gott hört nicht auf, redliche Arbeit zu lohnen. Der
deutsche Gewerbfleifs, immer neu befruchtet von der Er-
findsamkeit des wissenschaftlichen Forschers, von der be-
sonnenen Kühnheit des deutschen Kaufmanns an jeden
Erdenrand getragen, läfst die Völker älterer Kultur immer
von neuem erstaunen, was alles in Deutschland gemacht
wird. Wenn sich Gedanken abstempeln liefsen, würde
mancher sich noch mehr verwundem, wie viel von dem,
was er alltäglich braucht, in Deutschland gedacht worden
ist. Das hat einst willigere Aufnahme gefunden, da wir
nur Gedanken auszufuhren hatten und daheim in engem
Kreise ein wohlmeinender Beamtenstaat ein wesentlich von
Ackerbau genährtes Volk regierte. Es ist anders geworden,
und vieles wird und mufs sich noch ändern, denn neues
138
Leben fordert neue Formen. Neue Schichten und Stände
der Gesellschaft fordern in dem gesunden Gefühle ihrer
Kraft und Bedeutung ihren gebührenden Platz, und neid-
los und freudig wird ein Jeder sie neben sich begrüfsen,
der eigener Kraft und Arbeit das was er ist und gilt ver-
dankt, mag er es auch zunächst ererbt haben. Die Toten
aber müssen ihre Toten begraben. Sehe jeder zu, auch
die Universitäten, dafs sie den Forderungen lebendiger
Wissenschaft und lebendigenWissensdranges Genüge leisten,
auf dafs sie nicht zum toten Holze geworfen werden.
Sehen wir doch des Lebens vergeistigtes Abbild, die Kunst,
endlich wieder einmal in ehrlichem heifsem Bemühen da-
nach ringen, das einzig lebendige Heute dem ewig Gestrigen,
das nimmer gewesene Ewige der banalen Alltäglichkeit
gegenüber zur Erscheinung zu bringen. Immer weiter wird
die Welt; der Mensch hat den Raum bezwungen und un-
aufhaltsam drängt die Entwickelung dahin, dafs der ganze
Erdball in demselben Sinne ein einziges Kultur- und Wirt-
schaftsgebiet werde, wie es noch vor fünfzig Jahren kaum
Europa war. Auch die Politik mufs den ganzen Erdball
im Auge behalten, wenn sie für die Heimat, für den Frieden
und das Gedeihen des eigenen Volkes sorgen soll, und es
sollte keines Wortes bedürfen, dafs sie die Organe haben
mufs, um ihrem Willen über das Weltmeer hinaus Aus-
druck und Nachdruck zu geben. Sie wird sie erhalten;
hoffentlich ohne erbitternden Streit; wo nicht, so ist es
schon ein Segen, wenn um einen grofsen Gedanken ge-
stritten wird, und es erhebt unsere Herzen an diesem Tage,
dafs eben das, was die Ehre Deutschlands erheischt, ein
Herzenswunsch unseres kaiserlichen Herrn ist.
Ja, wir haben Grund genug, als Deutsche unseres
Reiches froh zu sein. Und dennoch, gerade um das Deutsch-
tum scheint schwere Sorge nicht unberechtigt. Schon da-
rüber ist die Klage verbreitet, dafs die fremden Volks-
elemente, die innerhalb unseres Reiches sitzen, statt mit
den Deutschen zu verwachsen, sich nicht nur abgesondert
halten, sondern wohl gar auf Kosten des Deutschtumes
139
vordringen. Noch bedenklicher sieht es aufserhalb der
Grenzen des Reiches aus. Wer auf der Karte die Grenz-
veränderungen des deutschen Volkes eintragen . wollte, der
würde alljährlich manchen Verlust verzeichnen müssen,
geringen Gewinn. Wo Deutsche unter def Herrschaft eines
Staates von fremder Sprache sitzen, wird ihre angeborene
Sprache und Nationalität zurückgedrängt und vielfach er-
drückt. Jüngst aber hat sich in unerfreulichen Kämpfen
offenbart, dafs auch in dem bisher deutschen Osterreich
der Deutsche die Vorherrschaft zu verlieren droht und
schon um seine Gleichberechtigung kämpfen mufs, obwohl
ihm aufser den Polen Galiziens und den selbst bedrohten
Italienern nur Stämme ohne eigene alte Kultur oder gar
ohne jede Kultur gegenüberstehen. Wir sehen seit Jahr-
zehnten, wie sich solche Völkerkämpfe vollziehen, ohne dafs
die freundschaftlichen und zum Teil in dem engsten po-
litischen Bündnisse festgelegten Beziehungen der Staaten
davon berührt werden. Der Einsichtige kann nicht umhin,
die Weisheit dieser kühlen Staatskunst rückhaltlos zu
billigen; aber sein Herz schlägt darum nicht minder warm,
und schmerzlich kommt er zu der Einsicht, dafs Staat und
Volk zweierlei sind und das Nationalitätsprinzip nur ein
Schlagwort, so gut und so schlecht wie andere auch, die
die schwere praktische Kunst der Politik in eine theoretische
Formel bannen wollen.
Es ist heute für viele ein Axiom, dafs die Zugehörig-
keit eines Menschen zu einem Volke durch seine Sprache
allein bedingt werde, Sprachgemeinschaft eine Volksindivi-
dualität schaffe und ein jedes solches Volk ein natürliches
Recht auf eine mehr oder minder selbständige staatliche
Sonderexistenz besitze. Es würde sich verlohnen, der Ent-
stehung dieser Lehre nachzugehn. Die nationalen Staaten,
die sich Italiener und Deutsche erstritten haben, sind
schlecht geeignet, ihre Wahrheit zu illustrieren, denn beide
lassen eine erhebliche Anzahl Volksgenossen draufsen,
was zwar nicht uns, aber den meisten Italienern natur-
widrig erscheint. Zudem hatten beide Völker aufser der
140
Sprache eine grofse Kultur eigentümlich und dazu das
Gedächtnis an alte Einheit und Gröfse. In Wahrheit ist
jenes angebliche Naturgesetz gar nicht aus der konkreten
Erscheinung des Lebens abgeleitet, sondern aus der Spe-
kulation über die Begriffe Volk, Staat, Sprache. In der
Romantik und weiterhin in den Ideen Herders hat es seine
Wurzeln; insbesondere die Überschätzung der Sprache ist
ohne Frage durch die grofsen Entdeckungen hervorgerufen,
durch welche W. von Humboldt, J. Grimm und Fr. Bopp
die Geschichte der Völker allerdings in ungeahnter Weise
erweitert und vertieft haben. Die Theorie bleibe unge-
prüft; dagegen erscheint es dieser Stunde und dieses Ortes
nicht unwürdig, eine Anzahl Thatsachen der Geschichte
zusammenzurücken, die für sich selbst sprechen mögen.
Noch vor hundert Jahren hat die französische Revolu-
tion Menschenrechte proklamiert und allen Völkern die
frohe Botschaft von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit
aller Menschen verkündet, vor der die Schranken der
Völker fallen sollten und fielen. Wenn heutzutage dieses
Evangelium nur noch als verstaubtes Dekorationsstück von
der internationalen Demokratie geführt wird, so wollen wir
doch nicht vergessen, welches Lied unser Dichter an die
Freude gesungen hat. Napoleon, der Italiener auf fran-
zösischem Throne, der nie ein eigenes Vaterlandsgefühl
gekannt hat, errichtete ein Weltreich, gänzlich unbe-
kümmert um jede Volksindividualität, doch nicht unbe-
kümmerter als die Ostmächte, die kurz zuvor Polen geteilt
hatten, oder die Diplomaten des Wiener Kongresses. In
Wahrheit hatte Frankreich den Kontinent überwunden,
weil es längst ein centralisierter Staat und sein Volk der
Träger einer Civilisation war, deren Überlegenheit der
ganze Kontinent anerkannte. Deshalb war es im Stande,
nach allen Seiten über die französischen Sprachgrenzen
überzugreifen und hatte doch nicht nötig, die fremden
Elemente in ihrer sprachlichen Sonderart zu beeinträchtigen.
England allein war ihm durch seinen Staat und seine
Kultur ebenbürtig und daher unüberwindlich; aber Grofs-
141
britannien trägt die Vereinigung verschiedener Volksstämme
schon in seinem Namen. Zweihundert Jahre früher hatte
der Heldenkampf, den die Niederländer für ihre Freiheit
führten, mit Fug und Recht die Aussonderung Holl<|nds
als eigenes Volk zur Folge. Aber der Kampf galt der
religiösen Freiheit. Die Grenze, die schliefslich Katholiken
und Reformierte schied, ging mitten durch das niederdeut-
sche Volk und hat sich doch so stark bewiesen, dafs ihre
künstliche Beseitigung binnen kurzem aufgegeben werden
mufste. Die langen Jahrhunderte hindurch, während deren
lediglich dynastische Politik getrieben ward, oder Mächte
universaler Tendenz, das Kaisertum, die römische Kirche,
der Islam die Führung hatten, spielen die Nationen als
solche gar keine Rolle. Der Islam hebt bis heute die
Nationalität auf. Das beweist der Bürgerkrieg, der gegen-
wärtig die Insel Kreta verwüstet. Der naiven Unwissen-
heit, der man erschreckend oft begegnen mufs, erscheint
er als ein Rassenkampf, während doch in Wahrheit die
christlichen Griechen der Insel mit den Nachkommen ihrer
Volksgenossen kämpfen, die einst ihren Glauben verleugnet
haben; wer das zu würdigen weifs, wird wenig Zutrauen
zu der weifsen Salbe der Autonomie haben, die den bluti-
gen Gegensatz heilen soll. Das Christentum hat zum Glück
gelernt, dafs das Evangelium mit der Treue gegen das
eigene Volk vereinbar ist; aber es hat dieselben Forde-
rungen wie der Islam nur zu oft erhoben und erzwungen.
Schon der älteste der sogenannten Apologeten wagt dem
Kaiser Pius zu schreiben: „Dir ist bekannt, dafs es vier
Menschenrassen giebt, Barbaren, Griechen, Juden und
Christen." Er rechnet den römischen Kaiser schlankweg
zu den Griechen; das wird Pius nicht übel genommen
haben. Aber er gesteht auch, dafs er selbst durch die
Annahme des Christentums die Rasse gewechselt hat, und
dabei war er von Geburt ein Athener.
Wir sind schon in die frühere Weltperiode hinüberge-
fiihrt, an die wir uns, wie es bei geschichtlichen Betrachtungen
allgemeiner Art zu geschehen pflegt, wenden müssen, um
142
Analogien zu den modernen Aspirationen zu finden. Allein
zuvor sei eine andere Reihe von Erscheinungen in's Auge
gefalst, Völker,, die ihre Sprache behauptet, und solche, die
sie verloren haben.
Das Litauische ist die Wonne des Grammatikers, weil
es, ein eigener Zweig der arischen Sprache, urtümliche
FormenfuUe bis heute bewahrt hat. Das ist nur deshalb
möglich gewesen, weil das Volkchen ein lediglich vegeta-
tives Leben geführt hat, eine eigene Kultur nie besessen,
fremde nur äufserlich übernommen, so dafe seine aufstreben-
den Elemente immer in ein fremdes Volkstimi übergingen.
Um die Pyrenäen sitzt in den Basken der Rest eines
nichtarischen Volkes, der Iberer, die einst die ganze Halb-
insel, Südfrankreich, und, da sie doch wohl den Ligurem
verwandt waren, mindestens Norditalien besessen haben.
Eine positive politische Macht sind sie nie gewesen, sondern
haben seit alten Zeiten unter dem Drucke arischer Herr-
schaft und Kultur gestanden. Auf den Rest, der seinen
Namen und seine Sprache bewahrt hat, trifft ziemlich das-
selbe zu, wie auf die Litauer, aber als Ferment des spani-
schen Volkes sind die Iberer von grofser Bedeutung. West-
gothen und Sueben sind aufgesogen; von den Kelten mag
manches dauern, aber der uns so fremdartige Zug in dem
spanischen Wesen, der den Genufs Calderons trübt, den
unsterblichen Reiz des Ritters von der Mancha erhöht, ist
offenbar iberisch. Ein Ritter war doch auch der Baske
Ignatius Loyola gewesen, der sich als unbeugsamer, mit-
leidloser Kämpfer für ein selbstgewähltes hohes Ideal die
Glorie des Heiligen errungen hat.
Weit über Kleinasien hin und mindestens bis an den
Ostrand der Balkanhalbinsel hat vor den Hellenen ein nicht-
arisches Volk gesessen, gespalten in viele Stämme, deren
Verwandtschaft die Sprache zeigt. Politisch und national
ist es überall den Hellenen erlegen, aber erst dadurch zur
Bedeutung gelangt. Wüste Räuber sind die Isaurier, bis
hellenisierte Kaiser aus diesem Stamme auf dem Throne
von Byzanz dem Namen den üblen Klang nehmen. Nur
143
als faule Knechte kennt das Altertum die Kappadokier,
bis Basilius und Gregorius nicht nur als Väter der Kirche,
sondern als die vornehmsten Meister des Wortes und die
menschlich anziehendsten Griechen in ihrem geistig* keines-
wegs armen Jahrhunderte auftreten. In dem rauhen Karst-
gebirge der westlichen Balkanhalbinsel sitzen, so lange die
Menschen denken, die lUyrier, ein selbständiger arischer
Stamm, in niemals ganz gebändigter Freiheit und Wildheit.
Wieder kann nur der Sprachforscher seine Freude haben.
Aber sobald diese physische Kraft sich einer überlegenen
Kultur unterwirft, kommt sie in dieser zur Geltung. lUyrien
hat dem römischen Reiche manchen Kaiser geschenkt, der
das römische Wesen mit illyrischer Faust verteidigt hat,
und die Helden des griechischen Freiheitskampfes der
zwanziger Jahre sind zum grofsen Teil Albanesen gewesen,
die sich freilich ganz als Romäer fühlten. Sollte es wirk-
lich für irgend jemand ein Glück sein, wenn ein national-
albanesischer Staat erfunden würde?
Das weitaus, merkwürdigste Beispiel bietet das grofse
arische Keltenvolk. Haben sie doch von der Save bis
Irland, von der Zuydersee bis Ancona in kompakter Volks-
masse gesessen, und sind doch fremder Kultur überraschend
leicht erlegen. Wo ihre Sprache dauert, in der Bretagne
und Wales, führen sie nur ein vegetatives Dasein^), und
ohne den Gegensatz der Religion würden sie auch in Irland
längst den Engländern ganz erlegen sein; es ist keine
Propheten gäbe nötig, um dem irischen Drängen nach
nationaler Selbständigkeit den Erfolg abzusprechen. Dennoch
hat das Keltentum eine eigene unvergängliche Bedeutung.
Gestalten ihrer Heldensage, wie Tristan und Parzival, haben
die Phantasie der ritterlichen Kreise des Mittelalters erfüllt
^) Das war ein grofser Irrtum. Ich bin mittlerweile durch H. Zimmers
überaus belehrende Ausführungen über die Aspirationen und Erfolge des
Keltentumes namentlich in Wales aufgeklärt worden. Ich mufs also dahinge-
stellt lassen, ob die Zukunft den Kelten gewähren wird, was sie in der Ver-
gangenheit, grade als sie die stärkste Wirkung ausgeübt hatten, nicht einmal
angestrebt haben, eine keltische Kultursprache und einen keltischen Staat.
144
und sind auch uns noch vertraut; das künstliche National-
gefühl des deutschen Bildungsphilisters hält sie oft für ur-
germanisch. Irische Mönche sind die Träger der römischen
Bildung unter germanischen und romanischen Völkern ge-
wesen. Unübersehbar ist die Zahl grofser Männer des
Wortes und der That, die zu Engländern geworden, dennoch
das Keltentum zur Wahrheit machen, das Britannien im
Namen trägt. Und wenn schon in der römischen Litteratur
ein Livius und ein CatuUus jene Grazie zeigen, die uns
französisch anmutet, so haben die Franzosen ein gutes Recht
dazu, sich als Nachkommen der Gallier zu betrachten, von
denen ihr nationales und litterarisches Wesen einige der
bezeichnendsten Züge trägt. Aber ihre Sprache ist ro-
manisch, denn Rom hat die keltische Nation zertrümmert,
während die eingeborene Art der Rasse dauerte,
Rom, die Herrin der Nationen, hat unter den Kaisern
in der That erreicht, über viele verschiedene Völker und
Sprachen zu gebieten, mit einem Allmachtgefühle, wie es
nie ein Staat wieder empfinden wird. Die Stadtgemeinde
freier Bürger hatte sich zu dem einheitlichen Sprach- und
Kulturgebiet Italien erweitert, freilich um den Preis, dafs
so hohe Kulturen wie die der Etrusker und Samniten zu
Grunde gingen. Doch nun waren die Italiker alle Römer
und gleichberechtigte Bürger geworden. Sie beherrschten
weithin die Welt und hielten sich berechtigt, immer weiter
zu greifen; sie nannten es zum Frieden bringen, wenn sie
einen freien Stamm unterwarfen. Grausam genug waren
die Mittel. Selbst der mafsvoUe Kaiser Augustus hat die
Bergstämme der Alpen zum Teil ausgerottet, mitten im
Frieden die Städte Galliens zerstört, einen Streifen Ödland
vor die Grenze gegen die wilden Germanen gelegt. Auch
die Religion der Kelten ist als staatsgefährlich verfolgt
worden. Aber um den Preis der Romanisierung war dem
Unterthanen möglich, in den Kreis der Bürger aufzusteigen.
Für die Barbaren war dieser Preis ein Gewinn ; die ro-
manisierten Völker werden über den Verlust ihrer natio-
nalen Sprachen nicht klagen. Anders lag das, wo eine
145
ältere überlegene Kultur weichen mufste, wie in Sicilien,
wo die Kaiser die Sünden des Senatsregiments nicht wieder
gut gemacht haben, damit sich die Insel romanisierte. Da
versucht noch heute Italien vergebens, die alten Wunden
zu heilen. Überhaupt überschätzt man die Erfolge der
Kaiserzeit sehr leicht, weil der freilich staunenswerte Bau
des Staates so gewaltig imponiert. Schwerlich wären
Spanien und Gallien romanisch geblieben, wenn nicht die
Kirche als eine gleich mächtige und über geistige Mittel
verfügende Nachfolgerin das Kaisertum abgelöst hätte;
wenigstens hat Afrika mit dem Christentum sofort auch die
römische Kultur eingebüfst. Das ist begreiflich, denn diese
ist im eigentlichen Sinne gar keine lebenige Kultur. Sie
erwirbt nichts und schafft nichts Neues, sondern zehrt von
dem Kapitale alter, fremder Arbeit. Sie hat keinen Hauch
von Wissenschaft, sondern vertreibt nur eine formelle
Schulung des Geistes, die Rhetorik, und jene abscheuliche
allgemeine Bildung, das ganz gemeine Surrogat der echten,
notwendigerweise individuellen Bildung. Aber Individualität
ist immer dem allmächtigen Staate zuwider. Und der
Untergang des römischen Staates kann allen zur Warnung
dienen, die auch unser Leben gern uniformieren und schema-
tisieren möchten. Die Häuser und die Zimmer, die Menschen
und die Bücher, die Götterbilder und die Töpfe, alles sieht
ziemlich gleich aus an der schottischen und an der mauri-
schen Grenze, an der Theiss und am Tajo; modern und
veraltet zugleich, konventionell, grofsthuerisch und lang-
weilig. Und es giebt eigentlich keine Religion mehr,
aufser dem Glauben an den allmächtigen Staat, an die
Träger seiner Majestät, Rom und den Kaiser. Der glühende
Hass der Apokalypse gegen das seelenmordende Rom ist
unmenschlich und unchristlich, aber nicht unbegreiflich.
Das gilt indessen eigentlich nur von der lateinischen
Reichshälfte. Im Osten ist das anders; da ist der Staat
ja auch erst ein Jahrtausend später zu Grunde gegangen.
Dort hat das Kaiserreich den wärmsten, wohlverdienten
Dank gefunden. Augustus hat den Orient nie romanisieren
V. Wilamowitz-M., Reden. 10
146
wollen. Lateinisch war nur die Sprache der obersten Ver-
waltungsbehörden und des Heeres, selbst die kaiserliche
Kanzlei hatte eine griechische Abteilung. Der Kaiser ist
der Schutzherr der Grriechen, die Barbaren werden helle-
nisiert, mit welchem Erfolge, zeigen Isaurier und Kappa-
dokier. Es war keine neue oder eigene PoHtik, die
Augustus erfunden hätte, er übernahm die Regierungs-
weise der hellenischen Könige, nur mit der Machtfiille, die
seit Alexander keiner besessen hatte. In Ägypten änderte
sich sogar nichts, als dafs der König Caesar an die Stelle
des Königs Ptolemaios trat. Die Weisheit des Ptolemäer-
regiments ist berufen; es verdienen diesen Ruf freilich nur
die drei ersten Könige des Namens, aber diese haben es
wirklich erreicht, über die Makedonen als Makedonen, über
die Griechen als Griechen, über die Ägypter als Ägypter
zu herrschen, allen zu Danke. Es war wohl anders, als
Alexander sich die Ordnung seines Reiches gedacht hatte,
aber seine grofse Auffassung der königlichen Pflicht war
doch vorbildlich gewesen. Er hatte ja den Orient nicht
erobert wie Assyrer und Perser, damit die Völker für die
geniefeende Herrenrasse arbeiteten. Er gedachte das Reich
politisch allerdings zu beherrschen, aber als rechter König,
das heifst so, dafs alle Staaten und Völker durch die Ab-
stufungen in Rechten und Freiheiten, durch die Entfaltung
ihrer nationalen Art in den Schranken, die der gemeinsame
Frieden erheischte, das erreichen könnten, was das Ziel
des Lebens, der Zweck des Staates ist, wahrhaft glücklich
und gut zu leben. Alexander war ja der Schüler der
hellenischen Philosophie: in diesem Glauben hat er die
Welt erobert und geordnet. Einer einzigen Nationalität
hat er zu nahe gethan: seiner eigenen, weil seine Make-
donen längst nicht so hellenisiert waren wie der König.
Im übrigen vertraute er auf die innere Kraft und Über-
legenheit des Hellenentums. Er liefs die Barbaren und
ihre Götter gewähren, aber überall gründete er nicht nur
Festungen und Militärkolonien, sondern autonome helleni-
sche Gemeinden: die mochten die werbende Kraft ihrer
147
Kultur selbstthätig auf ihre Umgebung ausüben. Seine
Nachfolger auf dem Throne von Babylon, Seleukos und
Antiochos, hochbedeutende Männer, haben diese Bahnen
eingehalten und ohne kenntliche Reibung sind Syrien,
Phönikien, das ebene Kilikien hellenisiert worden. Die
überlegene Kultur wirkte noch viel weiter als die
Macht des Reiches. Gerade aus dem Lande Kleinasiens,
das sich dem Reiche ganz entzogen hatte — wir nennen
es Pontes — ist Mithradates hervorgegangen, der den
Kampf wider Rom als Vorfechter der Hellenen geführt
hat. Als die Parther, deren Kraft in ihrer Religion ge-
legen hat, bis Mesopotamien vorrücken, beginnen sie sich
auf ihren Münzen als Philhellenen zu bekennen.
Hier im syrischen Reiche hat in den Zeiten des Nieder-
ganges einmal der Staat versucht, sich chauvinistisch des
Hellenentums als eines Hebels seiner Macht zu bedienen.
Der Erfolg ist bezeichnend. Antiochos Epiphanes, dem
ein mifsgünstiger Beurteiler zugesteht, dafs er des Königs-
namens nicht unwürdig gewesen wäre, war in Rom, wo er
lange Jahre als Geisel gelebt hatte, zu einem fanatischen
Hellenen geworden. Der Hellenengott sollte ihm sein
Reich vor Römern und Parthem erretten. Noch stehen
in Athen die prächtigen Säulen, die er dem olympischen
Zeus errichtet hat, und auf einem Berge Böotiens die Fun-
damente eines Tempels, den er für Zeus "den König" be-
gonnen hat, niemand vollendet. In wahrhaft tragischem
Kampfe hat Antiochos sich verzehrt; die Schwindsucht
raflFte ihn fort, als er, aus dem eroberten Ägypten von
Rom verwiesen, den Osten unterwerfen wollte. Die Welt
kennt ihn, seit sie christlich ist, nur als abscheulichen
Tyrannen aus den Verzerrungen der Makkabäerbücher, in
denen der religiöse Hafs der Juden redet. Er ist das Ur-
bild des Antichrist, was die Christen freilich nicht wufsten,
als sie diese mythische Figur den jüdischen Apokalypsen
entlehnten. Und doch sollten die Juden und solche Christen,
die an dem Geiste der Apokalypse Gefallen finden, ihm
eigentlich danken; denn dafs er mit ungeduldiger Gewalt
10*
1*8
die Juden hellenisieren wollte, Jerusalem eroberte und den
Tempel Jahves dem Zeus weihte, hat in Wahrheit erst das
Judentum zu unberwindlichem religiösem Widerstände auf-
gerüttelt. Hätte er, wie seine Vorfahren, die gelinde Ge-
walt der hellenischen Kultur gewähren lassen, wer weifs,
ob nicht dieses Volk und dieser Gott ebenso wie unzählige
andere langsam hellenisiert worden wären, was der Adel
und die Hohenpriester schon mehr als zur Hälfte waren.
Jetzt rifs sie die Volksbewegung fort und der national-
jüdische Staat entstand. Auf die Sprache kam dabei
wenig an. Sprachlich ging die Hellenisierung des Juden-
tums weiter, das sich erst nach der Zerstörung durch Titus
künstlich die abgestorbene Sprache seiner Ahnen erneut hat.
Aber ihre Religion hat aus der Zeit der Verfolgung durch
den nationalen Fanatismus des Antiochos die Kraft geschöpft,
Jahrtausende hindurch ihre Bekenner, einerlei, welche
Sprache sie redeten, als eine eigene Rasse abzusondern.
Neben den Juden haben die Hellenen selbst Jahr-
tausende lang der Welt den Beweis geliefert, was in
Wahrheit ein Volkstum erhält, und liefern ihn noch. Der
Islam und die turanischen Invasionen haben das Werk
Alexanders vernichtet, die Raubzüge der Occidentalen, die
sich euphemistisch Kreuzzüge nennen, haben das Ihre
dazu gethan. Jahrhunderte sind die Griechen geknechtet
worden, und doch dauern sie und haben die werbende
Kraft ihrer nationalen Kultur nie verloren. Erhalten hat
sie in erster Linie das Christentum, daneben mit immer
steigender Macht die Erinnerung an all das Grofse, die
durch ihre wunderbare Sprache in ihnen lebendig bleibt.
Verstreut über alle Länder der Erde, bewahren sie sich
ein Gemeingefühl, das unausgesetzt die edelsten Blüten
nationaler Opferwilligkeit zeitigt. Europa sollte doch die
griechische Nation nicht nach dem unzulänglichen Staate
Hellas beurteilen, den eben Europa so unzulänglich ge-
macht hat. Seit den Tagen, da Kroisos die lonier über-
wand, haben die Griechen nur zu geringe staatliche Wider-
standskraft gezeigt, aber der Kraft ihres Volkstums und
149
ihrer Kultur hat das geringen Eintrag gethan. Und die
Sprache, in der Piaton und Paulus geschrieben haben,
sollte über jede Vergleichung mit den interessanten Idiomen
erhaben sein, die eben die erste Fibel oder die erste
Zeitung produzieren.
Eine Sprache kann ein nahezu unbezwinglicher Schutz
der Nationalität sein, aber nur eine Kultursprache, die die
Pforten einer eigenen Geisteswelt erschliefst. Und selbst
eine solche Sprache hat nicht die Kraft, die staatliche
Selbständigkeit eines Volkes zu begründen oder zu er-
halten. Beweist ein Volk durch Thaten sein Existenz-
recht, erkämpft es sich seine Selbständigkeit, so wird es
sich auch eine individuelle Kultur schaflFen, oft auch eine
eigene Sprache. Und da der Reichtum der Menschheit
in der Fülle der Individualitäten besteht, so soll man sich
freuen, wenn eine solche hervortritt. Auch der Deutsche
soll sich freuen, dafs die Dänen sich der Überflutung durch
das Deutschtum in kräftiger, nun unverlierbarer Eigenart
erwehrt haben, und ist es nicht ein reiner Gewinn, dafs
jetzt wieder wie in den Tagen der Skalden Norwegens
Boden Blüten der Dichtung von eigenem kräftigem Dufte
erzeugt? Aber die Geschichte kennt kein Existenzrecht
eines kulturlosen Volkes oder seiner Sprache. Gerät ein
Volk in Abhängigkeit von einer fremden Kultur, so ist es
ziemlich gleichgiltig , ob es in seinen tieferen Schichten
mit einer anderen Zunge redet: auch sie gehören in Wahr-
heit dem Volkstum an, dessen Kultur sie beherrscht, und
sie müssen einmal zu der herrschenden Sprache übergehen,
so gut wie die vielen Dialekte, deren Untergang jede
Kultursprache zur Voraussetzung hat. Diesen notwendigen
organischen Prozefs umsichtig zu fördern, gereicht Allen
zum Segen; gewaltsame Hast wird ihn nur hemmen oder
gar Rückbildungen hervorrufen. Denn das aufdringliche
Pochen auf die eigene Nationalität hat nie und nirgend
wahres Leben erschaffen, oft Leben getötet; aber die über-
legene Kultur, die, sicher ihrer inneren Kraft, ihre Pforten
weit aufthut, gewinnt sich die Herzen.
150
Soweit die Staaten nationale Gebilde geworden sind,
ist der Staat Träger einer nationalen Kultur; aber in seinem
Wesen als Staat liegt das nicht, und er soll sich nicht
einbilden, sie beherrschen zu können, denn er hat sie nicht
gemacht, so wenig wie die Religion, die er auch nicht
beherrschen kann. Staat, Volk, Religionsgemeinschaft sind
Kreise, die sich vielfach schneiden müssen, zum Heile der
Menschheit und ihrer Kultur, die rettungslos zersplittern
würde , wenn jene Kreise je zusammenfielen. Und im
höchsten Sinne werden wir doch die Weltkultur nicht ge-
ringer schätzen als unsere grofsen Dichter, die, eben indem
sie die Gesittung der Menschheit im Auge hatten, den
Deutschen erst die Kultureinheit geschaflFen haben. Wer
diese Kultur bewufst oder unbewufst als ein Lebenselement
in seiner Seele trägt, der ist ein Deutscher; Rasse, Sprache,
Staatsangehörigkeit sind alle nicht entscheidend. Wenn
wir nun in Gottfried Keller und Arnold Böcklin dieses
unser deutsches Wesen mit stolzer Bewunderung wahr-
nehmen, so können wir nicht umhin, uns gleichzeitig ein-
zugestehn, dafs sie die Blüte ihrer Kunst so nur entfalten
konnten, weil sie nicht in einem deutschen Bundesstaate,
sondern in einem deutschen Kantone der Schweiz geboren
wurden. Das thun wir nicht mit Beschämung oder Be-
dauern, nein, wir freuen uns dessen, dafs unser Volk noch
einen weiteren Kreis umspannt als unsern nationalen Staat.
Wir wenigstens hier, die wir die Sprache der Völker-
geschichte verstehen und dabei das Deutschtum und das
preufsische Staatsgefühl im Blute haben, wollen wün-
schen, dafs die deutsche Kultur allezeit zu reich und zu
mächtig bleibe, als dafs sie ein Staat umfasse oder gar
beherrsche. Dafür kennen wir aber auch unsere eigene
Pflicht, mit dafür einzustehn, dafs der Baum dieser Kultur
nicht verkümmere oder verdorre. Immer tiefer soll er seine
Wurzeln senken, dorthin, wo die Wasser des Lebens quellen,
immer höher soll er seinen Wipfel heben, entgegen dem
ewigen Lichte. Das Wasser des Lebens, das Licht des
Himmels gehört nicht einem Volke, sondern der Welt:
151
aber nur sie verleihen dem Baume die Kraft, dafs er edle
und reife Früchte trage seiner Art. Unsere Arbeit gehört
der Wissenschaft: die kennt keine Völkerscheiden; aber
es ist doch deutsche Arbeit. Und wenn sie etwas taugt,
wird sie unserem Volke und unserem Staate fruchten. Als
freie Forscher, als deutsche Männer, als treue Unterthanen
Seiner Majestät empfinden wir mit dreifach dankbarem
Stolze, dafs Alles, was uns gelingt, im wahren Sinne ge-
arbeitet wird für den König von Preufsen, den deutschen
Kaiser.
Neujahr 1900.
Rede zur Feier des Jahrhundertwechsels, gehalten im Namen der Universität Berlin
am 13. Januar 1900.
Die Sonne tönt nach alter Weise
in Bnidersphären Wettgesang,
und ihre vorgeschriebne Reise
vollendet sie mit Donnergang.
Ihr Anblick giebt den Engeln Stärke,
wenn keiner sie ergründen mag:
die unbegreiflich hohen Werke
sind herrlich wie am ersten Tag.
Also begrüfsen die Erzengel den Anbruch eines neuen
Tages der Ewigkeit. Und doch hat die Ewigkeit keine
Tage noch Jahre noch Äonen, die sich messen und zählen
liefsen. Anfangslos und endlos ebbet und flutet ihr ufer-
loses Meer, wandeln die Welten des ewigen Kosmos
kreisende Bahnen; anfangslos und endlos tönet die Har-
monie der Sphären durch den unendlichen Raum in
schweigender Rhythmik das hohe Lied der unergründ-
lichen Weisheit. Aber der Mensch in seiner Endlichkeit
leiht dem ewigen Kreise Anfang und Ende; seine Ver-
gänglichkeit binden Rauni und Zeit, und so trägt er die
zersplitterte Vielheit hinüber in das göttliche Ewigganze.
Seinen Augen schwindet und erscheinet die Lebenspenderin
Sonne, und so schafft sich der Sterbliche aus seinem
Abend und Morgen den ersten Tag. Wann beginnet der
153
Tag"? Wenn die Sonne aufgeht, sagt das Kind aus der
unmittelbaren Anschauung. Wenn die Sonne gesunken
ist, sagte der alte Hebräer und der Hellene, schon aus
Überlegung des Verstandes, weil die Nacht des Lichtes
Mutter wäre. Um Mittag oder um Mitternacht, sagt die
messende Wissenschaft, die fester Punkte bedarf, die sie
am Stande des Himmels wahrnehmen kann; aber nur sie
kann das: und so ist der Tagesanfang des Menschen ein
abstracter Punkt geworden. Wann beginnet das Jahr, der
Kreislauf des Keimens, Wachsens, Reifens und Welkens
für das -vegetative Leben, das Licht und Wärme des wan-
dernden Sonnenballes auf seinem Trabanten hervorruft?
Ganz früh schon hat der natürliche Mensch die Tage beob-
achtet, wo die Sonne am höchsten und am tiefsten stand;
es sind ihm heilige Tage gewesen; Johannisfeuer und Jul-
feuer legen Zeugnis für die Empfindung unserer Vorfahren
ab, und die denkwürdigsten Ereignisse sind von der Sage
auf diese Tage verlegt. "Zeinen sunewenden der grosze
mort geschach", beginnt das Lied vom Untergange der
Nibelunge, und um die Wintersonnenwende hat Odysseus
die Freier erschlagen. Aber der Zeitmesser war den natür-
lichen Menschen einzig der Mond: davon heifst er; und als
man zwölf Monde zu einem Jahre zusammenzufassen be-
gann, hat man sowohl von den Sonnenwenden wie von
den Tag- und Nachtgleichen gerechnet; es kam eben
minder auf ein Jahr als auf zwölf Monde an. Wir haben
eben Neujahr gefeiert, und eine Woche vorher Weihnacht;
schwerlich ist uns dabei gegenwärtig gewesen, dafs beide
Feste eigentlich zusammenfallen sollten. Aber als die
Christen die Geburt ihres Heilandes um die Wintersonnen-
wende ansetzten, haben sie das bürgerliche Jahr nicht an-
getastet; und die griechischen Gelehrten, die für Julius
Cäsar das Sonnenjahr mit vierjähriger Tagschaltung ein-
führten, das von der Wissenschaft längst gefordert war,
haben auch nicht ganze Arbeit gemacht, sondern mit der
Fixierung des Anfangstages auf das bislang herrschende
Mondjahr eine seltsame Rücksicht genommen, dessen erster
154
Tag auf den Neumond nach der Sonnenwende fiel, also
auf keinen festen Tag des Sonnenjahres: zufällig haben
wir dieses Jahr wirklich am i. Januar Neumond gehabt.
Das haben wir vollends nicht beachtet. Was ist uns der
Natur entfremdeten Menschen Neumond? Was bedeutet
für uns Neujahr? Neujahr ist, wenn es im Kalender steht.
Wie der alte Herodot sagt: Die Satzung menschlicher
Willkür ist uns zur Natur geworden.
Und wie zählen wir die Jahre? Die Gelehrten Cäsars
haben versäumt, eine Ära zu begründen, sonst würden
wir ohne Zweifel 1946 schreiben. Erst christliche Gelehrte
haben aus geschichtlichem Interesse den höchst achtungs-
werten Versuch gemacht, Weltären aufzustellen, von denen
ein verkümmerter Abkömmling als Ära der Juden in unsem
Kalendern verzeichnet wird. Wenn nicht im fünften Jahr-
hundert der Occident für Ostrom und seine Kultur verloren
gegangen wäre, so würden wir ohne Zweifel Neujahr am
I. September haben und jetzt 7408 schreiben. Die Einheit
der Kultur mufste zerrissen werden, die Bildung des Occi-
dents herunter kommen, damit durch eine recht unwissen-
schaftliche Willkür die Ära von Christi Geburt aufgebracht
ward, die von der Macht der modernen occidentalischen
Kultur getragen auch die ältere und bessere Weltära ver-
drängt hat, in der griechischen Kirche erst in diesem Jahr-
hundert, und die nun dauern wird. Denn als in der Re-
naissance die Verbindung von astronomischem und histori-
schem Wissen die Unzulänglichkeit sowohl des julianischen
Jahres wie der Ära des Dionysius Exiguus durchschaute,
haben leider Papst Gregor und Joseph Scaliger nicht mit,
sondern gegen einander gearbeitet; sonst wäre es noch
an (Jer Zeit gewesen, die für chronologische Rechnung
passendste julianische Periode Scaligers einzuführen, und
wir würden heute 6613 schreiben. Aber auch hier ist dem
Kulturmenschen das Erzeugnis der Willkür Natur geworden;
der Kalender, ein Stück bedruckten Papieres, offenbart ihm,
dafs ein Jahrhundert um ist, und weil er in unserem Schrift-
system die Ziffer der Hunderte ändern mufs, scheint ihm
155
der Anfang des letzten Jahres bereits das Ende des Jahr-
hunderts, und mit derselben naiven Projektion des eigenen
Gefühles, die das Kind und der Naturmensch übt, sieht er
in dem Tage, den er zum Jahrhundertanfang stempelt,
etwas Besonderes, Dämonisches.
Aber grade wer diese naive Selbsttäuschung über-
sieht, darf zwar nicht unterlassen, auch daran zu mahnen,
wie ohnmächtig am Ende Menschenwillkür gegenüber der
heiligen Stätigkeit der Natur ist, aber gern wird er in
dem, was die Menschen, wie sie nun einmal sind, glauben
und empfinden, das Echte und Fromme und Wahre hervor-
suchen. Und das Jahrhundert und seine Feier ist keines-^
wegs blofs eine Abstraktion unseres Zahlensystemes. Die
hat den Römern sehr ferngelegen, die die Säkularfeiern
aufgebracht haben. Ein Anfangspunkt mufs freilich ge-
geben sein; dann aber ist ein Säkulum vergangen, wenn
der letzte Mensch stirbt, der die vorige Feier erlebt hat.
Das sind rund gerechnet hundert Jahre, oder auch, wie
die Griechen und wir sagen, drei Menschenalter. Das aber
ist in der That ein abgeschlossener Zeitraum. Vater, Sohn
und Enkel kennen einander noch; der Enkel hat noch die
Tradition des Grofsvaters unmittelbar — dann schwindet
sie. Ein jeder, der seine Familienüberlieferung überdenkt,
wird diesen Begriff des Säkulums als zutreffend und be-
deutsam anerkennen. Und dann ist es vollauf berechtigt,
auch nach dem Säkulum eines Volkes, weiterhin nach dem
der Menschheit zu fragen.
Aber ein Anfangstermin mufs da sein. Einmal mufs
die Empfindung übermächtig gewesen sein, dafs in der
Gegenwart eine neue Weltperiode begänne. Das war so,
als Kaiser Augustus 17 v. Chr. die Säkularfeier abhielt,
zu der Q. Horatius Flaccus das schöne Prozessionslied ge-
dichtet hat. Nach einem Jahrhundert voll Blut und Ver-
brechen, Krieg und Verwüstung war Frieden und Ordnung
hergestellt: dankbar und hoffnungsvoll empfanden die
Menschen das Bedürfnis einer solchen frommen Feier, und
wenn die Sibylle erst durch Korrekturen ihrer Sprüche
156
gezwungen werden mufste, diese Feier verlangt zu haben,
so ist sie gezwungen worden, einmal die Wahrheit zu
sagen. Aufserhalb Roms hat die Dankbarkeit gegen den
Kaiser auch den Ausdruck gewählt, dafs in ihm der Welt
Heiland geboren wäre. Auch als drei Jahrhunderte später
der Glaube an den Heiland siegte, dessen Reich nicht von
dieser Welt ist, haben die Besten nicht verkannt, dafs die
Geburt Christi nicht zufallig mit dem Weltfrieden des
Augustus zusammenfiele. Und so werden wir, wenn wir
die Geschichte verstehen, den Beginn unserer Zeitrechnung
gern gelten lassen: nur dürfen wir nicht auf das Jahr
^genau rechnen, die Jahre + i und — i sind so leer wie
kaum zwei andere in hellen Zeiten der Geschichte; aber
die Säkularspiele von — 17 und die zeitlich unbestimm-
baren Daten der Geburt oder auch des Todes Jesu rücken
aus der Entfernung gesehen auf denselben Punkt.
In der Nähe ist man auch für kleine Zeitabstände
empfindlich, aber dafs Ereignisse und nicht die Ziffern
des Kalenders Epoche machen und ein Jahrhundert be-
grenzen, grade in dem Sinne, in dem der Begriff einen
Inhalt hat, das mufs jeder sich klar machen können. Und
dann weifs er auch, dafs das neunzehnte Jahrhundert nicht
begonnen hat, als man eine 8 an der zweiten Stelle der
Jahreszahl zu schreiben anfing, sondern am 14. Juli 1789,
wie es das Gedächtnisfest des französischen Volkes ab-
grenzt, oder am 19. September 1792, als Wolfgang Goethe
auf dem Felde von Valmy sagte, "von hier und heute geht
eine neue Epoche der Weltgeschichte aus". Nur ein Er-
eignis in der Geschichte des führenden Volkes kann den
Markstein liefern, und wenn der Versuch der Revolution,
die Zeitrechnung umzustürzen, auch mit vielen andern
Übertreibungen rasch beseitigt worden ist: das sehen wir
heute nur deutlicher, dafs der Zusammenbruch des alten
französischen Staates in der That den Anstofs zu einer
Umgestaltung der Gesellschaftsordnung überhaupt gegeben
hat, die längst noch nicht abgeschlossen ist, und es lebt
heut kein Einziger, der im Ernste auf das verzichten
157
könnte und wollte, was er der französischen Revolution
verdankt. Und wenn die napoleonische Zeit vernichtend
wie ein Unwetter über Europa gezogen ist, und kein Land
so schwer darunter gelitten hat wie das unsere, und wenn
uns das Herz höher schwillt bei den Zorn- und Kampf-
liedern der Befreiungskriege, und wenn dem Preufsen keine
Zeit seines Volkes teurer ist als die, wo der Glaube an
Gottes Gerechtigkeit und des tapferen Mannes Willens-
kraft und Wagemut den Sieg errang, nicht nur über den
gewaltigen Feind, sondern den schwereren über Kleinmut
und Selbstsucht im eigenen Lager, dennoch müssen wir
längst die Freiheit des Geistes gewonnen haben, mit Goethe,
dem Sohne des i8. Jahrhunderts, auch gegenüber den Zer-
störern des alten deutschen Reiches und des friedericiani-
schen Preufsens zu sprechen: "wie soll ich ein Volk hassen,
dem ich so viel von meiner Bildung verdanke*'.
Aber das Ende des neunzehnten Jahrhunderts? Endet
es heute? Nein, wahrlich nicht. Es wird mancher hier
sitzen, der am i6. März 1888 es auch ausgesprochen hat,
dafs die Glocken, die den Heimgang des ersten deutschen
Kaisers auf jedem Kirchturme seine^JR^eiches läuteten, auch
dem Jahrhundert das Grablied tonten. Festen Schrittes,
ungebeugt durch die Last doppelten Schmerzes und un-
geheurer Verantwortung, wandelte der Enkel hinter des
Grossvaters Sarge durch den Wintersturm, mit dem die
Natur dem alten Helden das Geleit gab; jeder treue
Deutsche empfand in aller Trauer nicht sowohl den Ruhmes-
glanz als den Schatz von Liebe und Ehrfurcht, den der
Vater des Vaterlandes den Seinen als etwas Unsterbliches
hinterlassen hatte, und wir gelobten aus vollem Herzen
Treue und Liebe den Erben der kaiserlichen Krone zu
bewahren, auch in dem neuen Jahrhundert. Wenig Jahre
sind seitdem verstrichen; festen Schrittes, ungebeugt durch
die Last der ungeheuren Verantwortung wandelt unseres
kaiserlichen Herren Majestät durch die Stürme einer neuen
Zeit. Jeder treue Deutsche empfindet, dafs neue und
schwere Forderungen gestellt sind. Wohin uns die Zu-
158
kunft führe, wer ahnt es? Eines nur wissen wir: die Treue
halten wir und werden wir halten. Aber was dieses neue
Jahrhundert an Leid und Freud uns beschert und be-
scheren wird, heut ist nicht die Stunde dessen zu gedenken.
Rückwärts schaut unser Blick, abrechnen wollen wir, wir
wollen danken.
Und da ist schon das Gröfseste gesagt, wenn wir an-
erkennen, dafs der Tod des ersten deutschen Kaisers das
Ende des Jahrhunderts bezeichnet, das mit der französi-
schen Revolution begann. Das weist zunächst auf die
politische Erhebung Deutschlands; aber wollten^ wir sie
auch nur vornehmlich ins Auge fassen, so würde das un-
zutreffend sein, schon weil diese Bewegung nur wenige
Jahrzehnte füllt. Was immerdar im Gedächtnisse der
Menschen den Hauptinhalt des neunzehnten Jahrhunderts
bilden wird, das ist freilich die Erhebung Deutschlands
zu einer Weltmacht, aber nicht nur politisch, sondern
durch all das Unübersehbare, was die deutsche Arbeit, die
der Hand und die des Hirnes, geleistet hat, für uns und
für die ganze Menschheit. Wir sagen das nicht in dem
nationalistischen Dünkel, den jeder Deutsche, der die wirk-
liche Geschichte seines Volkes leidlich kennt, verabscheut.
Wir haben nur die Freude, dafs wir den Völkern älterer
Kultur die Schuld der Dankbarkeit für jahrhundertlange
Belehrung und Erziehung heimgezahlt haben und ihnen
endlich ebenbürtig geworden sind. Voller Bewunderung und
ohne jede Regung des Neides sehen wir, wie das russische
Volk sich in derselben Spanne Zeit neben uns machtvoll er-
hoben hat, herrschend vom finnischen Meere bis an den
Stillen Ozean, wie es über den Kaukasus und den Oxus
und laxartes hinab gezogen ist, arische Kultur tragend über
die Steppen Turans, aus denen so oft kulturmordende
Horden westwärts gezogen waren, bis es die Spuren des
grofsen Alexander erreichte. Und wohl noch Gröfseres ist
es, dafs dieses Volk, dessen Gebildete sich vor hundert
Jahren der heimischen Sprache fast schämten, nun Dich-
tungen aufzuweisen hat, denen alle Gebildeten lauschen.
159
Ebenso bewundernd sehen wir jenseits des Ozeans nach
dem ersten Jahrhundert der Freiheit nicht nur einen Welt-
teil besiedelt und ein machtvolles Reich gegründet, son-
dern eine neue Volksindividualität im Werden, und eine
eigene Kultur, die sich bereits anschickt, der alten Welt,
was sie an Kulturüberlieferungen empfing, mit neuen
Schöpfungen zu vergelten.
Allein grade wenn wir das Erstehen und Erstarken
anderer Völker als einen Gewinn für die Menschheit freu-
dig begrüfsen und gern glauben, dafs ein Ereignis fremden
Ruhmes das zwanzigste Jahrhundert abgrenzen wird, haben
wir das Recht, uns in festlicher Stunde einzugestehen, dafs
das Köstlichste, was die Menschheit im neunzehnten Jahr-
hundert gewonnen hat, den Stempel deutschen Ursprungs
trägt. Da das Jahrhundert beginnt, steht unsere Dichtung
im Zenith; für das Ausland hatte sie bisher überhaupt
nicht existiert: jetzt bringt Frau von Stael sie der Fran-
zösisch lesenden, d. h. der gebildeten Welt näher; bald
erhebt sich in England Thomas Carlyle als Prophet der
ganzen Heroengestalt Goethes, und hinfort hat keiner an
der wirklichen Kultur seiner Zeit mehr Teil, der sich nicht
an dieser Sonne von Poesie und Weisheit gewärmt hat.
Bald tritt die deutsche Musik hinzu als eine völlig neue
Offenbarung, und obwohl sie in steigendem Mafse das
nationale Element betont, ist sie doch die Musik der
Menschheit geworden. Durch die altüberlieferte Logik
und Metaphysik hat Immanuel Kant einen Strich gemacht,
wie Goethe noch ein Sohn des vorigen Jahrhunderts. Erst
durch ihn ist Aristoteles überwunden. Und gleich wird in
Deutschland von neuem der Versuch gemacht, in der welt-
umspannenden Weise des Aristoteles, aber auf neuen Grund-
lagen, das ganze Gebiet der Erfahrung und des Gedankens,
das Leben der Natur und der Seele, mit philosophischem
Blicke zu überschauen und zu durchschauen, und neben
die titanische Kühnheit des neuen Idealismus treten die
neubelebten, wirklich erst durch die Philosophie zur Wissen-
schaftlichkeit erhobenen Disziplinen. Auch diese deutschen
160
Gedanken fliegen befruchtend über die weite Welt, dort
zu keimen und neue Früchte zu zeitigen.
Dieses Deutschland stand lange schon grofs da, ehe
Deutschland eine politische und wirtschaftliche Einheit
und Macht ward. Eine solche zu begründen ist der Ge-
danke nicht vermögend: dazu bedarf es der That. Damit
ein Volk in der Gesellschaft der Völker etwas bedeute,
mufs es durch mächtige Thaten sich seinen Pletz nehmen
und mufs ihn durch furchtbringende Macht behaupten.
Auch das haben die Deutschen gethan. Wir wollen der
grofsen Männer der That nicht des breiteren gedenken,
wir wollen heute so wenig von Sadowa und Sedan reden,
wie Perikles von Marathon und Salamis, als er Athens
Staat und Athens Kultur pries. Unserer Helden Namen
stehen in unserem Herzen geschrieben, und die Welt wird
sie nie vergessen. Rufen wir lieber in unser Gedächtnis,
wie vieles von vielen geleistet werden mufste, damit die
Aufrichtung des deutschen Staates gelingen konnte, und
vollends, damit dieser Staat nicht ein blofses Gebilde
militärisch politischer Macht würde und bliebe. Da ver-
dienen wieder die edelen Männer den Ehrenplatz, die das
neue Preufsen an Stelle des friedericianischen aufgebaut
haben, die Aufgaben des Staates, die Pflichten und die
Würde seiner Bürger mit so hohem Sinne abwägend, und
mit besonnenster Kühnheit die grofsen Gedanken der
Revolution mit dem geschichtlich Gegebenen verbindend,
dafs der Grund, den sie gelegt haben, nur mit dem preussi-
schen Staate zerstört werden kann. Und als in der Er-
mattung nach den Freiheitskämpfen die Krönung ihres
Gebäudes in ihrem Sinne unterblieb, da hatten sie dem
unter dem innerlich überlebten Absolutismus regierenden
Beamtentume so viel doch von ihrem Geiste Übermacht,
dafs es das Ziel des Gesamtwohles nicht aus den Augen
verlor, und in der Ordnung der Steuern und Zölle lebte
der schöpferische Geist weiter und bereitete durch wirt-
schaftlichen Zusammenschlufs die Ausgleichung der
Stammesgegensätze vor. Aber auch die erfolgreiche Arbeit
161
darf nicht vergessen werden, die aus den künstlich ge-
schaffenen süddeutschen Staaten lebenskräftige Einheiten
zusammengeschweifst hat, die unser Reich am sichersten
vor jener centralistischen Verödung bewahren, an der wir
andere Völker kranken sehen. Als König Ludwig von
Bayern vollends seine Hauptstadt künstlich zu einem Sitze
der Künste machte, als das Blut der neuen deutschen
Bildung auch durch dieses edle Glied unseres Volkes
rascher zu cirkulieren begann, da hat er und haben gleicher-
mafsen seine Nachfolger an unserem Reiche gebaut, und
auch ihre Werke schauen wir mit nationalem Stolze an.
Gern würden wir an solchem Tage alle trüben und be-
schämenden Erinnerungen an Hader und Blut, an Be-
schränktheit und Verblendung verbannen: aber der Blüte
edler Jünglinge mufs mindestens in der Aula einer Uni-
versität gedacht werden, die für den Glauben an das einige
und freie Vaterland von schnöder Ungerechtigkeit und
Beamtenwillkür gemartert worden sind, gar mancher, bis
er innerlich zerbrach, andere, bis sie den Boden der Heimat
flohen und im Auslande schon .durch ihre Anwesenheit die
Achtung vor einem Staate herabsetzen mufsten, der solche
Söhne nicht ertragen wollte. Und doch waren diese
schwärmerischen Jünglinge und nicht ihre Bedrücker die
Träger des Geistes von 1813 und 1870. Darum mufste das
Regiment, das den Geist seines eigenen Staates, den es
nicht verstand, mit Gewalt ersticken wollte, hilflos und
ruhmslos zusammenbrechen, vor der Geschichte aber hat
es allein die Verantwortung dafür zu tragen, dafs unserem
gesetzlichen und treuen Volke der gewaltsame Umsturz
des Frühlings 1848 nicht erspart blieb. Der revolutionäre
Ursprung, die kurze Dauer und das klanglose Ende des
ersten deutschen Parlaments, vielleicht noch mehr der
Druck des folgenden dumpfen Jahrzehnts und der Glanz
des späteren Erfolges, der auf so ganz anderen Wegen
erreicht ward, haben die verschwenderische Fülle von
edelstem Wollen und von glänzendstem Talente vielfach
verkennen lassen, die 1848 wahrlich nicht fehlten. Immer
V. Wilamowitz-M., Reden. 1 1
162
wieder müssen wir beklagen, dafs Heinrich von Treitschke
uns dieses Jahr nicht mehr hat erzählen können, wie er
denn der einzige wäre, der heute würdig von diesem Platze
reden könnte: er war durch den Fortgang seines herrlichen
Geschichts Werkes immer mehr befähigt worden, jedes
Streben zu begreifen und anzuerkennen, das dem grofsen
Ganzen redlich gedient hatte. Hoffen wir, dafs ein anderer
es verstehen werde, diese Lücke in der Kenntnis und
Schätzung unserer eigenen Vergangenheit zu füllen. Das
aber kann man vorgreifend sagen, dafs das deutsche Volk
niemals eine seiner würdigere Vertretung gehabt hat als
in der Paulskirche. Und was die Ergebnisse der Revo-
lutionszeit angeht, so stünde es dem Preufsen grade übel
an, sie gering zu schätzen. Ist doch unsere Verfassung,
die in wenig Tagen das erste halbe Jahrhundert ihres Be-
stehens erlebt, auch eine ihrer Früchte, und wäre es nicht
die nackteste Undankbarkeit, wenn man leugnete, dafs sie
sich bewährt hat, vielleicht grade deshalb, weil sife bei
ihrem Erscheinen kaum einen befriedigte?
Nichts hört man gegen die Männer von 1848 häufiger
aussprechen als den Vorwurf des Doktrinarismus. Gewifs
ist er nicht unverdient, nur gilt er viel weiter. Es war
aus dem grofsartigen Aufschwünge von Poesie, Philo-
sophie und Wissenschaft eine Überschätzung der intel-
lektuellen Bildung erwachsen, so dafs man von dem Manne,
wenn er für voll gelten wollte, eine ganz bestimmte Summe
von Kenntnissen verlangte, und zwar von der Art, die jene
klassizistisch und philosophisch gerichtete Zeit vor allem
schätzte. Diesen Anschauungen kam der Staat bereitwillig
entgegen, so mifstrauisch er jede Initiative der Bürger
ansah. So ward ein Ideal von allgemeiner Bildung auf-
gestellt, deren Vollbesitz, oder wenigstens seine staatliche
Bescheinigung, den "gebildeten Menschen", das deutsche
Äquivalent des englischen Gentleman, machen sollte. Und
dann stufte man neue Kasten ab, je nachdem jemand drei
oder auch nur ein Fünftel dieser Bildung erhalten hatte.
Und es wurden im Gegensatz zu früherer Roheit Bildungs-
163
hochmut und Bildungsheiichelei spezifisch deutsche Laster.
Ein Papier mit dem ominösen Namen Maturitätszeugnis
ward der neue Adelsbrief, und mancher scheute sich, seinen
Nebenmenschen als gleichberechtigt anzuerkennen, weil
ihm die Gelegenheit gefehlt hatte, die Verba auf mi und
die Kettenbrüche gleichfalls zu vergessen. Demgegenüber
kann der Segen nicht hoch genug geschätzt werden, und
eine Stätte intellektueller Bildung hat erst recht die Pflicht
zu rühmen, dafs doch eine Institution bestand, die Erziehung
bot, wie sie jedem Not thut, durch Gehorsam zur Selb-
ständigkeit, durch Dienst zur Freiheit: das preufsische
Heer. Dies Heer blieb dann auch aufrecht stehen, als so
vieles im Staate zerbrach, bewahrte seinem Kriegsherrn
mit Selbstüberwindung die Treue und zertrat rasch die
Brände offener Rebellion. Leider konnten die klugen und
feinen Geister in Frankfurt dieses Heer wirklich nicht
kennen, und die öffentliche Meinung blieb eingeschworen
auf die englische Verachtung des Kriegsdienstes und
wähnte, mit Spiel und Sport in Schützen- und Turnvereinen
dasselbe zu leisten. So konnte das Widersinnige geschehen,
dafs die volkstümlichste Mafsregel, die die nationale Hoch-
schule wirklich allen preufsischen Jünglingen erschliefsen
wollte, auf den Widerstand des Volkes stiefs. Und wenn
die grofsen Siege des Heeres dann auch das Urteil König
Wilhelms rechtfertigten, den noch die spätesten Enkel als
die Verkörperung der Tugenden des preufsischen Offiziers
verehren werden, so ist die Vorstellung doch nicht aus-
gerottet, dafs wir das Heer für den Krieg unterhielten.
Wir wollen gar keinen Krieg, wenn wir auch wissen und
loben, dafs die Natur der Gewitterstürme nicht entraten
kann. Aber wenn sich auch die lange Friedenszeit, deren
wir uns erfreuen, noch weithin ausdehnen sollte, unseres
Heeres können wir nimmer entraten, damit wir ein Volk
von Männern bleiben. Denken wir uns einmal den Typus
des modernen deutschen Mannes, wie er Pflugschar,
Hammer und Mauerkelle führt, und daneben den Typus
seines Urgrofsvaters. Jener trug immer noch die Züge,
11*
164 •
1 r
*
die die volkstümliche Kunst der Reformationszeit als Karst-
hans so oft gebildet hat; hier sehen wir selbstbewufste,
aufrechte Männer, wie sie die Gildenbilder von Rembrandt
und Franz Hals in den wetterfesten freien Niederländern
zeigen. Und wenn auch die Zunahme des materiellen
Wohlstandes das Ihre gethan hat und die politische Be-
freiung und geistige Anregung dem Auge die Blödigkeit
genommen hat: dafs der Nacken so grade, die Brust so
frei und der Blick so klar ist, das verdankt der deutsche
Mann dem Gefühle der Mannesehre, das ihm die Erziehung
des Heeres eingepflanzt hat.
Das ist die wahre und wirklich befreiende allgemeine
Bildung des Volkes. Sie ihm aufgezwungen zu haben,
bleibt ein Ruhmestitel des Staates. Daneben müssen wir
auch solcher Männer dankbar gedenken, die von den
ästhetischen und klassizistischen Idealen wenig wufsten
oder wenig hielten und die wohlmeinende, aber über jedes
Sachverständnis erhabene Bevormundung der gelehrten
Beamten selten als eine Förderung empfanden, aber den
praktischen Berufen und der praktischen Tüchtigkeit zum
Heile des Ganzen die Ma'cht und das Ansehen errungen
haben, die ihnen zukommt. Der deutsche Handel hatte
von seiner alten Blüte nur an den Mündungen unserer
Ströme und einigen Knotenpunkten des Verkehres einiges
in das neunzehnte Jahrhundert gerettet. Gewerbfleifs gab
es für den Export nur verschwindend wenig und weite
Strecken verharrten noch lange in der Abhängigkeit vom
Auslande, wie der Barbar, der dem fremden Schiffer seine
Rohprodukte gegen die fremde Ware dahingiebt. Die
Landwirtschaft hatte höchstens vereinzelt begriffen, dafs
sie auch ein industrieller und kaufmännischer Betrieb ist.
Und nun hat die Energie des deutschen Kaufmanns die
deutsche Ware, längst bevor eine deutsche Flagge sie
deckte, über alle Meere getragen, und seine Klugheit und
Redlichkeit unsern Namen unter allen Breiten zu Ehren
gebracht. Jetzt vermag weder die Vermehrung der Be-
völkerung noch die des Kapitales den Anforderungen der
165
Industrie zu genügen: und wenn Thaer über die Felder
wandern könnte, die er rationeller zu bebauen gelehrt
hatte, so würde er staunen, wie viel mehr die Erde dem
Fleifse des Landmanns zu spenden gelehrt ist. Welch
ungeheure Summe edeler Alenschenarbeit ist aufgewandt
worden, um dieses zu erreichen, aufgewandt in dem Ein-
setzen der eigenen freien Persönlichkeit, oder in dem frei-
willigen Zusammenschlufs selbständiger Männer. Sie bauten
alle zunächst ein jeglicher sein eigen Haus, mochten sie
auf dem festen Grunde ererbten Besitzes und ererbter
Familienehre stehn, wie die grofsen Kaufherren unserer
freien Städte und die Besitzer der grofsen Liegenschaften,
mochten sie mit frischer Kraft aus dem Volksgrunde auf-
strebend sich selbst ihr Leben und ihren Reichtum und
Ruhm zimmern, wie die Borsig und Krupp, deren Namen
wir schon als Knaben mit Ehrfurcht zu nennen gelernt
haben, und Tausende neben ihnen, Helden im friedlichen
Kampfe des modernen Lebens. Und gerade weil sie ein
jeglicher nach seiner Art und in seinem Kreise haben
wirken und schaffen können und wollen, haben sie ge-
arbeitet an dem Wohle der Gesamtheit, des gemeinen
Wesens.
Das ist der Reichtum unseres neuen Lebens. Der
ständische Stockwerkstaat ist an dem Beginne des neun-
zehnten Jahrhunderts zusammengebrochen. Der klassi-
zistische Traum eines Staates gleichberechtigter Bürger
von gleicher Bildung und gleichen Interessen, eine unge-
schichtliche Abstraktion aus den Vorstellungen von den
antiken Republiken, ist auch dahin; er hätte sich nur auf
dem Unterbau einer modernen Sklavenschaft verwirklichen
lassen ; und die Utopien des sozialistischen Zukunftsstaates,
ausgeartete Ableger dieser Ideen, würden längst keine
Gläubigen mehr finden, "wären nicht Kinder und Bettler
hoffnungsvolle Thoren''. Dafür zeigt uns das Leben eine
Menge Kreise verschiedener Thätigkeit mit entsprechend
verschiedenen Bedürfnissen und Ansprüchen materieller
und geistiger Art. Sie müssen sich oft berühren, nicht
166
immer friedlich, um so mehr, da sie sich beständig' ver-
schieben, und doch ist das Gedeihen eines jeden für das
Gesamtwohl unentbehrlich. Für all diese Kreise verlangen
wir freie Bewegung, wie sie auch der einzelne Mensch
für sich fordert. Gewifs liegt darin eine grofse Gefahr.
Aber wie der kleinste Kreis gleichgestellter Menschen
einträchtig nur bestehen kann, wenn seine Glieder ein-
ander in ihrer Eigenart achten, und wie sie das um so
besser thun werden, je mehr sie einander verstehn, so
müssen die verschiedenen Lebenskreise sich als gleich-
berechtigt anerkennen und sich zu verstehn suchen. Der
Staat, die organisierte Gesellschaft, hat schon eine unge-
heure Aufgabe, wenn er alle in dem Rahmen des Gemein-
wohles und des gemeinen Friedens hält. Aber wir ver-
langen sehr viel mehr von ihm. Wir leben ja des Glau-
bens, dafs er eine sittliche Institution ist. Er soll nicht nur
dem Übel wehren, er soll das Gute wirken. Er soll selbst
anregen und Ziele weisen. Er soll den Schwachen nicht
nur vor Unbill schützen, er soll ihm emporhelfen. Viel-
leicht erwarten wir zu viel von ihm, sicher kann er jedem
einzelnen nicht die Pflicht der persönlichen Mitarbeit ab-
nehmen. Aber dank Kaiser Wilhelm I. und seinem grofsen
Kanzler nehmen wir die Verpflichtung auf die kaiserliche
Botschaft der sozialen Versöhnung mit in die neue Zeit.
Sie kann verwirklicht werden, wenn all die neuen Kreise
und Stände des Lebens es lernen, einander zu verstehn
und die gleichberechtigte Würde des Nächsten auch da
zu achten, wo sie sie nicht verstehn, endlich aber den
Goetheschen Spruch des Individualismus, der füglich dem
Staate gesagt werden kann "was dem einen frommt, das
frommet allen*', in der Umkehrung sich gesagt sein lassen
"was dem Ganzen frommt, das frommet jedem".
Scheint schon die Verwirklichung dieser Eintracht des
ganzen Volkes fast chiliastisch, wie viel minder wird man
für die Völkerfamilie der Erde zu hoffen wagen, dafs sie
einmal das liebliche Bild von einträchtig bei einander
wohnenden Brüdern biete Immerhin haben sich die
167
Völker daran gewöhnen müssen, dafs die Erdoberfläche
sehr viel mehr eine Einheit ist, als es vor hundert Jahren
Europa war, seit die Wissenschaft in Verbindung mit der
Technik der Natur die Kräfte abgewonnen hat, die den
Raum überwinden. Handels- und Freundschaftsverträge
sichern fast überall den friedlichen Verkehr, und den
flüchtigen Verbrecher verfolgt die Strafe bis in die fernsten
Schlupfwinkel. Für die Post ist die Welt bereits eine
Einheit; das internationale Recht bemächtigt sich immer
zahlreicherer Materien, und die Staaten binden sich immer
häufiger durch allgemeine Verträge zum Schutze der
Menschlichkeit, wie durch die, welche das Zeichen des
roten Kreuzes tragen. Führerin und Vorkämpferin ist
darin die Wissenschaft. Nicht nur dafs sie Vereinbarungen
veranlafst, wie die internationale Erdmessung, oder die
Hb
Kooperation mehrerer Kulturvölker zu wissenschaftlichen
Zwecken, wie der Erforschung der wenigen noch unbe-
kannten Teile der Erdoberfläche, oder den Zusammen-
schlufs der Körperschaften, welche die wissenschaftlich
organisierte Arbeit leiten. Das Wesentliche ist die Er-
starkung und Verbreitung der Wissenschaft selbst. Denn
wenn eines den Glauben an den Bestand und Fortgang
der Gesittung überhaupt rechtfertigen kann, so ist es dies,
und nicht nur weil er in einer Universität erstattet wird,
mufs dieser Rückblick auf den Erfolg des Jahrhunderts
in dem Preise der Wissenschaft gipfeln. Gleich aber mufs
mit und neben ihr die Technik genannt werden, die eng-
verschwistert, dennoch sich zu stolzer Selbständigkeit er-
hoben hat. Die Wissenschaft, die uns ihre Schöpfer, die
Hellenen, übermittelt hatten, war im wesentlichen auf die
reine Erkenntnis gerichtet, auf Theorie, das will sagen
Anschauen. Welch ungeheurer Fortschritt liegt darin,
dafs nun die Handfertigkeit und Phantasie des Technikers
einerseits die Ergebnisse der Wissenschaft in Neuschöpfun-
gen der Praxis verwertet, andererseits durch das empirisch
Gelungene der Wissenschaft neue Lösungen oder auch Pro-
bleme zuführt. Die begriff'liche Distinktion mag schwierig
168
sein, es ist natürlich auch nichts absolut Neues; zumal die
Medizin, Wissenschaft und Kunst zugleich, hat ihrem
Wesen nach zu allen Zeiten, in denen sie als Wissenschaft
bestand, aus dieser Wechselwirkung von Theorie und
Praxis ihre beste Kraft geschöpft, hat daher auch von
allen Wissenschaftszweigen die reichste Geschichte. Allein
dafs etwas Neues mächtig geworden ist, das unser ganzes
Leben, im kleinen und grofsen umgestaltet hat, und von
dem wir andere, gar nicht absehbare Umgestaltungen er-
warten, das braucht nicht erst gesagt zu werden.
Sich in das tägliche Leben und das Milieu des acht-
zehnten Jahrhunderts zurückzuversetzen, stellt an die ge-
schichtliche Anpassung kaum geringere Forderungen, als
wenn es um achtzehnhundert Jahre geschehen sollte. Fast
dasselbe kann man sagen, wenn man den Stand der wissen-
schaftlichen Erkenntnis ins Auge fafst. Am Anfange des
Jahrhunderts geht die französische Expedition nach Ägyp-
ten, unternimmt Alexander von Humboldt die Reise in das
äquatoriale Südamerika; Kalidasas Sakuntala wird in der
englischen Übersetzung bekannt; bald kommen die Elgin
marbles nach London. Es genügt, an diese wenigen That-
sachen zu erinnern. Das Suchen und Sammeln war das
erste, eine endlose Aufgabe. Wie Unübersehbares auch
bis heute gewonnen ist, wir sind doch noch mitten in der
Arbeit, mag auch ein so gigantisches Unternehmen wie
die Verzeichnung der ganzen Tierwelt der Erde bereits
angegriffen werden können. Was sollen wir an Einzelnes
erinnern, dafs dadurch, dafs die Urväter aller Menschen-
kultur, Babylonier und Ägypter, in ihrer Sprache wieder
zu uns reden, die Geschichte um Jahrtausende über die
Zeiten hinaufgeführt wird, wo die Sagen der Hellenen und
Hebräer begannen; dafs die ganze Hinterlassenschaft der
romanischen und germanischen Völker erst hat wieder
entdeckt werden müssen, und so erst eine Kontinuität der
Geschichte hergestellt worden ist; dafs durch die Er-
schliefsung der Sprache Indiens nicht nur eine neue Litte-
ratur bekannt geworden, sondern die Sprachwissenschaft
169
überhaupt erst entstanden ist, und durch sie der Blick in
ungemessene Zeiträume eröffnet, von denen keine Über-
lieferung dauern konnte — oder doch eine, in den Über-
resten vorgeschichtlichen Lebens in Wohnplätzen und
Gräbern. Und indem diese Reste sorgfaltig durchforscht
werden und dazu herangezogen, was kündige Beobachtung
an primitiven Völkern der Gegenwart gewonnen hat, ge-
lingt es, selbst in das Seelenleben der Menschen der Ur-
zeit hineinzublicken und so tiefe Probleme wie die Genesis
der Religion aufzuwerfen. Dazu leihen sich was man als
Natur- und Geschichtswissenschaft unterscheidet einträchtig
die Hand. So zeigt sich an einem Beispiel, das sich zu-
fallig bietet, dafs die beliebte Zerspaltung der Wissenschaft
unhaltbar ist. Die Verschiedenheit der grade angepackten
Objekte macht für die wissenschaftliche Methode nichts
aus. Auf das erste, die Gewinnung des Materiales, mufs
immer die Analysis folgen. Wir verhören das einzelne
Objekt und entlocken ihm mit allen Mitteln, was es uns
irgend aussagen kann. Zu diesen Mitteln gehört die ex-
perimentelle Untersuchung so gut wie die philologisch-
historische Kritik. Dann kommt die Synthesis der an den
Einzelobjekten gewonnenen Erkenntnisse. Da wird das
Ergebnis sich bald als ein Gesetz darstellen: das kann so
gut ein Naturgesetz sein wie das, nach dem ein Dichter
seine Verse gebaut hat; bald wird sich die Reihe der ge-
ordneten Objekte durch die nachschaffende Phantasie als
ein vergangener Werdeprozefs darstellen. Dieselbe Thätig-
keit des Geistes liest die Entstehung der Erdrinde in der
Lagerung und den Gesteinen ihrer Schichten, und in den
sachlichen und sprachlichen Differenzen ihrer Schichten
die Entstehung der Ilias. Man hat wohl gesagt, dafs die
Sprachwissenschaft durch die Entdeckung der Gesetze des
Lautwandels eine Naturwissenschaft geworden wäre; man
könnte mit gleichem Rechte sagen, dafs Darwin die Natur-
wissenschaft historisiert hätte. Beides ist im Grunde ein
leeres Gerede, weil die Wissenschaft eine Einheit ist.
Das ist sie, weil ihr Objekt im Grunde eines ist, das
170
einige anfangs- und endlose Leben, das Ewigganze, das
nur unserer Endlichkeit zum Vielen wird. Weil sie eine
Einheit ist, wecket sie auch in allen Seelen, in die ein
Strahl von ihr fallt, denselben gesteigerten Menschensinn,
erhebend vom Vielen zum Ganzen. Die Summe dessen,
was wir verstehen, bleibt immer verschwindend gegenüber
dem, was wir zu verstehn uns vergeblich sehnen. Aber
dafs die Summe der von der Wissenschaft erleuchteten
und erweckten Seelen so grofs geworden ist, wie es vor
hundert Jahren auch der Kühnste nicht zu ahnen wagte,
darauf dürfen wir die Hoffnung gründen, dafs die Menschen-
kultur bestehn und wachsen werde. Denn allen diesen
Seelen ist es aufgegangen, dafs des Menschen edelste Kraft
nicht ihm gehöret, sondern der Menschheit. Jede Wahr-
heit wird Gemeingut, sobald sie ausgesprochen ist. Was
verschlägt es, wer sie zuerst aussprach? Die Quelle ver-
rinnet im Bache, die Bäche im Strome, und aller Ströme
Wasser verrinnen im ewigen Meere. So in der Wissen-
schaft. Wie darf sich da ein einzelner oder ein Volk be-
rühmen, dieser Tropfen, diese Welle stammet von mir?
Aber das Gefühl der Bescheidung, das freilich jeden ein-
zelnen übermannet, und auch dem Volke und der Gene-
ration und dem Jahrhundert das dünkelhafte, "wie wir's
so herrlich weit gebracht" verwehrt, drückt nicht nieder,
sondern erhebt. Denn an dem Anschauen des ewigen
Seins, wenn auch das göttliche Licht dem irdischen Auge
nur im farbigen Abglanze des Werdens wahrnehmbar ist,
hat der Mensch das wahrhaft menschliche Leben. In der
Quelle, die ihn tränkte, dem Baume, dessen Früchte ihn
nährten, im Sturme, der ihn umbrauste, der Sonne, die ihn
wärmte, empfand der Mensch der Urzeit die wirkende über-
menschliche Kraft, offenbarte sich ihm die Gottheit. Alles
war ihm Wunder, jedes Wunder unmittelbar eines Gottes
Werk. Wissenschaft ward, als der göttliche Drang zur
Erkenntnis der Wahrheit in den Seelen ionischer Männer
fortzuschreiten wagte vom Vielen zum Einen, da sie die
Einheit alles Lebens erkannten. Wodurch? Dadurch, dafs
171
sie ihre Augen aufhoben zum Himmel und die ewige
Stetigkeit im Wandel seiner Welten wahrnahmen. Und
was sie schauten und verkündeten, war Kosmos, war
Harmonie. Jahrhunderte und Jahrtausende sind ver-
gangen, Jahrhunderte und Jahrtausende werden vergehen.
Die Menschengeschlechter haben gerungen und werden
ringen, Kosmos und Harmonie in allem grofsen und kleinen,
Natur- und Seelenleben zu finden und zu zeigen. Ergründen
werden sie nimmer die ewige Schöne und Weisheit. Und
wie erhaben der Mensch der Gegenwart sich dünke, weil
er die Kraft des Stromes zwingen kann, dafs sie ihm
frohne als Licht oder Wärme oder Bewegung, desselben
Stromes, dem sein Urahn mit furchtsamem Gebete ein
Füllen opferte, die Gottheit gnädig zu stimmen: dasselbe
Gefühl irdischer Ohnmacht bindet sie beide. Geschwunden
ist nur die Furcht, seit dem Auge der Seele der ewige
Kosmos aufgegangen ist, ihrem Ohre vernehmlich ge-
worden die heilige Harmonie. Geblieben und gewachsen
sind Andacht und Ehrfurcht, und an jedem Erdentage lehrt
die Wissenschaft einzustimmen in den Sang der Erzengel
vor dem Angesichte des Unsichtbaren
Dein Anblick giebt den Engeln Stärke,
weil keiner dich ergründen mag,
und alle deine hohen Werke
sind herrlich wie am ersten Tag.
't^i
Der Zeus von Olympia
Ks wird Ihnen noch im Gedächtnis sein, dafs eine i
ersten wissenschaftlichen Untern eh mungfen des Deutsch«
Reiches die Aufdeckung Olympias gewesen ist. Eines dei
Fundstüclie, der Hermes des Praxiteles, ist sofort ziemlicli"
das populärste Werk der griechischen Bildhauerkunst ge-
worden, und er allein würde die Kosten und Mühen schoä
genügend gelohnt haben. Aber im übrigen sind die EvA
gebnisse jener langjährigen .\rbeit wenig bekannt;
') Vorgetragen in Hamburg i
in Greifswald über Olympia geredet
des Praxiteles gefunden oder wenig
mir vor. Die richtige geschichtlichi
899-
der Kilnstlt
Werl mehr und nacli Prio.
unreif und schief. Freudi
der eigenen Ansch;
Problem, das diese Thats
lg di
noch igS? nichl gethau, als ich die Geschichte V'
ent Olympia wieder besuchen und neben den Ruinen die wichtigere T
befragen Doch gab mir das nur das Problem, nicht die Lösung.
mufste Robert den SosipoUs von Olympia ins I.icUl gerückt haben. A
Milteil. XVin. Dieser Vortrag erfordert eigentlich eine weile AusFührnng
aber das würde ein Buch: dem die Traditionen über die Zeusgeburt, übet 6
Daktylen, die älteste peloponnestsche insbesondere arkadische Geschichte
nicht kurz abrutbun; ich habe diese Forschung noch nicht abgeschlosi
was mir das wesentlichste ist, die Religion, wird durch Gelehrsnmkeil nliä
bedingt, öfter beinträchtigt.
Ich hatte schon im Winter 1876/77^
eben erst die Nike und einige Figutea,^
bekannt wurden. Der Vortrag licgtS
:)rdnung der Nike und die Verweiruggfl
iebel, damals neu and keti
li^n habe ich nie getrachtet; i
ahe ich an der Ehrlichkeit,
ungötlliche Natur des Ortes schilderte; aber i
s stellt, ist nach nicht erfafsl. Das habe ich auct
n lamos erli
173
Olympia-Museum in Berlin ist noch recht unansehnlich,
wird wenig besucht und das meiste darin ist auch nicht
unmittelbar verständlich. Das riesige Werk, in dem die
Gesamtergebnisse veröffentlicht werden, ist so kostspielig
wie unhandlich: das bekommen auch viele Interessenten
nicht zu sehen. Popularisierungen pflegen in unberufenen
Händen zu liegen. So hört man nicht selten gering-
schätzige Urteile über den Erfolg, und niemand würde
heute eine Grabung aus Reichsmitteln anzuregen wagen.
Das ist noch kein Schade. Hier ist ein Feld, wo nicht
nur die Einzelstaaten und ihre Institute sich ebenso gut
bethätigen können; deren giebt es ja mehr als blofs das
Berliner Museum. Viel wünschenswerter noch ist das Ein-
treten von privaten Genossenschaften, wie der Orientgesell-
schaft, und vollends von Einzelnen, das bei uns ersichtlich
zunimmt. Die Aufgaben sind aber so zahlreich, und die
Zerstörung geht in vielen Gegenden der alten Kultur so
schnell, dafs im Verzuge für die Wissenschaft Gefahr liegt.
Das beste, was unsere Aufdeckung Olympias geleistet
hat, ist, dafs sie das Muster einer wirklich wissenschaft-
lichen Lösung solcher Aufgabe aufgestellt hat. Erst im
Laufe der Grabung, als in Wilhelm Dörpfeld der rechte
Mann erschienen war, ist das begriffen worden. Der Plan
war ursprünglich im Anschlüsse an Winckelmanns Hoff-
nungen gefafst, um Schätze zu heben, namentlich Sieger-
statuen von Erz und Staatsurkunden. Diese Erwartung
hat sich nicht bestätigt. Auch die baulichen Reste, die
man jetzt in Olympia wieder sieht, machen unmittelbar
keinen bedeutenden Eindruck, und der Zeustempel samt
seinem bildnerischen Schmucke ist wirklich kein Kunst-
werk ersten Ranges gewesen. Aber dieser auf unmittelbar
ästhetischen Genufs oder überhaupt auf glänzende Einzel-
funde gerichtete Gesichtspunkt hat überall dem rein wissen-
schaftlichen weichen müssen. Wir decken die Stätten ver-
gangenen Lebens auf, um die Reste dieses Lebens zu
finden: erst in ihrer Gesamtheit, grofses und kleines, reiz-
volles und abstofsendes, der Hausrat der Götter und der
174
Abfall der Küche, das Gekritzel des Müfsigen und der zu
ewigem Gedächtnis eingemeifselte Erlafs des Kaisers, alles
was Zeugnis des Lebens sein kann, vereinigt, giebt das,
was die Wissenschaft sucht. Wie viel wir finden werden,
können wir nie vorherwissen; aber selbst das wird ge-
schichtliche Belehrung liefern, wenn die berechtigte Er-
wartung getäuscht wird. Wir graben nicht mehr um
Schätze, die Motten und Rost fressen: wir suchen die
Wahrheit, mit dem Spaten und mit dem Gedanken.
Von dem, was uns die olympischen Grabungen ge-
lehrt haben, möchte ich Ihnen einiges erzählen, nur nach,
einer Seite hin, die mich freilich die wichtigste dünkt.
Olympia ist nichts anderes gewesen als ein Heiligtum,
keine selbständige Gemeinde, kein politisches Centrum,
keine Stätte eigener Kultur, wie etwa Delphi oder Delos,
die beide dementsprechend mit viel reicheren Ergebnissen
von den Franzosen aufgedeckt worden sind. An einem
Heiligtume ist die Hauptsache der Gott, der es bewohnt,
oder anders ausgedrückt, der Glaube der es heiligt. Den
zu erfassen braucht man viele andere Arbeit, stille Einkehr
in das Wesen der Religion überhaupt, weite Umschau über
die Formen des Gottesempfindens und des Gottesdienstes,
die gerade bei den Hellenen in tausend bunten Metamor-
phosen das eine ewige Gefühl variieren, der Menschenseele
Sehnsucht nach dem ewigen Lichte. Dazu gehört wohl
manche Forschung, die nur am Studiertisch gemacht
werden kann, einerlei wo er stehe: aber wenn ein Gott an
eine Stätte gebunden ist, dann mufs man ihn bei sich auf-
suchen, wenn man ihn fassen will: dieser Gott hat sich
den Menschen offenbart, die an diesem bestimmten Orte
safsen. Dieser Himmel, diese Erde, dieser Berg und Busch
und Bach, das Element, das ewig wechselnde, zeugt in
seiner Stetigkeit auch uns noch von dem Geiste, dessen
Rauschen in der Natur vor Jahrtausenden suchenden
Menschenseelen Staunen und Schauder weckte, Hoffen und
Frieden brachte.
Olympia liegt in einer Landschaft, die uns wenig süd-
175
lieh anmutet. Der Alpheios ist ein stattlicher Flufs, der
dem Westmeer zustrebt und dort von Norden einen bei
jedem Regen reifsend anschwellenden Bergbach aufnimmt.
Die Landspitze dieses Zusammenflusses ist das heilige,
*'olympische'' Land. Die Gewässer haben kein festes Bette,
sondern wühlen es sich in dem weiten weichen Alluvial-
grunde, wenn der Mensch ihnen nicht die Wege weist.
Eine Zeitlang im frühen Mittelalter sind sie über das Heilig-
tum geflossen; ihr Sand hat den Hermes in sorglichem
Grabe gebettet, bis unser Spaten ihn zu neuem Leben
weckte. Die Heiligung dieses Ortes hat ihren Ausgang
von einem runden, nicht eben hohen Hügel genommen,
dem letzten der Hügelfolge des nördlichen Ufers, den man
den Kronoshügel nannte. Er ist noch jetzt fast undurch-
dringlich dicht mit meist immergrünem Gebüsche bestanden,
das sich im Frühjahre mit bunten Blüten deckt. Schaut
man von ihm nach Süden und Westen, so dehnt sich
welliges buschbewachsenes Gelände weithin, keine cha-
rakteristischen Berglinien säumen den Horizont. Des
Meeres Nähe wird nicht gespürt; seine Küste ist hafenlos
und unwirtlich: von da ist keine Kultur hierher gelangt.
Arkadiens Bergland, aus dem der Flufs kommt, und zu
dem Olympia als ein Grenzposten von Natur gehört, wird
im Osten sichtbar; aber es hat von dieser Seite nichts
Imposantes. Vor drei Jahrtausenden wird der Wald statt-
licher, die Wildnis rauher, die Vegetation nordischer ge-
wesen sein. Aber auch heute ist die Landschaft grün
und Feuchtigkeit schwängert die Luft; Menschenarbeit zeigt
sich wenig. Das linke Flufsufer enthält weite Strecken,
die besser zu Jagdgründen als zu Ackern taugen. Dort
hat Xenophon mit seinen Söhnen Hirsch und Eber ge-
pirscht. Aber er war schon der Nachbar des Zeusheilig-
tumes, und wenn er es besuchte, fand er ziemlich alles vor,
was auch wir dort mit der Phantasie suchen: wir müssen
wohl noch achthundert Jahre Weiter zurück, wenn wir die
ersten Inhaber dieser Stätte finden wollen, die uns Nord-
länder leicht anheimelt, die aber für den Donnerer des
176
Götterberges wenig passend scheint, nach dem wir sie
doch nennen, den wir doch auf ihr erwarten.
Damals wohnten freilich Menschen des Stammes schon
in diesen Wäldern, den wir hellenisch nennen, Vorfahren
der Arkader, des Bärenstammes, die sich mit Grund als
die urältesten Hellenen angesehen haben. Die Forschung
hat bisher von ihnen zu wenig Positives ermittelt: nur das,
dafs sie an der ältesten Kultur, die wir auf der Ostküste
und auch auf den westlichen Inseln antreffen, die wir
mykenisch nennen, homerisch nennen sollten, kaum berührt
waren. Darum machen sie uns einen sehr nordischen Ein-
druck. Sie werden das gleich selbst so finden. Denn
wenn die grüne Landschaft fast deutsch aussieht, so thun
es ihre ursprünglichen Götter auch. Am Fufse des Hügels
war eine kleine Höhle, und in der wohnten Zwerge, ganz
wie sie es in einem thüringischen Hügel thun würden.
Viele von Ihnen werden sich deren unter den Griechen-
göttern nicht vermutend sein, denn Homers vornehm höfi-
sches Epos führt sie nicht ein; aber sie haben einst auch
bei den Hellenen ihr Wesen getrieben '), fehlen ja auch in
der klassischen Walpurgisnacht nicht. Man hiefs sie Däum-
linge oder besser Fingerlinge, Daktylen. Und einer von
ihnen, wohl der Daumen, denn es waren hier ihrer fünf,
die Finger einer Hand, war ihr Erster. Der war hier ge-
boren. Die Mutter war natürlich die liebe Mutter Erde,
deren Verehrung vielleicht das bezeichnendste für die ge-
meinhellenische Religion ist*). Der Vater wird der Geist ge-
1) Der himmlische Schmied der homerischen Gedichte, Hephaistos, ist
ursprünglich ein kümmerlicher Zwerg gewesen ; er hat seine Esse erst auf Inseln
des ägäischen Meeres gehabt, und als spätere Zeit ihn in den Vulkanen des
Westens, Ätna und Lipari, ansiedelte, war er zur Göttlichkeit ausgewachsen,
so dafs er die Riesen, Kyklopen, zu Dienern erhielt. Die Schiffer des ägäischen
Meeres haben in alter Zeit sich von tückischen Seekobolden erzählt, den Tei-
chinen: schade dafs deren Gedächtnis zu verblafst ist, denn unsere Maler
könnten diese Wichtelmännchen der See neben Tritonen und Seekentauren gut
brauchen.
2) Das habe ich bereits in der Einleitung meiner Übersetzung der
Eumeniden etwas weiter ausgeführt.
177
wesen sein, der in dem Berge schlief und später als Vater
des Zeus Kronos genannt ward: denn den Vater des ewigen
Himmelsgottes denkt man sich auch nur als einen in die
Erdtiefe oder unnahbare Ferne entrückten Gott einer Ver-
gangenheit, die niemals Gegenwart war. Der Zwerg, der
Erdgeist, erschien den Menschen zuweilen in der Ge-
stalt der Schlange; denn der Wurm war allen Hellenen
die beliebteste Erscheinungsform der Götter, die in der
Erde wohnten. Die Menschengestalt ist mit nichten die
ursprüngliche für ihre Götter. Was diese Ortsgeister ihren
Verehrern geben sollten, vermag niemand zu sagen, ver-
mutlich alles was sie bedurften und hofften; nur eines steht
fest: Heilung in Krankheit: wie sollte auch der primitive
Mensch nicht danach besonders zu seinem Gotte gehn?
Da wir nur Berichte aus den späteren Zeiten haben, wo
Zeus längst der Herr des Ortes war, ist die Tradition des
Zwerges verkümmert. Man hat die bekannte kretische
Geburtsgeschichte des Zeus in diese Grotte zu übertragen
versucht, indem man den Zwerg zu dem Zeuskinde machte;
oder man hat diesen zu einem Dämon "Volksretter" ge-
macht, der einmal als Knäblein oder auch als Schlange in
höchster Not Rettung gebracht hätte. Der Kult in dem
Grottenheiligtume hat nicht aufgehört: da war das Kind-
lein in buntem Gewände gemalt, und eine Priesterin brachte
ihm das Bad und für die von ihm unterschiedene Schlange
Nahrung. Der Tempel der "Mutter" stand dicht dabei, und
hielt man sie jetzt für die Götter mutter , so war sie ihrem
Wesen kaum entfremdet. Daneben erzählte man von den
Daktylen widersprechendes — doch mit der Gelehrsamkeit
plage ich Sie nicht. Uns genügt hier, den Gott des Ortes,
den Herrn der Urzeit, erfafst zu haben.
Da kam, sagen wir um looo v. Chr., ein anderer Stamm
erobernd und Kultur bringend den natürlichen Weg flufs-
abwärts. Das waren die Männer von Argos, die in goldreichen
prächtigen Burgen jenseits der arkadischen Berge safsen.
Sie verehrten die hohe Himmelsherrin Hera bei sich als Be-
schützerin ihres Volkes; indem sie ihr in der Fremde Kult-
y. Wilamowitz- M., Reden. 12
178
Stätten gründeten, schufen sie sich eine Heimat. Sie haben
einige Meilen aufwärts, wo auch ein Flufs von Norden in
den Alpheios mündet, eine Stadt gegründet, die sie nach
Hera nannten; sie haben ihr hier dicht am Fufse des Hügels
ein stattliches Haus errichtet, den ältesten Tempel, den wir
besitzen, ein Haus, das noch auf einem steinernen Sockel
Lehmwände hatte und von einem Rundgang hölzerner
Säulen umgeben war. Das war schon ein kostspieliger Bau,
und seine Errichtung wird sicher nicht älter sein als das
achte Jahrhundert; älter und heiliger ist ohne Zweifel der
grofse Brandaltar gewesen, auf dem der Himmelsherrin
geopfert ward: die homerische Zeit kannte ja noch keine
Gotteshäuser. In Begleitung seiner Gattin kam der Himmels-
könig. Von einer Burg (Phaisana, Phrixa), die hoch auf
einem Berge lag, dessen spitze Kuppe dem Besucher des
Heiligtumes leicht im Gedächtnis bleibt, stieg ein Geschlecht
ritterlicher Seher herab. Dichterwort hat uns die Legende
des Hauses erhalten, das ein Jahrtausend an dem grofsen
Brandaltare seines Amtes gewaltet hat. Der Ahnherr, ein
Gottessohn ohne Erbrecht im Mutterhause, Wiamos mit
Namen, stieg nächtlicherweile in den Flufs hinab und rief
seine himmlischen Ahnen, ein Erbe, eine Herrschaft hei-
schend. Da vernahm er eine Stimme, die ihn folgen hiefs
und ihm voranschritt den Flufs hinab, an die Stätte, wo
dereinst sein Geschlecht den Seherdienst am Altar erhalten
sollte, zu dem ihm die Seherkunst, mit der er selbst sofort
begabt ward, die Weihe verlieh. Der Dichter weifs,
dafs erst noch ein weiterer Mitbewohner des Heiligtumes
kommen mufste, damit das allgemein hellenische Fest ent-
stünde: das hat Herakles erst gestiftet. In unserer Rede
bedeutet das, dafs erst die Bergstämme des Nordens in die
Halbinsel eindringen mufsten, die goldreichen Burgen
brechen und die homerische Kultur zerstören oder viel-
mehr nach Asien hinüberwerfen, damit sie von dort der-
einst getragen von dem homerischen Epos und seinen
Göttern in die Heimat zurückkehrte. Der Stamm, der das
Heiligtum der Zwerge und der Hera erobern sollte, kam
179
aus der Niederung, die nördlich jenseits der Wasserscheide
des Alpheiosthales liegt, und nannte sich nach ihr die Leute
der valltSy Waleer. Sie haben in heftigen langdauernden
Kämpfen die Bewohner des Alpheiostales unterworfen und
dem Heiligtume gezehntet, dessen Verwaltung sie selbst
übernahmen; die Herrschaft der lamiden ging in Stücke,
die Prophetenkunst mufste freilich respektiert werden. Jetzt
erst gehört das Heiligtum dem Zeus, jetzt erst heifst es
Olympia, — der alte Name war Pisa gewesen; jetzt' hat
es durch den Zehnten Mittel, die dazu verwandt werden,
alle vier Jahre in der freien Zeit zwischen der Getreide-
und Weinernte dem Gotte ein grofses Fest zu feiern, zu
dem Gottesfriede geboten wird, bald in der ganzen Halb-
insel geachtet. Im Jahre 776 hat man begonnen, den Namen
des Siegers im Laufe aufzuzeichnen: das ist das erste aufs
Jahr bestimmte Ereignis auf unserem Erdteil.
Heras Ansprüche waren nicht vergessen; ihr Tempel
kann erst in dieser Periode ausgebaut und sicher erst das
Götterbild errichtet sein, dessen Gesicht gefunden ist; wie
denn Hera noch auf den Münzen von Elis erscheint, als
die Prägung beginnt. Aber nur der Donnerer, der Spender
des Sieges, war geeignet die Hellenen alle zu einem Feste
zu vereinen. Denn wie der Himmel sich über alle Lande
wölbt, ist der Herr des Himmels bei den Hellenen nie der
besondere Schirmherr eines Staates oder Ortes gewesen.
Aber damit man ihm zu Ehren das Fest einrichtete, mufste
er sich als Besitzer des Heiligtumes erwiesen haben. Das
hat er getan, genau so wie es Zeus nur thun kann. Noch
spät zeigte man die Reste eines Palastes in dem heiligen
Bezirke, den sein himmlisches Feuer verzehrt hatte. Das
dürfen wir ganz genau nehmen. Durch Blitzschlag nimmt
sich der Gott, was er begehrt, und erst so erklärt sich,
dafs keine Ansiedelung an dem Orte entstanden ist. Er
hat das Herrenhaus verbrannt, auf dafs er der Herr würde.
Dafs ein Heiligtum auf dem Flecke eines alten Fürsten-
sitzes errichtet wird, ist von vielen Orten her, z. B. von der
/ 12*
180
athenischen Burg, geläufig. Erst so erklärt sich auch der
Name. Es ist hier kein Olympos; wenn das heilige Feld
am Flusse das olympische genannt ward, so war es einmal
zu einem Teile des Olympos, besser zu Grund und Boden
des Olympiers geworden.
Es kommen nun die drei Jahrhunderte der grofsten Be-
deutung Olympias. Wohl haben die Erben des Wiamos
Orakel gespendet; wohl haben die Umwohner bei diesem
Gotte Hilfe gesucht wie bei seinen Vorgängern. In grofsen
Massen sind die bescheidenen Weihgaben von Thon oder
Metall aufgefunden, die sie ihm brachten. Aber darin liegt
nichts besonderes; das geschah an tausend anderen Stellen
für Götter aller Art ähnlich. Religiös im eigentlichen Sinne
ist die Bedeutung Olympias nicht. Sie liegt in dem vier-
jährigen Feste, seinen Spielen und Siegen. Man begreift
das nur auf dem Hintergrunde des damaligen Lebens
und seiner Gesellschaftsordnung. Der adelige Mann, der
sich durch körperliche Übung zum wehrhaften und tüch-
tigen, zum dv7)p aya^g, wie man sagt, macht, dessen Leben
in dieser Pflege der adligen Tugenden aufgeht, der auf
alle anderen Berufe mit Verachtung blickt, dessen Phantasie
nichts Schöneres kennt als den adeligen Knaben, der ge-
wandt im Laufe oder Ringen alle Altersgenossen besiegt,
der als Mannesideal den Herakles hochhält, der es erwiesen
hat, dafs Menschenwürde nicht der Götterhöhe weicht:
dieser dorische Mann kennt nichts Gröfseres als das Fest
des olympischen Zeus; der Kranz von wildem Ölbaum, wie
er noch heut am Kronoshügel gedeiht, ist ihm eine kost-
lichere Krone als die der beiden Ägypten; bald wird die-
jenige die köstlichste, die nicht durch die eigene Kraft und
Kunst, sondern durch die Hurtigkeit der Pferde gewonnen
wird. Insofern allein, dafs das Fest auch die Verfeindeten
einmal nahe brachte (wie in Arabien das von Mekka), und
insofern als es das gemeinsame Standesgefühl, die Ge-
meinsamkeit der ständischen Ideale sinnfällig allen Teil-
nehmern nahe brachte, kann man ihm eine politische oder
181
bildende Bedeutung zusprechen^). Aber nie ist von hier
ein Gedanke auch nur politischer Natur ausgegangen ; kein
Prophet, kein Dichter hat von diesem Gotte die Inspiration
erhalten, er hat nicht die mindeste Bedeutung für das reli-
giöse Empfinden oder gar das sittliche Handeln der Nation.
Aber reich waren die Gaben die ihm zuströmten, im
wesentlichen als dem allgemeinen Verleiher des Sieges.
Nur vergesse man nicht, dafs der Sieger im Spiele, der
sein eigenes Bild errichtete, und die fremden Staaten, die
Gedächtnismale ihrer Siege hier aufstellten, nicht in zweiter
Linie ihre eigne Herrlichkeit der Nation vorführen wollten,
die sich an dem Feste hier zusammenfand. Dafür sind
namentlich im sechsten Jahrhundert, das am meisten für
heilige Zwecke gebaut hat, längs des Fufses des Hügels
eine lange Reihe von kleinen Bauwerken errichtet worden,
die die Weihgaben der einzelnen Staaten aufnehmen sollten.
Endlich hatte die Verwaltung der heiligen Gelder auch die
Mittel für einen Tempel gesammelt, der dem Zeus ein eignes
riesiges Haus bereiten sollte; bis dahin hatte er bei seiner
Gattin gewohnt. Der Baumeister konnte ein Eleer sein;
der Stil stand lange fest, und etwas Neues ward es nicht;
den plastischen Schmuck des Giebels und das Dach holte
^) Ganz spät hat man aus dieser Gesinnung heraus Pelops nach Olympia
gebracht, weil nach ihm die Halbinsel oder besser Insel hiefs, und Genealogien
entstanden waren, die die meisten als Gründer der Staaten verehrten Heroen
von ihm ableiteten oder seinem Hause angliederten. Pelops sollte dann die
Herrschaft Olympias durch einen Sieg mit dem Wagen errungen haben, weil
ganz wider die alte Sitte dies Kampfspiel das vornehmste geworden war. Das
erzählt Pindar sehr schön in seinem ersten olympischen Gedichte und stellt der
Ostgiebel dar; gleichwohl ist es eine fremde und in Olympia junge Geschichte,
die für Kult und Fest und Geschichte nichts ausgiebt. In dem gleichzeitig ge-
dichteten dritten olympischen Gedichte bringt Pindar die Stiftung des Festes
mit Herakles zusammen; das erwähnt er öfter, und es ist auch älter und
bedeutsamer. Herakles als der Repräsentant der Mannestugend und Mannes-
ehre, wie dieser Adel beide fafste, mufste den Kranz als erster getragen oder
besser aus dem Göttergarten im Norden den Baum geholt haben, von dem
man den Kranz brach, der jetzt dem Sieger die höchste Ehre verlieh. Aber
auch diese Geschichte ist sekundär und verleugnet die spätere Erfindung nicht.
Noch weniger als den Zeus hat man den Herakles in Olympia anzusiedeln vermocht.
182
man sich aus der Fremde, den Marmor sowohl als die
Arbeiter; unsere Sachverständigen streiten, ob aus Argos
oder von den griechischen Inseln, wo der Marmor sicher
herstammt. Der Inhalt der Darstellungen hat zu dem Herrn
des Tempels nur einen äufserlichen Bezug. Mittlerweile
war den Hellenen der Sieg gegen die Perser zugefallen,
hatte sich der erste WafFengang um die Herrschaft der
Nation zwischen Sparta und Athen abgespielt; Elis ge-
horchte Sparta, und auf dem Dachfirst des Tempels ward
ein Erinnerungsmal an eine Niederlage Athens errichtet.
Aber als wieder Friede war, beriefen die Eleer einen
Athener, um durch die Errichtung des Tempelbildes den
Bau zu vollenden; andere attische Meister folgten und über
jenem Denkmale einer attischen Niederlage erhob sich eine
Siegesgöttin von der Hand eines attischen Schülers des
Pheidias; derselbe hat für einen anderen Sieg derselben
Partei vor dem Tempel die herrliche Statue errichtet, die
unser erster schöner Fund war. Pheidias hatte eben die
Stadt- und Reichsgöttin Athens, des Zeus eingeborne
Tochter, in der neuen Technik aus Elfenbein und reinem
Golde in kolossalem Mafsstabe mit Einsatz aller Künste,
Malerei, Ciselierung, Emaillierung gebildet. Diese Kunst
sollte er hierher übertragen ; dafür ward noch an dem Tem-
pel umgebaut; genau derselbe Raum ward ihm zur Ver-
fügung gestellt wie in Athen, und dafs die Wirkung noch
kolossaler würde, bildete er den Zeus sitzend, während seine
Athena stand. Was er bildete, war nicht der Zeus von
Olympia. Der war immer nur der Donnerer und Sieg-
verleiher gewesen, gedacht am liebsten als nackter Mann,
weit ausschreitend, seine Waffe schwingend. Es war der
Herr gewesen, der in dem Gewitter über seine Erde zür-
nend und strafend dahiniahrt, der im Gewitter der Schlacht
seinen Geliebten den Sieg giebt, der himmlische Ahn des
dorischen Adels, der Vater des Herakles, seines liebsten
Sohnes. In Pheidias' athenischer Seele lebte ein anderer
Zeus, von jener universalen Majestät, die in den homerischen
Versen liegt, dafs sein Kopfnicken, auch wenn er Gewäh-
183
rung nickt, Himmel und ^Erde erschüttert, aber zugleich
der Gott, den schon der homerische Dichter ohne weiteren
Zusatz Vater nannte. Der Künstler hatte schwerlich meta-
physische Studien gemacht; er wird die Dichter seines
Volkes kaum in ihrer Gedankentiefe begriffen haben, aber
er war erwachsen in einer höheren Kultur, einer geistig
und sittlich gewordenen Religion. Die ionische Philosophie
hatte die Einheit des gesamten Lebens begriffen; die
schweren Seelenkämpfe mehrerer Generationen hatten sich
dazu durchgerungen in dem Träger und Erhalter der Lebens-
einheit ein sittliches Wesen zu sehen. Der durch die Er-
folge einer grofsen Zeit entflammte Glaube des Aischylos
hatte gesprochen:
Zeus, Zeus,
mit diesem Namen nenn' ich ihn,
mit jedem, den er hören mag.
Und ob ich alles wäge,
zu leicht erscheint mir alles:
von Sorgen und von Sinnen
und Qualen löst das Herze
mir Zeus allein.
Diesen Gott, den Vater der Götter und Menschen, der
trotz aller Gewalt, mit der er das Weltenregiment führt,
gütig ist, bildete Pheidias. Den Hellenen hat er ihn ge-
bildet, nicht den Eleern, deren Stempelschneider sich an
dieses Vorbild nicht gehalten haben. Ein Blitzschlag,
dessen Spur man dauernd im Fufsboden der Tempelhalle
erhielt, zeugte von dem Wohlgefallen, das Zeus an dem
Bilde nahm. Es wird für die Eleer solcher Bezeugung
wohl bedurft haben, denn der Zeus von Olympia ist in der
That des athenischen Bildes nimmer wert geworden. Der
erst halb civilisierte Stamm der Eleer machte zwar einen
anerkennenswerten Versuch die athenische Kultur aufzu-
nehmen, aber Sparta zertrat das. Es war ein von den
Spartanern in die Sklaverei verkaufter eleischer Knabe,
dessen blondes Gelock Sokrates an seinem letzten Tage
im Kerker gestreichelt hat, und heimgekehrt hat dieser
184
in Elis das neue Evangelium der sittlichen Vollkommenheit
statt der körperlichen Tüchtigkeit gepredigt, die der olym-
pische Zeus zu krönen fortfuhr, meist bereits in Wahrheit
gewerbsmäfsige Ringer und Boxer. Bald war es auch
äufserlich mit dieser Welt vorbei; ein reizender Rundbau
erhob sich im heiligen Bezirke; in dem standen die Bilder
der makedonischen Fürsten: das waren die Herren der
Welt geworden. Die grofse Geschichte spielte sich in den
fernen Reichen am Euphrat und am Nil ab. Das Fest in dem
stillen Thale war ein Jahrmarkt für die Peloponnesier, wie es
dies einst gewesen ; der Wald der Porträtstatuen wuchs wohl
noch langsam, aber dem Gotte kamen wenige Weihungen
mehr zu, und den Fremden lockte nicht die Religion, son-
dern die Erinnerung an alte Zeit, die Freude an alter Kunst.
Es kam mit dem Beginne unserer Zeitrechnung
eine Geistesrichtung, die auf allen Gebieten den An-
schlufs an das schon damals klassische Altertum suchte:
da ward auch Olympia wieder Mode. Bezeichnenderweise
sind es Ausländer, die dazu den Anstofs geben. König
Herodes von Judäa, der sich geflissentlich als Philhellene
aufspielte, hat einmal persönlich das Fest ausgestattet.
Dafs der Jude dem Zeus huldigte that nichts; der Jahwe
von Jerusalem nahm auch alle Tage ein Opfer von dem
römischen Kaiser. War auch auf beiden Seiten Politik
die Hauptsache, sicher meinten beide, dafs die Verehrung
der heimischen Götter Pflicht, die der fremden Rücksicht
gegen gleichberechtigte Sitte wäre, die wirkliche Religion
des Herzens aber mit den Ceremonien des Kultes gar nichts
zu thun hätte. Einst war das vornehmste der Rennsport
gewesen; Sie erinnern sich vielleicht aus dem ersten Ge-
dichte des Horaz, dafs er es als eines der höchsten Lebens-
ziele des Menschen hinstellt, den Staub Olympias auf heifsem
Rade zu sammeln. Das hatten die Prinzen im Pindar ge-
lesen wie Horaz, und so liefsen sie, Tiberius und Germanicus,
ihre Pferde dort rennen und ernteten wie einst die sizilischen
Fürsten, die Pindar besang, diese höchste Ehre; schwerlich
hat sie sie beseligt, und kein Pindar oder Horaz hat sie
185
besungen. • Nero kam selbst als Virtuose des Gesanges zur
Leier; musikalische Spiele waren in Olympia nicht Sitte,
aber der allmächtige Herr befahl, man setzte das Fest an,
wie er es gebot, entwürdigte den heiligen Boden durch
Neubauten zu seiner Aufnahme und klatschte dem Sieger
wüsten Beifall. Nun ergriff das Leben in der Schattenwelt
der eignen fernen Vergangenheit auch das ganze Griechen-
tum. Aus allen Landen strömten Leute aller Stände zu
den Spielen zusammen, die Kämpfer waren durchaus ge-
werbsmäfsige Virtuosen, aber man quälte sich selbst für
sie Begeisterung ab. Ein reicher Athener — denn zu der
Signatur des Verfalles gehört die Ansammlung fabelhafter
Schätze in wenigen Händen bei allgemeiner Verarmung des
Volkes — liefs zwischen dem ehrwürdigen Heratempel, der
als eine Art Museum diente, und dem kleinen Grottenheilig-
tume des Zwerges eine moderne Anlage errichten, nicht
ohne altes zu zerstören und den Eindruck des Ganzen
schwer zu beeinträchtigen, aber die Statuen seines Hauses
und der allerhöchsten Herrschaften gehörten zu der modi-
schen Dekoration so gut wie eine Wasserkunst. Auf den
Stufen des Zeustempels traten die Moderedner auf, die mit
blinkenden Phrasen das Gaukelbild aufsteigen liefsen, dafs
man es so herrlich hätte wie ehedem, nur noch voll-
kommener, dank dem römischen Frieden und der asiani-
schen Zunge. Auch der Dienst des Zeus war eine Anti-
quität; aber es war doch der des Pheidias, dem man nun
diente, und da man in Kunstverständnis und Stilgefühl
wirklich etwas leistete, so hatten die Besucher wenigstens
einen reinen Eindruck, den sie fürs Leben mitnahmen. Die
Besten überkam auch eine gewaltige Wehmut, die Ahnung
des Endes. Ein tüchtiger Mann, Dion von Prusa, der
durch die Not statt auf die Gaukelbilder der Rhetorik auf
das wirkliche Leben zu blicken gelernt hatte, entdeckte
den physischen Verfall der Menschheit, als er die Fest-
genossen mit den alten Porträtstatuen verglich, und eine
Rede über den Zeus des Pheidias, die er von den Stufen
des Tempels herab hielt, schlofs er also: **So blickt er uns
J86
an, gar freundlich und fürsorglich, fast meint man, er spräche :
*Es ist schön und gut, mein Hellas, dafs du das alles so
hältst, die Opfer bringst, so prächtig du kannst, die ruhm-
vollsten Kampfpreise aussetzest für Leibesgeschick und
Stärke und Schnelligkeit wie von je, und was du sonst
noch von altüberlieferten heiligen und festlichen Bräuchen
übst, nur nehme ich mit Sorgen wahr (mit Homer zu
sprechen)
Wie du selber verwahrlost bist, wie leidigem Alter
häfslicher Schmutz sich gesellt und unansehnliche
Kleidung'**.
Rascher als man erwarten konnte kam das Ende.
Um die Mitte des dritten Jahrhunderts schien das römische
Reich zu zerfallen. In dem alten Skythien traten neue
wilde Barbaren auf, die Gothen; sie brachen über die
schlecht gehüteten Reichsgrenzen und trugen Mord und
Brand durch die griechische Welt. Kein Historiker er-
zählt uns, dafs sie Olympia verheert haben, aber die
Sprache der Monumente ist beredt: die Aufzeichnungen
der Kultusbeamten hören 265 auf. Die Siegerinschriften
versagen. Möglich, dafs man in dem besseren 4. Jahr-
hundert noch ein paar mal eine verkümmerte Feier ge-
halten hat. Mittlerweile war ein neuer Glaube Herr ge-
worden; die Verfolgung des alten trat bald mit der ganzen
Mitleidlosigkeit einer innerlich verrohten Zeit ein. Dafs
das Zeusbild nach Konstantinopel gebracht wäre, meldet
eine unglaubwürdige Überlieferung. Für jene Zeit war es
nicht transportabel; das Gold mag in die Münze gewandert
sein; die Kunst und ihre fromme Sprache verstand niemand
mehr, die es anbeteten so wenig als die es zerschlugen.
Die Christen bauten sich in einem alten Gebäude aus alten
Steinen eine Kirche, ritzten ein paar ärmliche Grabschriften
in alte Bausteine; bald brachen neue Barbarenhorden ein,
gegen die man sich notdürftig hinter den Mauern wehrte,
die man aus den nutzlosen Steinen der Tempel baute; die
Marmorstatuen brannte man zu Kalk, die Erzstatuen waren
wohl längst eingeschmolzen. Nur die Natur erbarmte sich.
187
auch wo sie zerstörte. Die Erde bebte und der Tempel
stürzte; der Flu fs ergofs sich über den verödeten Hain und
begrub die Leichen der alten Pracht. Die Stätte ward
wieder wüst. Die fremden Götter waren alle vertrieben:
da konnten die Zwerge aus ihrer Höhle wieder hervor-
kommen, und zwischen den Myrtenbüschen und dem wilden
Ölbaum herumhuschen oder über die armseligen Acker
der Menschen, wo keine Furche tief gezogen werden
konnte, weil alte riesige Steine die Pflugschar hemmten.
Und zur Sommerszeit schwärmten die grofsen Mücken, die
die Lachen des vertrocknenden Flufswassers erzeugen, in
Scharen über das Feld, wo einst die festlichen Menschen-
scharen sich gedrängt hatten, und wehrten mit ihren Fieber
zeugenden Stichen dem Eindringen der Menschen, die etwa
hier suchten nach den Spuren des Zeus von Olympia.
Als Jüngling habe ich selbst noch dort gestanden, als
es so aussah, und habe die volle Enttäuschung erlebt, dafs
Olympia so gar nichts von seinem Gotte in seiner Natur
hat, während in Delphi, Delos, Epidauros, Athen und an
der Mehrzahl grofser Kultstätten auch vor ihrer Aufdeckung
jedem das Dichterwort überwältigend in seiner Wahrheit
aufging :
„Denn der Boden zeugt sie wieder, wie er sie von je
gezeugt."
Wenn ich nicht als Knabe geirrt hätte, würde ich heute
nicht als Mann Ihnen die Wahrheit künden können.
Zeus ist gar nicht zu Hause in Olympia. Bestimmt
erkennbare geschichtliche Verhältnisse haben den Kult
erst der Hera, dann des Zeus dorthin gebracht, wo eigent-
lich nur niedere Elementarwesen etwas zu suchen hatten.
Die Ausgrabung hat uns die geschichtliche Einsicht ge-
bracht; wir haben gelernt, dafs wir nichts anderes dort
erwarten durften als wir gefunden haben. Wir zogen
dorthin, den Zeus des Homer und des Pheidias im Herzen:
es war recht, dafs wir ihn im Herzen hatten, aber dann
sollten wir ihn bei den Eleem nicht erwarten. Der Zeus
Olympias darf nur angesehen werden als der Exponent des
188
Glaubens und der Vorstellungen, die diejenigen Menschen
von ihm hatten, die ihn in Olympia verehrten, als die vom
Glauben vorausgesetzte Ursache der Wirkungen, die sie
von ihm verspürten. Im Blitze war er aus seinem Himmel
niedergefahren; daher gehörte ihm der Ort. Weil der
Himmel allerorten ist, konnten sich alle Hellenen in dem
Kulte dieses Gottes an diesem Orte zusammenfinden. Der
Verleiher des Sieges lenkte hier den Gang der Spiele wie
er auf dem Schlachtfelde die Entscheidung gab. Er ist
ein nationaler Gott, ein Gott des Standes, der in Ernst und
Spiel um den Sieg aus seiner Hand rang: das ist nicht
wenig, aber es ist wenig für Zeus. Und es ist zu wenig,
als dafs uns dieser Gott unser Herz bewegte. Wie anders
der Zeus des Pheidias. Wir schauen ihn nicht mehr; nur
ein paar Münzen, die wir der antiquarischen Neigung der
hadrianischen Zeit verdanken, und eine genaue Beschreibung
geben von seinem Aussehen Zeugnis. Aber sie reichen
hin, das zu bestätigen, was an sich anzunehmen war, dafs
Pheidias den Zeus bildete, den er als Athener in seiner
künstlerischen Phantasie zu schauen begnadet war,, den
allmächtigen Herrn alles Lebens, den freundlichen Vator
aller Lebewesen im Himmel und auf Erden. Dafs dieser
Zeus in Olympia zu stehen kam, lag nur daran, dafs die
Eleer die Mittel hatten das Werk zu stiften, zu dessen
Pracht und Kostbarkeit, immerhin äufserlichen Dingen, die
Welt bisher nichts vergleichbares hervorgebracht hat. Nicht
anders ist der Hermes des Praxiteles nach Olympia ge-
kommen, nur weil ihn sich jemand aus Athen bestellt hatte.
Es hat sich die Basis eines praxitelischen Werkes mit
seiner Signatur auch an den Ufern des Dniepr gefunden,
weil ein reicher Mann, vielleicht nur ein Halbhellene, es
sich auf seinen Landsitz mitgenommen hatte. So wenig
das ein skythisches Werk ward, so wenig ist der Zeus des
Pheidias ein olympisches. In die Entwickelung der athe-
nischen Kultur, die dann die gemeinhellenische und endlich
die Grundlage der Weltkultur geworden ist, gehört er
hinein: dabei wollen wir noch ein wenig verweilen.
189
Könnten wir ihn sehen, wir würden ihn im Grunde kaum
anders auffassen, als es Dion thut, aus dessen olympischer
Rede ich vorhin den Schlufs anführte. Er hält der olym-
pischen Festversammlung des Jahres 105 n. Chr. eine
Predigt und hat sich das Thema gewählt, wie die Mensch-
heit zur Erkenntnis Gottes kommt. Lange verweilt er bei
der stoischen Lehre von der dem Menschen eingeborenen
und durch die unmittelbare Anschauung der Wunder der
Natur offenbarten Erkenntnis des Schöpfers und Erhalters
der Welt; das ist uns sehr geläufig, denn dieses Kapitel
ist kaum verändert in die christliche Lehre übergegangen.
Dann führt er als Lehrer der Menschheit und Vermittler
der Gotteserkenntnis Dichter, Gesetzgeber und, dies ganz
nebenher, Philosophen auf, schliefslich die bildenden
Künstler: dies letztere befremdet den Modernen; es war
auch damals nichts Gewöhnliches. Seit Jahrhunderten
hatte das Denken der Gebildeten die Gottheit nicht blofs
von einem menschlichen Körper und von der nationalen
Beschränktheit, sondern auch von der menschlichen Seele
befreit: es war längst nicht minder eine Anbequemung an
innerlich überwundene Anschauung, wenn man von einer
Person Gottes redete, als wenn man ihm einen Eigennamen
gab, oder die Formen der überkommenen Gottesverehrung,
Opfer und Liturgie, mitmachte: wie sollte also der bildende
Künstler die Erkenntnis des übersinnlichen Gottes ver-
mitteln? So ist es dem Redner denn auch darum zu thun,
das Befremdende seiner Behauptung zunächst ins Licht zu
setzen. Er thut das, indem er den Pheidias selbst anredet.
*' Trefflichster Künstler, dafs du allen Hellenen und Bar-
baren, soviel je hierher gekommen sind, den überwältigenden
Genufs eines entzückenden Anblickes bereitet hast, be-
streitet niemand. Und hätte ein Mensch durch Leid und
Sorge, die er erlebt, die Seele so voll Kummer, dafs er
keinen ruhigen Schlummer mehr finden könnte, ich glaube,
angesichts dieser Statue würde er all des Schweren und
Schmerzlichen vergessen: solch einen Glanz, solch einen
Zauber hat deine Kunst ihr verliehen. Aber ob du in der
190
Gestalt eines durch Majestät und Schönheit überwältigen-
den Menschen, immer doch eines Menschen, ein angemessenes
Abbild, eine entsprechende Gestalt für das Wesen des
Gottes gefunden hast, das ist die Frage. Du hast durch
dein wunderbares Werk, erreicht, dafs keiner, der es sieht,
sich dieser Vorstellung von dem Gotte wieder ent^chlagen
kann. Bedenke, dafs die Stifter des Festes und des Heilig-
tumes auf ein Bild verzichtet hatten: sollte das nicht ge-
schehen sein, weil sie es für unmöglich hielten, in irdischem
Stoffe mit irdischer Kunst das Wesen des absolut Voll-
kommenen wiederzugeben ? " Dagegen verantwortet sich
Pheidias zunächst so, dafs er sich auf die Tradition beruft,
die er vorfand, sowohl in der bildenden Kunst als auch in
der durch die Dichter erzeugten Volksvorstellung. Femer
hätte er über kein anderes Mittel verfügt. Denn die Er-
scheinungen, in denen das Göttliche sich sinnlich offenbart,
Sonne, Mond und die Wunder des ganzen Himmels, würden
in der Nachbildung unbedeutend. Geist und Vernunft aber,
die freilich die ganze Natur erfüllten, wären sinnlich nicht
darstellbar. "Daher leiht man Gott die Menschengestalt,
von der man sicher weifs, dafs sie ein Gefäfs für Geist und
Vernunft ist, aus Not, um das zur Anschauung zu bringen,
von dem es keine sinnliche Erscheinung giebt. Der voll-
kommenste Bildner eines Götterbildes wird also der sein,
der das Höchste an Schönheit, Würde und Erhabenheit
erreicht. Das wird nicht leicht eingewandt werden, dafs
man lieber gar kein Bild der Gottheit machen sollte und
sich mit dem Anschauen der Natur begnügen. Zum Himmel
blickt jeder mit frommer Andacht und glaubt aus der Ferne
selige Götter zu schauen; aber es drängt den Menschen
zur Gottheit, er will sie nahe haben, sie mit den Zeichen
der Verehrung erreichen können, wie die Kinder den Eltern,
auch wenn sie fern sind, die Ärmchen entgegenstrecken.
So sind die Wilden, weil sie keine Kunst besitzen, zum
Dienste von Felsen und Bäumen und Steinen gelangt".
"Wer mich", fahrt Pheidias fort, "wegen der Gestalt, die ich
dem Gotte gegeben habe, schelten will, der wende sich an
191
Homer", und nun führt er breit die Züge vor, aus denen
der Hörer Homers sich das Bild des Zeus ableitet, wobei
über die Freiheit des Dichters, der Handlung darstellen
kann, manches Wort fallt, das Lessing im Laokoon hätte
verwenden können. "Demgegenüber habe ich meinen Zeus
gebildet friedlich und freundlich, als den Hüter eines ruhigen
und einträchtigen Griechenlands, mild und würdig, in einer
Haltung ohne jeden Zwang, den Geber von Dasein und
Leben und allen Gütern, den gemeinsamen Vater und Retter
und Beschützer der Menschen".
Das sei genug von Dion, der sich weiter tief in die
stoische Theologie verliert. Fassen wir einmal scharf auf,
welche Wertung des Kunstwerkes er uns bezeugt. Es
unternimmt es, das Körperlose körperlich, das Unpersön-
liche persönlich, das Übersinnliche sinnlich darzustellen:
das ist ein Widerspruch und scheint ein Unding: und es
wird ihm das Zeugnis ausgestellt, nach einem halben Jahr-
tausend noch ausgestellt, diese Aufgabe so erfüllt zu haben,
dafs es die lautere Erkenntnis der Gottheit in dem Beschauer
stärkte oder weckte. Das hat die hellenische Kunst ge-
wollt und erreicht: halten wir ihr nicht die Kunstfeind-
schaft von Juden, Arabern und christlichen Ikonoklasten
und Bilderstürmern entgegen, die im Grunde auf die Denk-
weise halbnomadischer Beduinen zurückgeht, sondern das
Höchste, was die ebenbürtige Kunst des letzten halben
Jahrtausends erzeugt und erstrebt hat. Mit Bedacht sage
ich, der Kunst, nicht dem Pheidias. Ohne jeden Zweifel
ist Michel Angelo als künstlerische Persönlichkeit unendlich
mehr als irgend ein griechischer Künstler: dafür ist er
auch Denker und Dichter, eine jener Einzelseelen, denen
gegenüber die antiindividualistische Historie jämmerlich zu
Schanden wird. Ohne Zweifel ist der Anblick der sixtini-
schen Kapelle eine so gewaltige Offenbarung der höchsten
religiösen Kunst, dafs man sich zu versündigen fürchtet,
wenn man daran erinnert, dafs dies alles doch nur Schmuck
ist und sein will. Pheidias aber bildete das Kultbild. Wenn
Praxiteles seinen Hermes oder seine Aphrodite schuf, von
192
Werken geringeren Gehaltes wie dem vatikanischen Apollon
oder der Aphrodite von Melos zu schweigen, so sind das
Bildungen göttlicher Wesen, aber kaum in anderem Sinne,
als wenn die Florentiner ihren S. Giovanni oder den David
bilden. Selbst die Demeter von Knidos, obwohl Tempel-
bild, fafst die Aufgabe nicht wesentlich hoher. Aber in
den grofsen Goldelfenbeinbildem versuchten die Künstler
wirklich den Gott in seinem Hause den Gläubigen leibhaft
zu zeigen: Sie müssen bedenken, dafs das Anschauen des
Gottes das Wesentliche war, was der Einzelne an Gottes-
dienst persönlich übte. Ungeheure Mittel haben die
Griechen damals an den Versuch hingegeben, ihre Götter
gotteswürdig darzustellen, denn die Riesentempel, wie der
Parthenon, sind ja nichts als die Behausungen des Götter-
bildes. Niedrige moderne Gesinnung hat sich nicht ent-
blödet die Athener der Verschwendung zu zeihen, weil sie
allerdings dafür ein paar Armeekorps hätten aufstellen
oder etliche Jahresraten der Steuern erlassen können. Die
Athener haben damals freilich den Ausbau der Burg als
Wohnsitz ihrer himmlischen Herrin nicht für eine Luxus-
ausgabe gehalten: sie setzten alles daran, das Bild ihrer
Götter, wie sie es im Herzen trugen, Gestalt gewinnen zu
lassen. Sie haben das nur in einer kurzen Spanne Zeit ver-
sucht, nicht nur weil die Mittel bald durch den verderblichen
Bürgerkrieg verzehrt waren, sondern weil sich herausstellte,
dafs es ein vergebliches Beginnen war, die Überlieferungen
einer noch ganz sinnlichen Religion mit den neuen, not-
wendigerweise transcendenten Spekulationen über den Ur-
sprung des Lebens und der Sittlichkeit vereinigen zu
wollen. Aber Illusion war das alles, wodurch das Jahr-
hundert des athenischen Reiches die Teilnahme und Be-
wunderung der Menschen weckt und in alle Ewigkeit
wecken wird. Die Tragödie versuchte gleichermafsen die
alten heiligen Geschichten, die als solche nichts mehr wirk-
ten, mit dem neuen Geiste zu durchdringen; als Sophokles
und Euripides starben, starb sie mit, unwiederbringlich:
aber an dem Erreichten zehrt die Welt. Der athenische
193
Staat hat es freilich so wenig als irgend einer vermocht,
die individuelle und wirtschaftliche Freiheit des Einzelnen
neben der Allgewalt des Staates, d. h. der organisierten
Gesellschaft, durchzuführen: aber so notwendig die Er-
kenntnis ist, dafs zwischen zwei widerstrebenden berechtigten
Prinzipien ein Kompromifs geschlossen werden mufs, so
unvergleichlich ist der Reiz des Versuches einer frischen
Zeit, die eben erst erfafsten Gedanken hoffnungsvoll in die
Erscheinung zu führen. Und alle Fehlgriffe in der Wahl
der Wege werden den Athenern den Ruhm nicht nehmen,
den Gedanken eines einigen Staates Hellas gefafst und an
seine Verwirklichung ihre ganze Kraft gesetzt zu haben.
Erst neben diesen in gleicher Zeit und aus dem gleichen
Sinne unternommenen Versuchen kann der Zeus des Phei-
dias gewürdigt werden, neben der Demokratie des Klei-
sthenes, der Reichspolitik des Aristeides, der Orestie des
Aischylos und dem Rationalismus des Protagoras.
Einem jeden bringt das Leben die Lehre, dafs der
Jugend Blütenträume nicht reifen, aber die Erinnerung an
die Jugendzeit, da er noch träumen durfte, verklärt ihm
die grelle oder trübe Wirklichkeit. Es ist auph der
Menschheit unverloren, dafs sie einmal jung gewesen ist,
dafs sie sich plötzlich mannbar fühlte, zu denken wagte
und nach den eignen Gedanken zu handeln. Der Seele
waren die Flügel gewachsen, sie fühlte sich frei, sie ver-
suchte, aller Erdenschwere ledig, sich wie der Vogel des
Zeus hinaufzuschwingen, dem Lichte entgegen. Der Mensch,
das Mafs der Dinge, wagte hienieden Staat und Gesell-
schaft und Recht und Sitte zu ordnen nach dem, was Ver-
stand und Vernunft zu fordern schienen. Das Denken, frei
von jeder Fessel der Autorität, wagte sich in die Tiefen
der Natur und in die Höhen der reinen Abstraktion. Das
Fühlen und Empfinden zerrifs die Bande der Konvention,
und auch in der dionysischen Ekstase, in den Qualen des
Prometheus, in den Gewissensängsten des Orestes und den
Verbrechen Medeias war es sich bewufst, weite Reiche
des Gefühles zu durchmessen, deren Existenz die Vorzeit
V. Wilamowitz-M., Reden. 13
194
nicht geahnt hatte. So waren denn auch die Exponenten
dieser Gefühle neu geworden, die Götter. Und da wagte
die Kunst sie leibhaft zu schauen, leibhaft zu bilden.
Die Jugend ist kurz; der Traum verfliegt. Bellero-
phontes, der auf dem Flügelrosse des Zeus sich empor-
geschwungen hat, zu sehen, ob es droben Götter gebe,
mufs stürzen und elend in den Gefilden des Irrsais herum-
schweifen — eben in diesem Sinne hat ein athenischer
Tragiker die alte Sage umgeformt. So ist*s auch den
Athenern ergangen. Und doch, wenn etwas in ihrer Ver-
gangenheit, so ist diese kurze Spanne ihrer Jugend des
Gedächtnisses der Menschheit wert. Was ich Ihnen von
Olympia erzählt habe, das war im Grunde alles totes
Wissen, Erinnerung an verstorbene Geschlechter von
Menschen und Göttern. Der Zeus des Pheidias, den wir
weder finden noch suchen konnten, das Kunstwerk, das
materiell längst dahin ist, hat seine lebendige Bedeutung
auch für uns, weil es einmal war, weil es einmal sein
konnte. Menschlicher Hände Werke vergehen: mensch-
licher Seele tiefste Gedanken, übersinnliche sinnliche
Bilder, wie sie der wahre schöpferisch schaiFende Dichter
und Künstler schauet und zeiget, überdauern den Fall der
Völker, das Wechseln der Götter und Menschen. So lange
ein Menschenauge in kindlicher Frömmigkeit zu dem hohen
Himmelsdome aufschauen wird, der sich über allen Ländern
und Meeren wölbt, so lang^ wird das Gedächtnis des
athenischen Mannes in Ehren stehen, der es wagen durfte,
den Lenker dieses Himmels in seiner Majestät, den Vater
der Sterblichen in seiner Milde körperlich darzustellen:
wie er mit ambrosischen Brauen gnädig Gewähr winkt,
wie er der Sterblichen "weitverbreiteten guten Geschlechtern
seines eigenen ewigen Himmels mitgeniefsendes fröhliches
Anschaun eine Weile gönnet und läfst".
^i^mm
Die Locke der Berenike').
Lassen Sie mich noch ein letztes Mal, wie ich es öfter
von dieser Stelle aus gethan habe, Ihnen ein Gedicht nahe-
bringen, das ich gern habe und Sie so gut wie alle nicht
wohl kennen können. Der Versuch würde kläglich aus-
fallen, wenn ich mit der Thür ins Haus fallen wollte und
das Gedicht sofort vorläse. Sie müfsten es dann für
unverständlich, womöglich geradezu für absurd halten.
Denn es führt darin das Wort eine Locke, eine ganz veri-
table Locke, ein Büschel Haare; diese Locke ist von einem
Vogel Straufs aus einem Tempel entführt worden, ist ein
Sternbild am Himmel geworden und verspürt gleichwohl
das ihr eingeborene Gelüst nach Haaröl.
Das ist ein bischen stark, nicht wahr, und ein grie-
chischer Dichter kann eine solche Chinoiserie unmöglich
begangen haben. Ein Grieche ist nach dem Katechismus
der Schulästhetik verpflichtet, das rein Menschliche in
typischer, also ewig verständlicher Weise zu stilisieren : er
1) Inhaltlich stammt der Vortrag im wesentlichen aus dem Jahre i879f
wo ich ihn in Stettin gehalten habe; ich hatte damals aber nur die Über-
setzung aufgezeichnet. Dann behandelte J. Vahlen das catullische Gedicht in
den Sitzungsberichten der Berliner Akademie iggS und kam meist zu den-
selben Ergebnissen der Textgestaltung und Erklärung wie ich; einzelnes lernte
ich zu; anderes behaupte ich auch gegen ihn. In der vorliegenden Form ist
der Vortrag 1897 in Göttingen gehalten. Der Nachtrag ist später nieder-
geschrieben.
13*
196
hat klassisch zu sein; wozu wäre er sonst ein Grieche?
Nun, von einem solchen Griechen ist das Gedicht freilich
nicht; ich stehe mich mit dem Verfasser nahe genug, um
in seinem Namen versichern zu dürfen, dafs er solch ein
klassischer Mustergrieche gar nicht sein mochte, so wenig
wie Watteau hätte Raffael sein wollen oder Voltaire Dante.
Vielleicht liefse er sein Gedicht lieber eine Chinoiserie
nennen als dafs er die Kommentare der Philologen läse,
die ihm als Klassiker quand-m§me selbst seine Locke nach
ihrer Schulweisheit frisieren wollten^). Sie aber können
ihm kaum etwas Lieberes thun, als dafs Sie bei ihm an
Voltaires entzückende kleine Gelegenheitsgedichte denken:
ich wenigstens finde sie entzückend, und ihnen ist die Locke
des Kallimachos verwandter als dem Homer. Witz und nicht
Gefühl hat das Gedicht eingegeben; höfische Schmeichelei
steckt darin und galante Huldigung gegen eine junge Frau,
die sich noch lieber als Frau denn als Fürstin huldigen
läfst. Der konventionelle Pomp mythologischer Figuren
und historischer Reminiszenzen gehört ebenso dazu wie die
pathetischen Bekenntnisse zu Tugend und Frömmigkeit,
eine Prise Lüsternheit und etliche Gramm Sentimentalität,
damit der Pot-pourri den Duft gewinne, an dem Königin
Berenike, ihr Hof und ihr Hofdichter sich delektieren.
Wenn dem so ist, müfsten wir, um das Gedicht zu ver-
stehen, eigentlich diese Personen und diesen Hof ganz genau
kennen, müfsten uns völlig in ihre Atmosphäre versetzen
1) Der grofse Joseph Scaliger hat das Gedicht ins Griechische zurück-
übersetzt: dafs das noch ohne Stilgefühl geschah, war begreiflich, und die
Übersetzung ist immerhin etwas, was ihm zu allen Zeiten nicht viele nach-
machen könnten. Aber dafs J. C. Valckenaer mitten im Rokokozeitalter so
gar keine Ahnung von dem Stile bekommen hat und einen Kommentar schreiben
konnte, der zum Verständnis schlechterdings nichts beiträgt, ist für die Grenzen
der Begabung des seinerzeit führenden Mannes bezeichnend. Und noch neuer-
dings hat M. Haupt die Stelle über den Athos und die Chalyber kurzweg für
geschmacklos erklären können: er nahm das Spiel grimmig ernst. Heutzutage
vollends mufs man sich sagen lassen, das Gedicht wäre eigentlich ein Epi-
gramm — ob auf den Himmel oder auf die Haare ''aufgeschrieben", habe ich
noch nicht erfahren.
197
können. Denn wenn schon überhaupt jedes Kunstwerk
vollkommen verstanden nur so weit werden kann, als wir
seine Voraussetzungen kennen, wie viel mehr gilt das für
die Gelegenheitspoesie, vollends aus einer Gesellschaft, in
der sich höchst individuelle Personen nach Stimmung und
Laune innerlich ganz frei, aber in den komplizierten Formen
einer aufs äufserste polierten Geselligkeit bewegen, und wo
die dichterische Form gleichfalls zwar die ärgsten Capricci
wagen darf, aber die Hülle einer konventionellen Stilisierung
niemals ganz ablegt. Nun liegt Ihnen aber die Königin
Berenike und der Dichter Kallimachos sehr fern; Sie haben
gar keine Veranlassung von beiden auch nur den Namen
zu kennen. Wir Männer vom Handwerk müssen, selbst
wenn wir wirklich so viel von beiden wissen wie zur Zeit
möglich ist, eingestehn, dafs das herzlich wenig ist. Rechnen
Sie hinzu, dafs das Gedicht gar nicht im Originale erhalten
ist, sondern in einer lateinischen Übersetzung, die zu Ciceros
Zeit ein junger Veronese angefertigt hat. Zum Glück war
es kein Vollblutrömer, sondern ein Veronese von halbfran-
zösischem Blute und französischer Grazie, GenreA.de Musset;
aber seine Sprache war doch noch ungelenk und die Treue
eines philologischen Übersetzers lag ihm gänzlich fern. Und
weiter noch: seine Übersetzung ist nur in ein paar Ab-
schriften auf uns gekommen, die in der Renaissance aus einer
übel zugerichteten mittelalterlichen Handschrift genommen
sind: deren Schreiber aber hatte kein Sterbenswörtchen von
dem Latein verstanden, das er kopierte. Danach werden
Sie sich vorstellen können, ein wie schweres Stück Arbeit
die Wissenschaft hat thun müssen, bis der Versuch mög-
lich ward, das Original nachdichtend so wiederzugeben,
wie ich es Ihnen vorführen werde. Dabei hat der letzte
Übersetzer sein philologisches Gewissen immer noch etwas
poetisch ausweiten müssen, damit überhaupt etwas Fertiges
zu Stande käme. Und trotz alledem — sauer wird die
Arbeit hoffentlich nicht werden, aber etwas Philologie
müssen Sie schon schlucken, sonst würde die Pastete immer
noch unverdaulich bleiben.
.^\
198
Ich bin so kühn gewesen anzunehmen, dafs Sie die
Königin Berenike gar nicht kennten. Aber ihre Locke haben
Sie alle gesehen, kaum mit Bewufstsein, aber gesehen haben
Sie sie und können das nach Belieben wiederholen. Sie
müssen nur in einer sternhellen Nacht die Augen von den
drei Sternen des grofsen Bären abwärts nach der Jungfrau
richten : da steht eine Anzahl nicht besonders heller Sterne,
in denen Sie mit einigem guten Willen eine Locke finden
werden. Sehen Sie nun auf unseren Sternkarten nach, so
finden Sie als Namen des Sternbildes "Das Haupthaar der
Berenike". Der lateinische Übersetzer hat nämlich durch
ein Ungeschick, für das seine Sprache nur zum Teil ver-
antwortlich ist, aus der Locke, die die Griechen allein
kennen, das ganze Haar gemacht, und so fand sich auf der
Sternkarte, mit deren Hilfe mich meine Mutter zuerst ein
wenig auf dem Himmel orientierte, eine Art Skalp abge-
bildet, der meiner indianisierten Knabenphantasie ungleich
interessanter war als die duftigste Locke einer schönen
Frau je hätte sein können. Jetzt führen unsere Atlanten
solche Bilder nicht mehr; das ist unwissenschaftlich. Da
ist der Himmel regelrecht in Bezirke eingeteilt, deren
Grenzen so anmutig und übersichtlich verlaufen wie auf
der politischen Karte von Thüringen. Ich bezweifle nicht
die Zweckmäfsigkeit für Astronomen; anderen Menschen-
kindern, die im Sternenhimmel nur das erhabenste Schau-
spiel der Natur sehen, war ehedem besser gedient; wie
denn die Sterne, seit sie Kollegen der Erde oder gar der
Sonne geworden sind, trotz aller Spektralanalyse stark an
Teilnahme verloren haben. Ich sehe es kommen, dafs eines
schönen Tages die alten Namen abgeschafft werden, der
Himmel hübsch in regelmäfsige Felder eingeteilt wird und
jeder Stern mit Zahlen und Buchstaben ein dem modernen
Ordnungssinne entsprechendes Signalement erhält. Aber
sintemalen der Himmel nicht blofs für die Astronomen da
ist, seien die Sternbilder Ihrer Beachtung nachdrücklich
empfohlen. Als die griechische Wissenschaft verfiel, sind
die wissenschaftlichen Himmelskarten allesamt verloren ge-
199
gangen; was den Römern und dem ganzen occidentalischen
Mittelalter das wenige erhalten hat, was von astronomischen
Kenntnissen übrig blieb, sind fast allein die Bilder gewesen,
die erst ernsthafte, dann in sehr viel gröfserem Umfange
spielende Phantasie ersonnen hatte. Ich könnte Ihnen recht
Merkwürdiges von der allmählichen Aufteilung des Himmels
erzählen, von den wenigen alten Zeichen, wie Bär und Hunds-
stern, von den zwölf Häusern der Sonne, den Zodiakalzeichen,
die die babylonische Afterwissenschaft der Astrologie auf-
gebracht hat, und dann der Masse, die halbwissenschaft-
liches Streben nach Orientierung auf der Himmelskugel
schuf, nicht eben witziges Spiel immer neu benannte, bis
wesentlich astronomisches Interesse bestimmte Namen und
Deutungen feststellte. Eudoxos, ein Freund Piatons und
ein bedeutender Gelehrter, hat zuerst die Masse der jetzt
noch giltigen Zeichen auf eine Karte eingetragen; es wird
eine Halbkugel von Metall gewesen sein, die man von
unten und innen betrachtete, also ein Abbild des Himmels-
gewölbes. Etwa hundert Jahre nach ihm hat ein ge-
schickter Dichter, Aratos, das Kunststück fertig gebracht
diese Karte in eleganten Versen zu beschreiben. Ihn trieb
durchaus nicht die Wissenschaft, sondern die Religion: er
wollte die Weisheit und Güte Gottes an diesem vornehmsten
Wunder der Natur zeigen, in dem noch Kant die unmittel-
bare Offenbarung Gottes gesehen hat, ganz wie Aratos und
unzählige geringere Menschen vor ihnen und in aller Zu-
kunft, so lange die Sterne leuchten. Aratos ist jetzt ver-
gessen; aber zwei Jahrtausende haben ihm nicht nur Er-
bauung und Genufs, sondern auch ihre Kenntnisse der
Himmelskunde mittelbar oder unmittelbar zu danken ge-
habt. In seinem Gedichte nun heifst es von den Sternen,
die jetzt Berenikes Locke sind, sie zögen noch vereinzelt
und namenlos dahin. Das war geradezu eine Aufforderung
zur Namengebung, nicht nur an die Fabulisten, sondern auch
an die Astronomen. Nun war in Alexandreia sehr bald
nach der Gründung der Stadt eine Sternwarte errichtet
und die namhaftesten Gelehrten an sie berufen. Wir haben
200
von ihnen noch manche wertvollen Beobachtungen. Konen,
der zu der uns angehenden Zeit der Sternwarte vorstand,
hat unter anderem über Sonnenfinsternisse geschrieben; für
seine wissenschaftliche Geltung zeugt am besten, dafs Archi-
medes ihm nahe stand und ein Buch widmete. Unter dem-
selben Dache lebte auch der einflufsreichste Dichter der
Zeit, Kallimachos, ein Studienfreund und Verehrer des
Aratos. Es ist nicht wunderbar, dafs eine Bezeichnung,
die von diesem wissenschaftlichen Centrum aufgebracht
ward, andere Versuche aus dem Felde schlug; aber wenn
nur zu berichten wäre, dafs das Sternbild Berenikes Locke
um 244 V. Chr. von Konon und Kallimachos zu Ehren ihrer
Königin so benannt wäre, so hätte die Sache geringes
Interesse, und ich würde Sie gewifs nicht davon unterhalten.
Es giebt ja auch Sobieskis Schild und Friedrichs Ehre am
Himmel, und alle Jahre tauft jemand einen neuen Planeten,
den er entdeckt hat; das wird im Vermischten der Zeitungen
gelesen und vergessen.
Einen Unterschied macht schon die Veränderung der
Ansichten über das Wesen der Sterne. Zwar die Männer
der Wissenschaft dachten nicht so gar verschieden von
den gegenwärtig verbreiteten Annahmen und Erkenntnissen.
Aber selbst wem die Sterne nur feurige Bälle waren, für
den wurden sie dadurch nicht zu toter Materie. Die ewige
stetige Bewegung, die sie aus eigenem Antriebe inne zu
halten scheinen, zeugte auch freien Denkern für eine Seele
in ihnen, ^andererseits hört der naive Glaube niemals auf,
die göttlichen Personen seines Glaubens und die Seelen
seiner abgeschiedenen Lieben in den Himmel zu versetzen.
Wenn der Anblick des Himmels und seiner Wunder ein
frommes Gemüt dazu führt, die Himmelslichter für Götter
zu halten, so treibt der Drang das Unkörperliche sichtbar
zu machen dazu, die Götter und die Seelen als Sterne zu
denken. Nun kann diese Beseelung eigentlich nicht mehr
für den einzelnen Fixstern gelten, geschweige für die will-
kürliche Zusammenfassung eines Komplexes benachbarter
Sterne; denn nur der ganze Fixsternhimmel, der sich als
201
ein Ganzes bewegt, ist eine und zwar die höchste Plimmels-
sphäre, die sich um die Weltachse bewegt. Indessen trotz
aller astronomischen Einsicht und aller neuen kosmischen
Hypothesen dauern ältere Vorstellungen, schon weil es eine
Anzahl von Alters her bekannter Sterne und Sternbilder
giebt, denen man ein individuelles Leben nachsagt. Eine
Krone sieht jeder am Himmel, unwidersprechlich, denn so
stehen eben die Sterne. Dafs es die Krone sei, die einst
Dionysos seiner Geliebten Ariadne verliehen hätte, die er
zu sich in die Göttlichkeit erhob, war entweder wirklich
einmal Volksglaube gewesen, oder es war doch dazu ge-
worden. Dieses Sternbild war also das in Ewigkeit leuch-
tende Zeichen der Erhöhung Ariadnes zur Göttlichkeit.
Wenn sie jetzt in der Locke Berenikes eine Gefährtin er-
hielt, so war das nur noch ein Spiel, aber es lag darin
immer noch die Erhebung Berenikes in die Reihen der
Himmlischen, also sehr viel mehr, als wenn etwa jetzt ein
neugefundener Berg oder Flufs nach einem Sterblichen
benannt wird. Und man mufs sogar sagen, die Benennung
hat ihren Zweck noch mehr erreicht als ihre Urheber er-
wartet haben werden. Wenn in dem dauernden Gedächtnis
etwas liegt was die Menschennatur zu überwinden scheint,
so ist Berenike durch die Verstirnung ihrer Locke that-
sächlich über das Irdische hinausgehoben. Unmöglich
würde ich sonst zu Ihnen von ihr reden und ihr so für
eine Weile in Ihrer Phantasie Leben verleihen. Mochten
aber die Erfinder so weit mit ihrer Huldigung nicht zu
denken wagen: des konnten sie sicher sein, ihrer Königin
vornehmer und wirksamer zu huldigen, als es sich mit sehr
viel höher tönenden, aber abgebrauchten Verherrlichungen
thun liefs.
Vergöttlichung hoher Personen war dazumal gäng und
gäbe. Es gehört zum guten Tone philisterhafter Gesinnungs-
tüchtigkeit, sich darüber bafs zu entsetzen. Ich hätte nicht
übel Lust darüber aus einem ganz anderen Tone zu reden,
wenn ich nicht ernsthafter werden müfste, als mir heute
recht ist. Es genüge die Versicherung, dafs das zu Bere-
202
nikes Zeit schon so ornamental geworden war wie die An-
rede Majestät und Durchlaucht, Die höfische Schmeichelei
gefiel sich in immer neuen Erfindungen, so witzig oder
frostig, so graziös und so überladen wie die Allegorien
von Rubens und Paolo Veronese. König Ptolemaios II
hatte seine leibliche Schwester geheiratet, als die vierzig-
jährige Witwe landflüchtig an seinen Hof kam. Dem
ägyptischen Sinne gemäfs ward das Königspaar als die
göttlichen Geschwister offiziell verehrt, vielleicht schon bei
Lebzeiten, sicher nach dem Tode der Arsinoe, so lange
als die Dynastie bestanden hat. Ein verdienter Admiral
hatte unweit der Hauptstadt auf einem Vorgebirge, dem
Kap des Westwindes, einen Leuchtturm erbaut und da-
neben eine Kapelle der Arsinoe als Aphrodite, Das Pu-
blikum fand die neue Göttin hochinteressant, amüsierte sich
an dem Lampenfeste ihres Kultes und bemühte Dichter
und Künstler mit der Anfertigung von Weihgedichten und
Statuen. Es galt der neuen Erscheinungsform der Göttin
eine Bildung zu schaffen, die diese Aphrodite kenntlich
machte. Die Tochter des Zeus hatte den Sperling zum
Lieblingstier gehabt; wenigstens stand das bei der Sappho.
Die neue Aphrodite war eine Afrikanerin: sie brauchte ein
afrikanisches Tier. Der Elefant war schon vergeben, den
führte die Stadtgöttin von Alexandreia. Aber den Straufs
hatte ein alter Witz das Sperlingskamel genannt (wie die
Giraffe den Kamelpanther), und dieser Name war durch-
gedrungen (unser "Straufs" ist das griechische Wort für
Sperling). Sicherlich hat man den Einfall eines Künstlers
mit lautem Beifalle begrüfst, der den Straufs zum Reittier
der Aphrodite Arsinoe machte. Hoch zu Straufs hat sie
selbst in Heiligtümern des Mutterlandes gestanden. Ptole-
maios III und seine Gattin Berenike, die Nachfolger der
göttlichen Geschwister, sind die göttlichen Wohlthäter.
Wir besitzen aus dem Jahre 2^8 einen Beschlufs der Ver-
treter sämtlicher Landeskirchen, durch den ein Töchterchen,
das dem Königspaare eben gestorben war, als "Herrin der
Jungfrauen'' göttliche Ehren erhält. Dazu gehört, dafs hin-
203
fort je nach den Mitteln der einzelnen Kirchen für die
Töchter der Priester ein Ehrensold ausgeworfen wird, und
die den Frauen der Priester regelmäfsig gelieferten Brote
in einer bestimmten Form unter dem Namen Berenikebrot
gebacken werden sollen. Sie sehen, das wird im Grunde
unsern Verhältnissen gar nicht so unähnlich. Wie viele
Stiftungen heifsen nach Kaiser Wilhelm und Kaiserin
Augusta, wie viele Fabrikanten geben ihrer Ware den
Namen von einer hohen Person. Niemand denkt sich mehr
viel dabei. Eine jede Gesellschaft hat den Blick nach
oben gerichtet und ist beflissen nachzumachen was sie dort
sieht, schon um den Schein zu erwecken selbst möglichst
hoch zu stehen. Es ist nur verschieden, was für das Hohe
gehalten wird. Es dürfte vielleicht nicht ganz verwerflich
sein, wenn die Alexandrinerinnen sich die Mode von ihren
Königinnen machen liefsen: die Damen, die jetzt in Paris
das Scepter der Mode auch für Königinnen schwingen,
repräsentieren einen vielleicht nicht ganz einwandfreien
Kulturfortschritt. In Alexandreia war es natürlich auch
für die Mode ein Ev^nement, als statt der alten Arsinoe
eine junge lebenslustige Königin den Thron bestieg: Bere-
nike bevorzugte Rosenparfum, weil es in ihrer Heimat
Kyrene vortrefflich bereitet ward : Rosenparfum ward Mode.
Bei diesem Gegenstande mufs ich etwas verweilen.
Wir huldigen dem Geruchsinne kaum noch; wir duften
nur nach Jodoform, sprengen mit Chlor und Karbol und
räuchern mit Schwefel; aber wenn unser Nächster beflissen
ist beständig Duft um sich zu verbreiten, so sind wir zu
harten Urteilen über ihn geneigt. Das ist ein starker
Gegensatz zu den alten Zeiten, auch zu der Sitte des
heutigen Orients. Nur das kostbare Rosenöl, das tropfen-
weise verkauft wird, in ganz kleinen besonderen Fläsch-
chen, ist der einzige Überrest einer Industrie, die einst denn
doch andere Ware geliefert hat als die chemischen Wohl-
gerüche unserer Friseurläden. Dem entsprach die Wert-
schätzung jener ätherischen Blumendüfte. Ihnen das deut-
lich zu machen, erinnere ich Sie an eine schöne und
204
rührende Geschichte aus dem Evangelium; es wird nichts
schaden, wenn Sie sie bei Wege richtiger verstehen lernen
als die unzulängliche Übersetzung Luthers dies erlaubt.
Als Jesus in Bethania bei Simon dem Aussätzigen zu
Tische liegt, kommt ein Weib mit einem Fläschchen
garantiert echten Nardenparfums, zerbricht das Glas und
giefst Jesus den ganzen Inhalt auf die Haare. Manche
der Anwesenden schelten über die Verschwendung, da der
Wert wohl 50 Denare betrug, aber Jesus freut sich des
Liebesbeweises, den er ahnungsvoll als Ersatz für die
Salbung seines Leichnames nimmt. In seinem Kreise war
die Anwendung jedes Parfüms ein unerlaubter Luxus; zwar
salbte sich ein jeder, aber mit geringem Olivenöle, und hier
steht eine Bezeichnung der Qualität, für uns nicht ganz
verständlich, wie solche Etiketten sind. Von dem echten
Parfüm genügten auch dem Reichen wenige Tropfen, die
man auf das Haar oder den Kranz oder das Busengewand
gofs, wenn man Toilette machte, also zum Festmahle wie
hier. Damen trugen auch wohl in einem Käpselchen ihres
Colliers einen Tropfen bei sich: in griechischem Gold-
schmuck hat sich diese sinnreiche Vorrichtung gefunden.
Stärkere Verwendung forderte natürlich der Schmuck der
Leichen, zumal man sie gern eine Zeit lang aufgebahrt
stehn liefs, und für diesen rituellen Akt gestattete sich
wohl auch der Arme den Luxus. Darauf deutet Jesus das
was ein Ausbruch überschwenglicher Verehrung w^ar. Da
ein Tropfen genügte, so führte man das Ol, wie übrigens
auch das täglich gebrauchte Salböl, in Fläschchen mit
ganz kleinem Halse bei sich: die Frau, die Jesus salbte,
mufste ihre Flasche zerbrechen, damit die Überraschung
gelänge. Die Flaschen der Vornehmen waren natürlich
nicht aus Thon, sondern aus edleren Stoffen, feinen Glas-
flüssen, die man in unseren Museen zu bewundern alle Ur-
Sache hat, oder Halbedelsteinen, wie dem in Ägypten gern
verwandten Onyx. Auch solche Gefäfse haben sich er-
halten. Unverstand und Verschwendung hatten reichlich
Gelegenheit sich an den kostbaren Essenzen zu beweisen,
205
die zu den Kleinodien der königlichen Schatzkammern
gehörten, von deren Pracht und Fülle man sich kaum im
Dresdener grünen Gewölbe eine Vorstellung machen kann.
Ein König von Syrien machte sich zuweilen den Spafs, in
ein öffentliches Bad mitten unter das Publikum zu gehen,
und als ein Biedermann ihn wegen des Parfüms pries, mit
dem er sich saljpte, liefs er am nächsten Tage eine ganze
Amphora von der kostbarsten Salbe über dem Kopfe des-
selben ausgiefsen und wollte sich totlachen, als die ganze
Badegesellschaft zusammenlief, etwas von dem Schatze zu
erhaschen, sich mit allen Körperteilen hineindrängte und
in der zähen, glibbrigen Masse ausglitt und hinfiel. So
hoch aber die künstlichen Blumendüfte geschätzt wurden:
es war Menschenwerk und zur Gabe an die Götter nicht
geeignet. Selbstverständlich duftete auch an den Himm-
lischen Haar und Busen, überirdisch sogar; man erkennt
am Gerüche die Nähe der Götter, und die Tropfen, die
aus den Locken Apollons herabträufeln, wenn er über die
Erde zieht, verbreiten Heil und Gesundheit. Seit Alters ist
auch Duft ein den Göttern besonders genehmes Opfer.
Aber das ist Räucherwerk, das sich durch die Luft ver-
breitet und gen Himmel zieht; das ist sogar im Kultus des
Christengottes beibehalten worden. Oder man bringt den
echtesten und schönsten Wohlgeruch der lebendigen Blumen
dar. Mit den künstlichen Parfüms dagegen mag man zwar
die Bilder der Götter schmücken, wie die Semiten ihre
heiligen Steine salben; das ist nachweislich auch einer
Statue Berenikes widerfahren: aber für ein wirkliches
Opfer von Rosenöl hätte man sich andere Götter ersinnen
müssen.
Nun genug von dem Parfüm. Von der Locke will ich
lieber gar nicht sprechen, obwohl sich von ihr manches
sagen liefse, wenn ich von den Künsten des Coiffeurs genug
verstünde. Es genüge, dafs Sie sich weder einen ganzen
Skalp vorstellen noch auch ein paar Haarspitzen, wie sie
unsere Grofsmütter in Medaillons auf der Brust trugen,
sondern eine Strähne, recht präzis zu reden, die Berenike
206
von der übrigen CoifFüre gesondert trug. Die Schönheit
der Locke zu bezweifeln würde nicht nur ungalant, sondern
durchaus unphilologisch sein. Denn verheiratete Frauen
trugen damals das Haupt von einem Schleier umrahmt;
so erscheint auch Berenike auf ihren Münzen. Wenn sie
also eine Locke zur Schau trug, so wird sie gewufst haben,
warum. Übrigens war sie noch in den Flitterwochen, als
die denkwürdige Geschichte begann, die ich Ihnen schon
so lange schuldig bin, hätte also eigentlich nach alter Sitte
zur Hochzeit ihr Haupt scheren sollen und das Haar als
Sinnbild ihres Magdtums einem Gotte weihen; aber das
war eine veraltete Ceremonie: man wollte jetzt auch noch
als Frau gefallen, und nicht blofs dem eigenen Manne.
Berenike war die einzige Tochter des Königs von
Kyrene, der ein Halbbruder der göttlichen Geschwister
auf dem Throne von Ägypten war und eigentlich ihr
Vasall. Er hatte im Laufe seiner langen Regierung ein
paar Mal Emanzipationsgelüste gehabt, zumal auf Anstiften
seiner zweiten, sehr viel jüngeren und vornehmeren Frau;
aber Ägypten war immer Sieger geblieben, und schliefs-
lich war der alte dicke Herr ganz froh, seine Erbin, ein
Kind, mit dem ebenfalls noch unerwachsenen Kronprinzen
von Ägypten zu verloben, also über sein Reich verfügend
und eines ruhigen Lebensabends sicher. Anders dachte
seine Frau, die schon ihrer Herkunft entsprechend auch
politisch zu den Königen von Syrien und Makedonien
hielt. Sie zog einen makedonischen Prinzen an ihren Hof,
der von seinem Vater Demetrios dem Städteeroberer mit
dem Namen auch die strahlende Schönheit geerbt hatte,
der kein Frauenherz widerstehen sollte. Wenn er die
Neigung der Erbtochter Berenike gewann, so schien Aus-
sicht vorhanden die Selbständigkeit Kyrenes zu behaupten.
Demetrios kam, aber das erste Herz, das ihm erlag, war
das der Königinmutter selbst, die es vorteilhafter fand, den
Prinzen und den Thron für sich zu nehmen. Die arme
Berenike in ihrer Jungfrauenkammer lief so Gefahr zwei
Bräutigame und zwei Kronen zu verlieren. Es sind kritische
207
Tage gewesen, als der alte König nun an der Fettsucht
starb. Wir wissen nur das Resultat. Berenike trat selbst
hervor, erklärte sich für gebunden an den ägyptischen
Bräutigam, und in der Palastrevolution kamen Demetrios
und ihre Mutter oder Stiefmutter um. So hatte sie sich
und ihr Land dem Bräutigam erhalten ; begreiflich, dafs ihre
Energie laute und dauernde Bewunderung fand. Als kurze
Zeit danach Ptolemaios durch den Tod seines Vaters auf
den Thron erhoben ward, beging man die Hochzeit mit
noch mehr Freude, als natürlich ist, wenn ein Hof an Stelle
eines kränklichen nervösen Herrn ein junges kräftiges Paar
erhält. Gern mögen wir glauben, dafs auch menschliche
Zuneigung dabei war, köstlicher als all die Pracht und
Feierlichkeit, mit der Berenike zu der Schwester des Sohnes
der Sonne u. s. w. erhöht ward, gemäfs den Überschwänglich-
keiten des ägyptischen Hofstiles, an dem uns die Bezeich-
nung der Gattin als Schwester am anstöfsigsten ist. Sie
war es den Griechen eigentlich auch, und an die faktische
Geschwisterehe des Ptolemaios II und der Arsinoe haben
sie sich in Wahrheit niemals gewöhnen können. Aber
die Hofdichter mufsten sie geflissentlich verherrlichen, und
wenn die Nachfolger nur Vetter und Cousine waren, so spielte
man gern mit dem formelhaften geschwisterlichen Verhältnis.
In das rauschende Glück traf ein jäher Schlag. Eine
wirkliche Schwester des Ptolemaios war kürzlich an den
König von Syrien verheiratet worden und hatte ihm einen
Sohn geboren. Diese Verschwägerung war ein Zug aus
der Politik des alten Königs, der sehr klug schien, aber
zum Unheil ausschlug. Als der König von Syrien plötz-
lich starb, ward seine junge ägyptische Gemahlin und ihr
Söhnchen in gräfslicher Weise ermordet: der Krieg war
da. Ptolemaios entschlofs sich im Gegensatze zu seinem
Vater, aber ganz wie sein Grofsvater, den Oberbefehl selbst
zu übernehmen und sofort in Syrien einzurücken. Es war
ein ernster Augenblick; die Zeit hatte Freude an theatra-
lischen Effekten, und jede Zeit sieht in ihren Fürsten
Menschen fast noch lieber als Götter. Wie sollte es nicht
208
allgemeine Rührung wecken, als Berenike bei dem Ab-
schiede von ihrem jungen Gatten den Göttern für seine
glückliche Heimkehr eine ihrer schönen Locken gelobte.
Das war 246 v. Chr. Wir sind so erbärmlich über
diese Zeit unterrichtet, dafs wir nicht wissen, wie lange
das Strohwitt wentum Berenikes gedauert hat; aber die fast
an Alexander gemahnenden Erfolge des Krieges sind im all-
gemeinen bekannt. Ptolemaios III. hat die Macht Ägyptens
auf ihren Gipfel erhoben, in allen drei Weltteilen Be-
sitzungen behauptet, einen syrischen König als seinen
Vasallen eingesetzt und den Titel des göttlichen Wohl-
thäters, den ihm die ägyptischen Priester verliehen, re.ich-^'
lieh verdient. Man male sich den Jubel des Einzuges aus,
von dem gar nichts überliefert ist, aufser dem einen, dafs
die Königin ihr Gelübde erfüllte, eine Locke abschnitt und
im Pantheon^) niederlegte. Das war wieder ein theatrali-
scher Akt, wohl geeignet die Begeisterung der loyalen
Unterthanen zu wecken. Und nun —
Tags darauf meldete der Polizeipräsident von Alexan-
dreia (eine sehr hohe Charge, Nachtkommandant war sein
genauer Titel), dafs unbegreiflicherweise die Locke Ihrer
Majestät aus dem Tempel verschwunden sei.
^) Das Pantheon ist V. 9 und 37 genau genug bezeichnet, und es ver-
steht sich von selbst, dafs der Tempel, in welchem die Locke geweiht, aus
dem sie entführt war, gemeint sein mufste. Ich kenne, was an mir liegen
mag, in Alexandreia kein Pantheon, wohl aber in alten und jungen Städten
des Seleukidenreiches. Überall gehören zu "allen Göttern" die göttlichen Könige.
Die hellenistische Zeit hat sich gewöhnt, die göttlichen Einzelpersonen zwar alle
anzuerkennen, aber eigentlich nur noch als Manifestationen des einen Göttlichen
dahinter, das sich der geläuterten Religiosität vor allem in den Wundern des
Himmels und seiner Gestirne offenbart. Immer wieder, noch von den Christen,
wird die Offenbarung Gottes in diesen In^'favtig ^toC, wie die Hellenen sagen,
Sonne, Mond und Sternen, betont. Daneben stehen andere inKiartlg S^toC auf
Erden: die Könige, die Träger der göttlichen Majestät und Diener des gött-
lichen Willens, die Erhalter der göttlichen Weltordnung. So verbindet sich der
Königskult mit dem Pantheon. Ich bin überzeugt, dafs noch Agrippa das
römische in diesem hellenistischen Sinne gebaut hat. Mich überwältigt darin,
wie ich es gesagt habe, das "eine Auge des stoischen Weltgottes"; aber zugleich
war es dem praesens divus iTHjnyin &togt Augustus und seinen Ahnen bestimmt.
209
Der Hofastronom Konon meldete von der Sternwarte,
dafs nördlich vom grofsen Bären, westlich vom Bootes,
südlich von der Jungfrau begrenzt ein neues Sternbild in
Gestalt einer Locke beobachtet sei.
Das ordentliche Mitglied der Akademie der Wissen-
schaften, beauftragt mit der Anfertigung des Realkataloges
der königlichen Bibliothek, Kallimachos von Kyrene, also
ein Landsmann der Königin, der schon viele alte und neue
Gedichte allerhöchsten Ortes vorzulesen die Ehre gehabt
hatte, liefs Ihrer Majestät ein zierliches Briefchen überreichen;
vielleicht hatte es ihm ein Straufs gebracht, vielleicht hatte
er, als er von der Studierlampe des Gelehrten sein Dichter-
auge zum nächtlichen Himmel hob, in den Sternen gelesen,
was er nun der Königin bestellte: den Scheidegrufs der
nun verstirnten Locke Berenikes. Der lautete also:
Der weise Mann, der alle Himmelslichter
und aller Sterne Auf- und Niedergang,
wie sich der Sonnenscheibe Glanz verfinstert,
in stäter Bahn die Sternenbilder kreisen,
und wie Selenes wechselnd Licht verschwindet,
wenn sie vom Äther in das Grottendüster
hinabsteigt zum Endymion ') :
Der weise Mann, der alles dies erforscht hat,
Konon, er hat auch mich am Firmamente
entdeckt, ein Sternbild jetzt von hellem Glänze,
einst eine Locke auf Berenikes Scheitel,
1) Catullus hat, wie die Römer gewöhnlich, das Astronomische des
Originales unklar gemacht. Konon kennt die Summe der Sterne und ihrer
Phasen; man arbeitete auf der Sternwarte Alexandreias an einem Fixsternkata-
loge. Er beobachtet Sonnen- und Mondfinsternisse, von denen die letzteren
schalkhaft mit der Sage von Endymion verbunden werden (die in Wahrheit das
sinnliche Bild festhält, wie der Mondball hinter einem Berggrat versinkt, den
er küssend vergoldet): V. 4 bleibt unklar: gemeint sind die ffvvavaToXtti der
Sternbilder, die z. B. im Gedichte des Aratos einen Abschnitt bilden. Ich
habe geglaubt, auch ohne Präcision reden zu dürfen, denn uns Modernen pflegt
der Sternenhimmel noch viel fremder zu sein.
V. Wilamowitz- M., Reden. 14
210
die allen Himmelsherrn zum Weihgeschenke
die königliche Trägerin gelobte,
erhoben ihren LiUenarm.
Es war der Tag, da aus dem Honigmonde
des frischen Eheglücks zum Rachezuge
wider Assyrien Ptolemaios aufbrach,
zu Morden und Verwüstung. Frohen Stolzes
wies holde Wunden noch der junge Gatte,
die ihm der Jungfrau Sprödigkeit geschlagen,
da er die Braut zur Kammer trug.
Weswegen weint die Braut am Hochzeitstage?
Ist denn die Liebe Strafe? Täuschte sich
der Eltern frohes Hoffen? Freilich müssen
am Freudentage bittre Zähren rinnen,
doch auf mein Wort, ernst sind sie nicht gemeint.
Ja, als dein Gatte fortzog in den Krieg,
da flofs ein echter Thränenstrom^).
Der ist doch wohl der Ode deines Lagers
geflossen, nicht der Trennung von dem Bruder.
1) CatuU wird in dieser Partie vergröbert haben (so auch gi); er liebt
grelle Farben, und der Salon Clodias vertrug mehr als der Hof der Berenike.
Der moderne Nachdichter dagegen mufs noch hinter dem Originale zurück-
bleiben. Der pikante Einfall des Kallimachos ist, dafs die Locke über die
Brautnacht Auskunft geben kann, weil sie dabei war; sie bezeugt, dafs es trotz
allem Sträuben und Weinen (oij xec vv/uja d/uaf^flo* axd/ono [Theokrit] 8» 91»
Eurip. Hei. 189) der Jungfrau mit ihrem Widerstreben nicht voller Ernst war.
Und sie bekräftigt es mit dem Gegensatze der aufrichtigen Thränen, welche
die junge Frau beim Abschiede des Gemahls vergofs; wobei wieder schalkhaft
der Einwand abgewehrt wird, dafs nur die 'Schwester' um den 'Bruder' geweint
hätte. (Wer 21 at hält, erklärt das für den wahren Grund.) Für die Ökonomie
des Gedichtes ist die brünstige Gattenliebe Berenikes wesentlich, denn sie
motiviert die Stiftung des Opfers der Bräute an die Locke ; diese beiden Partien
stehen korrelat. Ganz undenkbar ist also, dafs die Thränen der Brautnacht
falsch waren, die doch aus physischem Schmerze und seelischer Scham fliefsen;
ebenso undenkbar ist die Doppelfrage 'ist die Liebe den Bräuten verhafst oder
täuschen sie die Erwartung der Eltern', was sie doch nur thun, wenn sie die
Ehe perhorrescieren. Also 15 afgue mit der Überlieferung, 16 salsü mit Hey se.
Vergriffen hat sich CatuU mit der Beteuerung üa me divi iuerint; fast so
schlimm wie mit dem abscheulichen Zusatz si fas est in der sapphischen Ode.
211
War das ein Abschied! Schrecken, Angst, Verzweiflung
drang dir ins tiefste Mark, die Sinne schwanden,
fort war der trotz'ge Mut, der einst das Kind
beseelte, das durch unerhörte That
sich Thron und Bräutigam erwarb.
Wie oft, wie lang', wie zärtlich botest du
den Scheidegrufs, wie oft rieb deine Hand
ein Thränlein aus dem Auge. Welcher Gott
hatt' also dich verwandelt? Thut's so weh,
die Küsse des Geliebten zu entbehren?
Da also hast du nicht nur Hekatomben,
da hast du allen Göttern mich
als Opfer fiir des trauten Gatten Heimkehr
versprochen. Kurze Zeit, da kehrt' er heim,
und Asiens eroberte Gefilde
sind in Ägyptens Grenzen einverleibt.
Erfüllt ist dir dein Wunsch; dem Götterkreise
hältst du dein Wort: die alten Notgelübde
lös' ich, ein neues Opfer, ein.
Es ward mir schwer, von deinem Haupt zu scheiden;
ich schwör's bei diesem Haupt. Todsünde war' es,
an diesem Haupt meineidig werden wollen.
Doch ftirchtbar ist der Stahl: wie könnt' ich anders?
Es ragt am Strande Thrakiens der Athos,
hoch durch die Wolken strebt sein Riesenhaupt
bis an die Bahn des Helios.
Dem Stahl erlag er doch. Der Perser kam;
sein Eisen wühlt' in Athos' Eingeweiden,
und Xerxes' Flotte fuhr in neuem Meer.
Weicht so der Fels, wie sollt' ich widerstehn,
ein zartes Haar? Ha, Fluch dem rauhen Skythen,
der Eisen graben. Eisen schmieden lehrte.
Das Schwert vertilg' ihn, der es schuf.
So lag ich denn im Tempel. Leise klagten
um meinen Abschied noch die Schwesterlocken,
14*
212
da schwirrt es in der Luft von Fittichschlägen,
und es erscheint des schwarzen Memnon Landsmann,
der Straufs, das Wüstenrofs Arsinoes,
er fafst mich, trägt mich durch die finstren Lüfte
und legt mich in der Göttin Schofs').
Sie selbst, die Herrin an dem Kap des Westes,
griechische Siedlerin an Libyens Strand,
hatt' ihren Boten ausgesandt; am Himmel
sollt' Ariadnes Stirnband nicht allein
als Krone strahlen; einem blonden Haupte
war ich die schönste Zier, so ward ich auch
ein Sternenbild am Himmelsdom.
Und meinen Platz fand ich im Bilderkreise,
der Neuling, feucht auftauchend aus der See,
neben Arkadiens Bärin; links berühr' ich
den grimmen Löwen, rechts die hehre Jungfrau:
so wandr ich ewiglich zum Niedergange
voran dem langsamen Arktur, der spät
und selten in die Fluten taucht.
Und doch, beschreiten mich der Götter Füfse
auch in der Nacht, hegt mich der Ocean
1) Der Vorgang ist ganz anschaulich geschildert. Die Locke liegt im
Pantheon; da kommt der Straufs, der gar nicht fliegen, sondern nur laufen
kann und dessen Flügel nur zum Laufe nicken, nutant. Er läuft mit der Locke
durch die Nacht nach dem Zephyrion der Arsinoe Aphrodite {Cypridos 94;
denn Locridos beruht auf einem geographischen Schnitzer) bei Kanopos (wovon
es kein KttV{ani^oq giebt, also 58 Canopitis litoribus^ wie fundus Ttburs 44, i).
Die Verstirnung der Locke ist Sache der Göttin; dafs das frischgeschaffene
Sternbild aus dem Wasser aufgetaucht ist, wie es die Sterne thun, steht 63.
per aetherias umbras ist nicht gut übersetzt, denn aether und umbra vertragen
sich nicht; was Kallimachos sagte, war etwas wie axorioio cT** ^^gog, ApolLon.
Rhod. 3, 1379; aber man soll nicht aerias -einsetzen. CatuU hat das schöne
kallimacheische iv i^igi V. 7, das die Anstrengung des Astronomen malt, der
die Sterne durch den Dunst der Luft erkennt, mit caelesti in lumine wieder-
gegeben. Auch steht atS^eQtoy viqog bei Aristophanes Vög. 776. Mit der falschen
Deutung des Mi/nvovog Al3^lono<i Gvyyovog oder o/udqtvkog auf den Zephyr
ist vor allem unvereinbar, dafs die Fahrt nicht in den Himmel geht, aber auch
die nutantes pennae und uvidulam a fluctu^ was man deshalb geändert hat.
213
bei Tag auch, ich gesteh's, verzeih' mir, Jungfrau,
Trotz biet' ich aller Sterne Spott und Hohn
und sag' die Wahrheit: all die Ehre tröstet
mich dennoch nicht, verscheucht mir nicht die Sehnsucht
nach Berenikes holdem Haupt.
Dort hab* ich einst, da sie noch Mädchen war,
gedürstet, Ströme duft'gen Oeles dort
getrunken, jetzt, ihr Bräute, höret mich:
kommt euch der Tag, den ihr ersehnt und fürchtet,
folgt nicht dem Gatten, den das Herz erkor,
eh nicht gespendet euer Onyxfläschchen
ein Tröpfchen Rosenöl für mich.
Doch euer Onyx nur, die reine Liebe
zu segensreichem Lebensbund vereint:
das Weib, das frech die heiligen Bande bricht,
bringt Sündenopfer, die im Sand verrinnen.
Unwürdige Spende heisch' ich nicht. O möge
in eurem Hause stets die Eintracht walten,
in eurem Herzen Treue sein.
Und du, wenn du zum Himmel, meine Fürstin,
aufblickst am Nachtfest der Arsinoe,
so denke mein, die einst die deine war,
und spende reichlich mir von deinem Ole — .
Nein, stürzt ihr Himmel, Sterne tauscht die Plätze,
zum Drachen steig' Orion: lafst mich wieder
hinab, zu meiner Königin.
Der Begleitbrief des Catullus.
Es will mich undenkbar bedünken, den lateinischen
Übersetzer des Kallimacheischen Gedichtes blofs als einen
nicht einmal sehr reinen Kanal zu behandeln, durch den
uns das Wasser der griechischen Poesie zukommt. Für
das Original, um das es uns doch eigentlich zu thun ist,
bedeutet er freilich nicht mehr, und besäfsen wir es, so
würde er schwerlich besser bestehen als mit seiner schüler-
214
haften Übersetzung aus der Sappho; aber mit der objek-
tiven Beurteilung ist es nicht abgethan, und im Grunde
geht es so der ganzen römischen Poesie, Plautus und Horaz
eingeschlossen. Das ist der Fluch der Nachahmung. Da-
gegen subjektiv angesehen gewinnen die römischen Ko-
pieen ein eigenes Leben, und hier vollends läfst sich eine
Geschichte erzählen, die manches vor den Tändeleien der
Alexandriner voraus hat.
CatuU war der Sohn eines wohlhabenden und ange-
sehenen Bürgers von Verona. Wenige Generationen vor-
her wird die Familie noch keltisch gewesen sein und auf
ihren Gütern an dem gesegneten Südufer des Gardasees
gelebt haben, wo später der Dichter noch so gern ViUegiatur
hielt. Nun war die Familie romanisiert; dazu gehörte der
städtische Wohnsitz und der Eintritt in den Munizipaldienst,
der das heifsersehnte römische Bürgerrecht brachte. So
weit war der Vater gekommen; er war einer der Notablen
der Provinz, die mächtig aufstrebte und, wie sie der Litte-
ratur in der Zeit Cäsars die meisten Talente gestellt hat,
so der Partei und dem Heere Cäsars den wertvollsten Rück-
halt bot, weil er ihr die Aufnahme in das eigentliche Italien
versprach und gewährte, die das engherzige Senatsregiment
den Kelten diesseits der Alpen vorenthielt. Cäsar wohnte
bei CatuUs Vater, wenn er zum Gerichtstage nach Verona
kam; die früheren Statthalter werden es nicht anders ge-
macht haben. So hatte der Vater CatuUs den Ehrgeiz
seine beiden Söhne in die römische Amterlaufbahn ein-
führen zu wollen; ging es nicht gleich bis in den Senat,
so war doch in der Klientel der vornehmen Beamten und
Banquiers zunächst Geld zu machen, und das Aufsteigen
der Familie konnte nur so erfolgen. Die Jünglinge haben
eine sorgfaltige Erziehung erhalten, keine leichte Sache in
dem abgelegenen Orte, und die Verbindungen eines reichen
Provinzialen genügten, die Pforten der vornehmen Häuser
zu öffnen. Damit trat denn CatuU in die Gesellschaft ein,
freilich nur als einer der zahllosen Klienten. Er hat es
gesellschaftlich nie weiter gebracht, und wenn er sich
215
später in der Gegend von Tivoli ein Gütchen gekauft hat,
so ist doch auch damit nichts weiter erreicht, als dafs er
den soliden Wohlstand der Provinz mit der überschuldeten
Grofsmannsucht des Hauptstädters vertauschte. Das Ge-
schick hatte ihn nicht dazu bestimmt, Geld oder Karriere
zu machen; andere Mächte wurden Herr über ihn, durch
die er früh zu Grunde ging, durch die er unsterblich ward:
Poesie und Liebe.
Diese frische Natur, erwachsen auf noch unver-
brauchtem Erdreich, hatte endlich einmal wieder die
volle Empfänglichkeit für die echte unmittelbar wirkende
althellenische Lyrik, für Sappho und Archilochos. In der
Berührung mit dieser quellfrischen Dichtung ward er der
eignen Dichterkraft inne, und mit spielender Leichtigkeit
formte er die Gefühle des Augenblickes zu unmittelbar
wirkenden Versen. Das war etwas Grofses; kein Römer
hatte bisher für jene wahrste Poesie ein Verständnis ge-
habt; selbst Cicero liefs eine seiner Personen aussprechen,
dafs er auch in einem verdoppelten Leben keine Zeit finden
würde, die griechische Lyrik zu lesen. Auch die griechi-
schen Litteraten jener Zeit hatten für die alten Klassiker
wenig mehr als die in der Schule eingelernte Achtung.
Man darf nicht vergessen, dafs es sich um Dichtungen
handelte, die ein halbes Jahrtausend alt waren, dem Ver-
ständnis der Gebildeten also ferner lagen als dem heutigen
Engländer Chaucer. Und noch hatte das Griechentum
nicht den entscheidenden Schritt gethan, auf jede Origi-
nalität zu gunsten der Nachahmung der Klassiker zu ver-
zichten. Die Gegenwart besafs zwar keine Poesie, die der
Rede wert war, aber das sieht sich für den Zeitgenossen
anders an. Was da war, das verfügte immerhin über eine
ganz durchgebildete Technik (die bald darauf verloren
gehen sollte), aber sie bewegte sich in den Bahnen,
die die hellenistische Dichtung im dritten Jahrhundert
eingeschlagen hatte, wo sie noch verstanden hat einer be-
deutenden neuen Zeit genug zu thun. Zu ihren Mitteln
hatte auch der künstliche Anschlufs an die alte Lyrik ge-
216
hört; um so mehr war diese selbst in den Hintergrund
getreten. Kallimachos, Theokrit und ihres gleichen, einst
die Modernen im Gegensatze zu den Klassikern, waren
mittlerweile selbst vorbildlich geworden, und die Zeit, wo
man sich bewufst von ihnen ab-, den wahren Klassikern
zuwenden sollte, wie es Horaz gethan hat, war noch nicht
angebrochen.
Recht ansehnliche Arbeit hat CatuU aufwenden müssen,
um die Sappho überhaupt zu verstehn; er hat die Ver-
mittelung der Philologie nötig gehabt, die damals nicht
selten auch das Dichten lehrte und trieb. Wenn er aber
nun in Rom sich mit der Absicht Dichter zu werden daran
machte, die unerläfslichen Studien zu treiben und Anschlufs
zu suchen, so traf er zwar einen Kreis gesinnungsverwandter
Männer, zum Teil grade Landsleute, aber ihre Weise war
doch im Grunde verschieden. Was man römische Litteratur-
geschichte nennt, ist in Wahrheit nichts als die Rezeption
der griechischen Kultur durch die sich ihrer eigenen Un-
zulänglichkeit wohl bewufsten Italiker. Es hat sich das
im Altertum niemals geändert, weshalb mit der Trennung-
des Ostens die Barbarei des Westens sofort eintritt. Eine
solche abhängige Kultur ist aber unweigerlich von der bei
ihren Vorbildern jeweilig herrschenden Mode abhängig,
und so hat Rom, obwohl es eigentlich erst die ersten
Schritte auf der litterarischen Bahn machte, nach dem
hannibalischen Kriege die damals geltende griechische
Poesie übernommen; nur dafs es vornehmlich Schulmeister
waren, die ihm seinen Bedarf an Gedichten lieferten, und
diese pflegen nicht das gegenwärtig Wirkende, sondern
das zu vertreiben, was schon als mustergiltig anerkannt
ist. Das waren damals die hellenistischen Dichter noch
durchaus nicht; aber jetzt waren sie es geworden, und die
lateinischen Litteraten, die dem CatuUus den Glauben bei-
brachten, er müfste so feine Hexameter wie Kallimachos
bauen und seine Gefühle so zierlich stilisieren wie
die Hirten des Theokritos, erschienen einem Römer der
alten Art wie Cicero als verwegene Neuerer, während sie
217
in Wahrheit doch auch nur eine antiquierte Manier auf-
nahmen. Das Gute hatte diese Sucht das hellenistische
Raffinement zu übernehmen, dafs die lateinische Sprache
und Verskunst geschmeidig wurde, aber es war doch eine
Unnatur, nur zu gut damit vergleichbar, dafs man nach
der Eroberung von Syrakus eine auf jenen Ort ge-
arbeitete Sonnenuhr nach Rom überfuhrt hatte und nun
nach dieser die römischen Stunden mafs. Grade weil es
so mühsam geworden war, lateinische Verse zu machen,
und weil es die junge Generation damit so ernsthaft nahm,
hat die ciceronische Zeit noch kein lateinisches Gedicht
erzeugt, das einen reinen und ganzen Eindruck machte —
aufser den kleinen Verschen Catulls, die dieser nur als
Possen ansah, die so nebenher abfielen, von denen er sich
aber zu Höherem aufzuschwingen ernsthaft bestrebt war;
sonst sind nur halbschlächtige Werke herausgekommen,
die demjenigen so wenig wie die Gedichte des Propertius
genügen können, der die Originale verstehn gelernt hat.
Der ewige Ruhm Catulls aber liegt in jenen Improvisationen,
für die er des Theokritos und Kallimachos entraten konnte,
denen beiden er an urwüchsigem Talente weit überlegen
war. Es war für seine Poesie kein Glück, dafs er aus
einem Dilettanten ein zünftiger Dichter werden wollte; es
warf ihn aus der rechten Bahn, die er im dunklen Drange
des echten Talentes gefunden hatte.
Noch ganz anders verhängnisvoll ist ihm eine unselige
Leidenschaft geworden. Sie wird freilich seinen Versen
die Glut der wahren Empfindung erhalten haben, aber er
ist an ihr sittlich und physisch zu Grunde gegangen. Er
ward in den Salon einer der freiesten Weltdamen Roms
eingeführt und verlor sein unschuldiges Herz an ihre wunder-
baren Augen und ihr elegantes Geplauder, dessen überlegene
Gewandtheit er für tiefe Bildung nahm. Die herzlose Kokette
liefs sich die Huldigung des naiven Provinzialen eine Weile
gern gefallen; er brachte ihr Verse, wie sie noch nie in
römischer Rede erklungen waren, und schwärmte sie als eine
neue Sappho an; es kostete ihr nichts, ihm zuweilen zu
218
gewähren was ihn beseligte und für sie immerhin eine
Abwechselung von den faden und verlebten Anbetern aus
ihrem Stande war. Aber der brave Junge liebte sie mit dem
heifsen Ernste, den er sonst nur für seine Muse hatte, und
trog sich nur zu sehr mit dem Glauben an ihre Liebe. Es
hätte kein gutes Ende nehmen können, auch wenn nicht
ein Ereignis dazwischengetreten wäre, das ihn auf eine
Weile aus ihren Augen und damit dauernd aus ihrem
Herzen gebracht hat, so weit er je darin gewesen war.
CatuUs Bruder, der den Wünschen des Vaters besser nach-
gekommen war, starb plötzlich in Asien, wohin er wohl
im Gefolge eines Beamten gekommen war, wie CatuU
später auch. Es mag dem Bruder an sich sehr nahe ge-
gangen sein; verhängnisvoll ward es ihm dadurch, dafs
der Vater ihn nun nach Verona zurückrief. Er wird andere
Pflichten für die Familie haben übernehmen sollen, aber
man kann es dem Alten auch nicht verdenken, wenn er
den Sohn gern aus seiner römischen Umgebung losmachte
und in der Heimat hielt, bis er ihm nach einigen Jahren
eine Reise nach Asien auswirkte.
Catull fühlte sich in Verona wie der Fisch auf dem
Trockenen, herausgerissen aus allem, was ihm Lebens-
element geworden war, dem Verkehre mit der Geliebten,
den dichterischen Freunden, der Hauptstadt und ihren Auf-
regungen und Genüssen. Das einzige was ihm geblieben
war, war das Studium, der Dichterberuf, wie er ihn aufzu-
fassen gelernt hatte. Auch der liefs sich in der Einsam-
keit lange nicht so lustig betreiben. Am Comersee safs ein
gleichfalls der modernen Dichtung ergebener Mann; mit
dem freundete sich Catull an; beide haben sich daran ver-
sucht, ein sowohl durch das Versmafs wie durch den Stoff
besonders schweres Gedicht des Kallimachos nachzubilden;
Catull hat das auch geleistet, und es ist formell sein ge-
lungenstes Kunststück geworden, und wenn er ausdrücklich
seine persönliche Antipathie gegen den blutig wollüstigen
Kult der asiatischen Göttermutter äufsert, der er der Form
nach ein Kultlied dichtet, so hat er menschlich unsere
219
volle Sympathie, aber das Gemachte dieser Poesie wird
so recht klar, zumal im Gegensatze zu der unmittelbar per-
sönlichen überzeugenden Wahrheit seiner Gelegenheits-
gedichte. Das war keine Übersetzung im Sinne CatuUs,
sondern eine selbständige Komposition; aber das Motiv
und das Versmafs und der Stil und der poetische Schmuck
waren entlehnt, wenn auch nicht gerade alles aus der einen
Vorlage, die den Zettel des Gewebes geliefert hatte. Für
die damalige römische Poesie war das immer schon eine
originale Komposition. Es lag in den Verhältnissen, dafs
sie von vornherein Ubersetzerwerk gewesen war, und die
Originalität der Dichter nur gleichsam durch die Hinter-
thür hereinkam. Wer sich keine poetische Erfindungsgabe
zutraute, die formale Schulung, die das Bauen korrekter
Verse giebt, aber nicht entbehren wollte, begnügte sich
damit, eingestandenermafsen zu übersetzen; so hat Marcus
Cicero den Aratos in tadellose Hexameter übertragen.
Auch CatuUus und seine Gesellen werden sich an Über-
setzungen geübt haben, freilich nicht für das Publikum,
sondern als Vorarbeit: so hat Vergilius, der aus dieser
Dichterschule hervorgegangen ist, zuerst den Theokrit ein-
fach übersetzt und citiert in seinen veröffentlichten Ge-
dichten, die selbst doch vielfach nur die Originalität des
CatuUischen Attis besitzen, Stückchen jener Vorstudien.
Aber wenn ein Dichter, der aus sich so viel zu sagen hat,
sich auf das mühselige reine Übersetzen beschränkt, so
mufs ihm die eigne Dichterkraft momentan versagen. So
war es. Er hat die Locke in der Zeit der tiefsten seeli-
schen Depression in Verona übersetzt. Schwerlich würde
er sie vollendet haben, sicher nicht unter seinen eigenen
Werken herausgegeben, wenn nicht ein besonderer Anstofs
hinzugetreten wäre. Er erhielt von Rom direkt oder in-
direkt zu wissen, dafs Quintus Hortensius darauf wartete,
von ihm seiner Zusage gemäfs ein Gedicht übersandt zu
erhalten. Das war dazumal noch der erste Redner Roms,
ein sehr einflufsreicher Mann. CatuUs Vater wird das
immerhin an dem Talente seines Sohnes anerkannt haben.
220
dafs ein so hoher Herr sich dafür interessierte, aber dann
durfte er auch nicht vergebens warten. Der Sohn wird
vermutlich die Prosa des Hortensius abscheulich gefunden
haben, wie sie es ohne Frage war, und über seine dichte-
rischen Versuche hat er sich später unverblümt geäufsert.
Aber jetzt hielt er sein Wort, vollendete die Übersetzung der
Locke und sandte sie mit einem begleitenden oder einleitenden
Gedichte nach Rom. Dem werden wir verdanken, dafs
wir sie lesen; wenigstens hat er die anderen Übersetzungen
aus Kallimachos, die er erwähnt, unter seine Werke nicht
aufgenommen. Und ihm mag sein Begleitgedicht, schon
weil es ihm so schwer geworden war, gefallen haben. Es
wäre so einfach gewesen, das wenige, was er zu sagen
hatte, in präzise Worte zu fassen "zu dichten vermag ich
in meiner Trauer nicht; da habe ich diese Übersetzung
gemacht, damit ich mir nicht später vorwerfen müfste dir
mein Wort nicht gehalten zu haben". Da er diese Gefühle
wirklich hatte, würde Catull um einen durch seine Wahr-
heit ergreifenden Ausdruck nicht verlegen gewesen sein.
Aber das verwehrte der Stil. Er wollte die Einleitung mit
dem Gedichte in Einklang setzen, also kallimacheisch
dichten, und mag das ausgefallen sein wie es wolle: das
Stilgefühl war richtig; wollte Gott, unsere lyrischen Dichter
hätten etwas davon. So wurden denn die einfachen Ge-
danken mit dem faltigen Pompe der dichterischen Rede
umkleidet: man braucht sich nur anzusehen, wie die Be-
griffe Dichten, Sterben, Vergessen umschrieben sind. An-
stöfsig wird gradezu die Anrede an den Bruder, die in den
Brief nicht pafst') und herbeigeführt hat, dafs Hortensius
1) Hier hatte die einzige Handschrift, die uns den Catull erhalten hat,
einen Vers verloren. In den Tausenden von Exemplaren, die Lachmanns Re-
zension des Gedichtes verbreiten, ist eine Reihe von 7 Versen eingesetzt, die
Lachmann willkürlich aus einem andern Gedichte geholt hat. Willkürlich,
denn seine Zeilenzählerei hat in Wahrheit niemals einen auch nur scheinbar
soliden Grund gehabt, da er, und Haupt nicht minder, direkte Abschriften des
Archetypus weder besafs noch suchte. Mir ist die Willkür hier noch
weniger anstöfsig als das völlige Verkennen der Poesie; aber es ist ein Gebot
der Ehrlichkeit, die Willkürlichkeit der infallibeln Methode zu konstatieren.
221
ein zweites Mal genannt ist. Das soll nicht blofs vergegen-
wärtigen, wie die Trauer stärker als der Wille des Dichters
ist, sondern es ist als Abschweifung den Windungen des
Gedankens in der Locke parallel. Und wie in dieser er-
habene und schalkhafte Partien abwechseln, so set?t Catull
an den Schlufs eine Partie, die ich zu einer ganzen Strophe
gestaltet habe, so lose mit dem Gedanken verbunden, dafs
viele Erklärer sich gar nicht haben damit abfinden können.
Er hat eigentlich nur zu sagen: "Wenn ich meine Ver-
pflichtung vergäfse, würde es mir eine zu grofse Beschämung
werden". Dafür giebt er ein Bild aus dem Leben, das er
ins einzelne ausführt, an sich niedlich, aber nicht nur durch
den Umfang, sondern auch durch den lustigen Ton mit
dem Ganzen übel harmonierend. Es ist im Motive ein
Nachklang aus einem berühmten Gedicht des Kallimachos,
Kydippe, wenn wir auch nicht ganz sicher zu sagen ver-
mögen, ob die Scene selbst, wie sich das Mädchen durch
Vergefslichkeit verrät, dort vorkam. Die ungenügende
Verzahnung der selbständig ausgearbeiteten Teile ist bei
Catull oft zu bemerken, und an den Schlufs eines Gedichtes
ein Gleichnis oder sonst ein Bild zu setzen, ist ein gern
geübter Kunstgriff, den er auch den hellenistischen Dichtem
abgelauscht hat^). Man mufs dafür wie so oft im Sinne
behalten, dafs diese Poesie nicht für das stille Lesen be-
stimmt war, sondern für den Vortrag, zunächst durch den
Dichter selbst. Daher das Streben nach Abwechselung im
Tone, das dem Vortragenden ebenso zu statten kommt, wie
es den "verständigen'' Leser choquiert. Poesie verstehen,
das ist gar nicht so einfach; die Lettern klingen eben
nicht, und die Verstandesbildung verleiht zwar die Kraft
'j 2. II. 17. 25. Vergil Georg, i. Horaz Ars. Theokrit 7. 12. Die
unzulängliche Verzahnung der letzten Gedankenreihe ist dieselbe in dem Ge-
dichte, dessen erste drei Strophen aus der Sappho genommen sind, wo die
Kritiker auch anstofsen. Dieses Gedicht ist an Lesbia gerichtet und redet von
CatuUus: es war also gar nicht als Übersetzung gemeint, und Catull durfte die
Sappho so umdeuten wie er es gethan hat.
222
Gedanken zu verfolgen, aber sie macht eher ungelenk für
die Sprünge der Stimmung und der Empfindung. Und
wenn es gilt ein solches Produkt zu erfassen, das auf so
komplizierten Vorbedingungen beruht wie dieser Brief und
diese Übersetzung, so ist aufser dem Anpassungsvermögen
an fremde Gefühle und ihren Ausdruck auch ein Einleben
in fremde Kultur erforderlich. Wir brauchen eigentlich
für die wirkliche Lösung jeder solchen Einzelaufgabe die
Gesamtheit unserer Wissenschaft; und ein wenig Kunst
wird wohl auch von nöten sein.
Nun sehe der Leser zu, ob nicht die "störende'* Ab-
schlufsstrophe in Wahrheit die vortreffliche Überleitung zu
der Locke ist.
Von Gram bin ich gelähmt, die Trauer scheuchte
mich längst vom Helikon, Hortensius.
Der kranke Geist treibt keine Musenblüten,
der von dem Schlage schwer damiederliegt,
dem Schlag der Woge, die vom Hades aufstieg
und eisig meines Bruders Fufs umflutend
zum Acheron ihn niederzog.
Ihn drückt an Troias Strand die Grabesdecke
und unser Aug* erschaut ihn nimmermehr.
Vom süfsen Lichte schiedest du, mein Bruder,
mir süfser als das Licht, und nimmer wieder
kann dich mein Blick erreichen; doch die Liebe
kann ich auf immer dir, kann deinem Tode
auf immer Trauerlieder weih'n.
Ja, Trauerlieder, wie um Itys' Tod
die Nachtigall im Laubesschatten singt.
Und doch, Hortensius, hab' ich für dich
dies Lied des Battiaden nachgedichtet,
trotz aller Trauer: Freundschaft und Vertrauen
soll nicht verschwendet, deine Worte sollen
nicht in den Wind gesprochen sein.
223
Wie ging's dem Mädchen, das den goldnen Apfel,
geheimen Freiers Boten, fallen liefs?
Im Busen tuche lag er wohl verborgen;
da tritt die Mutter ein, die arme Kleine
springt artig auf, der Apfel poltert nieder,
am Tag ist das Geheimnis: Scham und Reue
flammt über ihre Wange hin.
Aus ägyptischen Gräbern').
Wenn die Gräber der Toten nicht wären, was wüfeten
wir von dem Leben der Vergangenheit? Der naive Glaube,
dafs der Mensch, aus dessen Leibe das Leben gewichen
ist, gleichwohl ein körperliches Leben weiterführe, hat be-
wirkt, dafs die Liebe der Hinterbliebenen ihm für dieses
Fortleben eine behagliche Heimstatt bereitete und mit dem
gewohnten Hausrate rüstete. Die Erde hat dies ihrem
Innern anvertraute Haus mit seinem Inhalte gar oft getreu-
lich erhalten, während das noch so stolze Menschenwerk,
das auf ihr errichtet war, der Vernichtung durch das Leben
anheimfiel. Die BildungshofFart mag den längst überwun-
denen Glauben verlachen; wer sie überwunden hat und
jede echte Empfindung ehrt, wird der Wahrheit die Ehre
geben, dafs auch in diesem Falle der echte Glaube nicht
getrogen hat. Zwar nicht dem Individuum, dem der Grabes-
schmuck und Grabeskult galt, hat er gefruchtet, aber wohl
hat er durch das Abbild ihres Lebens, das er der Erde
übergab, die ganze Gesellschaft, deren Tote er verherr-
lichte, im Gedächtnisse der fernen Nachwelt lebendig* er-
halten, ja zu neuem Leben erweckt. Nirgend hat sich das
grofsartiger bewiesen als in Ägypten: aus seinen Gräbern
hat das altägyptische Volk samt seiner Sprache die Auf-
erstehung gefeiert.
*) Gehalten Göttingen 1893.
225
Neben dem Engel des Glaubens steht sein gefallener
Bruder, den wir den Aberglauben nennen, verächtlich und
verabscheuenswert in jeder Gestalt, eine Ausgeburt der
Feigheit, wie ihn der Grieche bezeichnet, der den Aber-
gläubischen danach benennt, dafs er vor Gott Angst hat.
Auch der Aberglaube sucht die Gräber mit Vorliebe auf;
nicht weil er weifs, dafs sie Leben bergen, sondern weil er
sich dem Tode verwandt fühlt, grade weil er sich vor ihm
fürchtet. Er wittert in den Mächten, die das Leben nehmen,
gewaltige böse Geister, die er sich durch List und Selbst-
entwürdigung geneigt machen möchte, auf dafs sie ihm
nichts zu Leide thun mögen, oder er selbst mächtig werde,
Böses zu wirken wie sie. Auch für den Aberglauben giebt
es keine ergiebigeren Fundstätten als die späteren Gräber
Ägyptens, der Heimat aller Zauberei. Eine ganze Anzahl
umfänglicher Bücher sind dort entdeckt worden, in grie-
chischer Sprache, wüste Offenbarungen, die auf die ewigen
Rätsel des Lebens: wo stammen wir her, wo gehen wir
hin, endlich sichere Auskunft verheifsen. Berühmte Namen
der Vorzeit, Hermes, Orpheus, Moses, Petrus, stehen an der
Spitze dieser Prophezeiungen'). Wenn ich wollte, könnte
^) Wie noch heute mit dem 6. und 7. Buche Mosis Reklame und Zauber
getrieben wird, so besitzen wir gradezu das achte Buch*des Moses mit dem Sonder-
titel 'Das Einzelbuch vom heiligen Namen', und dieser Moses verweist auf
sein Werk *der Schlüssel'; hat sich aber zu beschweren, dafs Hermes ihm ein
Rezept gestohlen und in sein Buch 'der Flügel' übernommen hat: es sind die
sieben Parfüms, die man den sieben Planetengöttern darzubringen hat; glück-
licherweise besitzt er aber noch das Geheimnis der sieben Blumen, die eben
diesen Göttern gehören. Die Höllenbeschreibung ist christlich und geht auf
den Namen des Petrus, wie denn die apokalyptische Litteratur, sehr reich,
immer jüdisch oder christlich ist: die Griechen interessiert mehr die Kosmo-
gonie. Aber im Grunde kommt auf die Religionsform hier wenig an: der
wüsteste Aberglaube beherrschte damals die gesamte Menschheit, ebenso wie
das Verlangen Wunder zu thun. Die wissenschaftlich bedeutendsten Männer
sind nicht frei davon: Porphyrios und Eusebios. Der Glaube Constantins an
das Christentum ist im Grunde der an ein Zaubermittel, das ihm offenbart ist
und den Sieg bringt, ein Glaube, der dem an den 'heiligen Namen' im achten
Mosesbuche sehr viel verwandter ist als dem Glauben, von dem im Evangelium
vom Aussätzigen steht.
V. Wilamo witz-M., Reden. 15
226
ich Ihnen vorlesen, "wie im Unding das Urding erschwoll,
Lichtsmacht durch die Nacht scholl", oder Ihnen den greu-
lichen Höllenrachen mit allen seinen Bulgen beschreiben,
oder die Zauberformeln verraten, mit denen man Geister
beschwört, so sicher wie der Doktor Faust, wie man sich
einen Ring verfertigt, der die wunderbare Kraft besitzt,
vor Gott und Menschen angenehm zu machen; auch kleinere
aber dringendere Wünsche könnte ich befriedigen, wie man
die Raupen vertreibt und die Rose bespricht, die Zukunft
erforscht und vor allen Dingen, wie man dem oder der
N. N. die Liebe in das Herz hineinhext oder auch wieder
heraus.
Aber ich thue das heute so wenig wie ich von den
ernsten und schönen Dingen rede, die ich anfangs berührte.
Offen gesagt, mir sind die Zaubereien in ihrer feierlichen
Absurdität selbst zu langweilig, und wenn ich jemand auf
sie aufmerksam machte, der sie höher taxierte, — das
könnte ich doch gar nicht verantworten'). Wovon ich er-
zählen will, das sind höchst menschliche alltägliche Dinge,
jedes an sich nicht im mindesten merkwürdig, und dennoch
hoffe ich Ihr Interesse dafür zu wecken, just weil sie so
menschlich alltäglich sind.
Ich hätte mein Thema eigentlich, um genau zu sein,
nicht "aus ägyptischen Gräbern'*, sondern "aus ägyptischen
Särgen*' nennen sollen; aber dann hätten Sie vermutlich an
Schädel, Tiergeripp und Totenbein oder wenigstens an
Mumien gedacht, und mich gehen doch nur die Särge an,
wie sie der Sargmacher gemacht hat, oder auch nicht ein-
^) Ich glaube in der That, dafs dieser Schwindel nur geschickt appretiert
zu werden brauchte, um heute wieder Gläubige zu finden, wenigstens in den
höchsten und niedrigsten Schichten der Gesellschaft. Wirklichen Wert dagegen
hat das an sich widerwärtige Zeug als Dokument für die Verwesung der alten
Religion und der alten Wissenschaft, und da kein Erzeugnis einer Zeit die
Verwandtschaft mit deren Gesamtkultur verleugnen kann, so steckt von dieser
Tollheit, der methodischen wie der unmethodischen, sogar sehr viel in der
Philosophie des lamblichos und in dem Christentum des heiligen Athanasios.
Jene Philosophie ist tot; jenes Christentum — wird von allen Kirchen bekannt.
227
mal das, sondern mich gehen nur die Papierfetzen an, die
der Sargmacher mit einem dicken Kleister zu einer festen
Masse zusammengebacken und so aus einer Art papier
mächö billige Särge verfertigt hat. Aus diesen hat die
bewunderungswürdige Energie englischer Gelehrter die
alten Papiere wieder herausgelöst und ihre Schrift ent-
ziffert. Diesen Männern, den Herren Flinders-Petrie, Sayce
und namentlich J. P. Mahaffy hat die Wissenschaft für ihre
Leistung den allerwärmsten Dank zu zollen, und das bitte
ich, mögen auch Sie thun, wenn Sie an dem Gefallen
finden, was die ägyptische Makulatur enthält.
Ja wohl, Makulatur. Es sind die ausrangierten Akten
aus verschiedenen Bureaux der guten Kreisstadt Kokrodilo-
polis, Provinz Arsinoe, in Mittelägypten, vom Landratsamt,
das zugleich Amtsgericht ist, vom Steueramt, von der
Reichsbanknebenstelle; hinzu kommen Briefe, auch Familien-
briefe, meist der Beamten, Testamente, die bei* den Behörden
hinterlegt waren, Rechnungen u. dgl., endlich Blätter aus
Büchern. Die Akten sind zumeist genau datiert und ge-
statten die Papiere im ganzen auf die Jahre 268 — 222 v. Chr.
zu bestimmen. Die Bücher können noch älter sein und sind
es zum Teil sicherlich, da sie doch erst zerlesen sein mufsten,
ehe sie makuliert wurden. Sie sind ein Fund, zu dem es
bisher schlechthin nichts Vergleichbares gab. Nicht dafs
wir etwas überwältigend Neues erhalten hätten; sogar
ein grofses Stück aus dem Schlüsse einer Tragödie des
Euripides würde, selbst wenn es an sich genufsreicher
wäre als es ist, kein so grofses Interesse erregen wie die
Fetzen aus den erhaltenen Werken. Diese Euripideshand-
schrift ist viel älter als die mafsgebende Ausgabe dieses
Dichters, die von der alexandrinischen Philologie besorgt
worden ist und das ganze spätere Altertum beherrscht hat.
Aber hier können wir nicht vergleichen wie im Homer,
von dem kleine aber unschätzbare Fetzen dabei sind. Wie
bei dieser längst volkstümlich gewordenen Poesie nicht
anders zu erwarten war, weicht der Text von dem bald
danach durch die antike Wissenschaft festgestellten, auch
15*
228
uns überlieferten Vulgärtexte ganz bedeutend ab. Wen
das aufregt, der wisse, dafs wir allerdings eine ganze An-
zahl neuer Homerverse bekommen haben, nicht schlechter,
aber auch nicht besser als viele, die wir hatten. In Wahr-
heit ist es erfreulich, wie wenig sie taugen, denn das er-
höht unser Vertrauen zu den antiken Kritikern, die unsem
Homertext festgestellt haben. Wer es noch nicht wufste,
kann es freilich nun mit Händen greifen, wie viel Späne
bei dem Bau dieses Textes unter den Tisch geworfen sind,
und menschlicherweise wird auch Gutes dabei verkommen
sein. Auch von Piaton sind nicht geringe Bruchstücke da,
keine achtzig Jahre nach seinem Tode geschrieben. Da
ist es eine keineswegs erfreuliche Überraschung, dafs sie
so stark von unsem an sich wegen ihrer Glaubwürdigkeit
besonders hochgehaltenen mittelalterlichen Handschriften
abweichen, und die Frage wird nicht rasch ihren Austrag
finden, ob in Arsinoe eine Ausgabe des echten Textes oder
eine so elend verwahrloste gewesen ist, wie es Goethes
Werther z. fe. schon bald nach seinem Erscheinen war.
Mit Textkritik will ich Sie gewils nicht behelligen, und
das absolut Neue ist, wie gesagt, nicht bedeutend*). Da-
gegen hat es Interesse zu erfahren, was in dieser Ecke
Ägyptens zerlesen worden ist, was also die dortigen An-
siedler und Beamten an Büchern besafsen und lasen. Es
sind vorwiegend die damals als klassisch anerkannten
Schriftsteller, die grofsen Dichter, Piaton (kein anderer
Philosoph), feine Kunstprosa, die imr durch die Form als
Stilmuster Wert hat; von niederer Unterhaltungslitteratur
aufser einem alten Volksbuche ^) nichts, von zeitgenössischen
1) Mittlerweile haben die Funde sich alljährlich vermehrt, auch abgesehen
von den grofsen Stücken, die zum Teil schon da waren, als ich redete, und
die Bedeutung für die Textgeschichte ziemlich aller Litteraturgattungen ist
ebenfalls gewachsen. Allein aus so alter Zeit ist so g^t wie nichts mehr
hervorgezogen.
2) Dem Streit zwischen Homer und Hesiod, einem unschätzbaren Stücke,
das wir erst in einer späteren Überarbeitung besitzen. Es ist wie ein Teil der
Eddalieder oder das reizende altfranzösische Buch von Aucassin und Nicolette
229
Werken ein paar Blätter der eleganten aber gelehrten
Buchpoesie, gar keine irgendwie technischen Schriften.
Das deutet darauf, dafs man in Arsinoe wenig gelesen hat;
aber die Klassiker standen im Bücherschranke des aus-
gedienten Offiziers, und sie brauchte man wie das meiste
andere im Unterricht. Die Schule aber mufs recht gut
gewesen sein. Die Griechen schreiben fast alle korrekt,
auch die Subalternen, die höheren Beamten zum Teil recht
gut, und auch bei den Ägyptern geht die Kenntnis des
Griechischen, auch wenn sie Schnitzer machen, überraschend
weit. Ein Jahrhundert später ist das Niveau der Sprach-
kenntnis und grammatischen Sicherheit ganz bedeutend
gesunken; wir besafsen aus dem zweiten Jahrhundert v. Chr.
bereits eine recht beträchtliche Menge Geschäftspapiere ^).
Was wir noch nicht besafsen, und was wohl auch
einiges allgemeine Interesse hat, das sind Blätter aus
wirklichen Büchern so alter Zeit, dafs sie uns Format,
Schriftformen, Ausstattung, Lesezeichen zeigen, unmittelbar
wie sie die ersten Ausgaben von Epikur und Menander
enthalten haben, ja, man darf mit sicherem Rückschlüsse
sagen, die Bücher, in denen die athenischen Klassiker ver-
trieben worden sind, haben nicht wesentlich anders aus-
gesehen, und einen älteren wirklichen Buchhandel hat es
nicht gegeben. Nun ist das für verständige Philologen
kaum eine grofse Überraschung gewesen, da die Stein-
schriften und die spätere Buchpraxis zuverlässige Rück-
schlüsse gestatteten; allein erstens sind solche Rückschlüsse
nicht jedermanns Sache, und dann ist es doch etwas Be-
sonderes, Blätter aus Büchern mit Augen zu sehen, die
Epikur hätte lesen können. Das Format war ein bequemes
Oktav; die Zeilenbreite ist in der Poesie durch den Vers,
Hexameter oder Trimeter, gegeben; in der Prosa schwankt
aus Prosa und Versen gemischt und reicht in seinen ältesten Teilen bis in die
Zeit zurück, wo das alte Epos sich zersetzte, wohl das sechste Jahrhundert.
1) Einiges hat Ebers in seinem Romane „Die zwei Schwestern" so benutzt,
dafs seine vollkommene Unwissenheit Über Leben und Denken der Zeit sich
ebenso prostituiert wie seine Phantasielosigkeit.
230
sie, doch zieht man schmalere Zeilen vor'); die Buchstaben
stehen steil und klar ein jeder für sich^); ihre Gröfse über-
schreitet die eines leserlichen Druckes kaum. Aber es giebt
keine Worttrennung und von Interpunktion kaum mehr als
was unserem Alinea entspricht. Das ist wirklich unbequem,
und man kann sich verwundern, dafs die Griechen das nicht
einmal dann aufgegeben haben, als sie die Worttrennung
bei den Römern fanden, und ihre Gelehrten eine sehr feine
Interpunktion für gelehrte Ausgaben der Klassiker erfunden
hatten^). Selbstverständlich haben sie sich nicht darüber
getäuscht, dafs es keine Kleinigkeit war, gut vom Blatte
^) Die imponierende Buchindustrie, die sich im Anschlüsse an die Biblio-
thek und die gelehrte Textkritik Alexandreias gebildet hat, hat später auch
eine Normalbreite für die Prosa und durch die Normalzeile die Möglichkeit
der genausten Zeilenzählung, auch wenn ein anderes Format beliebt ward, auf-
gebracht: die Normalzeile ist der Hexameter von durchschnittlich i6 Silben
oder 35 bis 36 Buchstaben. Obwohl dies noch für die älteste Litteraturperiode
des Christentums gegolten hat, ist es leider dann verloren gegangen. Als
Ersatz ist die stupide Versteilung der Bibel erfunden , die das Verständnis
des Zusammenhanges kaum möglich macht und die verdummende Wirtschaft
mit 'Sprüchen' erzeugt. Die andern Bücher kann man meist nur obenhin,
moderne meist nur nach der Seite zitieren, bis man hier und da auf die Zeilen-
zählung zurückgekommen ist. Aber durch die Normalzeile sind uns die Alexan-
driner immer noch überlegen. Das schönste Buch des Altertums ist eine in
Paris befindliche Rede des Hypereides aus dem zweiten Jahrhundert v. Chr.
Prachtausgaben, wie die unbehilflichen Pergamente der Bibel und der römischen
Klassiker des ausgehenden Altertums, sind zum Lesen so unbequem wie moderne
Prachtausgaben.
2) Ihre Formen sind gegen die Steinschrift meist nur so weit geändert,
als Halm und Tinte dem Meifselschlage gegenüber fordern. Aber einige
runde Zeichen, die im Buche schon seit Jahrhunderten galten, hat die Stein-
schrift noch lange verschmäht, nicht sowohl weil die Rundungen ihr nicht zu-
sagten, denn die gab es ja auch sonst, sondern aus zäher Tradition. Die
Buchschrift hat sich zwischen Peisistratos und lustinian sehr viel weniger ver-
ändert als die Steinschrift, die sehr viele ornamentale Verfratzungen durch-
gemacht hat, wie es die *gothischen' Buchstaben und die * deutsche Schrift* sind.
Aber so etwas hat nie ein griechisches Buch vor dem Mittelalter entstellt. Da es
zum Lesen bestimmt war, kannte es auch die Initialen nicht. Illustrierte Werke
hat es von aller Art gegeben; aber von denen fehlen noch die Proben.
3) Diese Interpunktion ist die Mutter der unsern; ob sie nicht in ihrer
Einfachheit verständiger war, darüber läfst sich mindestens streiten.
231
zu lesen; aber da sie von klein auf ohne Wortabteilung
schrieben, ward es ihnen doch sehr viel leichter als uns,
und sie müssen es wohl für eleganter gehalten haben: ihre
Schrift hatte ja die Wortabteilung besessen, als sie in alter
Zeit zu den Römern kam; man hatte sie also eben damals
aufgegeben, als das Schreibwerk zunahm und der Buch-
handel begann. Hier liegt die Erklärung, die wir uns aus
der Geschichte der Steinschrift abgenommen haben. Die
Korrektheit einer Vervielfältigung wird um so gröfser, je
mechanischer sie ist. Der Schreiber, der Buchstabe für
Buchstabe hintereinander malt oder meifselt, wird sehr viel
weniger Irrtümer, und namentlich sehr viel weniger schwere,
begehen, als wenn er ein Wort oder gar ein Satzglied in
das Gedächtnis aufnimmt und aus diesem niederschreibt.
Das Buch war bekanntlich, da das aus Papyrus hergestellte
Papier sich schlecht kniffen läfst '), in Rollenform, um einen
Stab gewickelt, so dafs man jedesmal nur so viel aufrollte,
dafs man eine Seite (Kolumne, pflegt man zu sagen) be-
quem lesen konnte ; den gelesenen Teil hielt man aufgerollt
in der rechten Hand. Das war gewifs nicht so bequem
wie unsere Bücher; aber man konnte doch das Buch ein-
stecken und vorholen, mochte man auf dem Divan liegen
oder im Schatten einer Platane sitzen. Vor den entsetz-
lichen Pergamentwälzem des Mittelalters, die noch dazu
immer stinken, und den Folianten der Renaissance, die sie
imitieren, ist Lesen immer eine Arbeit gewesen. Alles in
allem hat das hellenische Handwerk auch auf diesem Ge-
biete seine technische Vollendung nicht verleugnet: wenn
^) Weitere Funde haben gelehrt, dafs das Buch in unserer Art doch
schon in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung eine weite Verbreitung
gehabt hat, namentlich die Bibeln so hergestellt wurden, offenbar, weil man
sonst sehr viele Rollen in einem Kasten als ein Werk hätte herrichten müssen.
So ist es möglich, dafs z. B. die Ilias, wenn man sie ganz in einem Bande
haben wollte, als Buch bestanden hat. Ihre Teilung in 24 Bücher ist in
Alexandreia mit Rücksicht auf die Rollenausgabe erfunden. Aber dann setzte
sie sich fest und ward innegehalten, auch wenn man den Text anders auf die
Rollen verteilte.
232
Papier und Tinte nach so langer Zeit und solcher Behand-
lung noch das Lesen gestatten, so braucht man sie nicht
zu loben, und auf die naseweise Frage, weshalb sie den
Typendruck nicht erfunden hätten, ist zu antworten, dafs
sie ihn nicht brauchten.
Neben dem Buche steht der Brief. Wie ein griechischer
Brief ausgesehen hat, gestehe ich erst jetzt gelernt zu
haben. Es ist ein ziemlich schmaler rechteckiger Streifen
Papier, den man, einerlei ob hoch oder breit gelegt (die
Mode wechselte; später gilt durchaus das Schreiben in die
Breite, und bei zierlichen Billeten wird auch Rand gelassen),
mit Buchstaben bedeckt, ohne Rand zu lassen oder die
Überschrift abzusetzen. Es gilt für fein, mit Buchstaben
zu schreiben, die denen der Bücher ähnlich sehen; aber
überwiegend bedient man sich der Cursive, die bereits
vollkommen ausgebildet ist und sich kaum weniger als die
unsere von der Buchschrift unterscheidet. Es schickt sich
nicht, die ganze Seite voll zu schreiben, es soll vielmehr
unten etwas freier Raum bleiben, auf dem sich abgesetzt
das Datum und der Abschiedsgrufs befindet. Die Namen
des Briefstellers und des Adressaten beginnen den Brief,
und zwar steht der Höhergestellte von beiden an erster
Stelle. Die Adresse kommt auf die Rückseite zu stehn,
so dafs sie lesbar ist, wenn der Brief zusammengerollt und
der Faden, der ihn zusammenhält, versiegelt ist*
Das ist materiell die Form des Briefes; er hat aber
auch eine litterarische Form. Nicht davon will ich reden,
wie sich in dem Briefe im Gegensatze zu dem Buche in-
dividuelles Empfinden ganz zwanglos und daher unver-
gleichlich reizvoll äufsern kann; solche Briefe wurden bei
uns vor zwei, drei Menschenaltern geschrieben, solche
haben wir von Griechen kaum, aber wohl wunderschöne
von Cicero. Ich rede ebenso wenig von der Verwendung
der Briefform für litterarische und halblitterarische Zwecke,
die im Altertum und in der Nachahmung seiner Formen
eine der wichtigsten Gattungen der Prosa geworden ist
(das singulare Problem der paulinischen Schriftstellerei er-
233
klärt sich durch die Vermischung dieser beiden disparaten
Gattungen): ich rede lediglich von der konventionellen
Stilisierung des Briefes, wie man sie in der Schule lernte
und lernt. Seit wann besteht eine solche Form, die den
Brief zum Briefe macht? Denn dafs man, seit die Schrift
besteht, sich ihrer zur Mitteilung an Abwesende bedient
hat, ist selbstverständlich, ja es bedarf dazu wirklicher
Schrift nicht einmal, und lange ehe König David dem
Urias einen Empfehlungsbrief mitgab, hatte König Proitos
von Tiryns dem Bellerophontes ein zusammengefaltetes
Täfelchen mit Unheilszeichen an seinen Schwiegervater
als ebenso gemeinte Empfehlung mitgegeben. Und damals
lag die Korrespondenz des Königs Amenophis IV auf ihren
haltbaren Thontafeln schon lange in der Verborgenheit
und Vergessenheit, aus der sie jüngst auferstanden ist.
Ich frage aber nur nach der Form, die in ununterbrochener
Kontinuität z. B. in den Briefen der Päpste aus dem römi-
schen Altertume in unsere Tage herabreicht. Wie alt ist
sie? Dafs die Römer mit der Schrift und allen litterarischen
Formen auch diese aus Griechenland einfach übernommen
haben, ist selbstverständlich; aber die Griechen bean-
spruchen auf diesem Gebiete auch nicht einmal selbst die
Originalität: sie sagen, dafs Atossa, die Gattin des Königs
Dareios, das Briefschreiben erfunden hätte. Das ist artig
erdacht, denn ihr Gatte, der grofse Krieger und Organi-
sator, hat in der That die persische Reichspost erfunden,
und da ist es nur in der Ordnung, dafs seine Frau ihm
den ersten Brief geschrieben hat. Und das wertvolle Ein-
geständnis liegt darin, dafs orientalischer Brauch vorbild-
lich gewesen war, und dafs erst um die Zeit, welche über-
haupt die prosaische Rede zu stilisieren beginnt, auch der
Brief seine Form fand. Sie alle wissen, wie ein lateinischer
Brief anfangt, Cicero Caesart s. (Namen und Titel können
vollständiger, je nach der Etikette, gegeben werden). Es
pflegen dann formelhafte Buchstaben zu folgen, wie das
Wort des Grufses schon abgekürzt ist : s{i) v{ales) b{ene) e{st)
e{gd) v{aleo). Es versteht sich von selbst, dafs es lange
234
Zeit gedauert hat, ehe eine solche Wendung also ver-
steinerte, und es ist eine für den Mangel an jedem ge-
schichtlichen Sinn ihres Urhebers bezeichnende Verkehrt-
heit gewesen, dafs das Vorkommen derselben Form in
griechischen Briefen des zweiten Jahrhunderts v. Chr. als
ein Latinismus beanstandet worden ist. Es bedurfte nicht
der mittlerweile reichlich eingetroffenen inschriftlichen Be-
stätigung, dafs die griechische Sitte der hellenistischen
Zeit auch in dieser Formel für die Römer vorbildlich ge-
wesen war. Aber wertvoll ist es, dafs unsere Briefe aus
der Mitte des dritten Jahrhunderts^) lehren, wie zwar der
Anfangsgrufs eines wohlstilisierten Privatbriefes mit dem
Wunsche zu beginnen hat, der Adressat möge sich wohl
befinden, woran sich^eine Angabe über das eigne Befinden
schliefst, dafs aber der Ausdruck noch nicht zur Formel
erstarrt ist. "Wenn du gesund bist, und alle deine Ge-
schäfte dir nach Wunsch gehen, so geht es wie wir täglich
zu den Göttern beten", schreibt sein Sohn an den Landrat
Diophanes, der uns noch begegnen wird. Dieser Eingang
war aufgekommen, weil das einfache alte Wort des Grufses,
das unübersetzbare ^atpetv, nicht mehr genügte. Man
wandte ihn noch an, aber zur Formel erstarrt, und doch
ist er auch in der Formel noch schön, 'dieser Grufs, dem
keine Sprache etwas Gleiches zu bieten hat, der dem An-
geredeten Freude wünscht, Freude im eignen Herzen,
aber zugleich auch die Gesinnung, die sich über die
Anrede freut, dieser einzige Grufs, der an den Gott, den
1) Der älteste mir jetzt bekannte Beleg ist zu erschliefsen aus der Ant-
wort der Stadt Priene an König Lysimachos aus den ersten zwanzig Jahren
des dritten Jahrhunderts (Inscr. of the British Mus. III N. 450), Priene spricht
dem Könige seine Freude aus oti> avrog ts ^gQ(OTai> xat ^ dvyccfiig xat ja
koi>nd ngdaasi, Ttatd yyio/urjy: das hatte in dem Briefe des Königs gestanden.
Es ward damals noch als Inhalt des Briefes empfunden, aber die Wendung ist
da, und um dieser Mitteilung willen hatte der König natürlich nicht ge-
schrieben. Erstarrte Formel ist die Wendung z. B. in der Korrespondenz
Attalos' II von Pergamon mit dem Oberpriester von Pessinus, Michel Inscr.
gr. 45. Könige schreiben so nur an formell souveräne Personen oder Ge-
meinden.
235
Sterblichen und den Toten gleichermafsen gerichtet werden
kannM.
Es war zwar auch nur eine Form, aber doch eine schöne,
dafs auch der König den Erlafs an den Unterthan oder den
Beamten^) mit dem Grufse der Freude beginnt und mit lebe
wohl schliefst^). Darin liegt, dafs die Form des hellenischen
Privatbriefes die ganze königliche Verwaltung durchdringt.
Gewifs spricht sich Absolutismus darin aus; die Fiktion ist,
dafs der König persönlich alles thut, was der Staat im
Namen des Königs thut. Aber sie spricht sich in naiven
patriarchalischen Formen aus, die nicht aus der ceremo-
niösen ägyptischen Praxis stammen können, sondern aus
der makedonischen feudalen Monarchie, die ja noch, als
König Philippos sich die Krone nahm, im Grunde das alte
patriarchalische Regiment gewesen war, das König Odysseus
über seine Kephallenen ausgeübt hatte, dem Adel gegen-
über das Herzogtum eines prtnceps tnter pares, dem Volke
gegenüber, einem Volke armer Bauern und Hirten, aber
freier Männer, das Königtum von Gottes Gnaden, d.h. auf dem
göttlichen Blute beruhend, ausgeübt in täglichem unmittel-
barem Verkehre. In jenen engen Verhältnissen war der König
wirklich persönlich seinen Makedonen Rechthelfer, xpivcov
•8-e]JLtOTa$, in jeder Beziehung*). So sehen wir auch noch in
^) Die Philosophen, die weder eine blofse Formel anwenden wollten,
noch an der Freude genug hatten, haben sie durch den Wunsch der Gesund-
heit {yyiaivihv\ ähnlich grüfst jetzt der griechische Bauer) oder durch kZ nqaTtkhv
ersetzen wollen, worin liegt, dafs es dem Angeredeten durch sein recht handeln
gut gehen sollte. Das hat nicht durchgeschlagen. Erst der paulinisch vertiefte
Friedensgrufs der Semiten hat es vermocht, der doch die Friedlosigkeit der
Wüste zum Ausgangspunkt gehabt hatte.
2) Das ist im Perserreiche anders gewesen: ein erhaltener griechischer
Brief des Dareios beginnt "Dareios sagt folgendes seinem Knechte Gadates".
^) Das Lebewohl ist aber verschieden ; der Untergebene pflegt nicht den
alten allgemeinen Wunsch (qq(ii)(So, 'lebe wohl, lebe in Kraft* zu brauchen,
sondern fVtvj^Hy 'möge es dir wohl gelingen*. Die Kraft setzt er bei dem
voraus, unter dessen Macht er steht, aber die Tyche braucht jeder: das ist die
grofse Göttin der hellenistischen Zeit.
4) Als König Philippos einem alten Weibe, das Recht bei ihm suchte,
unwirsch sagte "ich habe keine Zeit'*, bekam er zur Antwort "dann sei auch
236
dem Staate der Ptolemäer die Form gewahrt; und selbst
der Fellah bedient sich des Ausdruckes "ich habe eine
Eingabe an den Namen des Königs gerichtet", um zu
sagen *'ich habe beim Gerichte eine Klage eingereicht".
In dem Testamente wird der König (und wenn sie Mit-
regentin ist, die Königin) zum Testamentsvollstrecker ein-
gesetzt, d. h. der letzte Wille unter den Schutz des Staates
gestellt. Es ist sachlich dasselbe, nur in bezeichnend
anderer Form, wie wenn der Römer ein Testament macht,
d. h. die Gemeinde zu Zeugen seines letzten Willens an-
ruft. Wir besitzen das Testament des Aristoteles, der
makedonischer Staatsbürger war; es entspricht in seinen
Formen genau dem Testamente eines makedonischen Ka-
valleristen, das ich bald vorlegen werde, und nennt daher
als Testamentsvollstrecker den von Alexandros eingesetzten
Reichsverweser Antipatros.
Ein solcher absoluter, aber patriarchalischer und durch
die Stellung über freien Männern und über Kameraden und
Gefährten, über die ihn nicht der Stand, sondern das Amt er-
hob, gebändigter Absolutismus ist die Herrschaft des grofsen
Alexander gewesen. In Asien hatte er sich mit dem Absolu-
tismus des Sultans verquickt; in Ägypten trat ihm die alt-
geheiligte Form zur Seite, nach der der König als ein Gott
hoch über dem willenlosen Volke thronte, zwischen beiden
aber eine bureaukratische Beamtenhierarchie. Gewifs hat
das makedonische Element in dieser Verfassung sich immer
mehr verflüchtigt (formell schwerlich jemals vor dem Sturze
Kleopatras), und der Absolutismus hat auch hier nicht
verfehlt seine Träger allmählich zu verderben. Aber unter
nicht König". Und er erkannte den Vorwurf als berechtigt an. Die persön-
liche tägliche Arbeit der Könige, namentlich die schriftliche, hat ohne Zweifel
die ihrer meisten Unterthanen, so weit sie nicht Handarbeiter waren, Uber-
troffen, die eines athenischen Bürgers, auch wenn er grade Beamter war, ohne
Frage. Darum hat Seleukos gesagt: "Wenn einer wüfste, welche Plage das
Lesen und Schreiben der Briefe ist, würde er die Königskrone nicht aufnehmen,
wenn sie ihm vor den Füfsen läge". Weil das Regiment so sehr persönlich
ist, gerät durch einen unfähigen und faulen Fürsten alles sofort aus den Fugen.
237
den ersten drei Ptolemäem hat das Land, das die älteste
Geschichte hat, vermutlich seine absolut beste Zeit ge-
sehen. Nie wieder ist es so blühend und so gut verwaltet
gewesen, nie ist dem Fellah die Möglichkeit so nahe ge-
bracht worden, ein freier Mann zu werden — er hat es
nicht einmal versucht. Der hellenisch-ägyptische Beamten-
staat aber ist von Augustus, so weit es anging, auf die
Verwaltung des Reiches übertragen worden, und so haben
wir in der That Grund, in den Ptolemäern die Väter unserer
moderten Verwaltung mit Respekt anzuschauen; vor der
französischen Revolution ist ganz gewifs keine bessere
Form des Grofsstaates auf Erden gesehen worden. Dabei
werde nicht vergessen, dafs die alte Kultur Ägyptens denn
doch auch manches Gute zu dem Hellenisch-Makedonischen
hinzugebracht hat. Das ist grade manches, das zuerst be-
fremdet, eben weil es so modern ist, denn wir sind von
der Schule her nur an die engen Verhältnisse der atheni-
schen und römischen Stadtrepublik gewöhnt. In erster
Linie gilt das von dem ganzen Schreibwerk. Die athenische
Verwaltung, obwohl auf geschriebenen Gesetzen beruhend
und darauf besonders stolz, ist doch, wie Handel und
Wandel überhaupt, noch wesentlich auf den lediglich münd-
lichen Verkehr berechnet. Es besteht dort z. B. das
segensreiche Institut der Quittung noch nicht: ja es wird
nicht einmal das Erkenntnis des Gerichtes schriftlich aus-
gefertigt. Wo die Schrift praktisch Eingang gefunden hat,
wie für Verträge und Testamente, giebt es doch keine
offizielle Anfertigung und Aufbewahrung^), und immer
wieder mufs für alles der Nachbar als Zeuge aushelfen*).
') Die Niederlegung in einer Amtsstube kommt in späterer Zeit auf,
aber das ist nichts anderes als wenn sie bei einem Privaten geschieht.
^) Merkwürdigerweise hat man durch Gesetz den Büchern der Banquiers
urkundliche Kraft verliehen. Der Hausvater fuhrt noch im menandrischen
Lustspiel kein Hausbuch, wie es der römische thut, sondern überläfst das dem
Banquier, bei *dem er sein Geld stehn hat. Daraus folgere ich keineswegs,
dafs die Römer erst die tdbulae accepti et expensi aufgebracht hätten. Zwischen
Athen und Rom liegt ja auch hier die hellenistische Zeit und Sitte. Reste von
Ausgabebtichern haben wir wirklich aus Ägypten.
238
Das ist in Ägypten anders. Da ist alles schriftlich, kommt
alles in Bureaux, Registraturen und Archive (Bibliotheken,
wie sie heifsen), womöglich in duplo et triplo : die Schreiber
sind nicht ohne Grund schon im alten Reiche Ägyptens
eine Kaste. Dieser Schreibwut verdanken wir die Masse
der Urkunden und durch sie den Einblick in die Ptole-
mäische Verwaltung und das damalige Leben. Ich bin so
kühn, Ihnen eine Anzahl solcher Urkunden aus unseren
Särgen mitzuteilen. Da stehe am Anfang eine an sich
gleichgiltige, weil sie das Schreibwesen in seiner Voll-
kommenheit zeigt, so dafs nur ein geheimer Kanzleirat
das rechte Verständnis und die rechte Freude daran haben
könnte.
Moschton grüfst den Diophanes (er war Stratege, Land-
rat des Kreises Arsinoe). Dorimachos hat mir eine Ein-
gabe überbracht mit dem. Vermerk ''in Sachen wider Dionysios" ;
darunter stand ''zu sorgen, da/s dem Dorimachos sein Recht
werde'\ Ich habe also den Dionysios vorgeladen, ihm die Eingabe
vorgelesen und wies ihn an, dem DorimcLchos sein Recht zu geben,
Dionysios bestreitet aber den Besitz der in d^r Eingabe bezeich-
neten Gegenstände, Ich schicke ihn dir also auf den sechsten
Pharmuthi, Lebewohl. Jahr 2^^222 ^.Oar) ^Pharmuthi. Auf
der Rückseite aufser der Adresse "an Diophanes'' der Vermerk
^^ Moschion; in Sachen des Dionysios .... Dorimachos'' Jahr 25,
10 Apellaios, 5 Pharmuthi,^)
Die Geschichte war so gegangen. Dorimachos hatte
sich mit einer Klage an den Chef der Polizei gewandt,
damit der ihm einige Sachen schaffte, die nach seiner An-
gabe Dionysios ihm vorenthielt. Diese Eingabe hatte erst
1) Flinders-Petris Papyri II. II 3. Ich bin genötigt, aufser den Nachweisen
der Stellen mehrfach die Lesungen anzuführen, die ich befolgt habe. Da ich
seinerzeit die Ergebnisse meiner Durcharbeitung nicht veröffentlicht habe, was
mittlerweile von andern vorgetragen ist, nicht verfolgt habe noch jetzt auf-
suchen mag, wird manches schon bemerkt sein. Aber dem Leser, der die
Papyri leicht einsehen kann, die Einzelbemerkungen nicht, wird so das Nötige
gegeben, und wer Prioritätsansprüche hat, weil er eher publiziert hat, nehme
sich sein Recht.
239
den Registraturvermerk erhalten, war dann dem Landrat
vorgelegt worden, und dieser hatte darunter notiert: ''br,m,
an Moschton; soll dem Mann Recht verschaffen''. In diesem
Zustande war die Eingabe urschriftlich zu Moschion ge-
langt, der, indem er sie zurückgiebt, in dem erhaltenen
Billet über den Erfolg seines Verhöres berichtet. Seine
Antwort ist dann mit dem nötigen Registraturvermerke zu
den Akten genommen, nicht ohne das Datum zu wieder-
holen. Dabei ergiebt sich aus den Daten, dafs Moschion
und Diophanes am selben Orte waren. ' Das Doppeldatum
erklärt sich daraus, dafs das Land sich ausschliefslich nach
dem ägyptischen Sonnenjahre von 365 Tagen richtete, im
Bureau des höchsten Kreisbeamten aber der offizielle make-
donische Kalender geführt ward, so unpraktisch und obsolet
sein Mondsonnenjahr auch war. Man hat später den ägyp-
tischen Kalender offiziell übernommen und nur zuerst die
heimischen Monatsnamen einführen wollen, aber auch das
ist nicht gelungen. Das ägyptische Jahr hat triumphiert;
die Namen haben sich sogar in dem julianischen Jahre trotz
allen Neuerungen behauptet.
Sehen wir nun ein Testament. Den Anfang macht die
Datierung, die sehr umständlich ist, und mit der ich Sie nicht
behellige; in dem vorliegenden Falle ist sie überdies verloren.
Also hat letztwültg verfügt lebend und bei Besinnung Peisias
der Lykier, Soldat im Nutznießer einer k. Bauernstelle in
dem arsinoitischen Kreise, etwa 50 Jahre alt, schielend, mittlerer
Gröfse, Gesicht länglich, Narbe unter der Wange. Möge mir
beschieden sein, in Gesundheit selbst über meinen Besitz zu
verfügen, so mir aber etwas Menschliches zustöfst, so hinterlasse
ich meinem Sohne Peisikrates meine7i Besitz in Alexandreia,
ein Mietshaus (hier stand die nähere Ortsbezeichnung)
und alle fahrende Habe darin und die Sklaven Dionysos und
Eutychos, zwei Syrer, und die Sklavin Abisila und ihre
Tochter Eirene, zwei Syrerin?ten: der ' Axiothea, Hippias'
Tochter aus Lykien, meiner Ehefrau, die Sklavin Dosa'e, eine
Syrerin, ein libysches Mädchen, und das Haus, das ich in
240
dem Dorfe Bubastos Kreis Arsinoe besitze. Die ganze übrige
fahrende Haie in Bubastos dem Peisikrates und der Axiothea
gemeinsam. Was aber Axiothea als Mitgift eingebracht hat
und noch vorhanden ist, das soll sie haben, und Peisikrates
daran keinen Teil haben. Was aber nicht mehr vorhanden
oder verschlissen ist, dafür soll Peisikrates der Axiothea die
unten bezeichnete Entschädigung zahlen, so viel als das Er-
haltene sich minderwertig herausstellt. Für einen wollenen
Frauenrock und einen Umhang 6 Drachmen; für einen
Mannsrock 12 D, einen sehr gebrauchten Umhang 10; einen
gebrauchten Rock (?) 10, einen Mannsgürtel i; einen neuen
Umhang ^2; eine Mantille 8/ einen Spiegel 12; eine eherne
Schale 4; einen ehernen Krug 6/2 Leintücher 30/ Frauen-
schuhe , , . ein Messer und 30/ weiche Wolle , . ,; Ohr-
ringe 2 (Rest unleserlich, dann bricht das Blatt ab).^)
Inhaltlich beachte man die vollkommene wirtschaftliche
Selbständigkeit der Frau ; ein anderer Soldat setzt die seine
sogar zur Universalerbin ein. Griechisch ist das nicht,
ägyptisch erst recht nicht: es mufs also makedonisch sein,
denn der Soldat hat natürlich, obwohl Peisias sein bar-
barisches Vaterland nennt, makedonisches Recht. Wir
sehen auch aus der Rolle, die Königin Olympias und
andere makedonische und epirotische Frauen spielen, dafs
die nordischen Glieder des hellenischen Stammes der Frau
höhere Rechte gewährt haben müssen als lonier und Dorer.
Axiothea ist zweite Frau; offenbar nicht lange verheiratet,
da von ihrer Mitgift noch so viel in natura erhalten ist.
Die Preise geben die Schätzung der Abnutzung an, haben
also geringen absoluten Wert. Dafs die Mitgift der Witwe
bleibt, zumal wo keine Kinder sind, ist auch griechisch.
Befremdlich sind uns auf den ersten Blick die Signalements
des Testierenden: sie sind in den ägyptischen Urkunden
stehend, und sehr selten fehlen besondere Kennzeichen.
1) Fl.-P. P. I, XII und II S. 22. Zu lesen Z. ii y^ißvaaiov, Diminutiv
von Aißvaaa, 19 S-(qIgt()ov TQtßdxov, 20. 21 lyon | tqov (?). 23 iQ^ov
/biccXaxov.
241
Nun zwei Stücke aus demselben Bureau^). Das erste
eine Eingabe von königlichen Gänsehirten. Das ist ein
hübsch ägyptisches Bild, denn schon Gemälde des alten
Reiches zeigen uns diese Hirten und ihre Herden, die nun
für den König in der fernen Stadt gehütet werden, und
von denen die Steuer in natura geliefert wird, aber auch
von den Beamten für durchpassierende Leute des Königs
requiriert. Die Hirten haben sich die Eingabe natürlich
schreiben lassen; sie ist korrekt, wenn auch umständlich
und ungebildet.
An Phaies, den Steuereinnehmer (der Name zeigt, dafs
er ein Ägypter war) von Paos, etc, kön. Gänsehirten (ich
lasse die Namen der Leute und ihrer Dörfer fort). Der
Steuereinnehmer Ischyrias kommt zu uns und verlangt von
uns, wir sollten ihm 1 2 Gänse für die Gastgeschenke liefern,
was wir nicht könne7t. Wir ersuchen dich also, da nur die
Hälfte auf uns kommt von den Gänsen, die auf die Gänse-
Hirten des Kreises kommen, da wir nur die Hälfte sind,
unsere Eingabe auf die Kasse zu schicken und nachsehen zu
lassen, und wenn es in Wahrheit so ist, wie wir sagen, hier-
nach zu verfahren, damit wir dem KÖ7iige geben können, was
ih?n zukommt. Möge es dir gut gehen.
Das zweite ist ein possierliches Stückchen, das für sich
selbst spricht.
An Phaies, den Steuereinnehmer von Ammonios, dem
Schreiber des Phlyes für die Gegend Oxyryncha. Wie ich
auf das Rechnungsbureau kam, Rechnung zu legen, am
heutigen 27. morgens um 7, wie ich auf dem Rechnung s-
bureau bin, kam ein Diener des Kation und rief mich hin-
aus. Ich legte die Papiere hin und ging hinaus; und wie
ich vor die Thüre des Landratsamtes kam, befahl der Diener
mich abzuführen, und nun bin ich auf der Wache. Lebe wohl.
Eins ist hierin von Interesse. Der Mann nennt die
erste Stunde des Tages, d. h. die erste nach Sonnenaufgang.
Ihnen allen wird nur eine Erzählung des Altertums gegen-
1) Fl.-P. P. II, X.
V. Wilamowits-M., Reden. 16
242
wärtig sein, in der solche Angaben der Stunde häufig
vorkommen, die Erzählung von dem Todestage Jesu. Das
zeigt, wie sehr Judaea im ägyptischen Kulturkreise liegt,
denn in Griechenland und Italien ist die Stundenzählung in
alter Zeit gar nicht üblich; die Sonnen- und Wasseruhren,
deren Konstruktion gar nicht einfach war, da sich ja die
Stundenlänge gemäfs der Länge des Sonnentages verschiebt,
haben sich offenbar von Alexandreia erst nach der An-
nexion Ägyptens allgemein verbreitet. In dem grofsen
Geschichtswerke des Polybios ist, wenn ich genügend auf-
gepafst habe, nur eine Partie, die in der Erzählung die
Stunden nennt, und das ist die Schilderung einer ägypti-
schen Revolution^). Dagegen treten sie schon in den
Dichtungen der älteren Alexandriner-) und massenhaft in
den ägyptischen Urkunden auf. Unsere Zählung gleich
langer Stunden ist eine Erfindung der alexandrinischen
Astronomie: es sind die Stunden der Tag- und Nacht-
gleiche.
Nun eine Rechnung über Naturallieferungen an Kutscher,
die im Gefolge eines Landaufsehers und seiner Begleiter
den Kreis durchziehen und in einem kleineren Orte Station
machen. Der Beamte hat nicht weniger als acht Wagen
mit, fünf für die Reisenden, drei für das Gepäck und neben
den Kutschern 13 Pferdeknechte: die orientalische Dienst-
botenverschwendung ist stark. Sie erhalten die Verpflegung
in natura im Auftrage der Steuerkasse, die ja einen grofsen
Teil des Gefälles selbst in natura bezog (Ol z. B. war Regal),
so dafs sie recht viel aus dem Magazin direkt liefern konnte.
Der Kutscher Kephalon quittiert im Jahre 21 (226) am
1) Polybios 15, 29; er rechnet nach Stunden, zählt sie aber nicht. Es ist
Nacht; die gewöhnliche Rechnung würde nach Nachtwachen gewesen sein.
2j Kallimachos Fgm. 46a "das Tier, dessen Namen man vor eins (7 Uhr
morgens) nicht ausspricht", der Affe: amüsanter Aberglaube. Hier hat ein
geistreicher Konjekturenmacher geändert, weil ihm die Eins ganz fremd war
Es ist eben mühsamer das wirkliche Leben zu lernen. Poseidippos Anth. Pal.
V. 183 bestellt ein Frühstück für ein Liebespärchen auf die fünfte Stunde,
morgens um 11: das ist früh, auch damaliger Sitte gemäfs, wo alle Leute mit
oder vor der Sonne aufstehen.
243
14. Tybi dem Charvios, dem Beauftragten des Askleptades^
des Steuereinnehmers im arsinoitischen Kreise^ in Ptolemais am
Hafen, entsprechend der Anweisung des Landaufsehers Artemon^
für fünf Wagen in seinem Gefolge^ zu fünf Pferden, und
drei Karren zu dreiPferden^) erhalten zu haben:
für sich und sieben Kutscher
reines Weizenbrot
74 Choinix auf den Kopf, Summa 2 Choinix (2,18 Liter),
Öl V4 Kotyle „ „2 Kotylen (0,54 „ ),
Wein ^Kotylen „ „ 2 Chus^K,{^fio „ ),
und für 13 Stallknechte
Kleibrot für jeden 2 Choinix, „ 26 Choin, (28,44 „ ),
Öl „ „ 'U Kotylen, „ i^^^Kot. ( 0,44 „ ),
und für alle ein .Ferkel
und für ein krankes Pferd, dem die Wunde ausge-
waschen ist{})j zum Einreiben Öl 3 Kotylen, Wein 2 Kotylen,
und Brennöl für die Lampen 2 Kot, CastoröV),
Ich lasse einiges fort und gebe nur die Verpflegung
der Pferde:
und Bedürfnisse von 5 Wagen zu 3 Pferden und einem
Pferde darüber, macht 16 Pferde, für jedes Grünfutter
8 Bund, macht 1 2^ Bund auf den Tag,
Auch eine Kotyle Öl für die Riemen kommt noch vor.
Neben dem Kutscher, der die Rechnung für seinesgleichen
führt, quittiert noch ein einzelner Eseltreiber: Horos quittiert
darüber, daß er von Charmos alles Nötige nach Anweisung (es
1) F1.-P. P. II S. 72. Die BerechnuDg der Pferde scheint nicht überall
dieselbe und erregt Bedenken.
^) In der Gesamtziffer des Öles fUr die Stallknechte hat Kephalon etwas
ausgelassen. Die Rechnung verlangt i + V2 (+V4) + Vs- ^^^ Schrift kennt
nur Brüche mit dem Zähler i. Gleich darauf zu lesen flg nnvjag (joivjag die
Abschrift). eykorjSiyra mufs etwas bedeuten, was mit dem Pferde zur Heilung
YOi^enommen ist, da in der nächsten Rechnung (flsßoTOfdtjS-ivra daneben steht.
Also wird Mahaffy richtig ein plebejisches (xkofly neben ixlovHv annehmen,
das ist medizinischer Terminus; Kephalon kann sich auch verhört haben, wenn
der Rofsarzt gelehrt technisch redete.
16*
244
gab einen allgemeinen Satz) erhalten hat. Das hat ....
(der Name unleserlich) geschriebeii im Auftrage des HoroSy
weil der nicht schreiben kann.
Seine Gedanken über die Bedürfnisse eines Kutschers von
dazumal mag sich jeder selbst machen; sie sind am gröfsten
in stärkenden Getränken, aber die Pferdeknechte, vermutlich
Jungen, bekommen davon nichts, auch nur ein ganz klein
wenig Ol zu ihrem geringeren Brot, davon aber das acht-
fache der Kutscher. Das Fleisch eines Ferkels für 2 1 Leute
wird wohl auch nach Rang und Würdigkeit verteilt worden
sein. Das Brot ist nach dem Mafse des Mehles berechnet.
Das kranke Pferd wird verhältnismäfsig kostspielig.
Doch solche Rechnungen führen zu tief in sachliche
Schwierigkeiten ein und sind nicht dazu angethan unmittel-
bar zu wirken. Darum habe ich selbst an den Privatbriefen
gröfsere Freude und teile noch einige mit. Hier einer aus
der Tiefe des Volkes; trotz grofser Zerstörung ist er als
solcher kenntlich; ich habe im Kriege unter den Grena-
dieren manchen ähnlichen gelesen. Eine kleine Einführung
braucht er aber auch. Seit Alexanders indischem Feldzuge
waren die indischen Elefanten eine sehr stark geschätzte
Waffe geworden, die manche Schlacht entschieden hat.
Nach der Bildung der Diadochenstaaten war aber nur
Syrien in der Lage die Tiere aus Indien zu beziehen. Da
hat denn das Ptolemaeerregiment, dem bald Karthago ge-
folgt ist, die Jagd und Abrichtung afrikanischer Elefanten
mit Erfolg versucht. Dazu ward es notwendig im roten
Meere Stationen zu errichten, und eine von diesen heißt
geradezu "Ptolemais der Elefanten'' (tcov ^pcbv); noch viel
weiter südlich, bei Assab, an der schmälsten Stelle des
roten Meeres lag eine Stadt Berenike, und man kann
sich denken, dafs die Soldaten nicht gern diese Garnison
bezogen. Nun hat sich ein Brief gefunden, den Ägypter
an ihre fernen Landsleute geschrieben haben; ob er nicht
abgeschickt ist, ob ihn einer der Adressaten heimgebracht
hat, wer will das sagen. Von der Anrede ist nur eine
Reihe ägyptischer Namen der Adressaten (zu diesem Dienste
245
zog man sie also heran) und ein Rest des Namens Berenike
erhalten. Dann folgt die Formel: Wenn ihr alle gesund
seid, ist es gut, auch wir sind gesund. Dann war erzählt,
dafs einer gekommen war und Botschaft gebracht hatte,
und nach einer Lücke: verzweifelt nicht, sondern haltet euch
tapfer. Denn eure Zeit ist nur noch kurz. Denn die Alh
lösung wird vorbereitet^ und die Jäger sind schobt eingezogen^
die mit dem Strategen kommen sollen. Dann einiges zerstört,
in dem Krieg erwähnt zu sein scheint, und weiter: und
die Elefantenjagd in Berenike hat auch ein Ende, Und
wieder nach einer Lücke der Schlufs: Schreibt mir, was bei
eurch der Weizen gekostet hat, seit das Transportschiff der Ele-
fanten untergegangen ist und nehmt euch selbst in acht^ damit
wir euch gesund wiedersehen. Lebt wohl. Jahr 24 (223)
14 Phaophi. Anderes in ägyptischer (sogenannter demoti-
scher) Schrift steht darum und ist noch nicht gelesen.
Noch zwei kleine Briefe von einfachen Bauern.
Dorotheos grüßt den Theodoros, Wisse, daß ich am
9. Payni Weinlese halten werde. Du wirst also gut thun, am
achten (das hat er zwischeii der Zeile nachgetragen) jemand
zu schicken^ der bei dem. Einfüllen des dir zukommenden
Mostes aufpaßty oder mir schreibst, wie du befiehlst. Lebe
wohl, Jahr 7 (240) Payni 4. Adresse: an Theodoros auf
der Aufsenseite ^). Das war ein Pächter, oder sein Adressat
war der königliche Steuerbeamte; der Staat nahm vom
Weine ein Sechstel des Bruttoertrages.
Noch viel hübscher ist der Brief eines Inspektors auf
einem frisch der hellenistischen Kultur erschlossenen Gutes
an seinen Herrn.
.... ion grüßt den Sosiphanes, Tausend Dank den
Göttern, wenn du gesund bist; Lonikos ist auch gesund (sich
selbst läfst der Brave weg). Die Reben sind alle ausgepflanzt,
dreihundert Stöcke und was an Bäumen rankt. Das Öl hat
^) Fl.-P. II 40a. Ich lese i6. 17 x«* 0* Ttvvviyol inikiXtyuivoi tiatv oi
fjUkXoyrfS nttQayivic&cn, und 24 lig na{f Vfuv rifuih iyivixo tov aixov,
2) Fl.-P. P. II, XL
246
6 Chus gegeben (20 Liter); davon hat Dynis drei. Ich* habe
auch von Dynis 4 Artaben (160 Liter) Gerstenweizen (eine, in
Ägypten öfter begegnende Sorte) entliehen^ 2vas er mir selbst
zuvorkommend anbot. Wisse aber auch, Wasser, jeder von den
(hier hat er ein Wort wie Eingebornen ausgelassen), wenn
er sieht, wie die Rebe gepflanzt wird, Wasser^ sagen sie, muß
da sein. Und auf der Rückseite die Fortsetzung. Wir
machen aber Kanäle und begießen für den Anfang (es folgen
noch drei Striche, die unverständlich sind). Lebe wohl^).
Er versucht es mit den verschiedenen Arten der Wein-
pflanzung, auf Äckern, wie es auf dem griechischen Fest-
lande Sitte war und ist, und an schattenden Bäumen (an
sich etwas Seltenes in Ägypten), wie es uns aus dem alten
und neuen Italien vertraut ist, aber auch auf Lesbos ge-
halten ward. Wie müssen sich die Hellenen auf den Bauern-
dörfern des Faiyum angeheimelt gefühlt haben, wo sie
es treiben konnten wie zu Hause. Nur das Ol ist schwer-
lich von der Olive gewonnen, sondern von einer der dort
verbreiteten Pflanzen; sein Ertrag ist gering. Dann der
köstlich ausgedrückte Satz, der die Hauptsorge so manches
Landmannes ausspricht, und die Begütigung am Ende.
Doch genug der Kleinigkeiten. Ich wende mich zum
Schlüsse einer Reihe von Dokumenten verschiedener Art
zu, die dadurch belebt werden, dafs sie sich auf eine und
dieselbe Person beziehen; MahaflFy, der Herausgeber, hat
sie bereits ins Licht gesetzt.
Die Provinz Arsinoe enthält den sogenannten Moeris-
see, ein schon von den Königen des alten Reiches ge-
grabenes Bassin, das der Nil bei der Schwelle füllt, und
das zur Regulierung der Bewässerung des Unterlandes
dient. Daneben hatte sich die durch den See unmittelbar
bewässerte Provinz zur reichsten Kornkammer des Landes
1) Fl,-P. P. I, XXIX. Ob er in Mvivixog einen Buchstaben vergessen
hat oder nach der Aussprache geschrieben, kann ich nicht entscheiden. 13 ff.
yivtaaxt df xat oti vJü)q^ txaazog zmv ^/7r»j^cüp*ü)i') oqiZv T^y tifjtnfkov (fVTivo-
fit TiQLota. So viel meine ich mit Sicherheit zu erkennen.
247
erhoben. Ptolemaios II hat diese alte Gründung erneuert
und erweitert; daher hat sie den Namen von seiner Gattin-
Schwester. Der Ausbau von Schleusen und Deichen, den
die vollkommene hellenische Technik ermöglichte, hat
Raum geschaffen, eine grofse Anzahl neuer Dörfer anzu-
legen, deren griechische Namen sich von den alten ägyp-
tischen leicht absondern, und eine starke freie griechische
Bevölkerung ward dadurch erzeugt, dafs Soldaten, Infanterie
und Reiter, sowohl von den makedonischen wie den Söldner-
regimentern, Landlose und sogar Gebäude von dem König
zugewiesen erhielten. Sie waren nicht in dem Sinne Vete-
ranen, dafs sie aus dem Dienste schieden, sondern sie
blieben dienstpflichtig, die Kavalleristen besafsen sogar
Chargenpferde; aber sie waren doch zur Disposition beur-
laubt und werden die grofse Vergünstigung erst nach einer
Zeit des effektiven Dienstes erhalten haben. Ich sehe für
diesmal von dieser militärisch und wirtschaftlich gleich
wichtigen Institution ab; der Mann, der uns beschäftigen
soll, ist kein Soldat, sondern der königliche Kreisbaumeister,
der mit einem Stabe von Unterbeamten für den Kreis
Arsinoe angestellt ist. Er hat auch die staatlichen Hoch-
bauten zu leiten, aber seine Hauptarbeit gilt den Deichen
und Kanälen. Er erhält sein Gehalt von der Steuerkasse,
zum Teil in Naturalien, und hat dort ein Konto für seine
amtlichen Ausgaben. Selbstverständlich liegt ihm aufser
der Bureauarbeit auch die Bereisung seines Kreises zu
Wasser und zu Lande ob, so dafs er mit der Landbevölke-
rung in beständigem Kontakte ist. Diese Stelle nun hat
unter Ptolemaios II lange') ein gewisser Kleon bekleidet,
der auch selbst dort Grundbesitzer geworden ist. Sein
Gedächtnis hat lange gedauert, da ein Hauptkanal nach
ihm benannt worden ist, und gern glauben wir, dafs der
dauernde Wohlstand von Arsinoe zum Teil seiner Kunst
1) Wir haben nur Urkunden aus den Jahren 27—32 (2.58—253), aber
der Kanal kann in diesen nicht gebaut sein, und Kleon ist ein alter Mann.
Er kann den Kanal natürlich in einer tieferen amtlichen Stelle gebaut haben.
248
verdankt worden ist. Aber in den Jahren, die wir genauer
kennen, ist der alte Herr nicht mehr im Stande Ordnung
zu halten. Zwar dafs sich ein Dorfschulze beschwert: ''Du
hättest doch auf eine Minute bei uns vorkommen sollen und
angesichts dessen, dafs wir kein Wasser bekommen, die Ur-
Sache untersuchen'' ^), braucht ihn nicht zu belasten. Aber
im Jahre 255 vor der Nilschwelle schreibt ihm ein Ägypter
und bittet um dreifsig Seile und einen Arbeiter, um eine
Schleuse noch vor der Nilschwelle in Stand zu setzen ").
Ein Grieche Nikeratos berichtet, dafs von einem festen
Platze ein Stück der Mauer baufällig, ist, ein anderes ein-
gestürzt, so dafs die Insassen, Gefangene, in Lebensgefahr
sind; er möchte einschreiten. Ein Schreiben des folgenden
Jahres zeigt, dafs nichts geschah und das Unglück eintraft).
Ebenfalls im Jahre 255 bekam Kleon folgenden belustigen-
den Brief:
Den Kleon grüfst Demetrios, Ich habe dir schon früher
geschrieben, von dem Arrest, von dem ich jetzt arretiert bin.
Du weifst selbst, wie geplagt wir bei deft Arbeiten gewest sind,
und jetzt hin ich ganz geplagt, arretiert in das Gefängnis.
So nimm dirs zu Herzen wie für deinen Sohn und bring mich
aus dem Gefängnis, Es kann dir gar nichts passieren, denn
viele sehen mich in dem Gefängnis, Glück mit dir,*)
1) Pl.-P. P. II S. 36 aus dem Jahre 256. Hier wohl effektiv die älteste
Erwähnung der Minute, oi^«? fiÖQioVf und bereits in dem Sinne wir wir reden.
2) Fl.-P. P. II S. 34.
3) Fl.-P. P. II S. 34. 35.
4) Fl.-P. P. II S. 1 1. Auf dem Faksimile liest man alles gut, aber der Schreiber
war der Feder nicht immer mächtig, wie ja der Sprache auch nicht. Ich mufs wohl
den ganzen Brief hersetzen. Kkmv^ )^ul{)siv Jrjfii^TQiog, xal ngoTtQou fxiu ooh
y^ygwfa ntgt Ttjis dnnytoytjg ntgl t,g rut^l {(n^y/un& (vermischt aus ntoi r^g xat
vvv ygäffüi und rig an^y/uca). o^(l«(r, von Mahaffy zugesetzt, von Demetrios
wohl gemeint, aber nicht geschrieben, so dafs die Form nicht ganz sicher ist)
xal av oTi imt iwv tQyiov jff^ki/Li/biiyoi ^fif^a xat vvv navTt \ Xfog (falsch ab-
geteilt hat er nicht) Tsd-h/u/uni,, dntjy/ufyog tlg lo f^iafjKori^Qiov' noXvaJQ^aoy ovv
( das letzte Wort ist trotz Korrekturen nicht klar hervorgekommen, aber gemeint
hat er es) t^* ^Kd'oiai, (og anvTou nalda (nur wenig verschrieben, sicher ge-
meint) i^ayayoiu /ns ix tov dfafitoTtjQiov oh yao /bitj ßkaßijg oücffV, nokXmg (so)
249
Es liegt noch eine ältere Eingabe des Demetrios vor,
womöglich noch ungebildeter geschrieben, in der er sich
beweglich beklagt, dafs er von ägyptischen Arbeitern ver-
gewaltigt ist, als er Brot verteilen wollte^). Es handelt
sich dabei um Arbeiten in einem Steinbruch, und damit
betreten wir ein Gebiet, auf dem Kleon sehr üble Dinge
erlebt hat, über die eine Anzahl Urkunden vorliegen. Die
Arbeiter revoltierten, weil sie keine Löhnung erhielten,
und sowohl die Aufseher beschwerten sich bei Kleon wie
auch die Arbeiter selbst. Eine Probe genüge.
Gruß an Kleon von den Zehnimä^mern der freien Stein"
hauer. Uns geschieht Unrecht, Denn tvas der Inspektor Apol-
lonios abgemacht hat, nichts geschieht davon für uns. Den Ver-
trag hat Diotimos, Sorge darum, dafs endlich jetzt nach den
Bedingungen, unter denen wir die Arbeit übernommen haben,
von Dionysios und Diotimos verfahren wird, und nicht die
Arbeit liegen bleibt, wie es früher schon passiert ist. Denn
wenn die Arbeiter merken, dafs wir nichts bekommen haben,
versetzen sie ihre Werkzeuge^),, 30 Jahr (255) Pachon 19.
Es fehlt die Grufsformel.
Der Grund, dafs Kleon das Geld nicht schickte, lag
in seinen Privatverhältnissen, nicht in einer Unordnung der
Staatskasse. Es liegt ein Schreiben von ihm vor, in dem
er angiebt, mit mehreren Steuern im Rückstande geblieben
zu sein, seinen Verpflegungszuschufs doppelt in Vorschufs
empfangen und für die Zahlung der fünfprozentigen Steuer
das Geld aus den Jahresposten für die Steinhauer ent-
nommen zu haben ^). Strafbar war das schwerlich, denn
yaq ii/ut (xdqXog (die letzten Buchstaben unklar) fy roJ* iSta ^(arriQiwi' fUTv/t-
Die orthographischen Fehler sind um der Zeit willen interessant. Ob er log
aavTov oder ibg aviov schreiben soll, weifs er wirklich nicht, da beides gleich
klingt und beides korrekt ist.
1) Fl.-P. P. II S. 10. Dafs es sich um kaioftig handelt, ist von Wilcken
erkannt.
2) Fl.-P. F. II S. 33. Auf dieselbe Sache beziehen sich 8. 6. 7. g.
10 (5) u. a.
3) Fl.-P. P. II 42. Wilcken meint, dies wäre ein anderer Kleon und deutet
die Urkunde so, dafs Kleon Beschwerde über widerrechtliche Eintragung in das
250
er gesteht es ruhig* ein, aber es zeigt seine Not, und die
üblen Folgen für seine Amtsführung sind sehr stark. Seine
Geldverlegenheiten sind noch in mehreren sehr zerstörten
Stücken merkbar, darunter einem Briefe seines ältesten
Sohnes Philonides aus Memphis, der nächsten grofsen Stadt,
der dringend um Geld bittet, ''wir haben nicht einmal das
Hemd auf dem Leibe'' ^), Einen erkrankten Diener hat er im
Hospital zurücklassen müssen; das Hospital ist gut hellenisch
der Asklepiostempel. Der jüngere Sohn Polykrates arbeitete
auf dem Bureau der Feldmesser in der Kreishauptstadt
Krokodilopolis; auch er hat Schulden machen müssen und
ist bei der Steuerbehörde vorstellig geworden, weil ein
städtisches Grundstück des Vaters statt 30 Drachmen nur
noch 1772 Ertrag brachte").
Es trat ein Ereignis ein, das einerseits gesteigerte Ver-
antwortung brachte, andererseits Hoffnung auf Besserung
bot. Die Ankunft des alten Königs Ptolemaios II ward
angekündigt. Es gab ein Absteigequartier für ihn, aber
es war verfallen; wir haben eine Zahlungsanweisung für
den Unternehmer, der die alten Luftziegel abzutragen hatte
Steuerregister führe. Ich kann nicht folgen, sondern mufs übersetzen: "Ein-
gabe von Kleon. Von Diotimos dem Exekutor bin ich eingetragen als schuldend
auf die Weinsteuer vom Jahr 30 90 Dr und doppelt erhoben zu haben
oxpiüviov im 29. Jahr, was für Naturalien {ayoQa^^ vgl. das attische ayoqav
naqi'^thv) gegeben wird, die ich nicht bekommen habe, Silber 617^ Dr., Kupfer
231^, ebenso im 30. Jahre Silber 140, Kupfer agg Dr. 2 Ob und dafs
ich auf die fünfprozentige Steuer als Pfand gegeben habe (vno^ifAtvoi) von
dem was den Steinhauern angewiesen war vom 27. bis 31. Jahre, 20 Tal., wovon
die gezahlte fünfprozentige Steuer ist ... ." weiter verstehe ich nichts, aber
hier handelt es sich in allem um Steuerrückstände und zwar eines Mannes, der
sehr hohes Gehalt bezieht und über das Geld der Steinhauer so verfügt, dafs
er es vno&icS'ai kann ; das geschieht genau in den Jahren, wo Kleon im Amte
ist und seine Steinhauer kein Geld bekommen, und der Mann heifst Kleon,
und mit den Papieren des Architekten Kleon ist auch dies gefunden. Mahaffy
behält also Recht.
1) Fl.-P. P. I, XXX I. ()(o/uiy ovdt lä oS-oyta.
2) F1.-P. P. II S. 27, 2. Es bezieht sich auf diese Verhältnisse auch Fl.-P.
P. II, XII, leider zerrissen, nur die Erwähnung von Jahr 20 Z. 9 will sich
durchaus nicht fügen.
251
und, soweit sie noch heil waren, zu einem Neubau ver-
wenden sollte^), ferner einen Befehl Kleons an Dionysios,
seinen schon erwähnten Unterbeamten, für neue Luftziegel
zu sorgen: loooo kosteten 12 Drachmen'). Aufserdem wur-
den schleunigst Hausteine herbeigeschafft, um das Quai am
Landungsplatze zu bessern (der König reiste natürlich zu
Wasser), wo auch der ganze Platz aufgeschüttet und planiert
werden sollte^). Der junge Philonides hatte grofse Hoff-
nung und schrieb dem Vater folgenden hübschen Brief*):
Polykrates grüfst seinen Vater, Es ist recht von dir,
wenn du gesund bist und es dir sonst nach Wunsch geht; wir
sind auch gesund. Ich habe dir schon oft geschrieben, du
möchtest herkommen und mich vorstellen, damit ich vo?i den
Studien, die ich jetzt treibe, loskomme. Wenn es dir möglich
ist, und dich keines deiner Geschäfte hindert, so versuche
doch jetzt zu dem Arsinoefeste zu kommen. Denn wenn du
kommst, so bin ich .überzeugt, daß ich dem König leicht vor-
gestellt werden kann. Du mußt wissen, daß ich^ von Philo-
nides (dem älteren Bruder) 70 Drachmen habe; davon habe
ich die Hälfte für meine Bedürfnisse zurückbehalten, die
andern habe ich auf meine Schulden verwendet. Zu denen
kommt es, weil wir nicht auf einmal, sondern in kleinen
Raten Geld beziehen. Schreib' mir doch auch, damit wir
wissen, wie es dir geht, und uns nicht ängstigen, Pflege dich,
damit du gesund bleibst und wohlbehalten zu uns kommst.
Möge es dir gut gehen.
Die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Wir haben
zwar keine Berichte über den Besuch des Königs, aber die
folgenden Schriftstücke erfordern keinen Zusatz. Erstens
1) Fl.-P. P. II S. 48 ^QtjfjdTiaoy Jioi'voiwi, 'Anokkojyiov rw* f^ftktjtf^oTt
r^u n^ovnaQ^ovaay iv IlToXfjualdt ßaaihxriv xarfikvOiy xa^hfXily du\ 16 ne-
7tot'j]Xfi'ai> xttl fi(T(u{yxai> xtjv nkiv^ov o(fvj av tu vytrji fji.
2) Fl.-P. P. II S. 32.
3) F1.-P. P. II S. 43.
^) Fl.-P. P. II 27, I. Das Arsinoefcst ist das der Göttin, der nun der
Kreis gehört; der König wird wohl zu dieser passenden Zeit erwartet.
252
der Schlufs eines Briefes des Philonides; er ist an seiner
schönen gebildeten Handschrift erkannt worden.
. . . Denn so wird es möglich sein, die Gnade des Königs
auch für die Zukutift zu erhalten. Indessen ich werde nichts
Höheres kernten, als für dich während deines übrigen Lebens
gut zu sorgest, wie ich es dir und mir schuldig bin, und
wenn du das Alenschenlos erfüllst, dir alles Gute anzuthun,
7vas mein Höchstes sein wird, so lange du lebst, und wenn
du zu den Göttern eingegangen bist, gut für dich zu sorgen.
Vor allen Dingen also bemühe dich mit allen Kräften, den
Abschied für immer zu bekommen. Solltest du sehen, daß das
nicht möglich ist, so sieh doch zu, wenigstens während der
Zeit, wo der Flufs zurückgetreten ist und keine Gefahr dabei,
wenn du fortgehst, sondern Theodor os zurückbleiben und das-
selbe besorgen kann, wenigstens für diese Zeit herzukommen.
Das aber behalte im Sinne, dafs du keine Unannehmlichkeit
haben sollst, sondern ich in allem dafür Sorge tragen werde,
dafs du Ruhe hast^). Lebe wohl.
Femer liegt eine Bekanntmachung des Kleandros
(irgend eines hohen Beamten) vor, dafs der Unteringenieur
Theodoros, der vorher unter Kleon gestanden hatte, die
Sorge für Deiche und Schleusen übernommen habe. End-
lich ein verstümmeltes Billet, in dem man liest:
Kleon grüfst den Paion . . . schicke mir die Eselin, denn
1) Fl.-P. P. II 45. Zu lesen 3 oh fiijy ovdfy ifiot i<nay fjLfi^oVy 9 x«t«
für TtfQi', 10 «[ilAa] iaxcti, xai. Den Modernen befremdet, dals der Sohn von
dem Tode des Vaters redet, was heut als unzart gelten würde. Die Menschen,
die offiziell an Auferstehung von den Toten und ein ewiges Leben glauben,
ja besonders gern von einem Wiedersehen nach dem Tode reden, haben eine
viel gröfsere Scheu den Tod zu nennen als die Heiden, denen die Auferstehung
ein Greuel ist und die an ein persönliches Weiterleben selten glauben. Im
Munde des Philonides ist die Zusicherung der Sorge für den Vater das Ver-
sprechen des Totenkultes, das ist also ein Fortleben des alten volkstümlichen
Seelenglaubens. Das Sterben, das der Athener noch ruhig in solchem Falle
aussprach, bezeichnet er euphemistisch, und wenn es ein Eingehen zu den
Göttern ist, so ist darin das Herüberwirken der Philosophie fühlbar; aber es
ist doch nichts anderes, als wenn die Sentimentalität der Wertherzeit von den
seligen Geistern der Entschlafenen redet.
253
ich brauche sie . . . sorge auch für Futter, . . . ich bin im
Begriffe abzureisen, , , . lebe wohl^).
Dies Billet ist nach MahafFy von der zitternden Hand
eines alten Mannes geschrieben.
Es sind im Grunde alles tote gleichgiltige Menschen.
Was ist uns Kleon der Baumeister? Und doch leugne ich
nicht, sie haben mich gerührt, der alte Mann, der am
Ende eines arbeitsamen Lebens den Nahrungssorgen er-
liegt, der Jüngling mit seinem Verlangen Carrifere zu
machen, und Philonides mit seiner Treue. Als ich die
Papyri zu studieren begann, erwartete ich geschichtliche
Belehrung, documents historiques\ aber in diesen Papieren
fand ich documents humaifis^ den Ausdruck zu brauchen,
den die bedeutenden französischen Dichter, Flaubert an
der Spitze, geprägt haben. Der Fleifs, der Ernst und die
Kunst dieser Männer hat meine volle Bewunderung; aber
die Früchte zeigen, dafs die Wurzel ihres Strebens nicht
gesund ist. Sie suchen nach Urkunden des Menschen-
tumes, die etwas Aufsergewöhnliches bieten; das Anomale
pflegt aber krankhaft zu sein. Wie von den Wundern
der Natur keine gröfser sind als die, welche uns ganz all-
täglich geworden sind, so ist in Menschenschicksal und
Menschenleiden das wahrhaft Bedeutende das Typische.
Wer bei dem Goethe seit 1788 gelernt hat, weifs, was ich
damit sage; schlimm genug für jeden, der nicht bei ihm
lernen will. Und so sind die belehrendsten documents
humains die, welche das typisch Menschliche in einem
konkreten Falle deutlich hervortreten lassen.
Wer auf die Denkmale Aegyptens schaut, ein Bild,
das seines gleichen nicht hat, da es mehr als fünf Jahr-
tausende umfafst, dem erscheint der Mensch gar leicht als
ein Elementarwesen, wachsend und welkend wie das Gras,
das der Thau des Niles spriefsen und der Wüstenwind
1) Fl.-P. P. II 138. Zu bedauern ist, dafs diese wie eine Anzahl der
oben nach Mahaffy in Zusammenhang gesetzten Schriftstücke undatiert sind.
254
verdorren läfst, auf dafs im nächsten Jahre dasselbe Gras
wachse und vertrockne. Denn der Ägypter von heute ist
im wesentlichen derselbe wie unter Constantin, unter Con-
stantin wie unter Ptolemaios, und unter diesem wie unter
Cheops. Und die Kunst und Religion und Kultur des
Volkes steigt und fällt in längeren Perioden, aber eben
periodenweise, wie der Vogel Phönix sie durch sein Er-
scheinen abgrenzt. Den Gedanken, dafs die Annähme
einer neuen Religion den Volkscharakter oder die Sitt-
lichkeit oder das Wesen der Kultur notwendig ändere, und
vollends dafs die menschliche Kultur stetig wachsend einer
Vollendung entgegengehe, straft zwar überall die wirklich
geschichtliche Einsicht Lügen; manchmal empfindet auch
eine Gegenwart bitter das Sinken ihrer Gesittung. Aber
nirgends wird das so deutlich wie in Ägypten. Dafs man
darum nicht in den Wahn versinke, den Menschen als
ein Elementarwesen anzusehen , dagegen schützen, eben
weil sie typisch sind, solche menschlichen Dokumente wie
der Brief des Philonides. Da wird frei, was der Pflanze
fehlt, un(i den Elementargeistern unserer tiefsinnigen Mär-
chen auch, was in Tausenden von Menschen nur verborgen
glimmt, die menschliche Seele. Pflicht und Liebe, die
ewigen Gefühle, heben die unsterbliche weit hinaus über
all ihre Geschwister im stillen Busch, in Luft und Wasser.
Die schönsten documents humains sind die, in denen
eine lebendige Menschenseele Zeugnis ablegt, aus wessen
Geschlechte wir sind. Auch aus diesen makulierten
Papieren, die wir aus den Wänden von Särgen ziehn,
spricht sie zu uns, und unsere Seele grüfst die Schwester,
mitempfindend Schmerz und Lust.
Das sind die Geister, die wir Philologen eitleren, die
Toten, die wir beschwören, nicht mit Zauberei und finsterem
Spuke, sondern mit unserer redlichen Arbeit. Es waren
heute nur die Kleinen von den Meinen, geringe schemen-
hafte Gestalten, aber ich hoffe, sie sind Ihnen nicht zu
gering gewesen. Ich habe einmal gehört, wie ein be-
deutender Gelehrter beklagte, dafs diese Papyri gefunden
255
wären, weil sie dem Altertum den vornehmen Schimmer
der Klassizität nehmen. Dafe sie das thun, ist unbestreit-
bar, aber ich freue mich dessen. Denn ich will meine
Hellenen nicht bewundem, sondern verstehn, damit ich sie
gerecht beurteilen kann. Und selbst Mahadöh, der Herr
der Erden, — soll er strafen, soll er schonen, mufs er
Menschen menschlich sehn.
An den Quellen des Clitumnus'),
Der Philologe will Ihnen eine Probe seiner Kunst
geben. Darin liegt, dafs ich Sie nicht mit eigenen Ge-
danken und Empfindungen behelligen werde. Im Gegen-
teil: unser Handwerk fordert von uns das Versenken in
die fremde Individualität, nicht eine, sondern jede, mit der
wir zu thun haben; unsere Kunst ist das Verstehen, wo-
möglich die Vermittelung des Verständnisses — aber das
steht nicht allein in unserer Hand. Das Kunstwerk, dessen
Verständnis ich Ihnen erschliefsen möchte, vielleicht weil
es der Vermittelung sehr stark bedarf, ist ein Gedicht eines
modernen italienischen Dichters, dessen Name in seiner
Heimat schon lange gefeiert, bei uns erst allmählich den
verdienten Klang erhält, Josua Carduccis. Carducci ist
Professor an der Universität Bologna, und seine Dichtung
ist insofern Professorenpoesie, als sie in Sprache und Vers-
kunst, in den sachlichen Anspielungen und formalen An-
klängen hohe Anforderungen an die Vorkenntnisse des
Lesers macht. Das zu überwinden ist meine Sache. Aber
auch dann noch fordert er von Ihnen und ich mit ihm
nicht wenig. Das Gedicht giebt sich an der Quelle des
1) Die Übersetzung ist 1879 unmittelbar nach dem Erscheinen der Odi
barbare von Carducci verfafst, deren erste Auflage sowohl die Fantasia wie
alle fonti del Clitunno enthält. Der Vortrag ist 1885 gehalten; die flüchtige
Skizze, die ich von ihm nur besafs, kürzlich ausgearbeitet.
257
Clitumnus nicht nur gedichtet sondern auch gehört. Dahin
mufs also Ihre Phantasie sich versetzen. Mit der Phantasie,
dem lieblichen Schofskinde Jovis, ist Carducci vertraut, und
ihr Beistand ist dem wissenschaftlichen Forscher nicht
minder nötig als dem Dichter. In einem eignen Gedichte
hat er zur Darstellung gebracht, wie diese Göttin ihn zu-
nächst aus der Wirklichkeit des Tages in den freien Äther
entlockt, wie dann allmählich die Bilder, die sie ihm zeigt,
immer farbiger und bestimmter werden, bis er auf Lesbos
bei Alkaios und Sappho anlangt: denn diese Göttin hilft
uns Raum und Zeit überwinden, die ja nur für den Sterb-
lichen existieren. Ich versuche, ob die Göttin ihre Zauber-
kraft durch des Dichters Beschwörung auch an Ihrer Seele
bewähre.
Du rufst. Dem weichen Hauche der Stimme giebt
die Seele nach; allmählich vertraut sie sich
des Schmeichelrufes lockenden Wogen an
und treibt hinaus in fremde Welt,
hinaus in blauen Äthers Unendlichkeit,
durch den des Abends wohlige Wärme lacht.
Die weifse Möwe spielt zwischen Sonn' und See,
vorüber zieht der Inseln Grün.
Hoch auf dem Berg in parischen Marmors Glanz
die Tempel schimmern purpurn im Abendrot.
Am Strande drunten rauscht der Cypresse Laub
und duftet dichter Myrtenhain.
Weit übers Meer die Wellen der Düfte ziehn,
vermischt mit Wellen langsamen SchifFersangs.
Ein Schiff gemächlich steuert dem Hafen zu
und zieht die braunen Segel ein.
Jungfrauen steigen von der Akropolis
bekränzten Haupts in blendendem Festgewand.
Willkommen winkt erhoben das Lorbeerreis,
Willkommen tönt der Chorgesang.
V. Wilamowitz-M., Reden. 17
258
Gestemmt den Speer in heimischen Ufers Sand
schwingt sich vom Bord in funkelnder Waffen Glanz
ein Held: kehrt so Alkaios vom Beutezug
zu Mytilenes Mädchen heim?
Wie gern würde ich Sie so auf Doktor Fausts Mantel
nach unserm Ziele fuhren. Aber auch ohne Zauberkunst
müssen wir die Reise antreten.
Der Clitumnus ist ein Bach in der Südwestecke des
alten Umbriens, da wo im Altertum die drei Völker der
Umbrer, Römer und Etrusker zusammenstieCsen, zwischen
Spello und Spoleto. Man gelangt zu ihm von Florenz auf
der Bahn, die in der Ebene den Fufs des Appennines ent-
lang führt, auf dessen Vorbergen hoch über der Bahn die
alten Etruskerstädte liegen, während sich zur rechten das
gesegnete Hügelland Toscanas ausdehnt. Arezzo und Cor-
tona sind die ersten Etruskerstädte, die man erreicht. Arezzo,
früh von den Römern als Zwingburg besetzt, ist auch die
erste grofse Erwerbung der florentinischen Republik ge-
wesen. Hier, wo die Erde den besten Töpferthon in Italien
bietet, ist immer Gewerbfieifs gewesen und geblieben. Daher
macht es trotz manchen sehr alten Bauwerken lange nicht
den mittelalterlich finsteren Eindruck wie das öde Cortona
*
mit seinen schwarzen Mauern. Aber in der Kunst schlägt
der Cortonese Luca Signorelli, der Vorläufer Michel Angelos,
Arezzo mit seinem wenig erfreulichen Giottesken Spinelli
und dem ganz unerfreulichen Nachahmer Michel Angelos,
Vasari. Dann fahren wir zwischen den Bergen und dem
Trasimenischen See hindurch über das Schlachtfeld, wo
die Natur noch heute besser als bei Cannae oder sonst die
Genialität der Hannibalischen Strategie zu erkennen ge-
stattet. Bald erscheint Perugia, noch umgeben von den
Mauern, die es als eine der zwölf Städte des Etruskischen
Bundes erhalten hat. Aber wie es nicht zu Toscana, son-
dern zum Kirchenstaate gehört hat, so ist es auch im Wesen
während des Mittelalters umbrisch geworden, oder vielmehr
wieder geworden, denn die Etrusker safsen hier als Eroberer
259
auf umbrischein Untergrunde. Das alte umbrische Wesen
spricht sich in der mittelalteriichen Malerei wohl am deut-
lichsten aus, und der Gegensatz zu Florenz und Siena ist
unverkennbar. Peter von Perugia, Raffaels Lehrer, hat
diesem die Fähigkeit und Neigung übermittelt hingebende
Frömmigkeit, gläubige Gefühlsseligkeit, Verzückung und
Entrückung auszudrücken. Aber wie er die Kunst der
Komposition erst in Florenz lernen konnte, so weitete sich
auch hier erst seine Fähigkeit, ganze Menschen zu bilden.
Ganz junge und ganz alte Gestalten gelangen auch dem
Umbrer: Manneskraft und reife Frauenschönheit zu bilden
war das Vorrecht der Toskaner.
Glaubensinnigkeit, Selbstentäufserung, Entrückung und
Verzückung haben auf Erden kaum eine heiligere Stätte
als Assisi, die nächste schon ganz umbrische Stadt, die
Heimat des heiligen Franz und der heiligen Clara. Man
thut im Vorbeifahren einen Blick in die Bergöde des Monte
Subasio, wo der Heilige so oft, allein mit der ewigen Natur,
stille Zwiesprache mit dem Gotte in seinem Herzen gehalten
hat. Die Bahn geht zwischen der Kirche des Berges und
der des Thaies durch. Diese umschliefst in einem modernen
Prachtbau mit Nazarenerfresken die alte Porziuncula, das
ärmliche Kirchlein, das das Ringen und Sterben, die Niedrig-
keit und die Verklärung des heiligfen Franz gesehen hat.
S. Francesco droben, eine herrliche gothische Doppelkirche,
und der gewaltige bergähnliche Gebäudekomplex des
Klosters ist jetzt ein Wallfahrtsort für alle die geworden,
die in der Fülle seiner Wandgemälde das Verständnis der
grofsen Freskomalerei gewinnen wollen, die freilich nicht
von Umbrem, sondern von Florentinern und Sienesen aus-
gebildet und hier in wunderbarem Reichtum geübt das
Fundament des ganzen Wunderbaues der italienischen Re-
naissancekunst bildet. Aber auch die Bedeutung des Bettel-
ordens spricht hier sinnfällig zu uns: wir glauben die Luft
der Welt Dantes zu atmen, und wer diesen grofsen Dichter
nur erst anstaunen gelernt hat, beginnt ihn hier zu begreifen.
Freilich ist uns diese Welt fremd; selbst in Assisi wird
17*
260
uns nicht der leiseste Wunsch anwandeln, in ihr zu leben,
und wir werden das Recht des Lebendigen nicht anzweifeln,
das die Mönche aus - ihrer stolzen Burg vertrieben hat.
Diese Pracht haben sie freilich erst angestrebt, als Dante
im Paradiso auf die Nachfahren des Heiligen schelten
mufste; aber auch von dem seraphischen Heiligen scheidet
unsere Weltanschauung eine unüberbrückbare Kluft. Wie
uns die umbrische Malerei nicht genügt, weil ihr die tos-
kanische Kraft und Freude des Lebens gebricht, so werden
wir die Selbstentäufserung und Weltflucht des heiligen
Franz unmöglich als unser Lebensideal anerkennen. Askese
ist und bleibt krankhaft; sie negiert das Leben, sie ist das
Gegenteil des Faustischen Spruches, der der Wahlspruch
kraftvoll aufstrebender Zeiten ist : im Anfang war die That.
Sie negiert die Offenbarung Gottes in dem, was er durch
der Menschen Arbeit wirkt, Staat und Familie, Kriegs-
ruhm und Gewerbfleifs, die Kühnheit des Denkers und die
Offenbarung des Künstlers. Aber so berechtigt diese Ein-
, wände gegen die Stiftung des Heiligen sind: ihm geg-en-
über verstummt jede profane Kritik: er maght das Gleichnis
des Evangeliums wahr von dem Kaufmanne, der für eine
köstliche Perle alles dahingab. Wer ihn kennt, weifs, dafs
er ein Heiliger war, dafs es einen Heiligen geben kann^).
Und sehen wir auch von dem ab, was diese einzige Er-
fahrung für unser Inneres bedeutet: das ist unzweifelhaft,
dafs die Glut seiner Begeisterung das Eis der mittelalter-
lichen Befangenheit von den Herzen geschmelzt hat, dafs
er auch zuerst wieder die göttliche Schönheit der grofsen
Natur, fast wie ein Hellene, empfunden hat, und dafs ohne
ihn weder Dante noch Giotto denkbar wären. Das sollte
auch anerkennen, wer für die Offenbarungen unempfang-
^) Seit ich so über Franz geredet habe, ist von H. Thode seine Wirkung
auf die Künste, von Sabatier in unübertreflflicher Weise seine individuelle
Heiligkeit geschildert worden. Ich habe durch beide zu meiner Freude ge-
lernt, dafs ich Assisi mit den richtigen Augen angesehen hatte. Den Clitumnus
habe ich nicht gesehen und verlange nicht danach. Zu Franz und Clara würde
ich gern noch einmal in meinem Leben wallfahrten.
261
lieh ist, die unser Dichter in den Mund des Pater sera-
phicus legt:
Denn das ist der Geister Nahrung,
die im freisten Äther waltet,
ew'gen I.iebens Offenbarung,
die zur Seligkeit entfaltet.
Bei der nächsten Station, Foligno, ändert sich die
Scenerie. Hier ist der Knotenpunkt, wo sich die Bahn,
die von der Ostseite der Halbinsel herüberkommt, mit der
vereinigt, die wir den Westabhang des Apennins entlang ver-
folgt haben. Natürlich war hier immer ein wichtiges Ein-
fallsthor gegen die nordlichen Feinde zu verteidigen, in
Friedenszeiten die Hauptader des Verkehres, die flaminische
Strafse, erbaut von dem Konsul, der am Trasimenus fiel.
In diese biegen wir nun ein, südwestlich gerichtet auf das
ferne Rom zu, dessen unmittelbare Machtsphäre hier be-
ginnt. Die Bahn bildet die Sehne eines Kreissegmentes,
dessen Peripherie die hohen mittelitalischen Berge im
Osten und Süden sind. Das Land ist wasserreich, also
grün; die Bäche schäumen und tosen zum Teil in tiefen
Rinnsalen. Rinderherden weiden auf den Wiesen, aber
die Sorgfalt und den Fleifs des toskanischen Bauern ver-
mifst man. Der Fluch des Kirchenstaates lastet noch heute
auf dem Lande, wo Industrie nur in Foligno etwas in Auf-
nahme ist. Und vor den Päpsten hat seit der Langobarden-
zeit feudale Faust auf diesem Landstriche gelegen; wir
kämen in Verlegenheit, Vertreter dieser Gegend aus der
Kunstgeschichte zu nennen, denn von dem trübseligen
Niccolö Alunno aus Foligno schweigt man lieber. Wir
sind in der Mark Spoleto, und dieser Hauptort blickt noch
ebenso trotzig wie zu den Zeiten Barbarossas, oder lieber
wie 2 1 7 V. Chr., als Hannibal vergeblich die Burg berannte,
die Rom zur Bändigung der Etrusker und Umbrer errichtet
hatte, um die Landschaft zu romanisieren. Es ist nur eine
durchsichtige Fälschung der rhetorischen Historie, dafs der
kleine Mifserfolg den Hannibal veranlafst hätte nach dem
glänzenden Siege am Trasimenus statt auf Rom zu mar-
262
schieren nach Westen abzubiegen. Aber in der schweren
Not mag die Verteidigung von Spoleto wirklich einen ähn-
lichen Eindruck gemacht haben wie 1807 die von Kolberg:
jedenfalls ist sie unvergessen: das Nordthor Spoletos heifst
porta della fuga d'Anntbale.
Jetzt sind wir so ziemlich am Ziele; in dieser Gegend
fliefst der Clitumnus. Zumal einem Deutschen kann er eben
nicht merkwürdig sein. Wir haben bei uns genug mäch-
tige Quellen, die dicht an ihrem Ursprung klare Teiche
bilden und als kräftige Bäche niederfliefsen. Im Süden ist
das eine Ausnahme, und für eine Zeit, der jede lebendige
Kraft und vollends die des lebenweckenden Wassers göttlich,
jedes Göttliche persönlich war, versteht es sich von selbst,
dafs der Clitumnus ein Gott war, und ohne weiteres könnten
wir annehmen, dafs die umwohnenden Bauern ihm von dem
Vieh, das durch sein Wasser auf den Wiesen gedieh, ge-
opfert und blanke Geldstücke, wie das allgemeine Sitte
war, in sein klares Becken geworfen hätten. Unsere Bauern
würden jedenfalls die Wasserkraft ausnutzen, statt dafs jetzt
Weidengebüsch in dem Teiche wuchert, und höchstens das
Vieh in ihm getränkt und geschwemmt wird. Es steht
auch noch ein antikes Tempelchen spätester Zeit, in eine
christliche Kapelle verwandelt; aber es ist ganz unbe-
deutend und auch die Gegend hat nicht etwa eine beson-
ders charakteristische Schönheit. Als Goethe im Jahre
1786 des Weges kam, war er für Römergröfse so aus-
schliefslich empfänglich, dafs er in Assisi nur für eine kalte
römische Tempelfassade Zeit und Begeisterung hatte, wäh-
rend er den heiligen Franz vergafs: den Clitumnus erwähnt
er nicht, ein Beweis, dafs das Interesse an ihm kein un-
mittelbares ist, sondern auf Reflexion beruht, dem Gegen-
satze zwischen sonst und jetzt, also auf einem Wissen, das
man mitbringen mufs. Auch Goethe würde in die Stim-
mung gekommen sein, wenn er das Wissen zur Hand ge-
habt hätte. Ganz anders hat ein Zeitgenosse Goethes
empfunden, der grofse Erzähler vom Verfalle und Unter-
gange des römischen Reiches, E. Gibbon, den die Weihrauch-
263
wedelnde Bewunderung der Rankeschen Weltgeschichte
in unverantwortlicher Weise vergifst. Mit seiner grofsartigen
Kunst zu gruppieren und schon dadurch Stimmung zu
machen legt er eine Betrachtung über die alte Römer-
gröfse in die Erzählung von Alarichs Zug gegen Rom ein ^).
Alarich kam auf der flaminischen Strafse; die Vergleichung
mit dem Sturm auf Spoleto drängte sich unwillkürlich auf.
Aber Gibbon läfst ihn am Clitumnus Halt machen und die
heiligen Rinder schlachten. Er wählt sich das zum Symbol
für die Schändung der Römergröfse durch den Barbaren.
Gibbon lebte in Genf, in der Rousseauschen Alpenwelt,
teilte also das neue romantische Naturgefühl; eine Mond-
nacht auf dem Forum Roms hat ihm den Plan seines
Werkes eingegeben. Aber am Genfer See lag auch der
Landsitz Voltaires: daher hat Gibbon den Widerwillen der
Aufklärung wider das Christentum, in dem er nur den
Hauptzerstörer einer glücklicheren und stolzeren Welt sieht;
auch das ist in einer anderen Art Romantik.
Wir fragen noch immer, wie konnte der Clitumnus zu
dieser Bedeutung gelangen? Hören wir zunächst eine
Schilderung aus alter Zeit. Der sie giebt, der jüngere
Plinius, war ein braver Mensch, aber gering in Wollen
und noch mehr in Vollbringen, daher geeignet den Durch-
schnitt seiner Zeit zu zeigen, das breite flache stille Bette,
in das sich der stolz rauschende und hochschäumende
Strom der römischen Kultur nach einem Jahrhundert des
kaiserlichen Friedens verlaufen hatte. So also schildert
Plinius einem Freunde den Ort, den wir suchen').
„Hast du jemals den Clitumnus besucht? Wo nicht
(und ich glaube, nicht; du würdest es mir sonst erzählt
haben), so thi\ es, wie ich es neulich, leider erst neulich,
gethan habe. Ein mäfsiger Hügel, dicht mit. alten Cypressen
bestanden: an dessen Fufse entspringt die Quelle. Sie tritt
in mehreren Adern von ungleicher Stärke hervor, und wenn
1) Cap. 31, Anm. 4.
2) Epist. VIII, 8.
264
sie den Strudel, den sie selbst bildet, überwunden hat, dehnt
sie sich zu einem weiten Teiche aus, klar und glashell;
man kann am Boden die geweihten Groschen und die
blinkenden Steinchen zählen. Dann geht der Flufs weiter,
nicht durch die Senkung des Bodens, sondern durch die
eigene Kraft und Fülle getrieben. Es ist noch ein Quell
und doch schon ein Flufs, stark genug Kähne zu tragen,
die sich sogar begegnen und auf beiden Ufern anlegen
können, ohne sich zu stofsen. Die Strömung ist so stark,
dafs man ihr flufsabwärts mit dem Ruder nicht zu Hilfe zu
kommen braucht, obwohl das Terrain nicht abfallt; aber
aufwärts wird sie nur mühsam mit Stangen und Rudern
überwunden. Es ist ein Vergnügen, bald auf- bald abwärts
spazieren zu fahren und Anstrengung und Ruhe abwechselnd
zu geniefsen. Die Ufer sind dicht mit Eschen und Pappeln
bestanden, und das durchsichtige Gewässer läfst ihr gleich-
sam versunkenes Spiegelbild als Fortsetzung des Ufers er-
scheinen. Das Wasser ist kalt wie Schnee und nicht
minder glänzend".
"Ein alter heilig gehaltener Tempel ist in der Nähe;
darin steht der Gott Clitumnus in schlichtem weifsem
Rocke mit Purpurstreif. Lostäfelchen zeigen, dafs der
Gott noch Wunder wirkt und sogar Orakel giebt. Kapellen
stehen rings herum, jede mit einem anderen Gotte. Die
haben alle ihre besonderen Kulte, ihren besonderen Namen,
einige auch ihren besonderen Quell. Denn aufser der
Mutterquelle so zu sagen giebt es noch mehrere mit be-
sonderem Ursprünge, aber alle münden in den Flufs. Über
diesen geht eine Brücke, die Grenze zwischen heiligem
und profanem Lande. Oberhalb darf man nur Kahn fahren,
unterhalb auch schwimmen. Die Leute von Hispellum,
denen der hochselige Augustus den Ort geschenkt hat,
haben ein Bad eingerichtet, das sie dem Besucher zur
Verfügung stellen; ebenso sorgen sie für Verpflegung.
Auch Landhäuser fehlen nicht; sie stehn längs des Ufers
an den hübschesten Stellen. Kurz, du wirst nichts finden,
was dir nicht Vergnügen machen wird. Du kannst sogar
265
Studien machen. Auf allen Wänden, an allen Säulen
stehen viele Verse vieler Dichter, die den Gott und seinen
Quell verherrlichen. Die kannst du lesen und wirst vieles
erfreulich finden, einiges lächerlich. Doch nein, du bist
ein zu guter Mensch, du wirst nichts lächerlich finden".
Nicht wahr, recht anschaulich, aber wieder nichts von
Romantik und von Römergröfse. Plinius hat es für plump
gehalten, die Stelle des nationalen Dichters anzuführen,
durch die der Clitumnus seinem PVeunde und jedem Römer
der Zeit von der Schule her geläufig war, und die da-
her von den späteren Dichtern, armseligen Nachtretern,
überaus oft nachgebildet ist, ohne dafs sie deshalb den
Clitumnus besucht zu haben brauchten. Das ist eine Stelle
des Vergil, die im Grunde nur hervorhebt, dafs am Cli-
tumnus die schönsten Rinder gediehen und daher von dort
die Opferstiere für die Triumphe nach der Hauptstadt ge-
holt wurden. Das an sich genügt wieder nicht, den Flufs-
gott so hoch zu heben: das geschieht vielmehr erst, indem
man unwillkürlich die Stimmung der ganzen Partie des
Vergilischen Gedichtes mit auf den Clitumnus bezieht. So
hat Vergil dem Orte die nationale Würde und die Heilig-
keit gegeben oder doch erhalten, er allein. Zwar erwähnt
neben ihm auch Propertius die Rinder des Clitumnus, aus
Lokalpatriotismus, denn er war in Assisi zu Hause; aber
Properz war nicht der Mann, dem Empfinden der Nation
den Ton anzugeben. Wir müssen uns nun nach Vergil
und seinem schönsten Gedichte, dem vom Landbau, um-
sehen, in dem der Clitumnus vorkommt.
Verfafst hat er es auf Anregung des Etruskers Maecenas
aus Arezzo, ganz im Einklang mit den Wünschen des
jungen Cäsar, der eben als das Gedicht erschien, Ägypten
erobert und die Verhältnisse des Ostens geordnet hatte.
Vergil selbst war zwar aus der keltischen Stadt Mantua,
aber auch dort war der Untergrund umbrisch, und der
Beiname Maro, der entscheidende für die Herkunft, ist die
umbrische Bezeichnung für den Dorfschulzen, gewifs einst
auch am Clitumnus, denn in Tuder, Todi, das unweit in
266
der Ebene liegt, ist er noch nachweisbar. Auch im Wesen
trägt Vergil umbrische Züge; viele seiner Personen sind
von fast peruginesker Weichheit, und die strotzende
Lebensfreude, die Energie und Elastizität, dabei die grofs-
artige Rhythmik des Aufbaus, die in Florenz wie in
Athen zu Hause sind, gehen auch über seine Kräfte').
Aber er hat die Eigenschaften besessen, die ihn dazu
befähigten, der nationale Dichter Italiens zu werden, was er
mit Recht neben Dante immer bleiben wird. Das Helden-
gedicht, an dem jetzt sein Ruhm, bei uns seine Unterschätzung
hängt, ist ihm wohl wider bessere Einsicht durch Maecenas
und Augustus abgenötigt worden; ihm fehlte der Tropfen
Galle im Blute, der dem Horaz die Absage auch der Tra-
gödie möglich machte; aber in dem Gedichte vom Land-
bau traf seine eigne Stimmung und Neigung mit der ein-
sichtigen Tendenz des jungen Friedensfiirsten zusammen.
Eine tiefe innerliche Romantik verband sich bei beiden
mit sehr andersgeartetem modernen Wesen. Bei dem
Kaiser ist das von selbst klar; bei Vergil vergifst man
leicht, dafs eben derselbe, der den Landbau nicht idyllisch,
sondern als schönste Arbeit empfiehlt, für sich die griechische
Sonne Neapels und ein stilles Gelehrtenleben vorzog, und
dafs der Verherrlicher der italischen offiziellen Religion
persönlich zu Epikuros hielt. Das sind keine Unehrlich-
keiten, sondern Widersprüche, wie sie das Leben und die
Charaktere komplizierter Zeiten und Kulturen überall
bieten.
Vergil und Augustus wiesen ihr Volk, das nach einem
Jahrhundert der Bürgerkriege endlich Frieden erhielt, an
dessen Werk, den Landbau, in dem sie die Beschäftigxmg
sahen, durch die die Väter grofs und glücklich geworden
waren. Nicht mit Unrecht. Die latinischc Bauerschaft hat
den Hannibal, den Feldherm einer Krämerstadt, und sein
1) Fr. Marx hat mittlerweile, indem er das Keltische in der römischen
Litteratur mit gebührendem Nachdrucke verfolgte, auch Vergil unter die Kelten
gerechnet: da kann ich nicht folgen. Catull ist Franzose, Vergil Italiener.
267
Söldnerheer überwunden. Das Bild von schlichter Römer-
gröfse, das wir als Kinder kennen lernen, von Cincinnatus,
Camillus, Dentatus u. dgl. ist nicht ganz falsch; aber wir
sehen es zunächst in der romantischen Übermalung der
augusteischen Zeit. Es ist auch nicht ganz unwahr, wenn
Vergil den lateinischen Landbau dem Heroentum der
Griechen entgegensetzt; gleichwohl lagen ihm zwei grie-
chische Gedichte über diesen Stoff vor, und wenn er sich
selbst die Dichterweihe geben will, vergleicht er sich mit
Hesiodos.
Das zweite war die Rückkehr zu der alten Religion
und den heimischen Traditionen. Auch das ist Romantik.
Es macht sich dem Modernen fast lächerlich, wenn Augustus
z. B. in Rom mit vielen vergessenen Ceremonien die Acker-
brüderschaft herstellt, und die Männer des höchsten Adels
nach dem alten Ritual hüpfen und kauderwelsche alte
Litaneien singen müssen. Der römischen Religion war
innerlich nicht mehr zu helfen. Seit Jahrhunderten war
sie mit dem fremden griechischen Wesen ganz durchsetzt,
wobei, wie gewöhnlich, beides verdorben war. Von den
heimischen Göttern existierte meist nur der Name, der
Inhalt war griechisch, oft auch der Name, nicht blofs bei
grofsen Gottheiten, wie dem ApoUon, in dessen speziellen
Schutz Augustus sich gestellt hatte, sondern grade bei
den Elementarwesen, Najaden, Dryaden u. s. w. Dennoch
war die Zeit nicht nur äufserlich viel religiöser gestimmt
als die des Cicero und Cäsar: aber ihr Glaube, auch der
des- Kaisers, war der stoische Pantheismus, der bei den
Unterthanen oder Bürgern des Reiches die Form des
Glaubens an dessen Majestät und Ewigkeit, äufserlich die
Form des Kaiserkultes annahm. In diesem Sinne ist auch
die Religiosität des Epikureers Vergil echt, und da führt
sie zu einem dritten, hier dem bedeutendsten, was in der
deutschen Studierstube nur zu leicht vergessen wird, der
Erweckung eines neuen Gefühles, des national -italischen
Hochgefühles. Italien, nicht mehr die Stadt Rom, wie in
der Republik, ist die Herrin der Welt in der neuen
268
augusteischen Reichsordnung. Bisher war es selbst geo-
graphisch nur unvollkommen ein Begriff gewesen. Die
Völker, die wir jetzt als Italiker zusammenfassen, hatten
sich niemals als Brüder gefühlt, und in die neue italisch-
lateinische Nation waren noch manche andere aufgegangen.
Sagen, wie die von dem Ureltempaare aller Italiker, Janus
und Camesena, sind wertlose Hirngespinnste später Zeit.
Nun, wo der furchtbare Kampf vergessen war, der den
Italikern um den Preis ihres angestammten Volkstumes
das römische Bürgerrecht brachte, wohnt von den Alpen
bis zur sizilischen See, an der Adria wie am tyrrhenischen
Meere ein einziges, weltbeherrschendes Volk. Die Sünden
der Oligarchie sind durch Cäsar und seinen Sohn gut ge-
macht, nationale Einheit und Gröfse ist gesichert. In der
That, es ist eigentlich nicht die romische, sondern die
italienische Nation, die seit Augustus der Welt gebietet:
so hat ein viel weiteres und höheres Nationalgefühl seine
volle Berechtigung. Das ist es, was Vergil, der Mantuaner
aus umbrischem Blute, der Sohn eines keltischen Dorfes,
dichtend in Neapel, auf griechischem Boden, am ergreifend-
sten ausspricht, was auch dem heutigen Italiener unmittelbar
als sein nationaler Ruhm zum Herzen spricht. Hören wir,
wie er sein Vaterland preist.
Doch nicht des Meders Urwald, nicht des Ganges
Stromfülle, nicht des Lyderflusses Gold,
noch Samarkand, noch alle Weihrauchdüfte,
die über Yemens Paradiese lagern:
nichts nimmt es mit Italiens Schönheit auf.
Zwar zieht kein eh'rner Stier mit Feuernüstem
die Furchen unsrer Felder; Drachenzähne
sind unsere Aussaat nicht, noch unsere Ernte
ein erzgewappnet mördrisch Riesenvolk.
Fruchtschwere Garben, saftgeschwoirne Trauben,
der Olwald und die Herden muntren Viehs
erfüllen unsre Fluren. Kampfeslust
spornt auf dem Plan den Hengst zu hohen Sprüngen,
269
und der Clitumnus nährt die weifsen Rinder
und des Vollopfers schönsten Schmuck, den Stier,
der mit des Flufsgotts heiVgem Nafs besprengt
zum Kapitole Roms Trophäen trägt.
Hier währt der Frühling lange, dehnt der Sommer
sich über viele Monde; zweimal trägt
der Fruchtbaum, zweimal wirft das Mutterschaf.
Nur Räuber dräuen nirgend, Leu noch Tiger,
kein tötlich Giftkraut täuscht den Wurzelgräber,
kein Drache wälzt sich hier in Riesenkreisen
und ringelt sich zum Schuppenball zusammen.
Reich ist der stolzen Städte Zahl; sie prangen
von mächtigen Bauten; auf dem Rand der Felsen
thront hier von Menschenhand gefügt die Burg,
wälzt dort sich bogenüberwölbt der Flufs.
Nenn' ich noch rechts das Meer und links das Meer,
der Seen Fülle, See von Como, dich,
und dich von Garda, der mit Meereswogen
und Meeresbrausen in deip Föhne schwillt,
den Hafen, wo am Thore des Lucrinus
die zorn'ge See vergebens rüttelnd tobt,
und wo im julischen Kanal die Woge'
weithin errauscht und das Tyrrhenermeer
in den Avernersumpf getrieben wird.
Und Silberadern auch und Erzgestein
beut dieses Land und Gold im Flufsgeschiebe.
Und harte Männer trägt es, Marserknaben,
Samniten und Liguriens Sohn, der Arbeit
gewöhnt wie der Entbehrung, und den Volsker,
des SiChweren Spiefses Träger. Seine Söhne,
die Decier, ein Marius, Camillus,
der Scipionen Heldenpaar und du,
der Grofsen Gröfster, Cäsar, der als Sieger
an Asiens Rande jetzt den weichen Inder
zurückscheucht von des Römerreiches Grenzen.
Sei mir gegrüfst, Satumus* heilige Erde,
du Mutter reichster Früchte in Feld und Wald,
270
Mutter von Männern : deine Wissenschaft,
den Landbau, deinen Ruhm wag' ich zu singen,
zum heirgen Quell wag' ich emporzusteigen,
und Rom vernimmt ein Hesiodisch Lied^).
Ich kann mich nicht enthalten noch die berühmten
Verse der Aeneis anzuführen, in denen Vergil die Eigenart
und den Beruf seines Volkes in unvergleichlicher Schärfe
ausgesprochen hat, obgleich das eigene Gedächtnis hier
die Unzulänglichkeit meiner Wiedergabe vielen peinlich
machen wird.
Es werden andre besser es verstehn
das Erz in edle Menschenform zu treiben;
ich glaub* es gern. Sie werden aus dem Marmor
ein lebenswahres Menschenantlitz meifseln,
beredter werden sie mit Worten fechten,
des Himmels Bahnen mit dem Zirkel messen
und künden, wann der Stern erscheint und schwindet.
Du Römer sei der Herr den Völkern allen,
dein ist die Herrscherkunst: so übe sie,
und zwing' die Welt den Frieden zu ertragen,
den Trotzigen furchtbar, mild den Überwundenen*^).
Für das, wozu wir hier den Vergil nötig haben, wird
auch eine minderwertige Übersetzung ausreichen. Wer nur
ein wenig von Dante und Macchiavelli kennt, mufs sich
selbst sagen, wie diesen Propheten der Italia una das Herz
schwoll, wenn ihnen so der Dichter, der für sie der gröfseste
der Welt war, das Lob und den Ruhm ihres Vaterlandes
sang, dessen Ohnmacht und Zerrissenheit ihnen auf der
Seele brannte. Dante träumte noch den mittelalterlichen
Kaisertraum. Der verflog. Das Papsttum aber opferte
seiner Weltherrschaft die eigene Heimat. Wer immer in
unserem Jahrhundert dem hohen Ziele der nationalen Ein-
heit und Gröfse zustrebte, der fand in dem Papsttum seinen
1) Vergil. Georg, a, 136—176.
2) Vergil. Aeneis 6, 848—853-
271
stärksten Gegner. So ist es verzeihlich, wenn er den Hafs
auf die alte Kirche, wohl gar auf das Christentum aus-
dehnte und in diesen nur die Zerstörer der alten Römer-
herrlichkeit sah, aus anderen Gründen, aber doch ähnlich
wie der rationalistische Engländer Gibbon. Die Einigung
ist schliefslich auf anderem Wege erreicht worden, durch
die Führung des volkstümlichen und verfassungsmäfsigen
angestammten Königtumes der Piemontesen. Es wird auch,
wenn die Nation und der Staat, wie wir herzlich wünschen,
gedeihen soll, ein Ausgleich kommen müssen, der die
grofsen Traditionen des Mittelalters mit in den Dienst der
erst dann wirklich geeinten Nation stellt; auch jener Hafs
ist nur ein Stück Romantik, die fallen mufs. Aber das
dürfen wir heute vergessen. Nicht die Geschichtsbetrach-
tung oder die Politik Carduccis geht uns hier etwas an,
sondern seine Dichtkunst: die mag nun für sich selbst
sprechen.
Noch heute steigt im feuchten Abendschimmer
zu dir, Clitumnus, nieder vom Gebirge
die Herde. Droben rauscht der Esche Dunkel,
und aus dem Forste
ziehn von Salbei und Thymian frische Düfte.
Noch heute taucht in deines Strudels Fluten
das ungeberd'ge Herdenvieh hinunter
der Umbrerknabe.
Vom Schofs der braunen Mutter, welche barfufs
vor ihrer Hütte sitzt und trällert, dreht sich
der Säugling nach dem Bruder um und lächelt
aus rundem Antlitz.
Ernsthaft regiert den bunten Karm der Vater,
die Hüften wie ein alter Faun geschlagen
in Ziegenvliefs, und ihm gehorcht die Stärke
der stolzen Stiere.
272
Der stolzen Stiere, breit die Brust gerundet,
hochauf den Halbmond des Gehörns gerichtet,
das Auge fromm, schlohweifs, wie sie der milde
Vergil geUebt hat.
Am Apennine ziehn indessen düster,
die Nebel. Grofs und grün in strenger Schöne
schaut Umbria hernieder von den Stufen
des Bergtheaters.
Ich grüfs' dich, Umbria, du grüne, grüfs' dich,
Clitumnus, reiner Quell. Der Heimat Vorzeit
schwellt mir das Herz, die heifse Stirn umwehen
Italiens Götter.
Wer warf der Weide thränenthauend Düster
auf heirge Fluten? Reifst sie fort, ihr Stürme
des Apennins, das schwanke Reis, deti Liebling
entnervter Zeiten.
Hier ringe mit dem Wintersturm, hier raune
von alten Mären mit dem Lenz die Eiche,
der ihren Stamm die Epheuranke kleidet
mit heitrer Jugend.
Hier streckt euch, wenn der Gott zum Ufer aufsteigt,
ein Kranz von Riesenwächtem, ihr Cypressen,
und du, Clitumnus, sing' in ihrem Schatten
das Lied des Schicksals.
Pu Zeuge von drei Reichen, sing' das Lied uns,
wie im gewaltigen Kampf des Umbrers Lanze
dem leichten Tuskerspeere wich, wie machtvoll
Etrurien aufstieg.
Sing', wie Gradivus dann mit wuchtigem Schritte
aus dem Ciminuswald hervorgetreten,
die Fahnen Romas über der Etrusker
zwölf Burgen aufzog.
273
Doch du versöhntest Sieger und Besiegte,
itarscher Gott, ein Heimatgott für beide.
Und als des Poenersturmes Donner tönten
vom Trasimenus,
da scholl durch deine Klüfte ein Ruf, da hallte
ihn wieder die Drommete des Gebirges:
"O du, der in dem Nebel von Mevania
die Rinder weidest,
du, der du pflügst den sanften Hügelrücken
dem Nar zur linken, du, der grüne Stämme
über Spoleto fällst, du, der in Tuder
die Hochzeit rüstest:
lass' stehn den roten Stier in halber Furche,
lass' stehn im Rohr das fette Rind, lass' stecken
den Keil im schon geneigten Stamme, lasse
die Braut am Altar.
Und eilet, eilet, eilet mit der Streitaxt,
eilt mit dem Bogen, mit dem Speer, der Keule,
eilt: Hannibal bedräut, der fürchterliche,
Italiens Laren.
Ha, wie der Sonne gnädiger Schimmer lachte
auf diesen Kessel prächtiger Gebirge,
als mit Geheul zu jäher Flucht sich wenden
Spoletos Zinne
den wüsten Mauren sah, die Berberrosse
zu wildem Knaul geballt und über ihnen
Hagel von Stahl, siedenden Öles Strome
und Siegeslieder.
Jetzt alles Schweigen. Auf dem klaren Borne
seh' ich, wie schwach sich regt des Sprudels Ader,
sie zuckt und sie bewegt mit leisem Quellen
des Wassers Spiegel.
V. Wilamowitz-M., Reden. 13
274
Am Grund begraben lacht mit starren Zweigen
ein Wald im kleinen. Scheint es doch, als wolle
der Amethyst dem dunkelgrünen Jaspis
die Arme reichen.
Die Blüten scheinen von Saphir, sie funkeln
und flimmern hart und hell wie Diamanten,
sie glänzen kühl und laden zu der Stille
des grünen Grundes.
Am Fufs der Berge, im Schatten deiner Eichen
wie deine Flüsse entsprangen deine Lieder,
Italien, deine Nymphen lebten, lebten,
hier ist ihr Bette.
Auf stiegen lang in fliefsenden Gewanden
blau die Najaden, und in Abendstille
erhoben lauten Ruf sie nach der Berge
schwarzbraunen Schwestern.
Und Reigen schlangen sie im Mondenscheine,
und Lieder sangen sie im Jubelchore
vom ew'gen Janus, und wie Lieb' ihn quälte
um Camesena.
Er war ein Gott, und erdgeborne Jungfrau
war sie, ihr Bett der Duft des Apennines.
Das Lager hüllt ein Nebel ein: sie zeugten
das Volk Italiens.
Jetzt alles Schweigen. Einsamer . Clitumnus,
alles. Von deinen stolzen Tempeln einer
nur dauert, und nicht thronest du in diesem
in der Praetexta.
Nicht tragen mehr die Stiere stolz des Opfers
mit deinem heil'gen Nafs besprengt zum Tempel
der Väter römische Trophäen, Roma
kennt nicht Triumph mehr.
275
kennt nicht Triumph mehr, denn mit roten Haaren
kam ein Semit, stieg auf zum Kapitole,
warf in den Arm ein Kreuz ihr und gebot ihr:
"Das trag' und diene*'.
Die Nymphen floh'n; im Flufs weint die Najade,
die Dryas hinter mütterlicher Rinde,
und um die Firnen ziehn die Oreaden
gleich Wolkenflören,
da ein fremdartig Volk langsam herankam
zwischen der Tempel nackten Marmorwänden,
geborstenen Säulenreihen, in grauen Säcken,
mit Bufsgesängen,
und auf den Ackern, die von Menschenarbeit
ertönten, auf den Hügeln, die von Siegen
erzählten, eine Wüste schuf, die Wüste
Reich Gottes nannte.
Sie rissen fort vom heil'gen Pflug die Menge,
vom greisen Vater, von dem blüh'nden Weibe,
wo immer himmlisch segnete die Sonne,
da brachten Fluch sie,
den Fluch auf alles was die Menschen wirken,
die Menschen lieben, faselten von grauser
Vereinigung mit Gott durch Schmerzentzückung
in Fels und Höhle.
Zerstörungstrunken stiegen in die Städte
sie nieder, wanden sich in feigem Taumel,
anflehend lästerlich den Herrn am Kreuze
verdammt zu heifsen.
Sei mir gegrüfst, menschliche Seele, heiter
an des Ilissus Strand, am Vater Tiber
keusch und gerad*. Die finstren Tage wichen,
erwach' und herrsche.
Und du, von Stieren, welche nie ermüden
die Scholle wüstgeword'ner Flur zu brechen,
von Hengsten, die der Schlacht entgegenwiehem,
Italien, Mutter,
Mutter von Wein und Weizen, von Gesetzen,
von Künsten, die das Leben uns vergolden,
sei mir gegrüfst, von altem Ruhme bring' ich
dir neue Lieder.
Und Beifall rufen Berg und Wald und Wasser
von Umbria dem Sang. Vor unsern Augen
föhrt pfeifend, neuen Fleifses Werk belebend,
vorbei das Dampfrofs.
\
REGISTER.
Ägypten 224.
Altertum, Epochen 125.
Antiochos Epiphanes 147.
Antisthenes 77. 78.
Apokalypsen 147. 215.
Aratos 199.
Aristides der Apologet 141.
Arsinoe 205.
Athen 28—57. 73- ^9** *37'
Augustus 155. 267.
Automat 112.
Basileia 64. 69.
Basken 142.
Berenike 206.
Böckh 71.
Brief 232.
Bruno, G., causa principio et uno 95'.
Buchwesen 229.
Carlyle 67.
Catullus 214.
„ 63 219.
„ 65 222.
„ 66 209.
Christentum 3. 225.
Classicismus 114. 129. 195.
Clitumnus 256.
Carducci Fantasia 257.
„ alle fonti del Cliiunno 278.
Demosthenes 74.
Deutschland 136. 159.
Dion von Prusa 185.
„ Rede i 77.
„ Rede 12 185. 187.
Doctordissertation 10^.
Dorer 32. 57.
Droysen, J. G., 5.
Eleer 175.
Elefanten 244.
Etymologie 7.
Flinders-Petrie 227.
Franz von Assisi 259.
Französische Revolution 140. 196.
Friedrich der Grofse 73.
Geist des Altertums 113.
Geschichtschreibung 131.
Gibbon 262.
Gildemeister 10.
Goethe 3. 9. 156. 262.
„ Dringe tief zu Bergesklüften 19.
M Pandora 24.
„ Uher allen Wipfeln 19.
Götter in Menschengestalt 191.
Göttingen 84- 90. 118.
Griechische Sprache 125.
Grufsformel 234.
Gymnasien 3. 95.
Haupt, M., 7. 196.
Heldensage 59.
Hellenen 148.
Hephaistos 176.
Hera 177.
Herakles 181.
Herodes von Judaea 184.
Homer, Froschmäusekrieg 38*
M Handschriften 227.
„ Streit mit Hesiodos 228.
„ r 203—224 mittelhoch-
deutsch 14.
Jahrzählung 154.
278
lamiden 17g.
Jesus in Bethanien 204.
Illyrier 145.
lonier 56. 61. 127.
Isokrates 74.
Italien 267.
Juden 147.
Kallimachos 197.
„ Fgm. 462 242.
Kappadokier 141.
Kelten 143.
Kleon der Ingenieur 247.
Klopstock 10.
Königtum 64.
„ hellenistisches 146' 235.
Lagarde, P. de, 90. 117.
Lachmann 13. 220.
Litauer 182.
Majestät 68.
Mahaffy, J. P., 227.
Makedonien 235. 240.
Michel Angelo 191.
Moses 225.
Müllenhofl iii.
Müller, O., 131.
Nationalität 139.
Neleus 69.
Nibelungen 1447 — 52 16.
Olympia 193.
Pantheon 208.
Papyri 227.
„ Flinders-Petri 238-52.
Parfüm 203.
Pelops 181.
Pheidias 187.
Philologie i. 97. 104. 256.
Piaton 128. 133.
Plinius Epist. 8, 8 264.
Plutarch 71.
Polybios 1 5, 29 242.
Poseidippos 5. 183 242.
Ptolemaios III. 206.
Ranke 131.
Rechtsstaat 29
Reiske 18.
Römisches Kaiserreich 144.
Scaliger 196.
Schlegel, A. W., 11.
Schleiermacher 8.
Schulunterricht 3. 97.
Sosipolis 172.
Sprache 137.
Sternbilder 198.
Straufs 202. 212.
Stundenzählung 241.
Technik 107.
Tennyson 8.
Testament 236.
Theopompos 29. 73.
Thukydides 139.
Übersetzen i.
Umbrien 259.
Universität 85. 105.
Valckenaer 196.
Vergötterung von Menschen 201.
Vergilius 265.
„ Aen. 6, 848— 53 270.
Georg. 2, 130- 176 a68.
Voss, J. H., 8.
Weber, W., 117.
Weinbau 246.
Weltperioden 120.
Wilhelm! 63. 79. 89. 157.
Wissenschaft 65. 88. 108. 167.
Xenophon 75.
„ Hieron 76.
Zauberei 225.
Zeitrechnung 123. 153.
Zeus 54. 172.
Zwerge 176.
Wsr^^^^J^
Verlag der Weidmannschen Buchhandlung in Berlin.
Griechische Literaturgeschichte von Theodor Bergk.
Erster Band: Geographische und sprachliche Einleitung. Vorge-
schichte. Erste Periode von 950 - 776 v Chr. G. gr. g.
(VI u. 1024 S.) 9 M.
Zweiter Band: Zweite Periode. Das griechische Mittelalter von
776 (Ol. i) bis 500 (Ol. 70) V. Chr G. — Dritte Periode. Die
neue oder attische Zeit von 500 (Ol. 70) bis 300 (Ol. 120)
V. Chr. G. Einleitung. Epische und lyrische Poesie. Aus
dem Nachlals herausgegeben von Gustav Hinrichs. gr. g.
(XII u. 544 S.) 6 M.
Dritter Band: Dritte Periode. Dramatische Poesie. Die Tragödie.
Aus dem Nachlals herausgegeben von Gustav Hinrichs. gr. g.
(XII u. 620 S.) 7 M.
Vierter Band: Dritte Periode. Dramatische Poesie. Die Komödie.
Die Prosa. — Anhang: Nachleben der Literatur von 300 v. Chr.
bis 527 n. Chr. (Vierte und fünfte Periode). Herausgegeben
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Auflage, gr. g. (vii u. 701 S.) g M.
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Auflage, gr. g. (iv u. 99a S.) la M.
Griechische Mythologie von Ludwig Praller. Vierte Auf-
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Erster Band: Theogonie und Götter, gr. g. (xviii u. 964 S.) 13 M.
Zweiter Band: Heroen [tn Vorbereitung'],
Verlag der Weidmannsehen Buchhandlung in Berlin.
Griechische Alter thUmer von a. f. sohoemann. Vierte
Auflage, neu bearbeitet von J. H. Lipsius. Erster
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Römische Geschichte von Theodor Mommsen.
Erster Band: Bis zur Schlacht von Pydna. Mit einer Militärkarte
von Italien. Achte Auflage, gr. g. (x u. 944 S.) 10 M.
Zweiter Band: Von der Schlacht von Pydna bis auf Sullas Tod.
Achte Auflage, gr. g. (viii u. 463 S.) 5 M.
Dritter Band: Von Sullas Tode bis zur Schlacht von Thapsus.
Mit Inhal tsverzeichnifs zu Bd. I — III. Achte Auflage, gr. g.
(vi u. 711 S.) g M.
Fünfter Band: Die Provinzen von Caesar bis Diocietian. Mit
IG Karten von H. Kiepert. Vierte Auflage, gr. g. (viii u.
659 S.) 9 M.
\^Der IV, Band ist noch nicht erschienen,^
Römische Mythologie von Ludwig Preller. Dritte Auflage
von H. Jordan.
Erster Band: Einleitung. Theologische Grundlage. Zur Geschiclite
des römischen Cultus. Die himmlischen und die herrschenden
Götter. Mars und sein Kreis. Venus und verwandte Götter,
gr. g. (xii u. 455 S.) 5 M.
Zweiter Band: Gottheiten der Erde und des Ackerbaues. Unter-
welt und Todtendienst. Die Götter des flüssigen Elements.
Die Götter des feurigen Elements. Schicksal und Leben.
Halbgötter und Heroen. Letzte Anstrengungen des Heiden-
thums. gr. g. (xii u. 490 S.) 5 M.
Italische Landeskunde von Hermann Nissen. Erster Band:
Land und Leute, gr. 8. (viii u. 566 S.) 8 M.
Die antike Humanität von Max Solmeidewin. gr. 8. (xx
u. 558 S.) 12 M.
Druck von W. Pormetter in Berlin.
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